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Hannover, 1877-1880 — Einweihung des Neubaus

Teil 8 - Hannover, 1877-1880
Kapitel 6
Einweihung des Neubaus

Im Sommer 1877 beschäftigte besonders der Neubau des Stifts die Gedanken. Der Oberpräsident hatte eine Hauskollekte bewilligt, die, die erste ihrer Art in der Provinz, einen recht erfreulichen Ertrag geliefert hatte. Nur für Ostfriesland stand sie noch aus. Da musste denn ein Aufruf verfasst, Adressen mussten geschrieben, Kollektanten mussten bestellt werden. Der Erfolg war auch hier gut. Von manchen Geistlichen und in manchen Gemeinden wurden unsere Kollektanten mit geradezu rührender Freundlichkeit aufgenommen. Manche, besonders unter den Reformierten, zeigten sich freilich auch spröde. Manche schrieben uns Briefe von geradezu klassischer Grobheit, die erheiternd wirkten. Auch die auf Abbruch verkauften alten Gebäude lieferten noch erkleckliche Summen. Abteilungsweise wurden die Kranken aus den alten in die neuen Räume übergeführt. Mit zuletzt zog ich in die neue Wohnung um, die für eine Familie hergerichtet war, von der ich aber natürlich nur zwei Zimmer, Wohn- und Schlafzimmer, benutzte. Als der Betsaal abgebrochen war, wurde der Gottesdienst provisorisch in einem Krankenzimmer, das vor der Hand leer stand, da der Bau auf Zuwachs berechnet war, gehalten. Ich ließ zum Beginn des ersten Gottesdienstes in demselben singen: Wir dürfen keinen Zweifel tragen, als wär allhier nicht Gottes Haus. Wo wir nach seinem Worte fragen, da macht er eine Kirche draus, sie sei nun zahlreich oder klein, so muss sie ihm doch heilig sein.

An der Kapelle wurde zuletzt Tag und Nacht gearbeitet, damit das Haus am 11. Oktober, dem Geburtstag Ida Arenholds, eingeweiht werden könnte. Das Ziel wurde denn auch erreicht. Zuletzt drohte der Einweihungsfeier noch eine Störung durch das geistliche Ministerium, in dessen Bezirk das Stift lag und das schon immer mit einer gewissen Eifersucht die Gottesdienste in demselben beobachtet hatte, obgleich dieselben rein häuslicher Natur waren und höchstens je und dann Freunde des Hauses oder einzelner Glieder daran teilnahmen. Es wurde erwogen, wer die Einweihung vornehmen sollte. Am nächsten hätte es ja gelegen, den Senior ministeriiLudwig Flügge war Senior des Geistlichen Stadtministeriums in Hannover. Siehe Teil 7 (Loccum), Kap. 1Siehe Wikipedia.org [15] Flügge darum zu bitten. Aber gegen ihn, der wegen seiner sentimentalen Salbaderei in der ganzen Stadt bekannt war, bestand eine entschiedene Abneigung. Die Vorsteherinnen hätten ja am liebsten Uhlhorn gehabt, scheuten sich aber eben wegen der Eifersucht des Ministeriums, ihn zu nehmen. So wurde denn die Auskunft getroffen, den ältesten erreichbaren der früheren Stiftsgeistlichen, Superintendent Wolter in Hoya, darum zu bitten. Als ich nun im Auftrag des Stifts bei Senior Flügge war, um durch ihn das Ministerium zur Feier einzuladen, machte derselbe schon ein ziemlich sauersüßes Gesicht, als er erfuhr, dass Wolter die Weihrede halten sollte und er mir erwiderte, eigentlich sei ja hier das geistliche Ministerium kompetent, indessen unter den obwaltenden Umständen sei es begreiflich, dass wir Wolter darum ersucht hatten. Einige Tage darauf kam aber Fräulein Lichtenberg ganz aufgeregt nach der Abendandacht zu mir, ein Schreiben des geistlichen Ministeriums in der Hand, in dem anheimgegeben wurde, für die Einweihung der Kapelle durch Superintendent Wolter die Erlaubnis des Ministeriums nachzusuchen, da dies allein hier zuständig sei, und fragte, was wir darauf tun könnten. Ich sah mir das Schriftstück an und antwortete nach einiger überlegung: Wir brauchen uns das gar nicht gefallen zu lassen, es handelt sich hier gar nicht um Einweihung der Kapelle, sondern um Einweihung unseres Hauses, die eben in dem dazu geeignetsten Raum, der Stätte unserer häuslichen Andachten, vorgenommen wird, wir können hier einfach Hausrecht gebrauchen. Das leuchtete Fräulein Lichtenberg ein. Der Sicherheit wegen lief ich aber am folgenden Morgen gleich zu Uhlhorn, um mir Rat zu holen, zeigte ihm das Schreiben und fragte: Brauchen wir uns das gefallen zu lassen? Uhlhorn sah sich's an und sagte: Nein, das brauchen Sie gar nicht. Ich rate Ihnen aber, um sicher zu gehen, einen Juristen zu fragen. Gehen Sie zu Grisebach. Ich lief also hinüber zu Konsistorialrat Grisebach, der glücklicherweise nicht zu weit ab wohnte, und trug ihm den Fall vor. Grisebach fragte: Sie wollen also ihr Haus weihen? Das ist ja sozusagen eine Familienfeier. Da können Sie einen Baptisten oder Türken oder Amerikaner oder wen Sie sonst wollen, dazu kommen lassen, hat Ihnen kein Mensch dreinzureden. Da Sie aber darauf angewiesen sind, mit dem Ministerium gut zu stehen - die beiden wohlhabendsten Gemeinden, die der Markt- und der Aegidienkirche hatten, uns je 300 M für den Bau bewilligt - so rate ich Ihnen, ihre Ablehnung in möglichst verbindlicher Form abzufassen. Von Hausrecht reden Sie lieber nicht. Er erbot sich dann noch, meine Antwort einer Durchsicht zu unterwerfen, um jeden etwaigen Anstoß zu beseitigen. Fräulein Lichtenberg war höchst befriedigt und belustigt von diesem Bescheide, und ich fasste eine Antwort ab, die Grisebach, als ich sie ihm vorlegte, billigte und noch mit einem kulanten Beschluss versah. So schickte ich die Antwort ab und erhielt umgehend eine Antwort vom Ministerium, dass es sich die Erklärung zur Nachricht dienen lasse, dass es sich hier nicht um Weihung eines Gotteshauses, sondern lediglich um eine Hausweihe in dem zu häuslicher Erbauung dienenden Raum handle. Wie ich hinterher erfuhr, war eben die Besorgnis, es möchte hier im Bereich des Ministeriums ein Nebengottesdienst eingerichtet werden, der die ohnehin leere Neustädter Kirche noch mehr leeren könne, maßgebend gewesen.

So konnte denn die Feier in den Nachmittagsstunden des 11. Oktobers stattfinden. Gäste von nah und fern kamen z. T. schon in den Tagen vorher an. Sämtliche frühere Hausgeistliche natürlich, außer Mylius, waren erschienen: Superintendent Wolter mit Frau, Pastor Jacobi aus Trebel mit Frau, Pastor Beer aus Heiligenrode, der Spiegelfechter genannt wegen seines Konflikts, den er als Kollaborator in Osnabrück mit dem dortigen Pastor Spiegel gehabt, und mein unmittelbarer Vorgänger Pastor Müller aus Groß-Heere, den ich schon bei der letzten Pfingstkonferenz, zu der er als Gast des Stifts gekommen war, kennen gelernt hatte. Schon das Beisammensein mit diesen prächtigen Leuten war erquicklich. Eine besondere Freude war mir's, dass ich die Erlaubnis bekommen hatte, auch Steinmetz aus Loccum mit seiner Frau ein zuladen und sie dieser Einladung gefolgt waren. Müller, der in der Zeit vor Steinmetz durch Loccum gegangen war, drückte mir noch seine Freude aus über das Verhältnis der Luccenser zu ihrem Stiftsprediger, in das er hier Einblick getan. Sie hätten ihrer Zeit an ihrem Stiftsprediger nicht so viel gehabt.

Das Wetter am Einweihungstage war keineswegs einladend. Trotzdem strömten die Teilnehmer zur Stunde der Feier herbei und füllten nicht allein die Kapelle in alle Winkel, sondern auch die Korridore in beiden Etagen, soweit sie Zugang zur Kapelle hatten - Büttner sehe ich noch in einer Fensteröffnung von dem Korridor des zweiten Stockwerks stehen - und die Treppen. Der Oberpräsident Graf EulenburgBotho Graf zu Eulenburg (1831-1912) war ab 1873 Oberpräsident der Provinz Hannover. Später wurde er preußischer Ministerpräsident und Innenminister.Siehe Wikipedia.org [16], der Stadtdirektor Rasch, der Konsistorialdirektor BödekerHermann Wilhelm Bödeker (1799-1875) war ein evangelischer Pastor in Hannover, der vor allem durch seine gemeinnützige Arbeit bekannt wurde.Siehe Wikipedia.org [17] hatten Ehrenplätze. Exzellenz LichtenbergCarl Lichtenberg (1816-1883) war Landes- und Kirchenpolitiker. Von 1866 bis 1883 war er Präsident des Landeskonsistoriums der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers.Siehe Wikipedia.org [18] fehlte schon als Bruder der Vorsteherin nicht. Die Feier begann mit dem Gesang des Liedes Nun danket alle Gott. Pastor Jacobi begleitete auf dem Harmonium. Dann kam die Weiherede von Superintendent Wolter über das Wort des Auferstandenen: Friede sei mit euch, abgeschlossen mit dem Weihegebet. Nach dem Gesang: Bis hierher hat mich Gott gebracht erstattete ich den Bericht im Anschluss an Psalm 127, 1aWenn nicht der HERR das Haus baut, mühen sich umsonst, die daran bauen. [19], worüber schon bei der Weihe des alten Hauses gesprochen worden war, und schloss mit Gebet und Segen, worauf zum Schluss noch Ach, bleib mit deiner Gnade gesungen wurde. Uhlhorn, der verhindert war, rechtzeitig zu kommen, kam erst, als die Feier, die wenig über eine Stunde dauerte, zu Ende war, sprach aber seine Freude aus über den schönen und würdigen Bau der Kapelle. Des Baumeisters, des trefflichen Architekten Wegner, der ein wirklicher Freund des Stifts geworden war, hatte ich natürlich in meinem Bericht gebührend Erwähnung getan. Nach der gottesdienstlichen Feier wogte es noch eine ganze Weile in den Korridoren und durch die Krankenzimmer von Gästen, die das Haus besahen.

Am folgenden Tage hatten wir noch eine Nachfeier ganz eigener Art, nämlich die erste und bis auf diesen Tag wohl einzige Hochzeit, die im Stift gefeiert wurde. Einer der Lieferanten des Baues, der treffliche Tischlermeister Steffens, Kirchenvorsteher der Neustädter Gemeinde und Mitbesitzer des Vereinshauses, also ein wohl situierter, angesehener Mann, hatte die Gelegenheit wahrgenommen, sich ein eigenes Haus zu bauen und sich unsere Krankenpflegerin Luise Riechelmann zum Gesponsvon lat. sponsus Bräutigam, sponsa Braut [20] ersehen. Fräulein Lichtenberg machte mir die Mitteilung eines Morgens nach der Andacht. Ich meinte, ich müsste auf den Rücken fallen. Beide waren schon ziemlich gesetzten Alters, sie eine angehende Vierzigerin, er ein hoher Fünfziger, dabei bisher unbeweibt. Sie genierte sich nicht wenig, hatte auch, als sie Fräulein Lichtenberg die peinliche Mitteilung gemacht, zu ihr gesagt: Aber Herr Pastor darf es nicht wissen, so dass diese ihr geantwortet: Aber seien Sie doch kein Kind Luise, das ist ja keine Schande. Am Tage darauf erzählte sie mir, der glückliche Bräutigam sei zu ihr gekommen, ja, er hätte sich wohl eine andere nehmen können, man hätte ihm zu einer älteren geraten, aber - jedenfalls von Bräutigamsenthusiasmus wäre bei ihm wenig zu merken gewesen. Nun, Luise Riechelmann hatte erklärt, sie wolle im Stift und in Gegenwart ihrer Kranken getraut werden. So musste sich Meister Steffen wohl oder übel gedulden, bis nach der Einweihung zu warten, und die Hochzeit wurde auf den Tag nach derselben festgesetzt. Wegen des Dimissoriales machten mir die Herren Geistlichen von der Neustädter Kirche anfangs noch Schwierigkeiten. Pastor Jordan, der erste, zeigte mir eine Ministerialverordnung vor, wonach bei notwendig werdendem Dimissoriale eine Haustrauung, und eine Haustrauung sei dies, nicht zulässig wäre. Ich ging deshalb zum zweiten Geistlichen Pastor Hölty, dem jedenfalls ein Gefallen geschah, wenn ihm eine Amtshandlung abgenommen wurde, und der fertigte mir das Dimissoriale auch aus. So fand denn die Trauung in der Hauskapelle statt, und dem Brautpaar zunächst saßen auf dem Chor die Kranken, soweit sie überhaupt transportfähig waren. Zu meiner Traurede wählte ich wegen der Verbindung dieser Hochzeit mit dem Neubau des Hauses denselben Text wie zu meinem Bericht am vorangegangenen Tage. Die früheren Stiftsgeistlichen waren zur Trauung geblieben. Fräulein Lichtenberg hatte außer den nächsten Angehörigen der Braut verschiedene Freunde des Stifts zur Hochzeit geladen. Aber der Trauung wohnten auch zahlreiche andere, die durch das seltene Ereignis herbeigezogen waren, bei.

Sonstige Feiern fanden im Stift gelegentlich der Einführung von Gehilfinnen statt. Die als Gehilfinnen eintraten, mussten eine Probezeit durchmachen. Ungeeignete Elemente wurden während dieser Zeit entlassen. Den Probeschwestern, um sie so zu nennen, gab ich einige Unterrichtsstunden, die sich aber nur auf allgemeine Bildung bezogen, deutsche Sprachlehre, etwas Literatur, Aufsätze, weshalb sie auch nicht allen ohne Unterschied, sondern nur denen, die es bedurften, erteilt wurden. Wurde eine Gehilfin geeignet befunden, so wurde sie, nach etwa einem oder anderthalb Jahren, feierlich eingeführt. Die Abendandacht wurde, feierlicher gestaltet, nicht an dem dafür bestimmten Tisch, sondern vom Altar aus und im Ornat gehalten und auf die Einzuführende bezogen. Die Freunde des Stifts wurden dazu eingeladen und dieselben vereinigte dann ein Teeabend, der auch in der Kapelle, aber nachdem der Chor durch einen Vorhang verhüllt worden, gehalten wurde. Uhlhorn meinte, die Kapelle mit vorgezogenem Vorhang machte einen ganz andern Eindruck und erinnerte ihn an einen Rittersaal. ähnlich wurde in der Zeit, wo ich da war, das 25-jährige Jubiläum von Luise Hausmann gefeiert, das von Henriette Tiemann war schon kurz vor meiner Zeit gefeiert worden. An Geburtstagen wurde dem Geburtstagskinde vor seiner Tür Bis hierher hat mich Gott gebracht von den Mädchen gesungen.


[15] Ludwig Flügge war Senior des Geistlichen Stadtministeriums in Hannover. Siehe Teil 7 (Loccum), Kap. 1
[16] Botho Graf zu Eulenburg (1831-1912) war ab 1873 Oberpräsident der Provinz Hannover. Später wurde er preußischer Ministerpräsident und Innenminister.
[17] Hermann Wilhelm Bödeker (1799-1875) war ein evangelischer Pastor in Hannover, der vor allem durch seine gemeinnützige Arbeit bekannt wurde.
[18] Carl Lichtenberg (1816-1883) war Landes- und Kirchenpolitiker. Von 1866 bis 1883 war er Präsident des Landeskonsistoriums der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers.
[19] Wenn nicht der HERR das Haus baut, mühen sich umsonst, die daran bauen.
[20] von lat. sponsus Bräutigam, sponsa Braut