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Loccum, 1875-1877 — Die Berufung nach Hannover

Teil 7 - Loccum, 1875-1877
Kapitel 14
Die Berufung nach Hannover

Im Laufe des Halbjahrs zerbröckelte nun das Hospiz immer mehr. Kurz vor Weihnachten verließ uns Roth, um den Pfarrdienst in Scheeßel zu übernehmen. Crome hatte bei seinem zweiten Examen, das er am Michaelistermin mit Böttcher bestand, bereits die Patronatspfarre Klein-Berkel in der Tasche und ging gleich nach Neujahr [1877] auch dahin ab. So waren wir nun auf sechs Mann zusammengeschmolzen und ich zu der nicht erträumten Würde des Seniors aufgerückt. Wir sagten scherzhaft, mein Seniorat bezeichne den Tiefpunkt des Hospizes. Doch begann bald wieder ein bescheidener Aufstieg, da kurz nach Cromes Abgang August Kranold eintrat, jüngerer Bruder von Albert Kranold, wohl praktisch nicht ganz so begabt wie dieser, aber in den Wissenschaften ihn übertreffend und in seiner ganzen Art aus härterem Holze geschnitzt, übrigens von dem gleichen trocknen Witz wie der ältere Bruder. Er fügte sich bald harmonisch in unsern Kreis ein. Die kleine Zahl, zu der wir herabgesunken waren, begünstigte übrigens ein engeres Zusammenleben untereinander wie mit den Studienleitenden. Ich holte in den letzten Monaten fast täglich Schuster zu einem Nachmittagsspaziergang ab, und Frau Julinka dankte mir's.

Die Zukunft des Klosters beschäftigte natürlich in diesem Halbjahr die Gemüter, da es die erste SedisvakanzSedisvakanz (von lat. sedis vacantia = das Freisein, Leersein des Stuhls) bezeichnet Zeit und Zustand der Erledigung des bischöflichen oder quasibischöflichen Stuhles.Siehe Wikipedia.org [55] seit der Annexion Hannovers erlebte. Eines Tages, als ich mit Steinmetz zusammen bei Knokes in Landesbergen gewesen war, wurde ich bei meiner Rückkehr von den andern mit der Nachricht überrascht, dass der Geheimrat BarkhausenFriedrich Wilhelm Barkhausen (1831-1903) war Verwaltungsjurist. Ab 1875 war er Kurator des Klosters Loccum.Siehe Wikipedia.org [56] aus Berlin dagewesen sei und das Kloster besichtigt hätte.

Natürlich beschäftigte mich noch mehr meine eigene Zukunft, je mehr sich das Halbjahr dem Ende zuneigte. Böttcher hatte sich um eine erledigte Pfarrstelle beworben. Ich selbst erkundigte mich auch nach einigen Stellen, konnte mich aber zu einer Bewerbung nicht entschließen, so sehr besonders Vater dazu drängte, der mich im Pfarramt sehen wollte und eine Scheu hatte vor einer Kollaboratur, weil diese Einrichtung ihm unbekannt war und er fürchtete, dass ich in einer solchen zu sehr ausgenutzt werden könnte. Ich war darin anderer Ansicht, da ich mir nach den mit andern gemachten Erfahrungen sagen konnte, dass man mir nichts schlechtes aussuchen werde, und kam hier zum ersten Mal in wirkliche Meinungsverschiedenheiten mit meinem Vater.

Ich sollte mich nicht geirrt haben. Anfang März [1877] schrieb mir Wagner, es läge etwas für mich in der Luft, Uhlhorn hätte ihm etwas gesagt. Ich brauchte mich aber nicht zu fürchten, es sei nichts Schlimmes, im Gegenteil. Wenige Tage darauf kam Schuster gegen Abend auf mein Zimmer und sagte mir, er hätte mir eine Mitteilung zu machen, die mich vielleicht in einige Aufregung versetzen werde. Gleichzeitig übergab er mir einen Brief von Konsistorialrat Kahle, der mir mitteilte, das Konsistorium wünschte mich predigen zu hören, ich möchte mich daher auf Sonntag Judica zu einer Predigt in der Schlosskirche bereit halten und mich am Tag zuvor Herrn Oberkonsistorialrat Uhlhorn vorstellen. Schuster erläuterte das näher dahin, dass ich als Kollaborator an der Schlosskirche und als Hausgeistlicher des Friederikenstifts FriederikenstiftsDas Friederikenstift ist eines der ältesten und größten Krankenhäuser in Hannover. Es entstand aus dem eingetragenen Verein Evangelisches Diakoniewerk Friederikenstift von 1841.Siehe Wikipedia.org [57] in Hannover in Aussicht genommen sei. Ich freute mich nicht wenig, Kollaborator Uhlhorns zu werden war mir immer sehr verlockend erschienen. Ich wusste auch, dass er wegen seiner Überlastung mit andern Ämtern einen Kollaborat wünschte, wusste nur nicht recht, was ich daneben noch übernehmen könnte, da die Kollaboratur an der Schlosskirche, die doch fast nur Predigtarbeit mit sich brächte, meine Kraft nicht ausfüllte. Vom Friederikenstift hatte ich noch keine rechte Vorstellung, wusste deshalb auch nicht, ob ich mich über die dort in Aussicht stehende Arbeit freuen oder mich vor ihr fürchten solle. Steinmetz dagegen sagte mir, der angenehmere Teil meiner Arbeit werde am Friederikenstift sein. An der Schlosskirche wäre ein dornenvoller Posten. Predigen zu müssen in einer Kirche, deren Hörerschaft sich fast zum ausschließlichen Teil um Uhlhorns Person gesammelt hätte, sei nicht verlockend.

Ich arbeitete nun an meiner Predigt. Der Text, das Evangelium vom Tage Mariä Verkündigung, war mir ja nicht besonders angenehm. Sonnabend am 17. März musste ich wieder vor Tagesgrauen abfahren. In Hannover stieg ich im Vereinshause ab. Dann ging ich zu Uhlhorn. Er empfing mich freundlich, machte mir die nötigen Mitteilungen, lud mich für nach der Kirche zu Mittag ein. Wagner habe er auch eingeladen, da er wisse, dass ich mit ihm befreundet sei. Dann forderte er mich noch auf, hernach, wenn er zur Konfirmandenstunde in die Schlosskirche komme, - er nannte mir die Stunde - auch dahin zu kommen, damit er mich auf die Kanzel führe und mir zeige, was ich beim Predigen dort wegen der Akustik zu beobachten hätte. Ich ging, da noch einige Zeit war, ins Pfarrhaus der Gartenkirche zu Brauer, der sehr erfreut war, mich zu sehen und mich demnächst als Amtsbruder in Hannover begrüßen zu können. Uhlhorn musste da vorbeikommen. Ich lauerte ihm auf, erkannte ihn auch bald an seinem Gang und lernte dann durch ihn auch den Weg kennen, der vom Vereinshaus zur Schlosskirche führte. Nachdem er mir das nötige gezeigt, kehrte ich ins Vereinshaus zurück zum Mittagessen. Dort traf ich außer Brauer auch Wagner und mehrere ältere Damen, denen ich vorgestellt wurde. Natürlich verstand man gegenseitig beim Vorstellen die Namen nicht. Die Dame, neben der ich saß, fing während des Essens dann plötzlich an: Ich höre, Uhlhorn bekommt einen Kollaborator. Verlegenes Schweigen auf unserer Seite. Sie fuhr unbeirrt fort: Ich habe auch den Namen schon gehört; er soll Dittrich heißen. Als wir immer noch verkniffen lächelten, fragte sie, was das bedeute. Brauer erwiderte: Er sitzt neben Ihnen. Sie fragte, warum wir damit so geheim täten. Ich sagte: Es ist nur noch nicht gewiss. Nun, ich hab's für gewiss gehört, antwortete sie. Nach Tisch begleiteten wir Wagner bis an die Goethestraße. Dann kamen wir in den Goetheplatz, und Brauer zeigte mir in der Form einen Neubau: Was ist das? Das war also das Friederikenstift, die zukünftige Stätte meines Wirkens. Er führte mich auf den Bau und zeigte mir auch meine zukünftige Wohnung. Wie die Zimmer liegen würden, konnte man schon erkennen. Ausgebaut waren sie noch nicht. Den Rest des Tages verbrachte ich in meinem Logis, beschäftigt, mir meine Predigt noch fester einzuprägen. Ich hatte schon beim Konzipieren mit Verdruss bemerkt, dass mein Stil unwillkürlich viel gedrechselter wurde, als es sonst meine Gewohnheit war. Dem entsprechend machte mir das Memorieren auch viel mehr Mühe als gewöhnlich.

Nun, die Predigt ging ja ohne Anstoß. Uhlhorn meinte nur, ich hätte Stimme sparen können. Als man mich übrigens hinterher fragte, ob die Kirche gut besucht gewesen, musste ich der Wahrheit gemäß bekennen, ich wüsste es nicht. Teils war die Kirche wirklich so dunkel, dass man es schwer unterscheiden konnte. Teils hatte ich auch gar nicht auf die Leute geachtet. Nachher also mit Freund Wagner zu Tisch bei Uhlhorns. Nach dem Essen ging er mit mir auf seine Stube, betonte vorgängig, dass er mir noch nichts bestimmtes mitteilen könnte, weil ja das Konsistorium die Ernennung hätte und es auch noch davon abhinge, ob das Friederikenstift zustimme, fragte mich dann, ob ich bereit wäre, die Stelle anzunehmen, und hob zum Schluss noch hervor, dass im Friederikenstift, das ja recht eigentlich eine Stiftung des hannoverschen Königshauses sei, naturgemäß die Anhänglichkeit an dasselbe groß sei, dass er voraussetzen müsse, dass ich das verstünde, dass ich vorkommendenfalls auch etwas tragen könne. Ich konnte ihn hierüber völlig beruhigen.

Mit Wagner ging ich dann noch etwas in die Eilenriede spazieren und abends auf ein Fest des Jünglingsvereins im Vereinshause, das Freytag leitete. Am andern Morgen fuhr ich ab, machte in Wunstorf noch Station bei Superintendent Jakobi, Steinmetz' Schwager, um meine alte Gönnerin, Frau Konsistorialrat Weibezahn, die bei ihren beiden Töchtern das Quartier wechselte und damals bei der älteren Tochter, eben Frau Superintendent Jakobi, weilte und meinen Schüler August Steinmetz, der zu seiner Erholung zu Großmutter und Onkel geschickt war, zu besuchen, und fuhr dann mit der Post nach Loccum zurück, wo ich vom Hospiz und den Studienleitenden mit Spannung erwartet wurde.

Am Mittwoch erhielt ich dann von Konsistorialrat Kahle die Nachricht, dass ich ernannt sei, und am Sonnabend eine warme Begrüßung von Uhlhorn, in der er mir zugleich mitteilte, was für Arbeit er von mir im Fest erwarte. Auf Mittwoch den 28. März [1877] war meine Vereidigung und Ordination festgesetzt.

So galt's denn Packen, Abschied nehmen und die unumgänglichsten Vorbereitungen für die neue Tätigkeit treffen. Uhlhorn hatte mir geschrieben, ich möchte jedenfalls die Predigt für Gründonnerstag und möglichst auch die für den zweiten Ostertag übernehmen. Ich kam nur noch zur Vorbereitung auf die erstgenannten. Beim Abschied erfuhr ich noch viel Freundlichkeit. Schuster schoss mir Geld vor und gab mir, da ich nicht wusste, ob ich mir nicht eine Zimmereinrichtung besorgen müsste - Wagner hatte es gemusst - eine Anweisung an seinen Bankier. Sein Töchterlein erklärte, für mich beten zu wollen, damit der liebe Gott mir gutes Wetter schicken möge. Bei Steinmetz verlebte ich den letzten Abend, und er schenkte mir die von ihm herausgegebenen Reden aus dem geistlichen Amt von Petri. Kranold, der allein aus dem Hospiz noch da war, da er Feriendienst hatte, stand vor Tagesgrauen auf, mich zur Post zu bringen.


[55] Sedisvakanz (von lat. sedis vacantia = das Freisein, Leersein des Stuhls) bezeichnet Zeit und Zustand der Erledigung des bischöflichen oder quasibischöflichen Stuhles.
[56] Friedrich Wilhelm Barkhausen (1831-1903) war Verwaltungsjurist. Ab 1875 war er Kurator des Klosters Loccum.
[57] Das Friederikenstift ist eines der ältesten und größten Krankenhäuser in Hannover. Es entstand aus dem eingetragenen Verein Evangelisches Diakoniewerk Friederikenstift von 1841.