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Loccum, 1875-1877 — Das Mündliche

Teil 7 - Loccum, 1875-1877
Kapitel 12
Das Mündliche

Freitag kam das Mündliche. Neben Niemann examinierten Gossel aus Aurich und ErckKarl Erck (1818-1880) war ein lutherischer Theologe und Generalsuperintendent der Generaldiözesen Hildesheim und Lüneburg-Celle.Siehe Wikipedia.org [49] aus Celle. Niemann begann mit Dogmatik. Zuerst kamen Fragen der ProlegomenaProlegomenon (von gr. prolégein für Vorwort, pl. Prolegomena) heißt wörtlich vorher Gesagtes.Siehe Wikipedia.org [50], besonders Philosophisches, zu Behandlung. Es ging nur mäßig. Gut schnitt ich eigentlich nur ab, da Niemann, nicht nach der Reihe gehend, mich zuletzt fragte, als er die Prolegomenafrage erledigt hatte und von mir biblische Begründung der Trinität und der Gottheit Christi verlangte. Das waren ja im Grunde Fragen, die ein guter Konfirmand wissen musste. So war es mein Verdienst nicht, dass es hier am besten mit mir ging. Niemann schloss daran Kirchengeschichte und blieb gleich beim Thema, nämlich den trinitarischen Streitigkeiten. Hier bedauerte ich, dass ich bei meinen Tertullianstudien nur dessen Stellung zum Montanismus im Auge gehabt hatte. So konnte ich hier mein Steckenpferd ebenso wenig wie im ersten Examen vorreiten. Übrigens war der sonst als Examinator gefürchtete Niemann sehr liebenswürdig. Als Danckwerts, den er zuerst in der Dogmatik examinierte, obgleich er nicht obenan saß, mit der Stimme zitterte, sagte er zu ihm: Aber liebes Kind - (sich verbessernd) lieber Herr, ich höre es an Ihrer Stimme, dass sie sich ängstigen. Dann kam Gossel mit dem Alten Testament, allgemein als wohlwollender Examinator geschätzt. Er sah uns denn alle so freundlich und liebevoll an, und es ging durchweg zur Zufriedenheit. Ich musste die letzten Verse von Psalm 91 und die ersten von Psalm 92 übersetzen und erklären. Den Schluss des Vormittagsexamens machte Erck mit dem Neuen Testament. Erck examinierte fein, verlangte aber auch präzise Antworten, und als wir uns an seine Fragen gewöhnt, ging es recht glatt. Mir fiel Lukas 9, 18-26 zu. Als wir zu mehrstündiger Pause entlassen waren, riefen Danckwerts und ich uns zu: Mann, Mann, wesentlich besser. Nachmittags examinierte noch Gossel in der Ethik, Erck in praktischer Theologie, - was er aber behandelte, war mehr Dogmatik, das Verhältnis von Kirche und Reich Gottes - und Schulkunde.

Als wir nach beendeter Prüfung, Brauer, Danckwerts und ich, - die drei Deutschen, wie die Ostfriesen sagten, wir schieden uns konsequent in Deutsche und Friesen - durch die Stadt schlenderten, erwogen wir, wie wir es anstellen sollten, dass wir tags darauf unser Resultat zeitig genug erführen, um noch unsere Besuchsfahrten zu absolvieren und - es war ja Sonnabend - abreisen zu können. Von ungefähr begegnete uns Erck, und Brauer ging sofort an ihn heran mit der Bitte, bei Herrn Ober-Konsistorialrat die möglichst baldige Mitteilung unserer Resultate zu befürworten. Er antwortete: Ich werde Herrn Ober-Konsistorialrat Ihre Bitte vortragen. Ich glaube übrigens nicht, dass Sie auch nur inbetreff eines einzigen unter Ihnen die geringste Besorgnis zu haben brauchen. Als wir am andern Morgen uns in der Sakristei der Neustädter Kirche zum praktischen Examen eingestellt hatten, kam Niemann herein und sagte: Sie haben mich durch Herrn Kollegen Erck bitten lassen, Ihnen bald zu sagen, ob Sie alle bestanden sind. Meine Herren, das versteht sich ja von selber. Das war ein ermutigender Anfang.

Nun kamen freilich die Proben noch. Zuerst die Katechesen. Wir hatten vorher gehört, wie der Küster die Versuchskaninchen zu guten Antworten ermahnte, indem er sagte: Heute werdet ihr alle ganz leichte Fragen bekommen, die ihr alle beantworten könnt. Brauer rief uns zu: Hört nur, was der den Jungens vorlügt. Musterkatechesen leisteten wir denn auch nicht, mit Ausnahme etwa von Janssen, der entschiedenes Geschick verriet. Ich hatte mir, da ich mit meinem Entwurf recht unzufrieden war, den Abend vorher noch Mühe gegeben, den zu haltenden Teil der Katechese sorgfältig auszuarbeiten, damit die mündliche Katechese wenigstens einigermaßen ginge. Unerwartet zensierte aber Niemann meinen Entwurf als fast gut, während er mit der mündlichen Ausführung weniger zufrieden war. Dann kam die Predigtprobe und die des liturgischen Gesanges bzw. Sprechens. Die drei Ostfriesen sprachen getreu dem Satz Frisia non cantatFriesland singt nicht [51] sämtlich ihre Kollekten. Niemann machte in seiner Kritik auch über die Predigten nur einige Bemerkungen über den mündlichen Vortrag.

So waren wir denn glücklich durch. Danckwerts sagte beim Hinausgehen aus der Kirche: Nun wären wir damit fürs Leben fertig. Vors Kolloquium werden wir ja wohl nicht kommen, (kürzlich war das Klappsche Kolloquium gewesen) höchstens Sie, Herr Müller (den hatte er etwas auf dem Strich, weil er behauptete, er spiele sich mit seiner Orthodoxie auf), Sie scheinen mir etwas Ketzerisches zu haben. Müller antwortete darauf in seiner ostfriesischen Aussprache ganz treuherzig: Nein, da müsste ich ja erst meinen Namen ändern, meinen ehrlichen Namen will ich doch nicht mit Ketzerei beflecken - Diedrich Müller soll kein Ketzer werden.

Dann gingen wir auf die Besuchsfahrt, wieder wir drei Deutschen abgesondert von den andern. Wir trafen aber meines Wissens nur Ober-Konsistorialrat Thilo, dessen dünne Fistelstimme seltsam mit der großen, stattlichen Gestalt kontrastierte. Er war auch sehr einsilbig. Zu Danckwerts und mir sagte er: Sie sind in Loccum. Ist's da noch wie früher? Ich fragte: Wie war es denn früher, Herr Ober-Konsistorialrat? Er antwortete: Nicht wahr, Sie sind zwei Jahre in Loccum? Ich bin fünf Jahre da gewesen. Das war alles. Nach höchstens zwei Minuten waren wir entlassen. Auch der Abt nahm uns nicht an, was uns als sehr bedenkliches Symptom für sein Befinden schien. Denn seine Loccumer nahm er, wenn es irgend ging, an. Nachdem wir noch ein Glas Wein miteinander getrunken, reisten wir ab. Wie ich freilich von Wunstorf kommen sollte, wusste ich nicht, da die Post längst fort war. Da traf ich in Wunstorf den Bergwerkspächter Einer aus Bad Rehburg, der mich in seinem Wagen mitnahm. So kam ich denn abends glücklich wieder in Loccum an, traf die beiden Neuangekommenen Graff und Ziegeler und Roth, der mir erklärte, er möchte mich gar nicht ansehen, da das Examen über ihm noch schwebte.

Den Sonntag benutzte ich zu einem ausführlichen Bericht nach Hause. Telegraphiert hatte ich gleich von Hannover aus, und meine Depesche hatte wie eine Bombe eingeschlagen. Man hatte sich dort schon mokiert über mein spärliches Schreiben in den letzten Wochen, besonders auch gelästert, dass ich auf Geburtstagsbrief und Geburtstagssendung nicht gleich geantwortet. Nun waren die Lästerzungen stumm. Da um dieselbe Zeit [Bruder] Georg durch sein wohlbestandenes Fähnrichsexamen Zugang zur Selektaauserlesene Klasse. Schulklasse an Gelehrtenschulen, in der die ausgezeichnetsten Schüler der obersten Stufe saßen und auf das Studium an der Universität vorbereitet wurden.Siehe Wikipedia.org [52] des Kadettenkorps erhalten, Alexander zum Kadettenkorps Wahlstatt kommandiert war, sagte Vater ganz stolz: Zwei Söhne im Kloster und zwei mit gut bestandenem Examen!

Mir selber war in jenen Tagen übrigens gar nicht stolz zu Mut. Das Wetter, das während unserer Examenstage schön und frühlingsmäßig gewesen war, war umgeschlagen und ich hatte mich infolgedessen erkältet, so dass ich einige Tage recht kümmerlich - loccümmerlich, sagten wir - war, und wer mich im Sündern herumschleichen sah, mich eher für einen durchgefallenen als für einen glücklich bestandenen Kandidaten gehalten haben würde. Dazu kam dann der morbus LuccensisDie Loccum'sche Krankheit [53], von dem jeder von uns zeitweilig ergriffen wurde, das unbefriedigende Gefühl, keinen eigentlichen Beruf zu haben und der Welt nicht nütze zu sein. Ich war gewohnt, bisher mit jedem Examen, das ich bestand, mir eine Veränderung verdient zu haben. Da wollte die einfache Rückkehr in die bisherigen Verhältnisse mir nicht schmecken. Ganz losgeworden bin ich diese Empfindung den ganzen Sommer nicht. Erst als ich infolge der mir gewordenen Aufgabe mich in das Studium der Abendmahlsschriften Luthers stürzte, wurde es besser. Weshalb ich nicht eher daran ging, weiß ich eigentlich selber nicht. Hätte ich mich dazu entschlossen, es hätte jedenfalls zur Hebung meiner Stimmung beigetragen Eine Freude war mir in diesem Sommer der Besuch meines lieben Schnedermann. Er war einige Tage in Loccum, nahm auch am Kolleg teil. Die andern sagten von ihm: Habet enim profundos oculosAuf dem Augsburger Reichstag im Oktober 1518 verhörte der Kardinal Cajetan (1469-1534) Martin Luther (1483-1546). Er forderte Luther auf, seine 95 Thesen über den Ablasshandel zu widerrufen. Luther seinerseits strebte aber einen Disput an. Er wies das Ansinnen, eine Belehrung durch die Vertreter der Kurie anzunehmen, strikt zurück. Die Stimmung eskalierte, Cajetan schrie Luther nieder. Cajetan soll daraufhin Luthers Förderer und Beichtvater Johann von Staupitz (1465-1524) ermahnt haben, auf Luther einzuwirken, damit dieser widerrufe. Straupitz lehnte ab und meinte, der Kardinal solle es selbst tun. Der Cajetan soll geantwortet haben: Ego nolo amplius cum hac bestia colloqui: habet enim profundos oculos et mirabiles speculationes in capite suo. (Ich will nicht weiter mit diesem Biest sprechen; denn er hat scharfe Augen und phantastische Spekulationen in seinem Kopf.) Cajetan fühlte sich Luther in einem Disput offensichtlich nicht gewachsen. [54]. Einen Abend war ich mit ihm auch bei Steinmetz', und auch diese waren ganz angetan von ihm.

Als ich im September zu den Ferien in Cöslin war, predigte ich auch wieder einmal in der Marienkirche. Unerwartet wurden die Ferien um eine Woche verlängert, ich weiß nicht mehr, aus welchem Grunde. Ich benutzte die Zeit, einer Einladung zu Jentsch zu folgen, der seit einem Jahr Pfarrer und Schlossprediger in Weesenstein in einem Seitental der Elbe war. Er hauste dort, wie er mir schrieb, mit seiner Schwester und mit seinem Hunde. Ich besah dort das an einem Felsen schneckenhausförmig in die Höhe gebaute Schloss, das auch die Ortskirche enthält und in dem der Keller mehrere Treppen hoch liegt. Außerdem streifte ich mit Jentsch in der Gegend herum, fuhr auch einmal mit ihm nach Dresden zu seinen Eltern, die inzwischen, da sein Vater Mitglied des Landes-Konsistoriums geworden, dahin übergesiedelt waren, und besuchte das Theater, wo von den Meiningern, die damals Deutschland bereisten, Käthchen von Heilbronn gegeben wurde. Von Weesenstein fuhr ich dann über Magdeburg, um Onkel Hermann [Rogge] in Buckau zu besuchen.

In Loccum traf ich das Hospiz bereits stark reduziert. Ehrenfeuchter war fort, da seine Zeit abgelaufen war. Danckwerts war schon im Lauf des Sommers abgegangen. Da er kurz nach seinem Examen sich verlobt hatte, war er, da Verlobte erfahrungsgemäß bald nach dem zweiten Examen eine eigene Stelle suchten, das Kirchenregiment aber gerade die Loccumer sich nicht für schwierigere Kollaboraturen entgehen lassen wollte, zum ständigen Kollaborator am Dom in Verden ernannt worden. Jetzt nach Michaelis traf ich auch Wagner nicht mehr an, der im Sommer sein zweites Examen gemacht hatte und nun an die Christuskirche in Hannover geholt worden war. Roth war zwar noch da, aber seine Abberufung stand auch bereits in Aussicht. Sein Vater, Pastor in Scheeßel, war unerwartet gestorben, und da die Stelle wegen der Größe und Ausdehnung der Gemeinde von Nachbargeistlichen nicht wohl vikariert werden konnte, hatte man ihm schon seine demnächstige Ernennung zum Pfarrverweser in Scheeßel in Aussicht gestellt.


[49] Karl Erck (1818-1880) war ein lutherischer Theologe und Generalsuperintendent der Generaldiözesen Hildesheim und Lüneburg-Celle.
[50] Prolegomenon (von gr. prolégein für Vorwort, pl. Prolegomena) heißt wörtlich vorher Gesagtes.
[51] Friesland singt nicht
[52] auserlesene Klasse. Schulklasse an Gelehrtenschulen, in der die ausgezeichnetsten Schüler der obersten Stufe saßen und auf das Studium an der Universität vorbereitet wurden.
[53] Die Loccum'sche Krankheit
[54] Auf dem Augsburger Reichstag im Oktober 1518 verhörte der Kardinal Cajetan (1469-1534) Martin Luther (1483-1546). Er forderte Luther auf, seine 95 Thesen über den Ablasshandel zu widerrufen. Luther seinerseits strebte aber einen Disput an. Er wies das Ansinnen, eine Belehrung durch die Vertreter der Kurie anzunehmen, strikt zurück. Die Stimmung eskalierte, Cajetan schrie Luther nieder. Cajetan soll daraufhin Luthers Förderer und Beichtvater Johann von Staupitz (1465-1524) ermahnt haben, auf Luther einzuwirken, damit dieser widerrufe. Straupitz lehnte ab und meinte, der Kardinal solle es selbst tun. Der Cajetan soll geantwortet haben: Ego nolo amplius cum hac bestia colloqui: habet enim profundos oculos et mirabiles speculationes in capite suo. (Ich will nicht weiter mit diesem Biest sprechen; denn er hat scharfe Augen und phantastische Spekulationen in seinem Kopf.) Cajetan fühlte sich Luther in einem Disput offensichtlich nicht gewachsen.