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Hauslehrerzeit 1874 bis 1875 — Sommerferien und Spätsommer

Teil 6 - Hauslehrerzeit 1874 bis 1875
Kapitel 7
Sommerferien und Spätsommer

Im Hochsommer wurden dann Ferien gemacht. Eine Zeitlang unterrichtete ich noch weiter, als die Sommerferien der Schulen schon angefangen hatten, und lernte infolgedessen den ältesten Bruder meiner Zöglinge, den 18-jährigen Heinrich XXIII, wie sein Vater Harry genannt, Obersekundaner der RitterakademieDie Liegnitzer Ritterakademie war eine im 18. Jahrhundert errichtete Schule für den schlesischen Adel. Ab 1811 durfte sie auch von Bürgerlichen besucht werden.Siehe Wikipedia.org [29] in Liegnitz, kennen, einen hübschen, schlanken und in seinem Wesen angenehmen jungen Mann, aber ebenso wenig wie meine Schüler ein Schulgenie. Dann aber reiste ich zunächst nach Leipzig, wo ich mit dem Verein einen Ausflug mit Kahnis unternahm, auch einen Kneipabend mitmachte. Bei Wagner, der endlich zum Examen sich entschlossen hatte, logierte ich. Von Jentsch, der seine Hauslehrertätigkeit beim Ministerpräsidenten Grafen LonyayMenyhért Lónyay (1822-1884) war ein ungarischer Politiker und 1871/72 Ministerpräsident des Königreichs Ungarn.Siehe Wikipedia.org [30] in Budapest aufgegeben hatte und seit Ostern Mitglied des Prediger-Kollegs St. Pauli war, holte ich mir manche Ratschläge wegen meiner eigenen Hauslehrertätigkeit. Natürlich besuchte ich auch Kahnis, Delitzsch und Luthardt. Bei Kahnis war ich einen Abend zusammen mit Ehlers, der inzwischen nach Leipzig zurückgekehrt war und hier auch sein erstes theologisches Examen machen wollte. Bei Delitzsch zu Tisch. Kahnis als geborenen Voigtländer interessierte es natürlich, dass ich bei einer Familie Reuß war. Ich redete ihn einmal versehentlich mit Durchlaucht an, worauf er gleich den Gothaischen Hofkalender hervorkriegte, um sich die Familienverhältnisse anzusehen.

Ich wollte aber nicht allein in Leipzig herumkneipen, sondern auch noch etwas mehr von der Welt sehen. Ich erkundigte mich daher, ob nicht jemand Lust hätte, mit mir eine Spritze ins Thüringsche zu machen. Aus dem Verein fand sich niemand. Dagegen hörte ich, dass ein Wingolfit, Stosch, der mir von früher her bekannt war, augenblicklich vom Examenochsen abgearbeitet, sich erholen wollte und ebenfalls einen Reisegefährten suchte. Es war der spätere Hausgeistliche von Kloster Marienberg und nachmalige Leipziger Missionar. Mit ihm fuhr ich zunächst nach Saalfeld mit der Bahn. Dann gingen wir zu Fuß durch das herrliche Schwarzatal bis Schwarzburg, wo wir angesichts des entzückend gelegenen Schlosses Rast machten. Von da ging es aufwärts nach dem Tripstein, von wo wir das Bild, das Schwarzburg bot, noch einmal genießen konnten und nach Paulinzella. Hier übernachteten wir, nachdem wir uns die prächtige Klosterruine angesehen. Den andern Tag wanderten wir nach Rudolstadt. Von da trennten sich unsere Wege, und ich reiste noch zu Verwandtenbesuchen nach Schlesien. Zuerst nach Bunzlau, wo ich Sonntag früh fünf Uhr nach durchreister Nacht ankam. Im Seminar war noch niemand auf. Darum machte ich erst noch einen Morgenspaziergang nach der Gnadenberger Seite, die Verwüstungen beobachtend, die kurz zuvor ein Hagelwetter angerichtet hatte. Ich hörte dann, dass LangsDie Tante es Autors, Laura Rogge, verheiratet mit Herrn Lang, dem Waisenhaus- und Seminar-Direktor in Bunzlau [31] fast die einzigen in der Stadt gewesen seien, deren Fenster bei dem Hagelwetter heil geblieben wären, weil Tante Laura die Geistesgegenwart besessen, sofort alle Fenster loszuhaken. Als ich von meinem Spaziergang zurückkam, war das Seminar wach. Onkel Lang war leider während der Ferien verreist. Aber Tante nahm mich gastfrei auf, und mit Vettern und Kusinen amüsierte ich mich nach Kräften. In der Kirche hatte ich freilich nach der durchfahrenen Nacht mit dem Schlaf zu kämpfen. Von Bunzlau ging's dann nach Bärsdorf, wo ich die Tanten überraschte und erfreute. Von da fuhr ich zurück und aufs Neue in die Arbeit.

Im Spätsommer erregte der übertritt der Königin Marie von BayernAm 12. Oktober 1874 trat Marie von Preußen nach dem Tod ihres Mannes Maximilian II. Joseph in der Schwangauer Pfarrkirche St. Maria und Florian zur katholischen Konfession über.Siehe Wikipedia.org [32], der ja das Schloss FischbachSchloss Fischbach (heute: Zamek Karpniki) ist ein neugotisches Schloss im Tudorstil. Das Wasserschloss befindet sich elf Kilometer östlich von Jelenia Góra (Hirschberg) am Fuße der Falkenberge.Siehe Wikipedia.org [33] gehörte, und die früher alljährlich zu längerem Aufenthalt - allerdings in den letzten Jahren nicht mehr - dahin gekommen war, auch bei uns die Gemüter. Der Prinzess erster Gedanke war: Was wird Pastor Götschmann dazu sagen! Ich ging deshalb auf ihre Veranlassung sofort nach Fischbach, um mich bei ihm des Näheren zu erkundigen. Götschmann war denn auch ganz aufgelöst. Er sagte, hinterher könne er sich manches erklären und sähe, dass die Anfänge dieses beklagenswerten Schrittes weit zurück lägen. Schon zu Lebzeiten des Königs Max wären die Herrschaften oft, wenn sie in Hohenschwangau gewesen, von dort über die nahe Tiroler Grenze nach Tisch zu einem befreundeten katholischen Geistlichen gefahren, um bei demselben freundschaftlich eine Tasse Kaffee zu trinken. Das sei natürlich an maßgebender Stelle nicht unbemerkt geblieben, und sofort hätte man einen sehr eifrigen und tüchtigen Kaplan dahin geschickt. Der hätte dann die Königin in seiner Weise bearbeitetet. Er hätte damit angefangen, seine hohe Ehrfurcht vor der heiligen Schrift zu bezeugen, die er eigentlich nur auf den Knien liegend lesen möchte. über Luther hätte er sich sehr glimpflich geäußert, hätte anerkannt, dass derselbe das Richtige gewollt, nur der Weg, den er eingeschlagen, sei verkehrt gewesen. Statt gegen die Kirche aufzutreten, hätte er lieber positiv aufbauend Gottes Wort in die Gemeinde bringen und dadurch von innen heraus reformieren sollen. Dass er damit der historischen Wahrheit ins Gesicht geschlagen, hätte die gute Königin, deren Gesichtskreis ziemlich beschränkt gewesen und die eigentlich nur Bibel und Gesangbuch gekannt, nicht bemerkt. Aber der Kaplan hätte hierin ihren empfindlichen Punkt getroffen. Denn sie hätte sich in ihrer Umgehung vereinsamt gefühlt, insbesondere die Kluft schwer empfunden, die sie von ihrer Familie trennte. Dazu hätte ihr kranker Sohn Otto - der nachmalige irrsinnige König, der in seiner Krankheit sehr bigott geworden, - ihr angelegen, doch in den Schoss der Kirche zurückzukehren und dadurch ihren Frieden mit Gott zu machen. Götschmann erinnerte sich, dass die Königin ihm gegenüber ausgesprochen, sie könne sich aus jenem Grunde in Luther nicht finden. Er hätte ihre Gedanken zu berichtigen gesucht, auch ihr Lektüre gegeben, aus der sie sich unterrichten könne, sei aber überzeugt, dass sie das gar nicht gelesen. Sobald er von dem bevorstehenden Schritt der Königin gehört, habe er trotz seiner blinden Augen ihr eigenhändig geschrieben, damit sie sähe, dass es ein rein seelsorgerliches Wort sei und niemand zwischen ihr und ihm stände. Vermutlich aber würde die Umgebung der Königin, wenn sie den Poststempel Fischbach gesehen, den Brief gar nicht an sie haben gelangen lassen.

Gegen Ende September besuchte mich [Bruder] Alexander. Die prinzlichen Herrschaften luden ihn ein, bei ihnen zu logieren. Da gleichzeitig ihr zweiter Sohn Prinz Rigo (XXVI.) nach seiner ersten Seereise, die er als Seekadett nach Island gemacht, zum Besuch ins Elternhaus kam, hatte Alexander, auch während ich unterrichtete, Unterhaltung. Dann aber nahm ich mir zwei Tage frei, um mit ihm eine Partie ins Gebirge zu machen. Nächstes Ziel war die Schneekoppe, die uns dies Mal mit herrlicher Aussicht lohnte. Gern hätte ich bei der Gelegenheit die böhmische Seite des Riesengebirges kennen gelernt. Auf der Koppe kamen wir aber während des Mittagessens ins Gespräch mit einem Herrn, der sich bei gegenseitiger Vorstellung als ein Kamerad Alexanders herausstellte. Derselbe kam von der böhmischen Seite her und wollte die Kammpartie machen. So entschloss sich Alexander, sich ihm anzuschließen, und ich fügte mich. Ich lernte diesen Weg ja auch jetzt erst bei sonnigem Wetter und guter Aussicht kennen. In der Schindlerbaude übernachteten wir, konnten am andern Morgen von da auch den Pantschefall, den höchsten im Riesengebirge, beobachten, da die Schleuse gerade aufgezogen wurde, und gingen durch Schneegruben, die infolge des anhaltenden und heißen Sommers diesmal wirklich schneefrei waren, zurück.

Alexander ging dann von Neuhoff aus zuerst nach Arnsdorf zu Ebertys, die ich auch bereits einmal besucht hatte, nachdem sie mit Eintritt der Universitätsferien ihren Aufenthalt in Arnsdorf genommen. Dorthin ging ich nun auch noch wiederholt, um mit ihm möglichst viel zusammen zu sein. Am 30. September zu Babettes Geburtstag war ich zum Diner dort eingeladen.

Tags darauf, es war ein Donnerstag, waren in Neuhoff Gäste zu Tisch, u. a. auch die Gräfin Matuschka mit ihren beiden Töchtern. Ich saß neben Komtess Anna, die sich, obwohl sie bei unserm Weggang von Arnsdorf erst drei Jahre alt gewesen war, unser noch sehr deutlich erinnerte und mich fragte, wie viele Geschwister wir jetzt wären. Ich antwortete: sieben - und ahnte nicht, dass wir im Augenblick schon acht waren. Sonnabend früh erhielt ich von [Schwester] Elly einen Brief vom 1. Oktober datiert, in dem sie mir mitteilte, dass wir den Morgen dieses Tages eine kleine Schwester [Veronika] bekommen hätten, und dass alles wohl stehe. Ich war wie auf den Kopf geschlagen. Ich entsann mich nun zwar, dass Alexander mir bereits Andeutungen gemacht. Aber an so etwas hatte ich auch nicht im Entferntesten gedacht. Mir war es noch immer wie im Traum. Erst als der Prinz zum Mittagessen erscheinend zu mir sagte: Ich gratuliere zum Schwesterchen, musste ich mich überzeugen, dass es Wirklichkeit war. Eine spaßhafte kleine Episode fiel dabei noch vor. Ich hatte mir von dem Diner bei Ebertys einige kleine Süßigkeiten vom Nachtisch mitgebracht und versprach Hazilo heimlich, wenn er gut aufpasse, ihm ein Stück abzugeben. Enzio, der merkte, dass ich mit ihm eine Heimlichkeit hätte, wurde neugierig und verlangte zu wissen, was ich mit Hazilo hätte. Ich ließ ihn aber zappeln. Als nun bei Tisch das Familienereignis zur Sprache kam, sagte Enzio: Ach, das war's, was Sie heute Haz versprachen! Nachmittags ging ich natürlich nach Arnsdorf, um mich mit Alexander über das Ereignis auszusprechen.


[29] Die Liegnitzer Ritterakademie war eine im 18. Jahrhundert errichtete Schule für den schlesischen Adel. Ab 1811 durfte sie auch von Bürgerlichen besucht werden.
[30] Menyhért Lónyay (1822-1884) war ein ungarischer Politiker und 1871/72 Ministerpräsident des Königreichs Ungarn.
[31] Die Tante es Autors, Laura Rogge, verheiratet mit Herrn Lang, dem Waisenhaus- und Seminar-Direktor in Bunzlau
[32] Am 12. Oktober 1874 trat Marie von Preußen nach dem Tod ihres Mannes Maximilian II. Joseph in der Schwangauer Pfarrkirche St. Maria und Florian zur katholischen Konfession über.
[33] Schloss Fischbach (heute: Zamek Karpniki) ist ein neugotisches Schloss im Tudorstil. Das Wasserschloss befindet sich elf Kilometer östlich von Jelenia Góra (Hirschberg) am Fuße der Falkenberge.