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Moisburg, 1880-1888 — Wissenschaftliches Arbeiten

Teil 9 - Moisburg, 1880-1888
Kapitel 10
Wissenschaftliches Arbeiten

Außer meiner Teilnahme an Missionsfesten, die mir ja Veranlassung gab, mich mit der Missionsgeschichte zu beschäftigen - ich habe die Warnecksche Missions-Zeitschrift regelmäßig gehalten und auch seine gelben Hefte, die besonders in den ersten Jahren ihres Erscheinens treffliches brachten, - habe ich selbstverständlich auch wissenschaftlich gearbeitet. Die Beschäftigung mit der Erbauungsliteratur, die durch meine Verlobung und Verheiratung eine Unterbrechung erfuhr, habe ich allerdings nicht wieder aufgenommen, da andere Dinge in den Vordergrund des Interesses traten. Auf der Landes-Synode 1881/82 war die Stellung zu der Theologie Ritschls die brennende Frage geworden. Gewichtige Stimmen hatten auf die Gefahren hingewiesen, die der Kirche von ihr drohten. Die Verteidigung, die Lichtenberg, Uhlhorn und Düsterdiek versucht, hatte nicht recht befriedigt. Sie war dann auf die Tagesordnung der Pfingstkonferenz 1882 gesetzt und DieckhoffAugust Wilhelm Dieckhoff (1823-1894) war ein lutherischer Theologe.Siehe Wikipedia.org [47] aus Rostock zum Referenten gewonnen worden. Ich bin auf dieser Konferenz nicht gewesen, wie ich überhaupt von Moisburg aus die Pfingstkonferenz nie besucht, es stellten sich stets Hindernisse ein. Ich kann auch nicht sagen, dass Dieckhoffs Vortrag, als ich ihn dann gedruckt las, mich besonders befriedigt hätte. Aber ich fühlte mich doch genötigt, Ritschls Theologie kennen zu lernen und mich mit ihr auseinanderzusetzen. Ich wusste eigentlich nichts von ihr, als was ich in meinem ersten theologischen Examen durch ihn selbst kennen gelernt hatte. Das hatte mir sowohl eingeleuchtet, aber in den ganzen Zusammenhang war ich nicht eingedrungen, und gerade die systematische Geschlossenheit seiner Theologie war immer wieder von Freunden wie Gegnern hervorgehoben worden. Auch die Buxtehuder Konferenz legte mir's immer von neuem nahe, Ritschl besser kennen zu lernen. In Buxtehude hatte Rakenius, nachdem die Wahlangelegenheit verschiedene Stadien durchlaufen, endlich in Roß einen Nachfolger erhalten, der auf der Konferenz Ritschls Theologie uns viel temperamentvoller als der immerhin maßvollere Roth vertrat. Für Roth, der kurz darauf Horneburg verließ, um in den Dienst der Hamburgischen Kirche zu treten, kam freilich dahin zunächst ein ganz andersartiger Nachfolger, Kloß aus Lübeck, ein Poet und Schöngeist, beeinflusst durch Emanuel Geibel. Aber derselbe, überhaupt eine etwas unruhige Natur, hielt es hinter den Horneburger Kirchenmauern nicht lange aus und ging ins Braunschweigische, und sein Nachfolger wurde wieder ein Schüler Ritschls, Meinert. So wurde der Kampf um Ritschl auch in unserem kleinen Kreise, wenn auch in aller Ruhe und Sachlichkeit, bekämpft. Ich bat deshalb Ehrenfeuchter, mir den dritten Band von Ritschls Rechtfertigung und Versöhnung zu leihen, und der gute schenkte mir das ganze Werk, da Ritschl ihm selbst die neue Auflage dediziert hatte. Ich arbeitete es nun gründlich durch und fand dabei wieder bestätigt, dass die gefährlichsten Feinde die Unbekannten sind. Ich begriff die zwingende Gewalt nicht, die das Werk über viele ausgeübt, und die neue Einstellung, die es in der ganzen theologischen Wissenschaft bewirkt, denn es war voller logischer Sprünge, und das Wort, das Kahnis mir vor Jahren gesagt, dass Ritschl ein scharfsinniger Querkopf sei, der Schwierigkeiten sehe, die ein einfacher Christ gar nicht empfinde, kam mir wieder in den Sinn. Mich hat er wenigstens in der Hauptsache nicht schwankend gemacht. Nach Ritschl griff ich zu Franks großen systematischen Werken, die ich in ähnlicher Weise durcharbeitete. Das System der christlichen Gewissheit hat mich dauernd befruchtet und bereichert, während mir im System der christlichen Wahrheit manches gezwungen schien, das ja auch später von solchen, die auf Franks Schultern standen, und von ihm weiter lernten, ausgesprochen worden ist. Später las ich dann auch Ritschls Geschichte des Pietismus und fand hier das eigentlich Gefährliche seiner Theologie. Es kommt doch nach seiner Beurteilung des Pietismus so zu stehen, als wäre das Gewohnheitschristentum des Tue recht und scheue niemand das Normale.

Anhänger Ritschls, mit denen ich darüber sprach, wollten das nicht wahrhaben und meinten, er träfe mit seiner Kritik nur die Auswüchse des Pietismus. An einer Stelle, wo er in einem Falle pietistische Strenge gegen orthodoxe Laxheit verteidigt, kommt das allerdings auch zum Ausdruck. Aber im Großen und Ganzen sieht er im Pietismus nur das Ungesunde. Das Werk müsste danach richtiger heißen: Geschichte der pietistischen Irrungen. Ich bin lange, nachdem ich sein Buch gelesen, das Gefühl einer gewissen Gleichgültigkeit und Stumpfheit nicht losgeworden.

Das Lutherjubiläum des Jahres 1883 veranlasste mich außerdem, in den Verein für Reformationsgeschichte einzutreten und dessen Schriften zu lesen. Außerdem wurde ich in jenen Jahren eifriger Mitarbeiter der Pastoral-Konferenz. Kleinschmidt und noch mehr Meyer und später auch von Lüpke schickten mir oft Bücher zur Rezension. Sehr bereichert wurde meine Bibliothek dadurch freilich nicht gerade. Denn nur selten wurde mir wirklich Wertvolles zugeschickt. Besonders Meyer befolgte den aristotelischen Grundsatz: Unter allem Guten teilt der Weise sich selbst das Beste zu, was ihm am Ende auch nicht zu verdenken war. Einen scharfen Artikel schrieb ich unter anderem gegen Wegmanns UNA SANCTA. Auch an einem Preisausschreiben, das ein Verein, ich glaube für Innere Mission in Schlesien, veranlasst hatte, über die Sekten, beteiligte ich mich. Ich setzte mich zu diesem Zweck wieder mit der Hamburger Bibliothek in Verbindung, die mir Pastor Gleiß vermittelte, der mir auch eine Empfehlung an den Mennonitenprediger Roosen gab. Den Preis erhielt ich nicht. Doch schickte mir der Vorsitzende des Preisrichterkollegiums meine Arbeit mit einigen freundlichen und anerkennenden Worten zurück. Ich habe dann den nach meinem Urteil wertvollsten Teil, die Besprechung des Irvingianismus, der sich lediglich auf das Selbstzeugnis der Irvingianer gründete - ich benutzte eine Schrift des Irvingianers Roßtouscher - und daher unwiderleglich war, in der Luthardtschen Kirchenzeitung veröffentlicht.

Etwas mehr Arbeit erhielt ich dadurch, dass mir die Ortsschulaufsicht über die Schulen der Parochie Hollenstedt übertragen wurde, die mein Schwager Rudolf, da ihm die Arbeit neben der sonstigen an der großen und weit ausgedehnten Gemeinde zu viel wurde, niedergelegt hatte. Da habe ich oft weite Fußwanderungen gemacht und in der Frühe aufbrechen müssen, was mir im Sommer, in dem ich aus nahe liegenden Gründen die meisten Revisionen vornahm, stets Freude gewährte. Ich bin überhaupt gern Inspektor gewesen und habe mich mit den mir unterstellten Lehrern fast ohne Ausnahme vortrefflich gestanden. Die dortigen Lehrer führten damals ihr Amt durchweg noch im kirchlichen Sinne. Das galt insbesondere auch von Meybohm, der es freilich zuweilen an der Treue im Kleinen fehlen ließ und es nicht immer gut aufnahm, wenn man ihn erinnerte, so dass ich wiederholt kleine Zusammenstöße mit ihm hatte. Sie glichen sich jedoch immer wieder aus, und das Verhältnis blieb im Ganzen ein gutes. Ich habe ihn auch öfter vertreten. Der Lehrer Maak in Deansen, der fast gleichzeitig mit mir gekommen war, leistete wenig, war aber ein gutmütiger, williger Mensch. Der Generalsuperintendent hatte einen Zahn auf ihn, weil er allerdings bei einer Stellenbewerbung sich unkollegial gegen seine Mitbewerber benommen hatte, und ließ ihn das gelegentlich einer Visitation empfinden, als er bei ihm Nachlässigkeit in der Korrektur von Aufsätzen feststellte. Kurz nach der Visitation erhielt ich von der Regierung die Aufforderung, dafür zehn Mark Ordnungsstrafe von ihm einzuziehen. Das schien mir denn doch etwas zu drakonisch, dass man, ohne abzuwarten, ob er sich die ihm vom Revisor gewordene Erinnerung zur Nachachtung werde dienen lassen, gleich mit Ordnungsstrafen vorging, und ich weigerte mich daher, unter Darlegung des Sachverhalts, dieselbe einzuziehen. Die Verfügung wurde dann auch zurückgenommen und in eine Mahnung zu größerer Sorgfalt umgewandelt. Schulrat Böckler aber ließ mir, als er kurz darauf mit Kastropp zusammentraf, durch denselben einen besonderen Gruß bestellen und mir sagen, er hätte sich sehr gefreut, dass ich für meinen Lehrer so tapfer eingetreten wäre. Maak wurde übrigens bald auf eine andere Stelle versetzt, und unter seinem sehr tüchtigen Nachfolger Braun hob sich die Schule sichtlich. Derselbe schloss sich mir auch sehr an und kam viel zu uns. Auch als Präparandenbildner habe ich mich in einem Falle versucht, indem ich einen meiner Konfirmanden, Johannsen aus Daensen, Sohn eines Bauern aus kinderreicher Familie, der zur Präparandenanstalt wollte, Privatunterricht gab. Derselbe hat sich hernach als Lehrer tüchtig bewährt und ist selber Präparandenlehrer geworden. Sonst unterrichtete ich in den ersten Jahren Bill Wilhelmi im Lateinischen, um ihn aufs Gymnasium vorzubereiten, in den späteren Wilhelm PoeckWilhelm Poeck (1866-1933) war ein hochdeutscher und niederdeutscher Schriftsteller.Siehe Wikipedia.org [48], der das Realgymnasium besuchte, aber auf ein humanistisches überzugehen beabsichtigte, in den Sommerferien im Griechischen. Derselbe ist später als Heimatschriftsteller bekannt geworden. Mir schenkte er, da ich kein Geld von ihm nahm, das Noacksche Bild von der Marburger DisputationDas Marburger Religionsgespräch 1529 war ein Teil der theologischen Auseinandersetzung zwischen dem lutherischen und reformierten Zweig der Reformation zwischen Luther, Zwingli und weiteren Theologen statt.Siehe Wikipedia.org [49].

Mein Schwager Rudolf wurde dann, da er eine leichtere Stelle haben wollte, auf die Pfarrei Osterholz ernannt und siedelte Ende Februar oder Anfang März 1886 dahin über. Ich hatte nun wieder die Spezialvikarie, die sich abermals ziemlich lange ausdehnte, da die Wiederbesetzung, die diesmal durch Gemeindewahl zu geschehen hatte, wegen der Schwierigkeit der Stelle wieder auf Hindernisse stieß. Dieselben vermehrten sich noch dadurch, dass fast gleichzeitig mit dem Weggang meines Schwagers der alte Superintendent Baring starb und die Einnahme dadurch so hoch stieg, dass ein Alter von 35 Jahren zur Wählbarkeit erfordert wurde. Die Stellen über 900 und 1000 Taler machten damals dem Kirchenregiment besondere Schwierigkeit, weil dazu ein Alter erfordert wurde, bei denen die Geistlichen infolge der von ihnen bezogenen Dienstalterszulagen auch auf den geringst dotierten Stellen ein Einkommen in annähernd gleicher Höhe bezogen, so dass eine Veränderung wegen der Geringfügigkeit der Verbesserung sich nicht lohnte. Endlich kam eines Tages der Küster Schweinhagen zu mir mit der Meldung, dass wegen niedriger Verpachtung des Pfarrlandes die Einnahme von Hollenstedt unter 900 Taler gesunken sei. Infolgedessen konnte der einzige Bewerber, Pastor Kleine aus Bardowick, der früher Kollaborator in Harburg gewesen war und beim Generalsuperintendent in Gunst stand, gewählt werden. Das geschah denn auch durch einstimmige Wahl des Kirchenvorstandes, und Ende Oktober 1886 wurde der Gewählte eingeführt.


[47] August Wilhelm Dieckhoff (1823-1894) war ein lutherischer Theologe.
[48] Wilhelm Poeck (1866-1933) war ein hochdeutscher und niederdeutscher Schriftsteller.
[49] Das Marburger Religionsgespräch 1529 war ein Teil der theologischen Auseinandersetzung zwischen dem lutherischen und reformierten Zweig der Reformation zwischen Luther, Zwingli und weiteren Theologen statt.