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Göttingen, 1873 bis 1874 — Das Examen und ein verlockendes Angebot

Teil 5 - Göttingen, 1873 bis 1874
Kapitel 14
Das Examen und ein verlockendes Angebot

Die Prüfung selbst war nun also überstanden und wir wollten, da wir Zeit hatten, der Anheimgabe Uhlhorns gemäß unsere Besuche machen, für die uns der Pedell das Verzeichnis geliefert. Aber nur Bartels, Crome und ich fanden den Mut dazu, die andern getrauten es sich nicht. Besonders Beermann, dessen Tatterich auf uns wahrhaft erheiternd wirkte, war ziemlich niedergeschlagen. Wir trafen übrigens die wenigsten der Herren zu Hause, meines Wissens nur den Abt, Niemann und den Präsidenten Lichtenberg, was uns ja ganz angenehm war. Abt RupsteinFriedrich Rupstein (1794-1876) war Theologe und langjähriger Abt des Klosters Loccum.Siehe Wikipedia.org [56] lag auf dem Sofa - anders hat ihn wohl in den letzten Jahren seines Lebens niemand gesehen - aber trotzdem jeder Zoll ein Kirchenfürst, das geistreiche Gesicht von noch vollen grauen Locken umrahmt. Mit feiner Stimme redete er uns in tadellosem Satzbau an, wusste jedem etwas Besonderes zu sagen, und als er mit einer Handbewegung uns Gutes für unsern weiteren Weg wünschte, klappten wir automatisch von unsern Sitzen empor und empfahlen uns. NiemannEduard Niemann (1804-1884) war lutherischer Theologe, Mitglied des Konsistoriums in Hannover und Generalsuperintendent der Generaldiözese Calenberg.Siehe Wikipedia.org [57], auch schon ein Siebziger, aber von tadellos kerzengerader Haltung, eine hohe schlanke Gestalt, fragte uns gleich, wir wüssten das Resultat unserer Prüfung doch wohl. Als wir das verneinten, machte er ein befremdetes Gesicht. Bartels, der das Wort führte, erwiderte auf den Ausdruck seines Erstaunens: Herr Oberkonsistorialrat Uhlhorn meinte, wir möchten nur mit den üblichen Besuchen nicht bis nach Beendigung des Examens warten. Das verschnupfte ihn sichtlich. Berührte ihn schon jede Berufung auf Uhlhorn nicht angenehm, so mochte das Wort üblich ihn besonders verletzt haben. Er würdigte Bartels weiter keines Wortes und wandte sich zu mir, um sich über die Leipziger Theologen berichten zu lassen. Exzellenz Lichtenberg hatten wir schon während des mündlichen Examens, bei dem er eine Weile zuhörte, gesehen. Bartels, der auch hier den Sprecher machte, beugte hier gleich vor, indem er sagte, wir wüssten allerdings das Resultat unseres Examens noch nicht. Lichtenberg antwortete in liebenswürdiger Weise, er hätte bereits gehört, dass alles ganz befriedigend verlaufen sei. Er bezog das, wie uns erst später klar wurde, auf uns drei, wir glaubten, dass es sich auf alle bezöge und meinten, unsere Leidensgenossen über ihre Besorgnis beruhigen zu können.

Es war übrigens gerade mein Geburtstag. Ins Hotel zurückgekehrt, fand ich ein Glückwunschtelegramm von Hause vor. Auch von den Konexaminanden wurde ich etwas gefeiert. Bartels schenkte mir Uhlhorns Bild und BodenstedtsFriedrich Martin von Bodenstedt (*1819, † 1892) war ein deutscher Schriftsteller. Er ging 1840 als Lehrer nach Moskau und 1843 nach Tiflis, wo er durch den aserbaidschanischen Dichter Mirzə Şəfi Vazeh (1794–1852) in die Sprachen der Kaukasusregion eingeführt wurde. Siehe Band 1-3: »Tausend und ein Tag im Orient«Siehe Wikipedia.org [58]»Mirza Schaffys Lieder«Mirza Schaffy Wazeh (um 1796-1852) war ein aserbaidschanischer Dichter.Siehe Wikipedia.org [59], Beermann die Vorträge von Luthardt, Kahnis und Brückner, über Ursprung, Geschichte und Gegenwart der Kirche [60].

Auf Sonnabendvormittag hatte uns Uhlhorn zur Empfangnahme unserer Resultate in seine Wohnung bestellt. Wir begaben uns nun doch klopfenden Herzens dahin. Der Wohnung merkte man das Sonnabend-Reinemachen an. Wir wurden zuerst in ein Zimmer gewiesen, in dem allerlei Kinderspielzeug lag, und in das die nötigen Stühle hereingeschafft werden mussten, damit wir uns alle setzen könnten. Nach einem Weilchen kam das Mädchen mit dem Bescheid: Herr Oberkonsistorialrat lässt die Herren einzeln bitten. Beträchtliches Längerwerden der Gesichter, besonders wieder bei mir, der ja wieder als der Letzte alles an sich musste vorbeigehen lassen, ehe er selbst dran kam. Der Erste kam nach Verlauf einer kleinen Viertelstunde, die uns endlos erschien, wieder: Nicht bestanden! Bartels kam dann nach Verlauf ungefähr der gleichen Zeit wieder, auch etwas echauffiert, aber doch mit dem Resultat: Gut bestanden. Darauf Beermann: Bestanden, aber Uhlhorn hätte ihm die Hölle tüchtig heiß gemacht, er müsse sich sehr zusammennehmen, wenn er das zweite Examen bestehen wolle. Den folgenden hatten wir nach dem Ergebnis des Ersten schon verloren gegeben, da es ihm nicht besser ergangen war als diesem. Unsere Befürchtung erwies sich denn auch als gerechtfertigt. Crome kam zu unserer Verwunderung auch mit der Zwei zurück, da er nach unserem Urteil wenigstens im Mündlichen nicht besser abgeschnitten hatte als Beermann. Nun endlich kam die Reihe auch an mich. Als ich eintrat, sagte Uhlhorn: Setzen Sie sich, Herr Dittrich. Ich kann Ihnen zunächst mitteilen, dass Sie bestanden sind, dass Ihnen die Kommission sogar das Prädikat gut gegeben hat. Allein ich muss noch einen kleinen Dämpfer darauf setzen. Sie haben schöne Gaben. Danken Sie Gott dafür. Allein es ist damit auch eine Gefahr verbunden, und die haben Sie nicht ganz vermieden. Ich meine die Gefahr, sich zu zersplittern. Den Eindruck hätte er gleich von dem Verzeichnis der von mir gehörten Vorlesungen empfangen, die könnt ich unmöglich alle verdaut haben. Er nahm dann meine Klausuren durch. Bei der ersten wäre es ihm anfangs erschienen, als hätte ich allein das Richtige getroffen, aber dann wäre ich auf Abwege geraten. Die zweite wäre weniger geraten. Gleich der erste Satz: Der Vorsehungsglaube ist ein articulus mixtuswörtlich: gemischter Artikel. Aber die theologische Bedeutung ist unklar. [61] sei durchaus falsch. Das hatte sich mir inzwischen auch aus Ritschls Examen aufgedrängt. - Dann beriet er mich über meine weiteren Studien, empfahl mir besonders das Studium der Alten. Zu Johann Gerhard wolle er noch nicht raten, der sei doch gar zu umfangreich, aber Chemnitz'Martin Chemnitz (1522-1586) war ein lutherischer Theologe und Reformator.Siehe Wikipedia.org [62] Examen Concilii TridentiniExamen Decretorum Concilii Tridentini (1565-1573) ist ein theologisches vierbändiges Werk des Lutherischen Reformators Martin Chemnitz. Es enthält die Dekrete und Kanons des Konzils von Trient, die aus lutherischer Sicht analysiert wurden.Siehe Wikipedia.org [63] möge ich einmal durcharbeiten. Später möge ich Schleiermacher, auch Kahnis studieren. Dann kam er auf meine praktischen Leistungen zu sprechen, sprach sich hierbei noch anerkennender aus als am Tage zuvor, riet mir nur, gute Predigtmuster zu studieren, auch meine Stimme zu größerer Weichheit zu erziehen, vor allen Dingen beim Predigen nie zu vergessen, dass jedes Hervordrängen der eigenen Person die Wirkung der Predigt abschwäche oder vernichte. Schließlich fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, nach Loccum zu kommen. Ich verspürte eigentlich damals keine Lust, antwortete daher ausweichend, ich hätte mich ja vorläufig durch Annahme einer Hauslehrerstelle gebunden. Er erwiderte darauf, dies Verhältnis würde sich ja doch früher oder später jedenfalls wieder lösen. Wenn ich also in einem oder anderthalb Jahren frei würde und sonst nicht wüsste, wohin ich meine Schritte richten solle, möchte ich mich nur an ihn wenden, er würde mir behilflich sein, nach Loccum zu kommen. Das nahm ich natürlich dankbar an, und er entließ mich mit der Hoffnung, dass, wenn ich mich nach seinen Ratschlägen richtete, das Ergebnis des zweiten Examens ein noch besseres sein werde.

Wir vier glücklich Durchgekommenen feierten nun unseren Sieg mit einem Frühstück, bei dem wir auch die Champagnerpfropfen knallen ließen. Wir hatten nämlich verschiedene Wetten auszumachen. Nach Hause telegraphierte ich auch und meldete meine Ankunft für den folgenden Tag an. Ich hatte die Wahl, entweder mit dem Personenzuge etwa 18 Uhr abends abzufahren und nach etwa 24-stündiger Fahrt am folgenden Abend in Cöslin anzukommen, oder einige Stunden später mit dem Schnellzug abzudampfen und dann schon am frühen Nachmittag zu Hause zu sein. Dass ich mich für die zweite Alternative entschloss trotz des höheren Fahrpreises, hielt ich durch den gehabten Erfolg gerechtfertigt. Wir blieben also den Nachmittag zusammen. Im Laufe desselben empfingen wir Hoppe auf dem Bahnhof, der in das Semester zurückreisen wollte, und wir wiegten uns in ein wohliges Gruseln ein, bei dem Gedanken, welche Panik in Göttingen bei den übrigen Mitexaminanden entstehen würde, wenn sie dies Erstlingsresultat vernehmen würden. Am Abend gingen wir noch ins Theater, wo Shakespeares Was ihr wollt vortrefflich gegeben wurde, und dann wurde, nachdem wir die übrigen Stunden weiter abgesessen, der Schnellzug bestiegen. Nachmittags kam ich in Cöslin an, wo Vater und Alexander, der damals wieder in Cöslin in Garnison lag, mich im Triumph abholten. Es folgte dann noch ein Ausruhen zu Hause, nicht ganz zwei Wochen lang, in denen ich auch noch verschiedentlich gefeiert wurde, und dann ging's in die Hauslehrerzeit.


[56] Friedrich Rupstein (1794-1876) war Theologe und langjähriger Abt des Klosters Loccum.
[57] Eduard Niemann (1804-1884) war lutherischer Theologe, Mitglied des Konsistoriums in Hannover und Generalsuperintendent der Generaldiözese Calenberg.
[58] Friedrich Martin von Bodenstedt (*1819, † 1892) war ein deutscher Schriftsteller. Er ging 1840 als Lehrer nach Moskau und 1843 nach Tiflis, wo er durch den aserbaidschanischen Dichter Mirzə Şəfi Vazeh (1794–1852) in die Sprachen der Kaukasusregion eingeführt wurde. Siehe Band 1-3: »Tausend und ein Tag im Orient« [59] Mirza Schaffy Vazeh (um 1796-1852) war ein aserbaidschanischer Dichter.
[60] 13 Vorträge in einem Band Die Kirche nach ihrem Ursprung, ihrer Geschichte, ihrer Gestalt, Leipzig 1865) [61] wörtlich: gemischter Artikel. Aber die theologische Bedeutung ist unklar.
[62] Martin Chemnitz (1522-1586) war ein lutherischer Theologe und Reformator.
[63] Examen Decretorum Concilii Tridentini (1565-1573) ist ein theologisches vierbändiges Werk des Lutherischen Reformators Martin Chemnitz. Es enthält die Dekrete und Kanons des Konzils von Trient, die aus lutherischer Sicht analysiert wurden.