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Hannover, 1877-1880 — Neubesetzung der Hofpredigerstelle

Teil 8 - Hannover, 1877-1880
Kapitel 14
Neubesetzung der Hofpredigerstelle

Uhlhorns Wahl zum Abt stellte auch mich vor eine Entscheidung. Denn die Hofpredigerstelle musste er infolgedessen abgeben, und sein Nachfolger würde einen Kollaborator voraussichtlich nicht nötig haben. Als ich nach einigen Tagen zur förmlichen Gratulation zu Uhlhorns ging, sprach er mit mir über meine Zukunft. Er meinte, ich hätte gewiss den Wunsch, noch einige Zeit im Friederikenstift zu bleiben. Auch das Friederikenstift wünschte, wie ihm scheine, mich noch zu behalten. Es käme also darauf an, etwas anderes für mich zu finden. Zwei nahe liegende Möglichleiten sah er, entweder, dass ich Kollaborator ministerii würde, oder dass ich Büttner im Henriettenstift hülfe. Beides sei längst als eine Notwendigkeit erkannt. Mir wäre das Zweite entschieden lieber gewesen, da ich hier nicht vielen Herren zu dienen hatte, da die Arbeit der im Friederikenstift ähnlicher war und da die Aussicht, an Büttners Seite zu arbeiten, ohnehin etwas verlockendes für mich hatte. Ich habe auch Büttner wiederholt vertreten, nicht nur in Predigten, sondern auch im Halten von Bibelstunden und im Besuchen von Kranken. In der Folgezeit erwies sich aber die Frage, was aus mir werden sollte, wenn Uhlhorn die Hofpredigerstelle niederlege, als gegenstandslos. Denn er behielt die Stelle noch volle dritthalb Jahre, nachdem er Abt geworden war, weil man in Berlin sich über einen Nachfolger nicht schlüssig werden konnte. So hatte seine Abtswahl zunächst nur die Folge für mich, dass ich mehr Arbeit an der Schlosskirche zugewiesen erhielt, aber auch dafür in meinem Einkommen erhöht wurde. Uhlhorn verschaffte mir statt dessen, was ich bisher aus seiner Tasche erhalten, die bis dahin von ihm bezogene Hälfte des Gehalts der zweiten Hofpredigerstelle. Außerdem fielen mir die Gebühren der von mir verrichteten Amtshandlungen zu. Bedeutend waren dieselben allerdings nicht.

Wenig weise war das lange Zögern mit der Besetzung der Schlosspredigerstelle. Wenig weise die Besetzung, zu der man sich schließlich entschloss. Im Sommer 1880, als Uhlhorn gerade in Loccum war, las ich eines Tages in der Zeitung, der Konsistorialrat Lange aus Breslau sei zum ersten Hof- und Schlossprediger ernannt. Als Uhlhorn kurz darauf zurückkam, bat ich ihn um Urlaub, um zu meinen Eltern zu reisen. Als ich die Sonntage angab, über die ich fort sein wollte, sagte er mir: Meinetwegen können Sie auch noch einen Sonntag länger wegbleiben. Denn dann predigt hier der Konsistorialrat Lange. Ich fragte: Ist es also gewiss? Dass er hier predigt, antwortete er mir, mehr weiß ich nicht. Ich wollte ihn natürlich hören und richtete mich so ein, dass ich an dem betreffenden Sonntag wieder da war. Lange hob an: Durch Gottes wunderbare Fügung stehe ich hier zum ersten Mal auf dieser Kanzel, auf der euch Gottes Wort bisher so reich verkündigt worden ist. Dann predigte er über das Sonntagsevangelium (vom Jüngling zu Nain) warm, aber herzlich unbedeutend. Ich sagte mir, dass, ganz abgesehen von Uhlhorn, es einfach nicht denkbar wäre, dass Männer wie Büttner, Gelpke oder Greve solch eine dürftige Predigt halten würden. Und ich urteilte nicht allein so. Den Seminardirektor Maraun hörte ich sagen: Ja, was ich von einem guten Seminaristen verlange, das gab er auch ungefähr, aber mehr auch nicht. Noch schneidender lautete ein Wort, das Konsistorialrat Polchau, der Justiziar des Stifts, aus Niemanns Munde berichtete. Er war aus der Kirche hinter diesem hergekommen und hatte ihn, da Lange am Ende der Sätze seine Stimme sinken ließ, was die Verständlichkeit beeinträchtigte, gefragt: Haben Sie alles verstanden? O ja, antwortete Niemann, verstanden habe ich alles, aber ich habe nichts gehört, er hat ja nichts gesagt. Dass man einen Mann, der nicht mehr bot, von so weit her auf die Kanzel Uhlhorns berief, während es doch in nächster Nähe nicht an Männern fehlte, die mehr hätten bieten können, musste begreiflicherweise Missstimmung erregen. Und war Lange wie ein deus ex machinalat. Gott aus der (Theater-)Maschine bezeichnet ursprünglich das Auftauchen einer Gottheit mit Hilfe einer Bühnenmaschinerie. Heute gilt der Ausdruck auch als eine sprichwörtlich-dramaturgische Bezeichnung für jede durch plötzliche, unmotiviert eintretende Ereignisse oder Personen bewirkte Lösung eines Konflikts.Siehe Wikipedia.org [54] auf der Bildfläche erschienen, so verschwand er auch ebenso wieder. Woche um Woche verging, ohne dass man etwas von ihm hörte. Endlich im Dezember, als ich bereits für Moisburg ernannt war, las ich in der Zeitung, dass Seine Majestät den Konsistorialrat Lange zu Breslau zum ersten Hof- und Schlossprediger in Hannover und zugleich zum Mitgliede des dortigen Konsistoriums und Superintendenten der Inspektion Hannover ernannt habe. Ich machte an dem Tage Abschiedsbesuch bei Düsterdiek und fragte ihn, ob das der Fall sei. Das kann genug sein, antwortete er lakonisch. Also in der Zeitung stand es, aber die zuständige Kirchenbehörde wusste nichts davon. So wurde damals das Landes-Konsistorium behandelt!

Auch für mich selbst war die lange Ungewissheit über die Wiederbesetzung der Schlosspredigerstelle schließlich peinlich geworden. Es war ja durchaus verständlich, dass Fräulein Lichtenberg, die nach der Trennung der Stelle des Gefängnisgeistlichen von der des Hausgeistlichen am Friederikenstift schon die Ungewissheit über die Wiederbesetzung der letzteren Stelle durchgemacht hatte, - sie nannte die Zeit zwischen dem Abgang Müllers und meinem Antritt die kaiserlose, die schreckliche Zeit - jetzt nicht wieder vis à vis du rienwörtlich: dem Nichts gegenüber. Gemeint ist vor dem Nichts. [55] gesetzt werden wollte und also, als sie riskieren musste, dass ich den ersten besten Tag fortgenommen wurde, beizeiten auf Gewinnung eines Nachfolgers bedacht nahm. War ihr damals die Freundschaft mit Uhlhorn zugutegekommen, so setzte sie sich nun mit ihrem Bruder in Verbindung, und da kam es ihr zugute, dass derselbe zugleich Vorsitzender des Evangelischen Vereins war. Eines Abends erhielt ich plötzlich Besuch. Fräulein Lichtenberg kam mit Pastor Freytag und seiner Frau auf mein Zimmer und zeigte ihm meine ganze Wohnung. Tags darauf traf mich Freytag wieder, fragte mich, ich hätte mich wohl gewundert über seinen Besuch und teilte mir im Vertrauen mit, dass er beabsichtige, mein Nachfolger zu werden. Er hätte sich aus seiner zentrifugalen und zersplitternden Tätigkeit längst nach einem festen Mittelpunkt gesehnt und hoffe, ihn im Friederikenstift zu finden. Büttner meinte freilich, als er mit mir auf die Sache zu sprechen kam: Mein Freund Freytag kommt mir vor wie Bismarck, der klagt über seine überbelastung, und dabei übernimmt er noch das Ministerium des Innern. Freytag klagt, dass ihm die Arbeit im Evangelischen Verein zu viel würde, und übernimmt das Friederikenstift. Fräulein Lichtenberg war es daher sehr angenehm, dass sich mir etwa gleichzeitig Aussicht auf eine Pfarrstelle bot. Brauer war Spezialvikar der ihm benachbarten erledigten Pfarre zu Wassel, hätte mich gern zu seinem Nachbar gehabt und hatte auch den Kirchenvorstand auf mich aufmerksam gemacht, da derselbe zu dem einzigen Geistlichen, der sich bis dahin auf diese Stelle gemeldet, kein rechtes Vertrauen hatte. Er bat mich also, mich zu melden, der Kirchenvorstand wünschte mich zu wählen. Mich hätte die Nachbarschaft Brauers und so manches anderen tüchtigen Geistlichen in der Nähe auch gelockt. Andererseits aber konnte ich keine rechte Freudigkeit finden, da die Gemeinde - 300 Seelen - gar zu klein war, auch die Einnahme, da eine Emeritenabgabe zu leisten war und die Gemeinde auch nach Ablauf des fünften Dienstjahres sich nicht zur Aufbesserung auf 2400 M. verstehen wollte, sehr gering. Nun kam aber außerdem eine Aufforderung des Superintendenturverwesers. Auch einer der Nachbargeistlichen, der mich zufällig auf der Straße traf, forderte mich auf. So meinte ich, die Sache doch nicht gänzlich von der Hand weisen zu sollen, fragte also Uhlhorn um Rat. Der antwortete mir, wie er schon wiederholt bei ähnlichen Aufforderungen getan, es sei für ihn schwer raten, da er persönlich beteiligt sei. Persönlich habe er den Wunsch, dass ich bei ihm bliebe, bis er einen Nachfolger an der Schlosskirche erhalten habe, damit er sich nicht noch mit einem andern einrichten müsse. Aber eben deshalb wolle er mir nicht abraten, wiewohl er auch fände, dass ich wohl noch eine bessere Stelle bekommen könne, ich solle die Leute bescheiden, sie möchten mich wählen, meine Entschließung würde ich mir vorbehalten. Das tat ich nun, und die Leute taten mir den Gefallen, mich nicht zu wählen, teils, weil sie verschnupft waren, dass ich mich nicht hatte melden wollen, teils, weil Brauer es in der letzten Zeit mit einer Predigt bei ihnen verschüttet hatte. Wem dieser Ausgang der Angelegenheit nicht recht war, das war Fräulein Lichtenberg. Freytag hatte, da man auf meinen Abgang spätestens zu Michaelis 1880 rechnete, seine Wohnung bereits gekündigt, und so kam sie nun in die Verlegenheit, vom 1. Oktober an statt keines Pastors, wie sie gefürchtet hatte, zwei Pastoren beherbergen zu müssen. Es kam ordentlich zu einer kleinen Verstimmung zwischen ihr und mir. Mir war die ganze Sache natürlich sehr peinlich. Da ich aber nicht jede beliebige Stelle annehmen wollte, drängte ich natürlich auch nicht beim Konsistorium, sondern wollte warten, bis sich etwas Annehmbares für mich fände.

Am meisten wurde durch dies Hangen und Bangen mein Vater aufgeregt. Da er über die rechtliche Stellung eines Kollaborators in der hannoverschen Landeskirche nicht im Klaren war, wartete er schon seit längerer Zeit mit einiger Ungeduld darauf, dass ich eine eigene Pfarrstelle erhielte. Schon bei einem Besuch in Stettin im Spätsommer 1879, wohin die Eltern im Sommer zuvor übergesiedelt waren, hatte er mir eine Art Ultimatum gestellt und war gar nicht zufrieden, dass ich mich den darauffolgenden Winter nicht fortwährend um Stellen bewarb - ich hatte bei meiner damaligen starken Belastung mit Arbeit beim besten Willen keine Zeit und Muße dazu. Als nun vollends die Möglichkeit sich ihm darstellte, dass ich eines Tages vis à vis du rien stehen würde, konnte er seine Unzufriedenheit nicht mehr meistern, dass ich nach Hannover gegangen wäre, und machte seinem Unmut in allen Tonarten Luft.

Hinzu kam, dass die Generalsynode von 1879 eine Schwenkung der preußischen Kirchenpolitik nach rechts zeigte. War auf der Generalsynode von 1875 die Mittelpartei (damals Passagefraktion genannt) ausschlaggebend gewesen, so dominierte 1879 die den Konfessionellen inzwischen stark genäherte Partei der positiven Union. So konnte Vater auch die inneren Gründe, die mich seinerzeit bewogen hatten, in die hannoversche Landeskirche zu gehen, nicht mehr anerkennen.


[54] lat. Gott aus der (Theater-)Maschine bezeichnet ursprünglich das Auftauchen einer Gottheit mit Hilfe einer Bühnenmaschinerie. Heute gilt der Ausdruck auch als eine sprichwörtlich-dramaturgische Bezeichnung für jede durch plötzliche, unmotiviert eintretende Ereignisse oder Personen bewirkte Lösung eines Konflikts.
[55] wörtlich: dem Nichts gegenüber. Gemeint ist vor dem Nichts.