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Göttingen, 1873 bis 1874 — Die Honoratioren und meine Immatrikulation

Teil 5 - Göttingen, 1873 bis 1874
Kapitel 2
Die Honoratioren und meine Immatrikulation

Um 9 Uhr ging ich in die Universitätskirche, wo EhrenfeuchterFriedrich Ehrenfeuchter (1814-1878) war ein lutherischer Theologe, Universitätsprofessor für Praktische Theologie und Abt des Klosters Bursfelde im Weserbergland.Siehe Wikipedia.org [2] predigte. Ergreifend war es, die nicht vom Alter - denn Ehrenfeuchter zählte damals erst 58 Jahre - aber von einem schweren Leiden gebeugte Gestalt auf der Kanzel zu sehen, das schwarze Sammetkäppchen auch hier auf dem ergrauten, oben kahlen Haupte. Fast peinlich, das mühselige Herabsteigen von der Kanzeltreppe nach beendigter Predigt zu verfolgen. Aber was Ehrenfeuchter sagte, war gehaltvoll und tief. Ich habe ihn an liebsten in Göttingen gehört und von seinen Predigten am meisten gehabt. An den öffentlichen Gottesdienst schloss sich eine private Feier zur Eröffnung des praktisch-theologischen Seminars, an dem ich in den beiden vor mir liegenden Semestern auch teilnehmen wollte. WiesingerAugust Wiesinger (1818-1908) war Hochschullehrer für evangelische Theologie in Erlangen und Göttingen.Siehe Wikipedia.org [3] hielt vom Altar aus eine feine Ansprache, die an das Evangelium vom guten Hirten, über das übrigens auch Ehrenfeuchter gepredigt hatte, anknüpfte. Bei dieser Gelegenheit lernte ich gleich die ganze theologische Fakultät abgesehen von dem beurlaubten Kirchenhistoriker DunckerLudwig Duncker (* 17. August 1810 in Hamburg; † 7. November 1875 in Göttingen) war evangelischer Theologe und Hochschullehrer. 1846 wurde er zum Mitglied der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft ernannt.Siehe Wikipedia.org [4] kennen. Denn hinter dem Prediger Wiesinger schritten die ordentlichen Professoren aus der Sakristei auf den Chor, um der Feier anzuwohnen, RitschlAlbrecht Ritschl (1822-1889) war evangelischer Theologe. Ab 1864 bis zu seinem Tod war er ordentlicher Professor für Dogmatik und Kirchen- und Dogmengeschichte in Göttingen.Siehe Wikipedia.org [5] mit den energischen Gesichtszügen und der bissig aufgeworfenen Oberlippe als Dekan voran, aber dem gebrechlichen Ehrenfeuchter hilfreich den Arm bietend, SchöberleinLudwig Friedrich Schöberlein (1813-1881) war lutherischer Theologe, Universitätsprofessor für Systematische Theologie und Liturgik und Abt des Klosters Bursfelde bei Hann. Münden.Siehe Wikipedia.org [6] mit dem milden, von langen grauen Locken umwallten Antlitz und der kleine WagenmannJulius August Wagenmann (1823-1890) war ordentlicher Professor für Evangelische Theologie an der Universität Göttingen und Redakteur für die Zeitschrift für deutsche Theologie. Vor allem schrieb er wesentliche Teile für die Allgemeine Deutsche Biographie.Siehe Wikipedia.org [7] mit den treuherzigen braunen Augen dahinter.

Nach beendigtem Gottesdienst machte ich Besuch bei Ehrenfeuchter und Superintendent RochollRudolf Rocholl (1822-1905) war ein lutherischer Theologe und Geschichtsphilosoph. Liberale Strömungen in der Kirche, eine Vereinigung mit den Reformierten (Preußische Union), den Einfluss des Staates auf die Kirche und die Einführung der Zivilehe lehnte er ab. Deswegen verließ er 1878 die Landeskirche.Siehe Wikipedia.org [8], an die Kahnis mir eine Empfehlung mitgegeben hatte. Ehrenfeuchter traf ich im Sofa sitzend. Erst hier sah ich, dass er von ziemlich großer Gestalt sei. Auch seine Gesichtszüge waren noch nicht alt. Doch zeigten sie eine ungesunde Blässe und waren etwas aufgeschwemmt. Er erkundigte sich nach meinen Studien und Plänen. Die honneurs machte sein Sohn, stud. theol., den ich schon am Tage zuvor im roten Ochsen kennen gelernt hatte. Erst hinterher wurde ich gewahr, dass Abt Ehrenfeuchter vom ersten Sehen an lebhaftes Interesse für mich gefasst habe. Mein Gesicht hatte ihn, wie andere mir mitteilten, an erinnert, den er unter allen neueren Theologen am höchsten schätzte.

Rocholl, der Göttinger Ahlfeld, wie Kahnis ihn genannt hatte, war erster Geistlicher an St. Johannis, der Hauptkirche der Stadt, und Superintendent der Inspektion Göttingen I. Im Schatten des mächtigen Turmpaares der Kirche lag das Pfarrhaus. Als ich meine Meldung abgegeben, trat er mir in der Tür seines Studierzimmers entgegen, eine auf den ersten Blick fesselnde und imponierende Erscheinung, nicht so sehr durch die Größe der Gestalt, denn die überstieg kaum das Mittelmaß, als durch den prachtvollen, wahrhaft klassischen Kopf, der, umrahmt von dichtem schwarzen Haar, ebenso gut einem der Väter der Reformationszeit, einem Bugenhagen oder Jonas hätte angehören können. Er begrüßte mich freundlich, ebenso wie seine Frau, deren mütterliches Wesen unmittelbar anmutete, hatte aber wenig Zeit für mich, da er den Nachmittag noch predigen musste, lud mich aber zu den offenen Abenden, die er jeden zweiten Sonntag hatte. Nachmittags hörte ich ihn dann noch predigen. Er machte es kurz, da ihm das Sprechen wegen Heiserkeit schwer fiel. Doch hatte ich einen Eindruck von seiner markigen Sprache. Am folgenden Tage kam er unerwartet auf meine Stube. Er erinnerte sich, den Namen meines Vaters gehört zu haben. Ein Schlenker aus Bärsdorf war als Verwundeter im Kriege 1870 ins Lazarett nach Göttingen gekommen und hatte ihm von seinem Pastor, der ihn konfirmiert, erzählt, und er wollte sich nun über die Identität vergewissern. Ich konnte ihm dieselbe bestätigen, und er war nun gleich über meine Familie orientiert.

Am Montag wurde ich immatrikuliert. Prorektor war damals Bertheau, eigentlich Exprorektor, da der für dies Jahr gewählte Prorektor kurz nach Antritt seines Amtes in der Blüte der Jahre gestorben war. Bertheau hieß bei den Studenten nur der alte Jahwe, und seine ziemlich zahlreichen Töchter wurden nach den verschiedenen Urkunden benamst, in die er den Pentateuch zerlegt, also die ältere Elohim-Urkunde, die jüngere Elohim-Urkunde, die Jahwe-Urkunde u.s.w. Er selbst war ein ziemlich hagerer Mann mit weißem Backenbart und einem auf der linken Seite stark herabgezogenen Munde, was seiner Aussprache etwas Nusselndes gab. Bei der Immatrikulation ging es viel formloser her als in Leipzig. Bertheau trat in dem Zimmer, in dem wir versammelt waren, in unsere Mitte und sagte: Meine Herren, ich habe Sie zum Gehorsam die Gesetze der Universität zu verpflichten. Dann fügte er mit einem Schmunzeln hinzu: Sie werden sich wohl mit einiger Besorgnis das umfangreiche Heft angesehen haben, das in ihren Händen ist. Die Verpflichtung ist ja auch nicht so gemeint, dass Sie auf jeden Buchstaben in demselben verpflichtet würden. Was Sie da sehen, ist nur eine Sammlung von historischen Urkunden. Und was Sie geloben sollen, ist nur, dass Sie in dem Sinn und Geist sich halten wollen, wie es sich für einen akademischen Bürger geziemt. Dann händigte er nach erfolgtem Handschlag jedem seine Matrikel selbst ein.

Was die Gesetze selbst betrifft, so dienten sie mit ihrer zum Teil stark veralteten Fassung allerdings mehr zu Erheiterung. Besonders viel Heiterkeit erregte § 55: Wer sich so weit vergessen sollte, sich zu betrinken - der sollte mit Karzer und nach Befinden mit der Unterschrift des consilium abeundiwörtlich Ratschlag, wegzugehen. Gemeint ist der Rat, die Universität zu verlassen. Es ist die Vorwarnung vor der Relegation, dem Rausschmiss. Heute würden wir wohl Abmahnung sagen.Siehe Wikipedia.org [9] bis zur RelegationDie Relegation war damals die schärfste Disziplinarmaßnahme einer Hochschule im Rahmen ihrer akademischen Disziplinargewalt. Siehe Wikipedia.org [10] bestraft werden. Diesen Paragraphen sah man verschiedentlich auf den Kneipen unter Glas und Rahmen auch wohl mit Durchstreichung der Worte sich so weit, sodass er das gerade Gegenteil besagte.


[2] Friedrich Ehrenfeuchter (1814-1878) war ein lutherischer Theologe, Universitätsprofessor für Praktische Theologie und Abt des Klosters Bursfelde im Weserbergland.
[3] August Wiesinger (1818-1908) war Hochschullehrer für evangelische Theologie in Erlangen und Göttingen.
[4] Ludwig Duncker (* 17. August 1810 in Hamburg; � 7. November 1875 in Göttingen) war evangelischer Theologe und Hochschullehrer. 1846 wurde er zum Mitglied der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft ernannt.
[5] Albrecht Ritschl (1822-1889) war evangelischer Theologe. Ab 1864 bis zu seinem Tod war er ordentlicher Professor für Dogmatik und Kirchen- und Dogmengeschichte in Göttingen.
[6] Ludwig Friedrich Schöberlein (1813-1881) war lutherischer Theologe, Universitätsprofessor für Systematische Theologie und Liturgik und Abt des Klosters Bursfelde bei Hann. Münden.
[7] Julius August Wagenmann (1823-1890) war ordentlicher Professor für Evangelische Theologie an der Universität Göttingen und Redakteur für die Zeitschrift für deutsche Theologie. Vor allem schrieb er wesentliche Teile für die Allgemeine Deutsche Biographie.
[8] Rudolf Rocholl (1822-1905) war ein lutherischer Theologe und Geschichtsphilosoph. Liberale Strömungen in der Kirche, eine Vereinigung mit den Reformierten (Preußische Union), den Einfluss des Staates auf die Kirche und die Einführung der Zivilehe lehnte er ab. Deswegen verließ er 1878 die Landeskirche.
[9] wörtlich Ratschlag, wegzugehen. Gemeint ist der Rat, die Universität zu verlassen. Es ist die Vorwarnung vor der Relegation, dem Rausschmiss. Heute würden wir wohl Abmahnung sagen.
[10] Die Relegation war damals die schärfste Disziplinarmaßnahme einer Hochschule im Rahmen ihrer akademischen Disziplinargewalt.