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Hauslehrerzeit 1874 bis 1875 — Anfrage aus Loccum

Teil 6 - Hauslehrerzeit 1874 bis 1875
Kapitel 12
Anfrage aus Loccum

Das war mein letzter Sonntag in Jänkendorf, wie in der Hauslehrerei überhaupt. Schon in Neuhoff war mir mitgeteilt worden, dass meine Zöglinge zu Ostern auf das PädagogiumHistorischer Begriff für eine vornehmlich für Knaben eingerichtete Erziehungsanstalt mit in der Regel sehr hohen Ansprüchen. [39] von Niesky kommen sollten. So war an mich die Frage herangetreten, was dann aus mir werden solle. Auf einem meiner Morgenspaziergänge im Herbst erwog ich diese Frage mit mir. Da fiel mir Uhlhorns Zusage ein, die er mir nach meinem Examen gegeben. Unter solchen Gedanken kam ich nach Hause und fand einen Brief von Friedrichs vor, der mir schrieb: Dieser Tage fragte Uhlhorn bei mir an, wo Sie steckten. Bei Ihrem Examen hätten Sie sich nicht abgeneigt gezeigt, einmal um Aufnahme in Loccum nachzusuchen... Er fügte dann hinzu, dass auch er mir raten könne, es einmal mit Loccum zu versuchen, er glaube, es wäre etwas für mich.

Ich habe trotzdem nichts übereilt. Ich hielt es nicht für unmöglich, dass man mich in Jänkendorf festhalten würde, und beschloss, vor allen etwaigen weiteren Schritten jedenfalls einmal die damals bevorstehende Übersiedlung dorthin abzuwarten. Als ich aber erkannte, dass auf ein Engagement beim Fürsten nicht zu rechnen wäre, da für den kleinen Prinzen Heini ein Hauslehrer vorläufig nicht angenommen werden sollte, besprach ich mit Senf den Fall Loccum. Senf erwiderte mir, dass es ihm schiene, als reflektiere man in Ullersdorf auf mich. Ich wartete also weiter. Aber auch in Ullersdorf wurde keine Anfrage an mich gerichtet, sondern eine Erzieherin angenommen, die Söhne des Grafen Fürstenstein waren ebenfalls noch klein. Inzwischen war Weihnachten herangekommen und ich beschloss, erst die Angelegenheit mit meinen Eltern zu besprechen. Mutter sagte zwar: Loccum lockt mich nicht. Aber beide meinten dann doch auch, ich dürfe es nicht zurückweisen, wenn es sich mir böte. Ich schrieb also gleich nach Neujahr an Uhlhorn, und nach wenigen Tagen antwortete er mir durch Zusendung eines Billetts vom Abt, auf dem derselbe ihm auf seine Anfrage mitteilte, dass zu Ostern gerade noch ein Platz in Loccum frei wäre. Sofort reichte ich meine Meldung ein, und umgehend erhielt ich die Berufung und auf einer privaten Anlage des Abts die Mitteilung, dass ich gerade vor Toresschluss gekommen wäre.

Besonderes Interesse erregte die Angelegenheit bei Superintendent Holscher, der einst Alumne in Loccum gewesen war und mir verschiedenes davon mitteilen konnte, auch die Wiedemann-Köstersche Chronik mir zu lesen gab. Außerdem schaffte ich mir das Schriftchen von Düsterdiek an, das er als Studiendirektor geschrieben hatte. So war ich denn ziemlich orientiert über das, was mich dort erwartete.

So nahm ich denn Abschied von Jänkendorf einige Tage vor Palmsonntag, an dem die beiden Prinzessinnen konfirmiert werden sollten und deshalb viel Gäste im Schloss erwartet wurden. Besonders herzlich war der Abschied beim alten Roon, der mir auftrug, meinen Eltern zu bestellen, er pfiffe zwar auf dem letzten Loche, aber er pfiffe doch noch, und mir besondere Grüße an Elly mitgab, die er sehr ins Herz geschlossen hatte, seit sie wiederholt bei ihm im Hause gewesen war und auch ihn und Tante Anna auf Reisen begleitet hatte. Auch Senf gab mir die besten Wünsche mit. Der Prinz fragte mich, als er hörte, dass ich ins Kloster ginge, ob ich mich da auch nicht zum Cölibat verpflichten müsse. Ich antwortete, solange ich im Kloster wäre, jedenfalls. Das hätte aber keine Not für mich, da ich vor der Hand kein Objekt hätte.

Die Osterzeit brachte ich zu Hause zu. Ich hatte Gelegenheit, meine Bärsdorfer Predigt noch zweimal zu halten. Vater, der ja stets zur Aushilfe auf der Kanzel bereit war und von dessen Aushilfsbereitschaft nur zu ausgiebig Gebrauch gemacht wurde, hatte für Karfreitag schon zwei Predigten angenommen, als am Gründonnerstag noch eine Bitte von Pastor Richert in Alt-Betz, früher Diakonus in Cöslin, um Vertretung dort und im Filial Neu-Betz kam. Richert sei so erkältet, dass er nicht auf die Kanzel könne. Ich fragte Mutter, ob Vater jemals zum Karfreitag krank geworden wäre. Sie verneinte das. Da Vater bereits besetzt war, bot ich meine Hilfe an, natürlich ohne Abendmahlsfeier, und sie wurde so, wie ich sie angeboten hatte, angenommen. Nach den beiden Gottesdiensten wurde ich dann natürlich zu Tisch dabehalten, und Pastor Richert, der bei Tisch erschien, allerdings es stark auf der Brust hatte, rühmte Vaters Hilfsbereitschaft.

Mittwoch nach Ostern, 31. März, dem 26. Jahrestag der Verlobung unserer Eltern, wurde dann die Silberhochzeit nachgefeiert, da an dem Hochzeitstage, 14. Februar, verschiedene von den Kindern nicht anwesend sein konnten. Sie wurde auch nur im engsten Freundeskreis gefeiert. Außer den sämtlichen Kindern waren nur Henskes aus Schivelbein und Freund Lindemann zu Tisch. Abends war außerdem einige Jugend da, mit der allerhand Spiele arrangiert wurden.


[39] Historischer Begriff für eine vornehmlich für Knaben eingerichtete Erziehungsanstalt mit in der Regel sehr hohen Ansprüchen.