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Moisburg, 1880-1888 — Elly kommt zur Hilfe

Teil 9 - Moisburg, 1880-1888
Kapitel 3
Elly kommt zur Hilfe

Wie von einer wüsten Insel in unbebautes Land versetzt kam ich mir daher vor, als ich in den ersten Tag nach Neujahr zu der Konferenz nach Buxtehude gehen durfte, die sich dort um Rakenius gebildet hatte. Zu derselben gehörte außer diesem Kastropp, Roth, Pastor in Ronneburg, mein Bekannter von Loccum her, Wiedemann in Neukloster, den ich auch, als ich von Hannover aus zum Besuch nach Loccum kam, wo er unmittelbar nach meinem Abgang eingetreten war, daselbst kennen gelernt hatte, und König aus Estebrügge im alten Lande. Es wurde Dogmatik im Anschluss an Luthardts Kompendium getrieben. Außerdem tauschte man natürlich allerlei Amtserfahrungen aus. Das war eine Erquickung für mich. Außerdem beriet mich Rakenius, zu dem ich nach Beendigung der Konferenz noch in sein Haus ging, in liebenswürdigster Weise in manchem Äußerlichen. Mutter hatte für das große Zimmer in meinem Hause einen neuen Ofen verlangt, sogar Ellys Kommen von der Einrichtung eines solchen abhängig gemacht. In der ersten Sitzung des Kirchenvorstandes hatte ich die Sache zur Sprache gebracht. Natürlich waren die Kirchenvorsteher, wie das ihre Art war, nicht sofort darauf eingegangen, sondern hatten sich erst der Gemeinde gegenüber sichern wollen, mich schließlich aber ermächtigt, in Buxtehude mich in einem Geschäft zu erkundigen. Bei dergleichen Sachen ging mir Rakenius diesmal wie auch später freundlich zur Hand.

Ellys Ankunft war, nachdem sie Weihnachten und Neujahr zu Hause verlebt und unterwegs noch eine Station bei einer Freundin in Güstrow gemacht, auf Freitag den 14. Januar festgesetzt. Da sie die Post in Harburg nicht mehr erreichen konnte und die Verbindung nach der Bremer Bahn, an der die uns zunächst liegende Station Tostedt lag, ungünstig war und einen mehrstündigen Aufenthalt in Hamburg oder Harburg bedingte, hatte Mutter verlangt, dass ich ihr einen Wagen nach Harburg schicke. Nun setzte in den ersten Tagen des Januar scharfe Kälte bei steigendem Ostwind ein. Bei einem Ausgang sagte ich mir, dass ich Elly eine mehrstündige Fahrt auf offenem Wagen unmöglich zumuten dürfe, umso mehr, da sie kurz vorher wegen ihrer Lunge in ärztlicher Behandlung gewesen war. Ich ging daher zu Wilhelmis, die den einzigen geschlossenen Wagen im Ort hatten und die mir schon bei meinem ersten Besuch denselben für den Bedarf angeboten hatten, um darum zu bitten. Wilhelmi sagte bereitwillig zu, erklärte aber zugleich, dass er den Wagen nur für eine Fahrt nach Tostedt ihr geben könne, da er bei Fahrten nach Harburg schon üble Erfahrungen gemacht hätte. So telegrafierte ich Elly in diesem Sinne. Ich wollte ihr nun wenigstens bis Tostedt entgegenfahren. Aber als ich nach einer Trauung, die ich gehabt, mich nach der Abfahrtszeit des Wagens erkundigte, war er schon abgefahren. Es lag Schnee, und er brauchte daher mehr Zeit, als ich gedacht. Es war auch schon ziemlich spät am Abend, als Elly glücklich ankam. Meine Schelte bekam ich natürlich sofort von ihr wegen der geänderten Dispositionen, und noch stärkere kurz darauf in einem Brief von Mutter, die die Wegeverhältnisse nach der Landkarte und nicht nach der Wirklichkeit beurteilte.

Ich hatte ja nun einen geordneten Haushalt, und Elly tat ihr Möglichstes, ihn gut zu versehen, verstand es auch, Anna, die bei Wittkopf an den eigentlichen Haushalt nicht herangekommen war, so anzulernen, dass diese, die für Ostern schon einen anderen Dienst angenommen hatte, von ihrem Kontrakt zurücktrat, um weiter unter Ellys Leitung zu lernen. Aber ich kann trotzdem nicht sagen, dass ihr Eintritt mir meine Lage erleichtert hätte. Wenigstens in den ersten Wochen nicht. Aus ihrem warmen Familienkreise in eine gänzlich fremde Umgebung versetzt, unter eine Bevölkerung, die sie erst allmählich verstehen lernen musste, fühlte sie das grimmigste Heimweh. Verstärkt wurde dasselbe noch dadurch, dass ich durch die Vikarie-Arbeit in der großen und weit verstreuten Gemeinde Hollenstedt genötigt war, sie viel allein zu lassen. Konsistorialrat Kahle hatte, als er mir von der dortigen Spezialvikarie Mitteilung machte, gemeint, die Hollenstedter Konfirmanden würde ich zu gemeinsamem Unterricht mit meinen eigenen nach Moisburg kommen lassen können. Das war echt vom grünen Tisch geurteilt. Ich hätte schon in ganz Moisburg kein Lokal finden können, wo ich die 91 Hollenstedter Konfirmanden zusammen mit den 17 Moisburgern hätte unterrichten können. Und dann die Entfernungen! Die Kinder aus den beiden südlichsten Schulen der Parochie Hollenstedt hatten dahin schon einen Weg von zwei Stunden. Eine dritte über Hollenstedt hinaus nach Moisburg konnte ihnen unmöglich zugemutet werden. Ich musste also wöchentlich hinaus nach Hollenstedt zum Unterricht.

Bald stellte sich die Notwendigkeit heraus, zweimal wöchentlich zu unterrichten, um den Stoff zu bewältigen. Da nun die Tage, wo ich dort war, zugleich Sprechtage für die Hollenstedter Gemeindeglieder waren, wo Meldungen entgegengenommen, Scheine geschrieben werden konnten - freitags gab es oft Trauungen - war ich natürlich immer einen guten Teil des Tages abwesend. Dazu kamen noch oft genug Leichenpredigten, die sich natürlich nicht immer auf den Sprechtag liegen ließen. Öfter wurde ich auch zu Krankenkommunionen geholt. Den Sonntagsdienst hatte ich außerdem auch abwechselnd mit den beiden Amtsnachbarn Kastropp und Bockhorn, die allein in Betracht kamen. So musste Elly oft genug allein sein, und das diente nicht gerade zur Hebung ihrer Stimmung. Ein Trost war es ihr, dass sie bei Wilhelmis Verständnis und freundliches Entgegenkommen fand und dort oft hingehen und sich aussprechen konnte. Außerdem begleitete sie mich regelmäßig auf die Buxtehuder Konferenz, wo sie bei Rakenius und seiner Frau freundlichste Aufnahme und Beratung für Besorgungen fand. Nach einigen Wochen konnten wir auch Kastropps besuchen, und auch mit dessen Hause bahnte sich auch bald herzliche Freundschaft an. In der ersten Zeit blieb Elly schon wegen des strengen und ungewöhnlich anhaltenden Winters - die Kälte stieg wiederholt auf 20° R.R ist das Zeichen für Grad Réaumur. Umrechnung nach Celsius: Rx1,25, in diesem Fall also 20°Rx1,25 = 25°C. Es handelt sich um Minusgrade. [7] - meist zu Hause, wenn ich in die Gemeinde ging. Als wir gegen den Frühling kamen, begleitete sie mich öfter in die Häuser und fand dabei, dass die Leute keine Kaffern und Hottentotten seien. Am meisten aber tat, um sie mit der Trennung von zu Hause auszusöhnen und ihr den Aufenthalt in Moisburg lieb zu machen, der mehrmonatige Besuch von Fräulein Pommer aus Cöslin.

Mit ihrem Vater, Baurat bei der Cösliner Regierung, dem sie nach dem Tode seiner Frau den Haushalt führte, war sie erst in den späteren Jahren unserer Cösliner Zeit unserem Hause näher getreten, hatte aber auch nach dessen Tode und der Versetzung unserer Eltern nach Stettin die Freundschaft festgehalten und Elly, als sie von deren Übersiedlung nach Moisburg hörte, versprochen, sie daselbst zu besuchen. Anfang April, nachdem wenige Tage zuvor die Bahn von Harburg nach Stade eröffnet und Buxtehude also in den Eisenbahnverkehr angeschlossen war, löste sie ihr Versprechen ein. Sie hatte früher längere Zeit in einem auch uns bekannten Pfarrhause Hinterpommerns zugebracht, das ihr als das Ideal eines ländlichen Idylls galt. Aber Moisburg schien ihr nun doch ihrem bisherigen Ideal in Rang abzulaufen. Der erwachende Frühling, in dem Moisburg seinen ganzen Reiz bereits entfaltete, kam dem zur Hilfe. Ich kann sagen, dass ich jeden Tag mit neuem Entzücken aufwachte, wenn ich aus dem Fenster meiner Schlafkammer durch den Garten nach der Wiese des Nachbars blickte und dahinter das terrassenförmig aufsteigende Dorf in dem täglich dichter werdenden Schleier des frischen Frühlingsgrüns sah.

Welche Freude machte auch der von der Este bespülte Garten, dessen Bestellung Elly nun in die Hand nahm und dessen verschiedenen Plätzen wir allerhand poetische Namen gaben. Was für ein traulicher Platz für den Nachmittagskaffee war Bellevue mit dem Blick auf die Este, von der uns dann die Jugend der Domäne, auf der im Sommer auch allerhand Besuch einkehrte, wenn sie auf dem Kahn heranfuhr, begrüßte. Wie hübsch wanderte sich's dann im Dorf aufwärts durch die blühenden SyringenheckenLateinischer Begriff des Gemeinen Flieders [8] nach dem Hexenberg zu, und welch überraschend schönes Bild bot von da oben das Dorf mit dem kastanienbeschatteten Amtshaus und seinem schönen von der Este umschlossenen Garten. Auch die Wanderung am hochgelegenen Este-Ufer aufwärts nach Podendorf zu bot hübsche Blicke. Und jedes der Nachbardörfer war mit seinen es umgebenden Wiesen und Eichenkämpen ein kleines Idyll. Das alles genoss Fräulein Pommer mit uns, und die ungeheuchelte Freude, die sie darüber äußerte, zog auch Elly mit sich fort.

Nachdem ich am Gründonnerstag die Konfirmation in Moisburg und an Quasimodogeniti in Hollenstedt gehabt und damit einen großen Teil meiner Arbeit erledigt hatte, konnte ich aufatmen und benutzte die größere Freiheit, nicht nur in der Moisburger, sondern auch in der Hollenstedter Gemeinde mehr herumzukommen, besonders auch die Schulen beider Parochien zu besuchen. Daneben wurde der Verkehr mit den Amtsnachbarn reger, besonders mit Kastropps. Roth in Ronneburg und Wiedemann in Neukloster besuchte ich allein, König in Estebrügge mit Elly und Fräulein Pommer. Es war zur Zeit der Obstbaumblüte, durch die ja das alte Land berühmt ist. Auch dort fiel uns der Kontrast zwischen der dortigen Marschgegend und unserer Geest auf. Einmal machte ich mit Elly und Tante, wie Fräulein Pommer bald im Dorf genannt wurde, eine zweitägige Fahrt nach Hamburg. Von Buxtehude fuhren wir mit dem Dampfschiffe. Schon die Fahrt die Este abwärts durch das alte Land mit den bunt bemalten Hausgiebeln war interessant, wenn sie auch infolge der vielen Aufenthalte, bei denen Obst und Gemüse eingeladen wurde, recht lange dauerte. Noch interessanter wurde sie, als wir bei Cranz, Blankenese gegenüber, in den breiten Elbstrom einmündeten und dann an der holsteinischen Küste mit ihren Villen entlang fuhren. In Hamburg wurde natürlich der Hafen besichtigt, eine Fahrt über die Altstadt nach der Uhlenhorst gemacht, das Panorama der Mekka-KarawaneNach einer Reise im Winter 1881 nach Ägypten fertigte Themistokles von Eckenbrecher (1842-1921) zusammen mit Wilhelm Simmler (1840-1923) das Orient-Panorama Einzug der Mekkakarawane in Cairo (118×15 Meter) für die Stadt Hamburg Es wurde 1882 eröffnet. Siehe Wikipedia.org [9], die schönsten Kirchen besucht, auch dem Rauhen Hause statteten wir einen Besuch ab.

Dabei wurden wir aber von einem starken Regen überrascht, der uns in größter Eile unter dem Schutz von Regenschirmen von Haus zu Haus trieb, so dass wir einen rechten Gesamteindruck nicht hatten. Am zweiten Tage wurde eine Dampfschifffahrt nach Blankenese gemacht. Mit der Eisenbahn ging's nach Haus.


[7] R ist das Zeichen für Grad Réaumur. Umrechnung nach Celsius: Rx1,25, in diesem Fall also 20°Rx1,25 = 25°C. Es handelt sich um Minusgrade.
[8] Lateinischer Begriff des Gemeinen Flieders
[9] Nach einer Reise im Winter 1881 nach Ägypten fertigte Themistokles von Eckenbrecher (1842-1921) zusammen mit Wilhelm Simmler (1840-1923) das Orient-Panorama Einzug der Mekkakarawane in Cairo (118×15 Meter) für die Stadt Hamburg Es wurde 1882 eröffnet.