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Moisburg, 1880-1888 — Theklas Geburt und eine neue Pfarrstelle

Teil 9 - Moisburg, 1880-1888
Kapitel 13
Theklas Geburt und eine neue Pfarrstelle

Es war der letzte Sommer, den wir in Moisburg verlebten. Seit Kinder anfingen, das Haus zu füllen, wollte die Einnahme nicht mehr recht reichen. Außerdem sehnte ich mich nach mehr Arbeit. Nach Kastropps Tode war mir zwar wieder die Spezialvikarie zugefallen, und die Vakanz dauerte diesmal über Jahr und Tag. Aber schließlich wurde die Stelle doch wieder besetzt. Ich hatte mich bereits nach verschiedenen Stellen umgesehen und einige Male beworben, war aber niemals zum Ziel gekommen. Einmal hatte ich zur Wahl gepredigt in Brinkum bei Bremen. Der Superintendent Landsberg in Weyhe hatte es den Leuten aber zu deutlich gemacht, dass er mich gern hin haben wollte. Außerdem hatte ich's damit verdorben, dass ich meiner Gewohnheit nach zum stillen Gebet auf der Kanzel niedergekniet war. So hatte ich es nicht einmal zu einem Achtungserfolge gebracht. Da fragte mich gegen Ende des Sommers 1888 der Generalsuperintendent, ob ich nach Barskamp wolle. Schon gelegentlich des Missionsfestes, auf dem ich ein Jahr zuvor dort gepredigt hatte, war mir eine Bewerbung nahe gelegt worden. Die Aufforderung, dort zu predigen, hatte ich einem Lehrer, der aus der Parochie Hollenstedt in die Parochie Barskamp versetzt war, zu danken, der bei einer Lehrerkonferenz dem alten Pastor Beer, der Namen von Missionsfestrednern wissen wollte, meinen Namen genannt und die Kirchenvorsteher auf mich aufmerksam gemacht hatte als einen geeigneten Mann für den Fall der bevorstehenden Erledigung der Pfarre. Der mich von Dahlenburg abholende Kirchenvorsteher Wenck hatte denn auch gleich unterwegs mit mir angebunden. Er fragte: Haben Sie 'ne schöne Stelle? Ich: O ja, ich bin ja noch jung. Er: O, Barskamp is 'ne gute Stelle. Ich stellte mich dumm und sagte: Ja, ich habe gehört, Dahlenburg soll ja noch besser sein. Er: Ich glaube nicht. - Und dann erzählte er, was der Pastor von Barskamp alles für Einkünfte bezöge. Dann hob er wieder an: Unser Herr Pastor ist auch schon alt. Und erzählte, wie oft er sich schon hätte vertreten lassen müssen. Ich dachte weiter nicht daran, da ich mir sagte, wenn die Stelle wirklich so gut wäre, wie der Kirchenvorsteher sie schilderte, sie auch nach Abzug der Emeritenabgabe sie für mich noch zu hoch dotiert sein würde. Als ich dann im kirchlichen Amtsblatt las, dass Pastor Beer zum 1. April emeritiert sei, sah ich, dass die Stelle allerdings für mich erreichbar sei, aber die Verbesserung auch so gering, dass, besonders wenn man die noch größere Abgelegenheit in Rechnung zöge, es für mich sich nicht lohnte. Ich wandte das dem Generalsuperintendent ein. Er erwiderte aber, dass die Einnahme erheblich höher sei als veranschlagt, dass ich also bei dieser Sachlage Gelegenheit hätte, eine Einnahme zu erhalten, wie ich sie sonst nicht erwarten könne. Er gab mir Bedenkzeit, und nachdem ich Beer in Wilhelmsburg, den Sohn des Barskamper, im Vertrauen gefragt hatte, erklärte ich, dass ich, wenn die Stelle mir gegeben würde, sie nicht ausschlagen würde. Mehrere Wochen vergingen, und ich glaubte schon, die Sache vergessen, umso mehr, da ich wusste, dass bereits ein anderer ernannt sei, gegen den die Gemeinde nur protestiert hatte. Da erhielt ich am 19. Oktober meine Ernennung.

Vier Tage später wurde TheklaNamensgeberin war sicherlich ihre Großmutter Thekla von Stoltzenberg. Allerdings schwärmt der Autor im Teil 5 (Göttingen), Kapitel 6 von Fräulein Thekla Schöberlein, der Tochter seines Professors, die es ihm offensichtlich angetan hatte. Es ist also nicht auszuschließen, dass dieses Fräulein die Namensgebung mit beeinflusst hat. [58] geboren, die erste Tochter nach zwei Söhnen. Frau Schwanck sagte zu meiner Frau: Na, Frau Pastorin, wenn's nicht anders ist, so haben Sie nun auch genug. Ich konnte also meinem Töchterlein als Angebinde eine neue Stelle in den Wagen - denn eine Wiege hatte sie nicht - legen. Elisabeth hatte in den Wochen vorher, als dem Kaiserhause der fünfte PrinzOskar Prinz von Preußen (* 27. Juli 1888) war der fünfte Sohn von Wilhelm II. und Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein.Siehe Wikipedia.org [59] geboren war, manchmal gesagt: Ach, wie beneide ich die Kaiserin. Als das Töchterlein da war, fragte ich sie: Beneidest du die Kaiserin noch?, und sie musste es verneinen.

Interessant war es, wie die beiden Buben zum Schwesterlein sich stellten. Bei Walter erwachten bald ritterliche Gefühle. Gerhard entwickelte sich an ihr zum Jungen. Als er sie zuerst sah, blickte er sie erst eine Weile verächtlich an, dann gab er ihr eine Backpfeife. Thekla hat ihm das später reichlich vergolten. Als sie etwas größer wurde, stritten sich die Brüder um sie, wessen Schwester sie sein sollte. Walter beanspruchte sie ausschließlich für sich. Als die Mutter ihm bemerklich machte, sie gehöre doch auch seinem Bruder, blieb er dabei: Ist meine, Bruder seine schickt lieber Gott noch.

Hinter dem frohen Familienereignis trat zuerst die Versetzung zurück. Superintendent Wiedenroth in Bleckede wünschte, dass ich Sonntag den 4. November meine Aufstellungspredigt in Barskamp halten möchte. Den Tag aber hatte ich schon für die Taufe meines Töchterleins in Aussicht genommen. Die Taufe aufschieben und tagelang fern sein, während ich daheim ein ungetauftes Kind hatte, mochte ich nicht. So wurde denn die Aufstellungspredigt verschoben, was mir umso lieber war, als ich nun hoffen konnte, dass der Umzug bis nach Weihnachten sich werde verschieben lassen, und am 4. November wurde ein fröhliches Tauffest gefeiert. Onkel Rudolf [Borchers] aus Osterholz und Tante Wilhelmine [Borchers] aus Misselwarden, wohin Hanffstengels seit einem Jahr versetzt waren, wohnten als Paten der Feier bei. Die anderen beiden Paten, meine Schwester Grete [Dittrich] und Hanna Gleiß, wurden durch Emmy Wilhelmi vertreten.

Am 11. November [1888] war dann die Aufstellungspredigt in Barskamp. Tags zuvor reiste ich hin. Es war grimmig kalt. In Dahlenburg wartete auf mich der Kirchenvorsteher Wenck, der mich anderthalb Jahre früher zum Missionsfest abgeholt hatte, und sprach mir seine Befriedigung darüber aus, dass ich, wie er meinte, seinen damaligen Hinweis befolgt hatte. Ich nächtigte bei dem Lehrer Hogrefe. Am andern Morgen kam der Spezialvikar Pastor Erythropel aus Neetze, der auch die Beichte hielt. Die nach der kleinen Moisburger Kirche mir recht geräumig erscheinende Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich hielt außer der Predigt auch die Anfangsliturgie und innerhalb derselben auch eine Taufe und half dann bei der Austeilung des heiligen Abendmahls, zu dem sich auch eine große Anzahl eingefunden hatte.

Nachmittags besichtigte ich dann noch das Pfarrhaus und entschied mich für das Stehenlassen einer schönen Kastanie vor demselben, das von meiner Entscheidung abhängig gemacht worden war, da sie andernfalls fallen sollte, um das Dach nicht zu schädigen. Dann fuhr ich nach Bleckede, um mich meinem neuen Ephorus, Superintendent Wiedenroth, vorzustellen und von da mit Benutzung der Post nach Dahlenburg zurück und bis Lüneburg, wo ich bei Frau Pastor Kastropp übernachtete und am andern Tage darauf meinen Vorgänger Pastor Beer besuchte. Der Auftrag zur Einfügung verzögerte sich wirklich noch so lange, dass wir in Ruhe Weihnachten in Moisburg feiern konnten. Teils in den letzten Wochen vor Weihnachten, teils in den ersten Tagen des neuen Jahres machte ich meine Abschiedsbesuche bei den Amtsnachbarn, meist allein, da meine Frau nicht von den Kindern los konnte. Auch in der Gemeinde ging ich größtenteils allein herum und musste auch bei diesen Besuchen der größten Vorsicht mich befleißigen, da die Masern grassierten und ich um alles keinen Ansteckungsstoff ins Haus tragen durfte. Am Epiphanias-Sonntag, 6. Januar, hielt ich meine Abschiedspredigt. Am Abend desselben Tages kamen schon die Packer, und nun ging's an ein Abbrechen der Zelte. Wilhelmis öffneten uns für die Tage des Packens gastfrei ihr Haus. Montag früh machte ich an meinem Schreibtisch noch einige Aufzeichnungen für meinen Nachfolger [Mercker]Karl August Ludwig Mercker (1862-1942) war ein evangelischer Theologe.Siehe Wikipedia.org [60]. Dienstagnachmittag hatte ich noch eine Beerdigung und machte den Kircheneintrag im Zimmer meines Nachbarn Meyer-Casens. Am Abend desselben Tages schon fuhren die Möbelwagen ab. Wir selbst folgten Freitag früh.

So lag die Arbeit der ersten Gemeinde, die ich selbstständig zu bedienen hatte, hinter mir. Acht Jahre und etwas darüber hatte sie gewährt. Es waren friedliche Jahre ohne besondere Aufregung. Die Verhältnisse lagen einfach. Die Gemeinde war ja keine kirchlich lebendige. Immerhin aber waren die Leute im Ganzen willig. Eine gewisse kirchliche Gewöhnung war noch da, und es ging im Ganzen in jener Zeit mehr aufwärts als abwärts. Der Kirchenbesuch hatte sich etwas gebessert. Die Zahl der KommunikantenTeilnehmer am Abendmahl [61], die zur Zeit meines Vorgängers die Seelenzahl erreicht, zuletzt etwas überstiegen hatte, schnellte gleich in meinem ersten Jahr hinauf und blieb auch in stetigem Steigen. Nur das letzte Jahr brachte einen Rückgang. Doch überstieg die Zahl auch in diesem Jahr die Seelenzahl noch um etwa 100. Feindschaft gegen Gottes Wort trat mir nicht entgegen. Völlig Unkirchliche gab es in verschwindender Zahl, und diese wenigen standen auch in ziemlicher Missachtung bei der Gemeinde. Hauptsächlich war es einer, namens Müller, der in der ganzen Gemeinde den Namen Wind-Müller führte, ein alter, völlig verkommener Mann, der in einer Stube hauste, die eher einer Höhle glich, ohne Fußboden. Ich bin öfter bei ihm gewesen, und er brachte gewöhnlich auch das Gespräch auf religiöse Gegenstände. Er war keineswegs ohne Intelligenz, war auch verschiedentlich in der Welt herumgekommen, auch in Hermannsburg gewesen und hatte Ludwig Harms predigen hören, hatte aber nur dessen realistische Ausmalungen des Himmelreichs im Gedächtnis behalten, von denen abgestoßen zu sein er behauptete. Dass Jesus Gottes Sohn sei, könne er nicht glauben, denn einen Sohn könne Gott nicht haben. Als er einst zu einer blasphemischen Äußerung über ihn sich verstieg, erklärte ich, nicht länger mit ihm reden zu können und verließ ihn, ohne ihn je wieder zu besuchen. Nicht lange darauf starb er plötzlich. Ich verweigerte das kirchliche Begräbnis. Sein Sohn, der auch unkirchlich war, doch bei der Konfirmation eines Kindes sich zum heiligen Abendmahl gemeldet, das ich ihm nach seelsorgerlicher Unterredung auch gewährt, ließ sich von einem sozialdemokratischen Maler der Nachbargemeinde eine Beschwerdeschrift wegen Verweigerung der Beerdigung abfassen, die er dem Konsistorium einreichen wolle und zu der er sich Unterschriften in der Gemeinde zu sammeln suchte. Der erste, an den er sich wandte, zufällig ein Kirchenvorsteher, fragte, ob ich unterschrieben hätte, und als der Beschwerdeführer das verdutzt verneinte, verweigerte er sich auch zu unterschreiben. So fiel die Sache unter den Tisch. Ein anderer, dem ich auch die Beerdigung verweigerte, war ein trunkfälliger Rademacher, ein gutmütiger und geschickter Mensch, aber durch Trunk völlig heruntergekommen. Seine Köthnerstelle hatte er schon durch die Kehle gejagt, und wenn er seine Tage hatte, verkaufte er seiner Frau den Hausrat aus dem Hause und die Betten unter dem Leibe. Wenn ich ihn dann vermahnte, hörte er ganz willig zu, aber nach einiger Zeit ging das Trauerspiel von neuem an. Er starb auch ganz plötzlich. Lange von Kirche und Abendmahl fern gehalten hatte sich auch ein Schlosser, Sohn eines Baptisten, im Übrigen ein ordentlicher Mann, der auch wohlerzogene Kinder hatte. Bei der Konfirmation seiner ältesten Tochter meldete er sich auch zum heiligen Abendmahl an, ich habe ihn dann auch wohl in der Kirche gesehen. Ob er sich von da an dauernd zur Kirche gehalten, weiß ich nicht, da ich nicht lange darauf wegkam. Auch in puncto sexti [mandati]hinsichtlich des sechsten Gebotes (Du sollst nicht ehebrechen) [62] stand es äußerlich wenigstens nicht ungünstig. In der ganzen Zeit kamen drei uneheliche Geburten vor, die ihren Umständen nach auch keinen Schluss auf das sittliche Leben der Gemeinde zuließen. Selbstmorde zwei, das eine Mal von einer eher verlassenen Frau, die durch Arbeitsscheu und Putzsucht jedenfalls eben so viel Schuld an der Zerrüttung ihres Hauswesen hatte wie der Schulden halber von ihr gegangene Mann. Die Kinder wurden bei verschiedenen Leuten untergebracht. Im anderen Fall handelte es sich um eine alte Frau, die wohl schwermütig geworden war. Es war ihr sonst nichts Schlechtes nachzusagen. Der mich betrübendste Fall betraf ein eben von mir konfirmiertes Mädchen, Tochter unserer Waschfrau, für die sich Elly schon interessiert hatte und der ich, um sie in ein gutes Haus zu bringen, eine Stelle als kleines Dienstmädchen an meine Schwiegereltern vermittelt hatte. Der wenige Tage nach ihrem Antritt ausgebrochene Brand des Sinstorfer Pfarrhauses erregte, zumal sie sich in verschiedener Weise auffällig benommen hatte, gleich den Verdacht, dass sie die Brandstifterin gewesen. Sie hatte auch, als mein Schwiegervater sie verhört, es eingestanden. Er schickte sie ihrem Wunsch gemäß nach Hause, bewog mich aber, die Sache seelsorgerlich zu behandeln, da er sich für das Heil des Kindes nichts davon versprach, wenn sie gerichtlich bestraft würde. Ich nahm sie deshalb vor. Mir gegenüber verlegte sie sich aber aufs Leugnen und behauptete, mein Schwiegervater hätte sie nur falsch verstanden, als er ein Geständnis aus ihren Worten gehört hätte. Ich wurde aber durch ihr ganzes Verhalten nur in der Überzeugung bestärkt, dass sie schuldig sei, und als dann die Sache ohne Zutun von unserer Seite doch gerichtlich untersucht wurde, verfuhr der sie verhörende Gendarm, obgleich mein Schwiegervater ihn ausdrücklich auf mein Zeugnis verwies, die Sache derartig, dass sie sich im Sande verlief. Die Betreffende hat dann auswärts Dienst genommen und sich ziemlich früh auswärts verheiratet.

Die erfreuendsten seelsorgerlichen Erfahrungen habe ich an manchem Kranken- und Sterbebett gemacht. Hier trat mir doch öfter wahre Empfänglichkeit und Sorge um das Seelenheil entgegen.


[58] Namensgeberin war sicherlich ihre Großmutter Thekla von Stoltzenberg. Allerdings schwärmt der Autor im Teil 5 (Göttingen), Kapitel 6 von Fräulein Thekla Schöberlein, der Tochter seines Professors, die es ihm offensichtlich angetan hatte. Es ist also nicht auszuschließen, dass dieses Fräulein die Namensgebung mit beeinflusst hat.
[59] Oskar Prinz von Preußen (* 27. Juli 1888) war der fünfte Sohn von Wilhelm II. und Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein.
[60] Karl August Ludwig Mercker (1862-1942) war ein evangelischer Theologe.
[61] Teilnehmer am Abendmahl
[62] hinsichtlich des sechsten Gebotes (Du sollst nicht ehebrechen)