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Loccum, 1875-1877 — Die Hospites

Teil 7 - Loccum, 1875-1877
Kapitel 6
Die Hospites

Im Hospiz herrschte ein netter, kameradschaftlicher Ton. Es konnte ja nicht ausbleiben, dass man zu dem sich mehr hingezogen fühlte, einem andern ferner blieb. Auch EinspännerEigenbrötler [33] gab es unter uns. Es konnte auch nicht ausbleiben, dass bei der gegenseitigen Abschleifung verschieden gearteter Individualitäten hier und da Reibungen entstanden. Zu ernsten Zerwürfnissen oder gar dauernden Verstimmungen ist es aber in all den zwei Jahren unter uns nicht gekommen. Ich wenigstens denke an keinen anders als mit freundschaftlichen Gefühlen.

Senior des Hospizes war bei meinem Eintritt Wilhelm Bückmann, ein älterer Vetter des wegen seiner im ersten Examen erschlagenen Eins in der ganzen Landeskirche bekannten Rudolf Bückmann, der aber früher schon das Hospiz durchgemacht hatte und damals in einem Lehramt in Leipzig stand. Wilhelm Bückmann, der kleine Bückmann genannt, war ein kleines schmächtiges Männchen mit dunkelfarbigem Gesicht, von dem man nicht wusste, ob es einem Knaben oder einem alten Mann angehöre. Theologisch stand er auf der äußersten Rechten, politisch war er leidenschaftlicher Welfe, der seine Ansichten, wie das bei kleinen Leuten ja oft der Fall ist, die übersehen zu werden fürchten, umso entschiedener, zuweilen kratzbürstig geltend machte. Die Wirkung war, wie gewöhnlich, das Gegenteil der beabsichtigten. Selbst sein Nebenmann, der doch in der Gesinnung mit ihm übereinstimmte, zog ihn auf und sagte ihm nach, dass er sich auch im Traum mit Borussen herumschlüge. Gegen mich als Altpreußen verhielt er sich anfänglich reserviert. Als er aber merkte, dass ich kein fanatischer Preuße sei und ihn als Senior respektiere und ihm als solchen Aufmerksamkeiten erwies, wandte er mir sein ganz entschiedenes Wohlwollen zu. Denn dafür war er empfänglich, während er empfindlich werden konnte, wenn man ihn nicht ernst nahm. Er hätte sich sehr gerne verlobt, konnte aber den rechten Anschluss immer nicht finden, und seine Offenherzigkeit, die er, wie überhaupt, so auch in diesem Stück bewies, erregte vielfach die Heiterkeit. Er hat sich dann erst später mit einer erheblich älteren Dame verheiratet und ist, überhaupt von schwächlicher Konstitution, ziemlich früh gestorben.

Mit ihm gehörte dem ältesten Semester Albert Kranold an, Sohn eines damals schon verstorbenen Osnabrücker Kirchenfürsten, einem kinderreichen Hause entsprossen, in dem ein äußerst frischer Ton geherrscht haben muss. Auch unser Freund hatte die Gabe schlagfertigen Witzes, der umso wirksamer war, je trockner der Ton, in dem er ihn anbrachte. Spaßhaft war besonders die Art, wie er Bückmann zu nehmen wusste, der sich dann seine Neckereien auch mit einer gewissen Resignation gefallen ließ. Kranold zeichnete sich in der Wissenschaft nicht gerade aus, hatte aber hervorragende praktische Gaben, auch ein sonores, volles Organ. Man prophezeite ihm eine Zukunft. Er ist aber früh gestorben.

Dem dann folgenden Semester gehörten drei an, Weber, Seebohm und Kühne. Weber, aus der Provinz Sachsen stammend, war der erste Altpreuße, der in Loccum Aufnahme gefunden hatte, ein kleiner aber sicher und energisch auftretender Mann mit guter praktischer und wissenschaftlicher Begabung, dem wir auch den zukünftigen Kirchenfürsten prophezeiten, der aber als einfacher Pastor in Ilten bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand geblieben ist. Einen weit weniger gewandten Eindruck machte Seebohm, Seegestrüpp oder Meerstrauch genannt, aber eine treue Seele, immer auf Ausgleich von etwaigen Misshelligkeiten bedacht. Kühne war am meisten Einspänner unter uns. Theologisch war er wohl der schwächste unter uns. Sein Interesse gehörte vorzugsweise der Politik, in der er stark kulturkämpferisch war, aber alles an ihm kernhaft und gediegen. Dabei war er warm und innig.

Eine kältere Natur war Roth. Ein klarer Kopf und scharfer Denker war er am meisten mit Danckwerts zusammen und hatte den meisten Einfluss auf ihn. Er war wohl neben Ehrenfeuchter der entschiedenste Anhänger Ritschls, aber nüchterner als jener.

Die gewinnendste Persönlichkeit unter uns allen war entschieden Böttcher. Er hatte mit mir in Leipzig zu studieren angefangen und, ein leichtblütiger Thüringer, sich mir ohne weiteres bekannt gemacht, weil ich ihm gefiel. Wir waren uns aber nicht näher getreten. Er hatte sich der neu gegründeten Verbindung Nordalbingia angeschlossen, war dann aber, als eine Krisis in derselben eingetreten, aus ihr ausgetreten, ich glaube, weil die in ihr obsiegende Mehrheit ihm nicht forsch genug war. Mein Schulfreund Karl Braun, der als Hallenser Tuiskone einer Kartellverbindung angehörte und in die Verhältnisse Einblick hatte, stand jedenfalls nicht auf seiner Seite. Auch ich hatte den Eindruck, als ob er etwas leicht wäre, und war deshalb nicht sonderlich erfreut, als mir der Abt bei meinem Antrittsbesuch erzählte: Gestern war auf der Durchreise nach Loccum ein Herr Böttcher aus Großmonra in Thüringen bei mir, der sich sehr freute, Sie dort wieder zu treffen. Ich sann nach, ob es dieser Böttcher sei, da ich nicht begriff, wie er hierher käme. Es konnte aber kein andrer sein, da ich keinen andern Böttcher auf der Universität kennen gelernt. So blieb ich in Gedanken bei ihm stehen, und das Wiedersehen bestätigte es mir. Mit der erstaunten Frage: Menschenskind, wie kommen Sie hierher?, begrüßten wir uns beide. Ich hatte also nicht das beste Vorurteil für ihn. Aber ich näherte mich ihm innerlich schon, als ich von ihm hörte, dass ihn derselbe Grund wie mich bewogen habe, nach Hannover zu gehen, ja, dass er noch eine Note entschiedener war. Ich überzeugte mich auch bald, dass sein leichter Sinn, den er nach wie vor hatte, nicht Leichtsinn sei. Er war kein Menschenkenner, traute vielmehr allen das Beste zu, schloss sich daher leicht an, begeisterte sich leicht, fing besonders auch, wie bereits erwähnt, leicht Feuer für das weibliche Geschlecht - Puffärmel und Latzschürzen taten es ihm an - musste dafür viele Neckereien anhören, die er in liebenswürdigster Weise über sich ergehen ließ, wie er überhaupt auf jeden Scherz gern einging. So konnte es nicht fehlen, dass er bald aller Liebling war. Und ohne große theologische Tiefe zu haben, fasste er doch leicht auf, so dass er auch im Kolleg seinen Mann stand und auch die Zuneigung der Studienleitenden fand. Er wurde, nachdem er Hilfsprediger in Harburg und einige Jahre zweiter Pastor in Peine gewesen war, zum Geistlichen des Evangelischen Vereins als Nachfolger Freytags berufen, griff diese Arbeit frisch und fröhlich an, starb aber schon nach einem halben Jahr an der Diphteritis, die er sich auf einer Berufsreise zugezogen. Seine Witwe ließ ihm die Stelle Apostelgeschichte 8, 39: Er zog aber seine Straße fröhlich auf den Grabstein setzen.

Am nächsten schloss ich mich Ehrenfeuchter und Wagner an, die auch beide trotz ihrer Verschiedenheit gut miteinander konnten. Fast immer machten wir drei unsere Spaziergänge gemeinsam. Mit Ehrenfeuchter kam ich außerdem schon deshalb viel zusammen, weil er mein Zimmernachbar war. Unser Zusammenhalten wurde auch von den andern bald bemerkt. Als ich einst allein im Sündern spazieren ging, fragten einige, die mir begegneten: Wo haben Sie denn die beiden andern? Ich fragte: Welche beiden andern? Antwort: Ihre beiden andern Blätter. Ich erfuhr so, dass man uns drei das Kleeblatt titulierte.

Im Herbst traten dann Kuhlgatz und Schwietering ein. Kuhlgatz, mir schon von Göttingen her bekannt, machte durch seine blumenreichen, zuweilen in Reimen disponierten Predigten, deren Wirkung noch durch sein weiches, sympathisches Organ unterstützt wurde, bei allen Weiblein in Loccum Furore. Regelmäßig erbaten sie sich von ihm, wenn er gepredigt hatte, hinterher sein Konzept. Frau Pastor Steinmetz erzählte mir einmal lachend, wie eine von den alten Tanten sich gleichsam bei ihr entschuldigt, dass sie so gern bei Kuhlgatz zur Kirche ginge, es könntens doch nicht alle so gut wie er. Natürlich hatte Frau Pastor gemerkt, wer mit denen gemeint sei, die es nicht gut konnten. Für uns war Kuhlgatz ein liebenswürdiger Kamerad. Manchmal störte freilich eine krankhafte Empfindlichkeit, in der sich wohl die Wiederkehr seines Leidens ankündigte. In der Theologie arbeitete er nicht. Gewöhnlich fand man ihn in seinem Zimmer mit einem Bande von Schiller oder Shakespeare in der Hand - Schöne Wissenschaften!, sagte Wagner schmunzelnd, wenn er ihn so traf - oder mit dem Geigenspiel. Der Geigenfriedrich wurde er in der Folge von uns genannt.

Schwietering aus Osnabrück hatte ich früher schon in Leipzig und Göttingen gesehen, ohne ihm näher getreten zu sein. Er war Wingolfit, ein langer Mensch mit eckigen Bewegungen. Er hatte ein tüchtiges Wissen und galt als die Säule der Orthodoxie unter uns. Als Bücher aus dem Nachlass des Superintendenten Meyer aus Alfeld bei uns zum Kauf angeboten wurden, wählte er RudelbachsAndreas Gottlob Rudelbach (1792-1862) war ein deutsch-dänischer lutherischer Theologe. Er gilt als bedeutende Gestalt für die Formierung des Neuluthertums im 19. Jahrhundert.Siehe Wikipedia.org [34] Reformation, Luthertum und Union. Ich sagte zu ihm: Sie müssten eigentlich Rudelbach heißen. Das schlug ein, und fortan führte er den Spitznamen Rudelbach. Da er sein Wissen etwas vorlaut und aufdringlich auskramte, fiel er uns anfangs, zumal er auch ein ziemlich betäubendes Organ hatte, etwas auf die Nerven. Wir fühlten, dass wir ihn nicht ganz links liegen lassen dürften. Aber es war uns ein Angehen, mit ihm zu verkehren. Verschiedene unter uns verabredeten sich, dass sie wechselnd mit ihm spazieren gehen sollten, und es wurde dann gefragt: Wer will heute Askese treiben? Wer sich drücken konnte, tat es, und so stand der arme Mensch bald doch wieder allein. Da war es Seebohm, der uns eines Abends, als wir andern gemütlich beieinander saßen, ins Gewissen redete, wir müssen uns überwinden. Sollen seine Ecken abgeschliffen werden, so kann es nur geschehen, wenn wir uns um ihn Mühe geben. Das nahmen wir uns denn ehrlich vor und fanden im näheren Umgang, dass er doch ein ganz handlicher Mensch wäre. Jedenfalls war er eine aufrichtige Seele und hatte auch wohl von unserer anfänglichen Zurückhaltung seine Lehre gezogen.

Ostern 1876 kamen Graff und Ziegeler hinzu, nur zwei für die drei abgehenden, der Kandidatenmangel machte sich auch im Hospiz geltend. Graff hatte zwei ein halb Jahr eine Hauslehrerstelle in Paris innegehabt und wurde deshalb der Graf von Paris genannt. An Leichtigkeit des Tons im Verkehr ähnelte er Böttcher. Nur hatte er nicht dessen Harmlosigkeit in der Hinnahme von Neckereien. Vielmehr neckte er selber gern und bewies darin manchmal eine verblüffende Schlagfertigkeit. Doch verletzten seine Neckereien niemals, besonders, weil er sich gern selbst ironisierte. Es gelang ihm auch, sich die Gunst des Priors zu erwerben, der ihn, als Redepenning das Kloster verließ, zu dessen Nachfolger vorschlagen wollte. Der Tod des Abtes verhinderte es.

Allgemein beliebt war auch Ziegeler. Klein von Gestalt, aber mit einem durch Leibesübungen gestählten Körper, war er auch ein scharfsinniger Kopf und dabei voller Humor. Besonders besaß er eine große Leichtigkeit, im Kneipzeitungsstil zu reimen. Ich erzählte gelegentlich von dem Winterfest der Arionen in Leipzig, das ich einmal mitgemacht und der Wirkung des auf die Melodie des Kutsche-Polkas in Reime gebrachten Personalverzeichnisses der Leipziger Universität, und meinte, man solle es doch auch einmal versuchen, die Angehörigen des Klosters so in Reime zu bringen. Ziegeler griff den Gedanken sofort auf und überraschte uns kurz darauf mit einer höchst gelungenen Versifikation, die auch noch die Heiterkeit nachfolgender Generationen erregte und selbst in der von Rothart, dem nachmaligen Loccumer Stiftsprediger, verfassten hannoverschen Biographie Erwähnung fand.

Wie sehr wir uns als Gemeinschaft fühlten, geht unter anderem daraus hervor, dass wir schließlich - seit Ostern 1876 - alle auf dem Du-Fuß miteinander standen. Der freundschaftliche Verkehr hat es freilich an seinem Teil auch verschuldet, dass wir, soweit es die laufenden Arbeiten nicht erforderten, wenig zu einem zusammenhängenden Studieren kamen. Ich nahm mir im ersten Halbjahr TertullianQuintus Septimius Florens Tertullianus oder kurz Tertullian (etwa 150-220) war ein früher christlicher Schriftsteller.Siehe Wikipedia.org [35] vor. Hernach, als das zweite Examen in Sicht kam, legte ich ihn beiseite, und in der letzten Zeit beschäftigten mich Luthers und Calvins Schriften über das Abendmahl. Auch habe ich zeitweilig mit Ehrenfeuchter Hebräisch gelesen. Sonst gab es der Ablenkung so viel, dass man zu gründlichem Arbeiten nicht kam.

Im Sommer pflegten wir gleich nach Tisch auf die Kegelbahn zu geben, die wir im Paradiese hatten. Gewöhnlich bildeten wir zwei Parteien. Ich zeichnete mich nicht gerade durch gutes Kegelschieben aus, half aber meiner Partei dadurch öfter zum Siege, dass ich, wenn die Gegenpartei am Schieben war, allerlei lustige Schwänke erzählte, dadurch die andern zum Lachen und infolgedessen zum Pudeln brachte. Ich wurde schließlich durch meine Döneken (berühmt) berüchtigt und ein Gegenstand der Legendenbildung.

Nun, das Kegeln nach Tisch war am Ende Verdauung bildend und kam so auch der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit zu gut. Weniger dies, dass jeder, der am Vormittag etwas geleistet, die Montagsbetstunde gehalten oder eine Unterrichtsstunde gegeben hatte, sich berechtigt hielt, am Nachmittag zu feiern, d.h. irgend einen Bummel zu machen, wozu er sich natürlich allemal Gefährten suchte und auch fand. So war ein beliebter Ausflugsort Bad Rehburg. Gingen wir im Sommer dahin, so ließen wir unser Bewusstsein zu Hause und setzten uns Hüte auf, um bei den Badegästen nicht zu sehr aufzufallen. Sonst gehörte zu unserer Tracht das Bewusstsein, durch das wir in der ganzen Gegend als Loccumer Hospites bekannt waren, als Klosterherren, wie der volkstümliche Ausdruck lautete. Pastor Nöldeke in Wiedensahl, der mit Schuster entfernt verwandt war, hatte einst einen Knecht an ihn mit einer Botschaft geschickt. Als derselbe unterwegs war, kamen ihm plötzlich Bedenken, ob derselbe, da er ziemlich dösig war, auch an den richtigen Ort gehen würde, und fragte ihn daher bei seiner Rückkehr, ob er auch wirklich in Loccum gewesen wäre. Der antwortete, ja, es wären ihm säben swarte Papen begegnet. daran hätte er gemerkt, dass er in Loccum wäre. Ein anderer beliebter Ausflugsort war die Försterei Berghol im Rehburger Berge. Nach dem Abendessen luden wir uns wohl gegenseitig auf unsere Zimmer zu einem Glase Bier. Der Einladende gebrauchte dabei traditionell die Formel: Meine Salons sind heute geöffnet, die er beim Aufstehen vom Abendessen sagte. Einige setzten sich bei dieser Gelegenheit auch wohl zum Schachspiel zusammen, oder wir lasen mit verteilten Rollen. Beim Auseinandergehen verabschiedete man sich von dem Gastgeber stets mit den Worten: Dieser Abend wird mir ewig unvergesslich sein.


[33] Eigenbrötler
[34] Andreas Gottlob Rudelbach (1792-1862) war ein deutsch-dänischer lutherischer Theologe. Er gilt als bedeutende Gestalt für die Formierung des Neuluthertums im 19. Jahrhundert.
[35] Quintus Septimius Florens Tertullianus oder kurz Tertullian (etwa 150-220) war ein früher christlicher Schriftsteller.