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Hauslehrerzeit 1874 bis 1875 — Winterfreuden

Teil 6 - Hauslehrerzeit 1874 bis 1875
Kapitel 9
Winterfreuden

Ullersdorf gehörte einem Grafen Fürstenstein. Die gräflich Fürstensteinsche und fürstlich Reußsche Familie waren eng verbunden. Graf Fürstenstein bekleidete irgendein Hofamt und war deshalb häufig in Berlin. Die Gräfin, bedeutend jünger als ihr Mann, wohl erst in der ersten Hälfte der Dreißiger stehend, war eine hübsche, liebenswürdige, geistig und geistlich angeregte, aber exzentrische Dame. Pastor Senf erzählte mir gelegentlich von freundschaftlichen Zusammenstößen, die er mit ihr gehabt. Sie war aus Tierfreundlichkeit eine Zeitlang Vegetarierin gewesen - wenn sie in Jänkendorf zu Tisch war, was abends öfter geschah, so wurde darauf noch immer Rücksicht genommen, und es kam vorzugsweise Pflanzenkost auf den Tisch. Als sie aber merkte, dass sie durch die Pflanzenkost erheblich schwerer wurde, gab sie ihre Lebensweise aus Tierfreundlichkeit wieder auf, um ihr Reitpferd nicht zu sehr zu belasten, und kehrte zu Fleischkost zurück. Der Fürst meinte, wenn sie wirklich eine so konsequente Tierfreundin wäre, solle sie lieber das Reiten aufgeben. Sie machte andern gern Freude. Ich erinnere mich noch einer Geburtstagsfeier für einen ihrer kleinen Söhne, zu der wir alle - Fräulein Ganzel und mich, auch eine gerade zum Besuch weilende frühere, von den Kindern sehr geliebte Jänkendorfer Erzieherin, Fräulein Schmidt, eine originelle, witzige Dame, eingeschlossen - eingeladen waren. Es wurde ein Spiel gespielt, das darin bestand, dass vor jeden nacheinander ein Haufen Süßigkeiten, Pfeffernüsse und dergleichen, und ein Hauptgeschenk hingestellt wurden. Ein Stück wurde von einem anderen, ohne dass der Betreffende es sehen durfte, angerührt, und er musste nun raten. Traf er das angerührte Stück, so schrie die ganze Gesellschaft Kietz, und die Sache war für ihn erledigt. Alles aber, was er vorher angerührt hatte, durfte er behalten. Je schlechter man also riet, desto besser stand man sich. Als die Fürstin dran war, traf sie gleich mit dem ersten Schlage das Richtige. Darauf markierte sie Heulen wie ein unartiges Kind, stampfte mit den Füßen und rief: Nun will ich aber auch gar nicht mehr mitspielen. Fräulein Schmidt sagte: So, Kinder, nun nehmt euch ein Beispiel an eurer Mutter. Bei mir hatten sie das Hauptgeschenk, zwei Vorträge von Kahnis, angerührt, und ich rührte wohlweislich erst alles andere an, konnte dafür den ganzen Haufen einstreichen, bekam aber auch von Fräulein Schmidt die Moral zu hören: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.

Das älteste Kind des prächtigen Paares, Komtess Vicky, Altersgenossin und Freundin von Prinzess Lenchen, heiratete später den Prinzen Rigo. Die Gräfin trat später zur katholischen Kirche über, was ich bei ihrem bizarren Wesen nicht überraschend fand.

Während es im Riesengebirge in den letzten Oktobertagen schon herbstlich kalt gewesen war, war es in der Lausitz Anfang November noch sommerlich warm, und nach Tisch spielte ich mit der Jugend im Freien. Ein Hauptspaß für die Prinzessinnen war österreichischer Doppeladler. Zwei von ihnen setzten sich mit dem Rücken auf die Schaukel, die aus einem großen, an den vier Ecken von Seilen getragenen Brett bestand, die oben am Baum, wo sie befestigt waren, zusammenliefen. Ich drehte nun das Brett so oft herum, dass die vier Seile bis dicht über den Köpfen der Schaukelnden zusammengedreht waren. Dann ließ ich die Schaukel los, und die Schaukelnden wirbelten umeinander herum, bis die Seile aufgedreht waren. Ich sagte gelegentlich: Sie sehen aus wie der österreichische Doppeladler, und nun wurde ich fortwährend gebeten, wieder österreichischer Doppeladler zu machen. Der Spaß hörte bald auf, denn es trat um Martini Kälte ein, und wir bekamen nach dem trockenen, heißen Sommer einen ziemlich kalten und schneereichen Winter. Da wurden dann Schneeballschlachten veranstaltet und Schlittschuh gelaufen, wozu nahe beim Schloss gute Gelegenheit war. Eines Sonntags, als wir zwischen Gottesdienst und Mittagessen liefen, kam ich an eine bedenkliche Stelle und brach ein. Ich war froh, dass ich kurz vorher eine der Prinzessinnen, die ich auf dem Eise schob oder mit denen ich Hand in Hand lief, losgelassen hatte. Aber zu hören bekam ich diesen unpädagogischen Unfall doch. Als kurz darauf Enzio einbrach, schalt ihn der Fürst aus: Wie hast du das nur angestellt? Dann fügte er mit einem Seitenblick auf mich hinzu: Aber man darf ja nichts sagen. Einmal wurde nach Tisch eine Schlittenfahrt veranstaltet. Die Fürstin und die Prinzess saßen im Fond, Prinzess Lenchen zwischen sich, Fräulein Ganzel mit Klementine und Marie auf dem Rücksitz, Elisabeth und Heini neben dem Kutscher, ich rittlings auf der Pritsche, wobei ich zugleich das Amt hatte, den an einem Strick befestigten nachschleifenden Handschlitten, auf dem Enzio und Hazilo saßen, anzuziehen, wenn ein Gefährt uns begegnete, damit sie nicht etwa unter die Räder gerieten.

Es herrschte ein wahrhaft ideales Familienkleben im fürstlichen Schlosse, und das innige Verhältnis der beiden Ehegatten war bei dem großen Altersunterschied umso bemerkenswerter. Einst war zur Teestunde die Fürstin noch nicht da. Alles setzte sich zu Tisch. Der Fürst fragte: Kinder, wo bleibt unsere Mutter? Es hieß: Ach, sie ist nach Ullersdorf gegangen, da hat sie sich mit der Gräfin Fürstenberg verschwatzt und die Zeit vergessen. Prinzess Elisabeth sagte: Wenn sie kommt, wird sie wohl zu Vater sagen: 'Verzeih, Liebling!' Endlich ging die Haustür. Der Fürst sagte: Kinder, gebt alle eure Uhren her. Wir taten's samt und sonders, und die Uhren wurden auf den Platz der Fürstin gelegt. Gleich darauf erschien sie, tief gebückt, die Hände vor die Augen haltend, wie ein der Schelte oder Strafe gewärtiges Kind, und kroch förmlich an den Fürsten heran, ihm die Hand zu küssen. Der Fürst schüttelte den Kopf: Der Kinder Spott wirst du schon. Die Fürstin setzte sich nun an ihren Platz, und als sie die Uhren liegen sah, rief sie, wie ein Kind, das vom Weinen aufatmet: Darf ich die alle behalten?

Einen Nachteil hatte für mich allerdings der Aufenthalt im Jänkendorfer Hause, so viel Anziehendes und Anregendes er mir im Übrigen bot - wozu ich auch manch neue Bekanntschaft rechne, so die des Prinzen Heinrich VII., Onkel Septi genannt, der Botschafter in Petersburg, einer der ersten damaligen Diplomaten und dabei so schlichten, sympathischen Herrn - ich kam den prinzlichen Herrschaften nicht mehr so nahe, wie es im Sommer gewesen war. Ich kam doch nur noch bei den Mahlzeiten mit ihnen zusammen. Dass es in Neuhoff ausgiebiger geschah, hing freilich auch damit zusammen, dass der Sommer einen freieren Verkehr ermöglichte.