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Hannover, 1877-1880 — Der dornige Posten an der Schlosskirche

Teil 8 - Hannover, 1877-1880
Kapitel 8
Der dornige Posten an der Schlosskirche

„An der Schlosskirche wird es ein dorniger Posten für Sie werden“, hatte Steinmetz zu mir gesagt, und je mehr und mehr erfuhr ich die Wahrheit dieses Wortes. Nicht, als hätte ich nicht alle Ursache, auch für die mir hier zugewiesene Arbeit dankbar zu sein. Wie viel konnte man bei Uhlhorn lernen. Aber das Gefühl, dass man lernen müsse, dass man einen scharfen Kritiker stets zur Seite hatte, wurde man nicht los. Die Wochen, in denen Uhlhorn auf Urlaub war und ich also den Dienst an der Schlosskirche allein hatte, fühlte ich mich doch stets freier auf der Kanzel. Dazu kam, dass der Kirchenbesuch, wenn ich predigte, mit der Zeit schwächer wunde. In den ersten fünf Vierteljahren, wo ich in der Regel den dritten Sonntag zu predigen hatte, war das nicht so sehr zu merken. Ich hatte den Eindruck, dass es da den Leuten, die an die Schlosskirche gewöhnt waren, nicht lohnte, wegzubleiben und eine andere Kirche zu suchen, wenn ich predigte. Seit Uhlhorn Abt geworden war und mir jeden zweiten Sonntag abtrat, war doch der Unterschied im Kirchenbesuch sehr zu merken.

Wiederholt hat Uhlhorn meine Predigten kritisiert, meist recht scharf. Einige Mal ließ er sich mein Konzept geben und sprach dann mit mir über die Predigt. Einmal, etwa ein Jahr nach meinem Dienstantritt, fiel die Kritik ziemlich vernichtend aus. Ich hatte allerdings auch selbst schon das Gefühl, dass mir die Predigt vorbeigelungen wäre. Das praktische Ergebnis, auf das er hinaus wollte, dass ich nämlich an dem Tage, an dem ich in der Schlosskirche predigte, keine besondere im Stift hielte, sondern die Schlosskirchenpredigt einfach da wiederholte, weil er meinte, dass ich dadurch nicht Zeit genug für die Ausarbeitung jeder Predigt behielte, konnte ich ihm aus verschiedenen Gründen nicht stattgeben, die ich ihm entwickelte, nahm mir aber natürlich infolge der Unterredung vor, desto größeren Fleiß auf die Ausarbeitung meiner Predigten zu verwenden. Im Allgemeinen meinte er, das Beste an meinen Predigten sei die Einleitung, weil ich da geradeswegs auf mein Thema losginge. Der erste Teil ginge auch noch an, im weiteren Verlauf aber flösse die Predigt auseinander oder durcheinander. Er hatte gewiss recht darin. Im Verlauf der Ausarbeitung ermattete bei mir die gestaltende Kraft. Eine andere Ausstellung, die er an meinen Predigten machte, die ich damals nicht verstand, mir aber merkte und in ihrer Richtigkeit nach und nach erkannte, war die, dass meine Predigten zu sehr uno tenorein einem Zuge, ununterbrochen [22] weitergingen, ohne Gruppenbildung, ohne Verteilung von Licht und Schatten. Ich könnte sie jetzt den Malereien der Ägypter vergleichen, die bekanntlich im Malen weitergingen, so dass ihre Gestalten in langer Reihe hintereinander hergehen, ein Band oder eine Kette bilden, aber sich nicht gegeneinander abheben. Es waren HomilienHomilie, gr. homilein, vertraut miteinander umgehen, vertraut miteinander reden bedeutet so viel wie Gespräch, Rede, Unterricht.Siehe Wikipedia.org [23], die ich ausarbeitete, Vers für Vers erklärend, die ich dann unter eine überschrift brachte und bei denen ich zwei oder drei Abschnitte machte. Später wurden die Kritiken im Ganzen günstiger: Holz und Steine sind gut, aber der Aufbau ist mangelhaft. Besonders erkannte er die Textbenutzung an. Das war eine Frucht der Steinmetzschen Predigten und Predigtkritiken. In der letzten Besprechung, die ich mit ihm vor Abgang in eigenes Pfarramt hatte, meinte er nur, ich solle meinen Stoff beschränken, die Hälfte, ja, ein Drittel der Gedanken, die eine meiner Predigten hätte, genügten, die Hörer könnten das nicht alles aufnehmen, lieber solle ich meinen Stoff etwas breiter treten.

Meine Arbeit an der Schlosskirche war ja wesentlich Predigtarbeit. Doch musste ich Uhlhorn je und dann eine Beerdigung abnehmen. Seit er Abt geworden und jeden Sommer längere Zeit in Loccum zubrachte, kamen auch verschiedene Trauungen hinzu, und zwar Wolkentrauungen. So nannte Freund Brauer die Trauungen mit weißgewaschenen Brautjungfern nach den großen Schleppkleidern und Gazewolken, an denen man vorbeitreten musste, wenn man zum Altar ging, und unterschied hierbei Lämmerwolken, Sturmwolken und Gewitterwolken. Einmal, bei einer sehr feinen Trauung, war ich auch hinterher zum Diner geladen.

Auch Beichte musste ich verschiedentlich halten, da in der Schlosskirche regelmäßig an jedem ersten Sonntag im Monat Beichte und Abendmahl stattfand. Als Uhlhorn einmal auch im Winter auf etwas mehr als eine Woche nach Loccum ging, musste ich in der Zeit seine Konfirmanden übernehmen, eine nicht ganz leichte Aufgabe. Schon die äußere Arbeitsleistung war nicht gering. Jede Stunde erheischte eingehende Vorbereitung, und da Knaben und Mädchen nicht denselben Gegenstand hatten, denn die Mädchen waren weiter als die Knaben, jene schon beim zweiten, diese noch beim ersten Artikel, konnte ich mir dieselbe kein einziges Mal ersparen. Mehr ins Gewicht fiel aber noch die innere Anstrengung. Denn Uhlhorner Konfirmanden, wenigstens die Knaben, waren als die ungezogensten in der ganzen Stadt berüchtigt. Verschiedenes kam zusammen, so vor allen Dingen die Ungünstigkeit des Lokals, die lange, schmale Sakristei mit einem einzigen Fenster an der Schmalseite und drei langen Reihen von Stühlen, deren Ende der Unterrichtende nicht übersehen konnte. Dazu imponierte Uhlhorns Persönlichkeit zu wenig. Für das eminente Wissen und die glänzende Lehrgabe fehlte ihnen das Verständnis. Die kleine, gebückte Gestalt und das kurzsichtige Auge reizten dagegen den Übermut.

Als nun gar der Hilfsprediger eintrat, glaubten sie, ihr Mütchen kühlen zu können. Ich war selbstverständlich als erster am Platz und unterhielt mich zunächst mit den Herankommenden ganz nett, zuerst ihre Namen feststellend. Als nun aber die Zahl größer wurde - sie kamen aus verschiedenen Schulen und beeilten sich keineswegs auf ihren Wegen - und ich, wie Uhlhorn mir gesagt, einmal hinaus auf den Hof gegangen war, um zuzusehen, ob nicht auch draußen einige Unfug trieben, empfing mich bei meiner Rückkehr ein wahrer Höllenlärm. Als alle beisammen waren und ich mit Mühe Ruhe geschafft, konnte der Unterricht beginnen. Es gab ja rühmliche Ausnahmen, z. B. Roesener, den Uhlhorn mir gleich als seinen Besten bezeichnet hatte, jetzt Superintendent in Georgsmarienhütte. Aber die meisten suchten durch absichtlich törichte Antworten und auf andere Weise zu stören. Ich bemühte mich, möglichst meine Ruhe zu wahren, sagte nur gelegentlich: Wenn ihr nicht bei der Sache seid, dauert's so viel länger. Ich habe Zeit. (eine kleine Unwahrheit), wenn ihr so viel Zeit habt, meinetwegen. Einmal hörte ich, wie Roesener seinen Nachbarn zuflüsterte: Lasst das doch, dann dauert es wieder so lange. Einer, den mir Uhlhorn schon als einen bösen Buben bezeichnet hatte, benutzte einen Augenblick, wo ich von ihm wegsah, seinem Nachbarn eine Ohrfeige zu geben. Ich sah es aber doch und schickte ihn hinaus, ein gefährliches Experiment, wie ich mir hinterher selbst sagte. Ich hatte aber doch das Richtige getroffen, denn er blieb draußen ganz artig an der Tür stehen. Ganz allmählich rückten die Stühle an beiden Enden vor, so dass ich zuletzt in einem flachen Halbkreis stand, und als ich schloss, stürmte alles hinaus über die nun im Wege stehenden Stühle hinweg, die nun umgestürzt und wüst übereinander lagen. Als ich den Vorsteherinnen im Friederikenstift meine Nöte mit den Jungen klagte, sagte Fräulein Riefkohl: Passen Sie nur auf, wenn erst die Mädchen kommen. Während des Unterrichts werden sie sich schon bemühen, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, aber hinterher -! Ich antwortete: Mögen sie hinterher über mich herziehen, soviel sie wollen, wenn sie nur während des Unterrichts artig sind. Der Unterricht bei ihnen war denn auch eine wahre Erquickung. Was sie hinterher von mir gesagt haben, weiß ich nicht. Zu den damaligen Konfirmanden gehörte O. E. HartlebenOtto Erich Hartleben (1864-1905) war ein deutscher Schriftsteller.Siehe Wikipedia.org [24], von dem ich übrigens, weder im Guten noch im Schlimmen, besondere Erinnerungen habe.

übrigens hatte ich mich vorher schon unterrichtlich betätigt. Als Freund Wagner von der Christuskirche auf die eigene Pfarre (Bissendorf) versetzt worden war, musste ich bis zum Eintreffen des Nachfolgers seine Konfirmanden, die Knaben von der Schule am Engelbosteler Damm, übernehmen. Und gleich im ersten Winter musste ich von Michaelis bis Weihnachten im Lyzeum I (jetzt Ratsgymnasium) für einen beurlaubten Oberlehrer den Religionsunterricht in der Obertertia erteilen. Direktor des Gymnasiums war damals H. L. Ahrens, stellvertretender Ordinarius Polstorff, der bald darauf den Schuldienst quittierte und in die Redaktion des Kladderadatschs eintrat.

Ein spaßhaftes Vorkommnis hatte ich gegen Ende der Unterrichtszeit. Ich ging ins Konferenzzimmer, um die Zeugnisse zu schreiben. Während ich da saß, kam ein Gymnasiallehrer herein und musterte mich mit einem strengen Blick. Ich stand auf und nannte meinen Namen. Da sagte er: Ach, Sie sind wohl der Herr Pastor, der jetzt vertretungsweise hier unterrichtet. Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass ich Sie so scharf ansah. Sie sehen so furchtbar jung aus. Ich hielt Sie im ersten Augenblick offen gestanden für einen Schüler, der seine Zeugnisse nachsehen wollte.

Im Winter 1879/80 musste ich nun den Konfirmandenunterricht in der Schlosskirche überhaupt übernehmen. Uhlhorn teilte es mir eines Sonnabends mit, damit ich es am darauf folgenden Sonntag von der Kanzel abkündigte und zu etwaigen Anmeldungen aufforderte, die Arbeiten im Landeskonsistorium ließen es nicht zu, dass er den Konfirmandenunterricht noch einmal hielt. An den folgenden Tagen gingen nun zu den von mir angegebenen Stunden die Meldungen ein. Es fand sich nur ein kleines Häuflein zusammen, da die eigentliche Schlosskirchengemeinde nur klein und damals am Aussterben war, der große Kreis aber derer, die ihre Kinder von Uhlhorn konfirmiert haben wollten, natürlich nicht mehr in Betracht kamen. Es waren fünf Knaben und acht Mädchen, vornehmlich aus dem Herrenhäuser Schloss- und Gartenbezirk.

Ich musste sie aber doch gesondert unterrichten, und zwar je dreimal wöchentlich, da die Zeit, als ich den Unterricht anfing, schon ziemlich weit vorgeschritten war. Außerdem musste ich ein gelähmtes Mädchen aus dem Friederikenstift unterrichten. Ich hoffte, mit ihr schneller vorgehen und mich auf zwei Stunden wöchentlich beschränken zu können, da sie allein war, überzeugte mich aber bald, dass dann die einzelnen Stunden stofflich zu sehr belastet wurden und ich ihr, da sie, wiewohl willig und fleißig, doch etwas schwerfällig war, damit etwas zu viel zumutete. So musste ich denn in drei Abteilungen, wöchentlich neunmal, unterrichten. Der Unterricht selbst machte mir Freude. Da ich aber den ganzen Unterrichtsstoff durcharbeiten musste, war dieser Winter wohl für mich die arbeitsreichste Zeit, die ich erlebt habe. Es war mir aber, als ich die Arbeit absolviert hatte, auch zumute, als könnte ich nun eine Dogmatik schreiben, so hatte sich mir alles geklärt. Als die Passionszeit herankam, häufte sich die Arbeit natürlich ganz besonders. Ich hatte manchmal einen wahren Hunger nach theologischem Studium, das ich nicht unmittelbar praktisch verwerten müsste. Uhlhorn übernahm die Passionspredigten, die ich in den vergangenen Jahren gehalten, was für mich aber kaum eine Erleichterung bedeutete, da ich nun für das Friederikenstift besondere Passionspredigten ausarbeiten und halten musste, während ich in anderen Jahren die aus der Schlosskirche im Friederikenstift wiederholt hatte. Im Gegenteil. Während mir sonst Uhlhorn in der Passionszeit eine Sonntagspredigt, die auf mich gefallen wäre, abgenommen hatte, fiel diese Erleichterung diesmal für mich weg. Im Unterricht befolgte ich genau Uhlhorns Gang, der sich ein Diktat, das sich im Wesentlichen an den neuen Katechismus anlehnte, zusammengestellt hatte, das er jedes Mal zum Schluss der Stunde den Kindern diktierte. Die Konfirmation war Quasimodogeniti. In der Osterwoche hatte ich die Kinder jeden Tag zusammen, einmal um den Stoff zu erledigen, sodann auch, um sie innerlich zusammenzuhalten. Donnerstag war der allgemeine Prüfungstag in der ganzen Stadt. Bei dieser meiner ersten Konfirmandenprüfung ging mir's übrigens wie einstmals bei meiner ersten Predigt in Cöslin. Uhlhorn brauchte zur Prüfung seiner großen Schar immer über zwei Stunden, ich war bei meiner kleinen in kaum drei Viertelstunden fertig. Als nun der Schlussgesang angestimmt werden sollte, versagte die Orgel. Der Organist war weggegangen und hatte nicht auf so schnelle Beendigung der Prüfung gerechnet. So musste der Kantor ohne Orgel den Schlussgesang dirigieren. Nach einem meiner nächsten Ausgänge fand ich die Visitenkarte des Organisten in meinem Briefkasten. Es war mir sehr lieb, dass er mich verfehlt hatte, denn eine Aussprache wäre für beide Teile peinlich gewesen. Sonnabend war Beichte, vormittags für die Konfirmanden, und zwar, wie es auch Uhlhorn stets gehalten, Privatbeichte, nachmittags für die Angehörigen. Die Ausarbeitung der Konfirmationsrede bereitete mir noch große Nöte. Zum Text hatte ich die Worte aus der Sonntagsepistel 1. Johannes 5, 4+5Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Wer ist es aber, der die Welt überwindet, wenn nicht, der da glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist? [25] genommen. Der hatte mir von Anfang des Unterrichts festgestanden. Ich disponierte: I. der sieghafte Glaube, II. der Glaubenssieg. Der erste Teil war einigermaßen gegangen. Ich konnte ja auf das zurückgehen, was ich den Kindern bei Behandlung des zweiten Hauptstücks gesagt. Als ich aber zum zweiten Teil kam, fühlte ich, dass der Unterbau zu breit angelegt, der ganze Text überhaupt zu groß für die Kinder wäre. Schließlich griff ich einzelne Punkte, die dem Gesichtskreis der Kinder nahe lagen, heraus und zeigte an ihnen, wie ihnen hier der Glaube zum Siege verhelfen könne. Mitternacht war aber vorüber, als ich die Feder niederlegte, und nach drei Uhr morgens konnte ich mich erst zu Bett legen. Während des Gottesdienstes kam dann auch noch eine kleine Störung, die aber der übrigens sehr zahlreich versammelten Gemeinde kaum zum Bewusstsein gekommen sein mag. Unsere Konfirmandin aus dem Friederikenstift war so weit hergestellt, dass sie in einer Maschine gehen konnte. Als sie aber ihren Platz unter den Konfirmanden eingenommen hatte, platzte die Maschine. Ich musste sie deshalb, nachdem die andern zur Einsegnung am Altar niedergekniet hatten, an ihrem Platz einsegnen. Zum Altar bei der Austeilung des Heiligen Abendmahls führten sie Fräulein Lichtenberg und Luise Sturm. Sonst aber ging alles glatt. Von verschiedenen Seiten wurde mir bezeugt, wie erbaulich die Konfirmationshandlung gewesen. Auch Uhlhorn, bei dem ich wie auch in den andern Jahren am Konfirmationstage zu Tisch war, beglückwünschte mich, dass diese immerhin etwas komplizierte Handlung ohne Störung verlaufen sei.

Im Friederikenstift ließ ich mich abends vertreten, da ich faktisch zur Ausarbeitung einer Predigt für dasselbe nicht mehr hätte kommen können.


[22] in einem Zuge, ununterbrochen
[23] Homilie, (griech. ὁμιλεῖν homilein), vertraut miteinander umgehen, vertraut miteinander reden bedeutet so viel wie Gespräch, Rede, Unterricht.
[24] Otto Erich Hartleben (1864-1905) war ein deutscher Schriftsteller.
[25] Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Wer ist es aber, der die Welt überwindet, wenn nicht, der da glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist?