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Moisburg, 1880-1888 — Ellys Hochzeit und meine Verlobung

Teil 9 - Moisburg, 1880-1888
Kapitel 6
Ellys Hochzeit und meine Verlobung

Nun war ich bereits auf der Suche, glaubte auch bald gefunden zu haben. Ich erwähnte schon, wie sehr mich das Sinstorfer Pfarrhaus angezogen hatte. Als die nach Verheiratung der älteren Tochter im Hause zurückgebliebene zweite Tochter Elisabeth [Borchers] einige Zeit darauf in Hollenstedt bei den Geschwistern zum Besuch war und ich sie dort wiederholt sah, wurde es mir zur Gewissheit, dass sie die Meine werden müsse. Ich nahm Anlass, unter irgendeinem Vorwand in Sinstorf wieder einmal Besuch zu machen, und freute mich nicht wenig, dass Pastor Borchers mich bei dieser Gelegenheit aufforderte, ihn doch einmal zusammen mit Kastropp, den er sehr liebte, etwas länger zu besuchen, so dass wir den Abend dablieben. Das taten wir denn auch, nachdem er selbst eine Besuchsfahrt nach Moisburg, Hollenstedt und Elstorf gemacht, und mein Entschluss war von da ab unwiderruflich, wenn ich auch keine Ahnung hatte, ob meine Neigung erwidert würde. Denn Pastor Borchers nahm uns zu seiner Gewohnheit nach so vollkommen in Beschlag, dass wir mit allen anderen Personen nur indirekt in Berührung kamen. Ich hatte jedenfalls die feste Absicht, bei Ellys Hochzeit mir die Einwilligung meiner Eltern zu holen. Die Hochzeit fand in der Osterwoche [am Donnerstag, 13. April 1882] statt und bezeichnete jedenfalls einen Höhepunkt in der Geschichte unserer Familie. Zum ersten Mal seit der Silberhochzeit unserer Eltern war sie vollzählig beisammen, nun um zwei Glieder vermehrt. Der neue Schwager zeigte sich auch im persönlichen Verkehr ganz als die gewinnende Persönlichkeit, als die er mir in seinem Brief entgegengetreten war. Auch Alexanders Braut [Else Stechow] lernte ich nun erst kennen. Alexander, der ja mir gegenüber gern den Älteren herausbiss, der mich im Grunde aber doch schätzte, gewahrte mit sichtlicher Befriedigung, dass ich mich mit seiner Braut gut verstand. Die Wieseners waren auch eine große Sippe, an der Spitze Hellmuths achtzigjährige Mutter, aber noch geistig rege und nicht ohne Humor. Auch die übrigen Familienmitglieder waren sympathische Persönlichkeiten, so dass wir ein recht harmonisches Beisammensein hatten. Der Polterabend wurde in der Wohnung der Eltern gefeiert, wo eine große Menge von Bekannten zusammenkam, um die lebenden Bilder zu sehen, die gestellt wurden, und zu denen ich auf Mutters Antrag einen Prolog hatte dichten müssen. Das Hochzeitsmahl fand, nach dem Vater das Paar in der Schlosskirche getraut hatte, im Haus eines Kollegen von Vater und weitläufigen Verwandten, Oberpräsidialrat von Bülow, der einen wie dazu gemachten Saal in seiner Wohnung hatte, statt. Alexander fungierte als Ceremonienmeister sowohl bei Ordnung des Festzuges als bei Aufstellung der Tischordnung und war dabei ganz in seinem Element. Mutter placierte mich bei Tisch, da sie annahm, dass ich an der weiblichen Jugend doch keinen Geschmack mehr haben würde, zwischen zwei ältere Damen, eine Gräfin Herzberg, die unserm Hause befreundet war, und Frau Konsistorialrat Krummacher. Ich musste auch einen der ersten Toasts, den auf die Familie des Bräutigams, ausbringen.

Nach der Hochzeit blieb ich noch über Sonntag in Stettin - in Moisburg vertrat mich inzwischen mein unbewusster Schwager in spe, Studiosus Friedrich Borchers, - dann begleitete ich Mutter nach Swinemünde, wo sie dem jungen Paar, das auf der Hochzeitsreise war, die Wohnung einrichtete. Die Fahrt machten wir zu Schiffe, und ich lernte so das Haff kennen. In Swinemünde half ich beim Einrichten, sah mir die Stadt und Hafen an, bereitete mich aber auch schon teilweise auf den nächsten Sonntag vor. Mittwoch kehrte ich mit Mutter zurück, und Donnerstag fuhr ich wieder nach Moisburg, um meinen Vorsatz ungesäumt auszuführen. Auf dem Bahnhof von Pasewalk traf ich mit Hellmuth und Elly zusammen, die von ihrer Hochzeitsreise zurückkehrten, um in das von Mutter eingerichtete Nest einzuziehen. Sie wünschten mir Glück auf den Weg. Hellmuth nahm brüderlich Teil an meiner Herzensangelegenheit.

Freitag [21. April 1882] ließ ich meine Werbung abgehen, und Sonnabendmittag - ich wollte eben mit dem Memorieren meiner Predigt beginnen - erhielt ich ein Telegramm mit herzlichem Willkommen. Da die Post aber schon abgefahren sein musste, rannte ich mit meinem Antwort-Telegramm, in dem ich mein Kommen für den folgenden Tag ankündigte, aus Leibeskräften ihr nach und erreichte sie glücklich noch vor dem Dorf. Die Leute werden wohl Augen machen, dachte ich, wenn sie ihren Pastor so durchs Dorf rennen sehen. Aber lass sie Augen machen, sie werden es bald noch ganz anders tun.

Anfangs war ich zweifelhaft, ob ich die nachmittägige Missionsstunde, die ich, da es Abendmahls-Sonntag, der Gewohnheiten nach zu halten hatte, diesmal nicht aufgeben sollte, entschloss mich aber doch, sie zu halten, da ich bei der Größe des zu erwarteten Abendmahls doch kaum den früheren Zug erreichen würde. So fuhr ich erst zum Abendzug nach Buxtehude. Allerlei Pech hatte ich noch auf dieser Fahrt zu meinem Glück. Schon bei der Abfahrt merkte ich, dass ich meinen besten Rock in Stettin gelassen. Und als ich in Buxtehude vom Wagen sprang, platzten meine Hosenträger. Ich musste mir daher von der Bahnhofswirtin Nadel und Zwirn geben lassen, um sie notdürftig zusammenzuflicken. Kaum war ich damit fertig, so öffnete sich die Tür des Wartezimmers und herein trat - mein Schwager in spe aus Hollenstedt, der nach der Festarbeit seine Eltern besuchen wollte. Ich fragte ihn: Wollen Sie nach Sinstorf? Antwort: Ja. Ich auch. Auf sein entgeistertes Gesicht hin zeigte ich ihm das erhaltene Telegramm und fragte ihn, ob er sich einen Vers daraus machen könne. Er konnte es nicht, oder getraute sich nicht, zu sagen, was er denken mochte, und so rückte ich offen mit der Sprache heraus, wobei er mir glückwünschend die Hand reichte und ich ihm das Du anbot. Ich kann aber nicht sagen, dass mir das Zusammentreffen sehr erwünscht gewesen wäre. Es musste doch den Eindruck erwecken, als hätte ich ihn mir zum Helfer eigens mitgebracht.

Nun, wir verlobten uns ohne seine Assistenz, um dann mit ihm und den Eltern noch froh bewegt den Rest des Abends zusammenzusitzen.

Am anderen Morgen war ich früh im Garten, wo mein nunmehriger Schwiegervater mit jungen Freunden, die ihn besuchten, den langen Mittelgang auf und abzugehen pflegte. Das tat er nun auch mit mir, bis Elisabeth sich zu uns gesellte. In der Nacht war das über ihrem Bett hängende Bild der Domina von VeltheimCharlotte von Veltheim (1832-1911) war eine evangelische Domina des Klosters Marienberg, Mitgründerin des Niedersächsischen Paramentenvereins und Stifterin des Helmstedter Kreiskrankenhauses St.-Marienberg.Siehe Wikipedia.org [19] vom Kloster Marienberg, dessen Schule sie besucht, aus dem Rahmen gefallen. Wir saßen dann den Vormittag zusammen und schrieben Briefe. Den Nachmittag fuhren wir nach Harburg, wo die Anzeigen auf die Druckerei gebracht und die Ringe gekauft wurden. Der Freundin des Sinstorfer Pfarrhauses, Frau Pastor Hoffmann, stellten wir uns als Brautpaar vor, und sie meinte, dass ich gerade ihre Wünsche getroffen. Dienstag früh kamen die Anzeigen aus der Druckerei, und nun wurden eifrig Adressen geschrieben.

Schon Mittwoch früh kamen die ersten Gratulanten. Pastor Gleiß von der Stiftskirche in Hamburg, Papa Borchers' alter Freund, hatte die Anzeige am Kaffeetisch erhalten und hatte sich spornstreichs mit seiner ältesten Tochter Hanna, Elisabeths Herzensfreundin, auf den Weg gemacht. Am Donnerstag kamen die treuen Freunde Kastropps direkt von Elstorf herüber gefahren. Da nachmittags Konferenz in Harburg war, machte er den Umweg. Dann brachte die Post die ersten schriftlichen Gratulationen ein. Elisabeth war hoch erfreut durch eine warme Bewillkommnung Mutters. Mich freute besonders ein Brief des lieben alten Delitzsch. Als ich nachmittags zur Konferenz nach Harburg kam, machte mir der Generalsuperintendent eigenhändig die Tür zum Vorplatz auf und sagte: Das haben Sie recht gemacht.

Von Harburg kehrte ich spät abends nach Moisburg zurück. Blütenduft und Nachtigallengesang empfingen mich im Garten. In Sinstorf waren die Nachtigallen gerade in der Nacht nach der Verlobung angekommen. Nach Moisburg erhielt ich nun auch täglich Gratulationsbriefe. Auch Superintendent Raven sprach mir auf einer Karte seine Anerkennung aus, dass ich seine Hinweisung beherzigt. Ich hatte nämlich bei der Einführung in Hollenstedt einen Trinkspruch ausgebracht auf den Vater des Introduzenten, indem ich mich auf eine Notiz in Schusters Schrift über das Hospiz des Klosters Loccum bezog, die ein Pfarrhaus der Landeskirche rühmend hervorhob, aus dem das Hospiz einer Reihe besonders tüchtig vorgebildeter Kandidaten erhalten hatte, mit dem ja eben das Borcherssche Haus gemeint war.

Raven hatte daraufhin den Angetoasteten gefragt: Haben Sie schon mehr Söhne im geistlichen Amt? Worauf derselbe die Erklärung gegeben mit dem Hinzufügen, dass aber einige dieser Kandidaten hernach seine Schwiegersöhne geworden wären. Darauf hätte Raven gefragt: Sagen Sie, lieber Herr Amtsbruder, haben Sie nicht noch eine Tochter? Und auf die Bejahung dieser Frage: Wäre das nicht etwas für diesen Amtsbruder?, womit er auf mich hinwies. Auch in der Gemeinde erregte meine Verlobung freudige Anteilnahme, und die Hoffnung wurde mir ausgesprochen, dass ich nun hoffentlich hier fest säße. Eine freundliche Bauersfrau, die ich, da sie zarter Gesundheit war, öfter besuchte, fragte mich: Is't ne kräftige Deern?

Mein Weg führte mich nun begreiflicherweise den ganzen Sommer hindurch häufig nach Sinstorf. Zuweilen machte ich den vierstündigen Weg quer durch Wald und Heide zu Fuß. Sonst benutzte ich die Eisenbahn von Buxtehude nach Harburg. Zwei Persönlichkeiten im Sinstorfer Pfarrhause musste ich mir noch geneigt machen. Die eine war Dortchen, das alte, treue Mädchen, das schon über 20 Jahre im Hause war und nicht nur Elisabeth, sondern auch zwei ihrer älteren Geschwister auf dem Arm getragen hatte. Ihre Gunst zu gewinnen war nicht schwer. Als Elisabeth ihr ihre Verlobung mitteilte, antwortete sie: Dat het mi all drömt. Nicht so leicht wurde es mir mit der damals neunjährigen Martha, Elisabeths jüngster Schwester. Sie musste früher schon instinktiv etwas geahnt haben, denn sie hatte zu Elisabeth gelegentlich gesagt: Ich mag das gar nicht, wenn Pastor Dittrich immer zu uns kommt. Und als Elisabeth ihr mitteilte, dass ich um sie angehalten, erklärte sie weinerlich: Ich wollte, es gäbe gar keinen Pastor Dittrich. Die große Schwester war ihr bis dahin allerdings auch Lehrerin gewesen und sollte es, nachdem der Studiosus Sibberns nach bestandenem Examen das Haus verlassen, allein werden. Darum verlor sie doppelt, und ihr Unmut gegen mich war deshalb begreiflich. Mit Apfelsinen und anderen kleinen Näschereien überwand ich denselben allmählich. Aber noch lange, als wir verheiratet waren, konnte sie es nicht ansehen, dass wir zärtlich miteinander waren, und zog sich dann weinend zurück.

An einem strahlend sonnigen, wenn auch etwas kühlen Maientage besuchte mich Elisabeth mit ihrem Vater, direkt zu Wagen durchfahrend, und wir verlebten einen schönen Tag miteinander. Sie erklärte mir, so schön hätte sie sich Moisburg nicht gedacht. Ich schenkte ihr an dem Tage die Sieben Sendschreiben von der Fürstin Reußsiehe Teil 6 (Hauslehrerzeit), Kapitel 4 [20], musste mir aber hinterher noch Gewissensbisse machen, dass ich es versäumt hatte, als sie gegen Abend mit ihrem Vater wieder abfuhr, für einen Abendimbiss zu sorgen. In der Pfingstwoche reiste ich dann mit Vater und Tochter nach Stettin, um die Braut den Eltern vorzustellen. Am zweiten Pfingsttag fuhr ich nach dem Gottesdienst ab.

Auf dem Harburger Bahnhof trafen wir uns. Bei dieser Gelegenheit lernte ich zugleich meinen Schwager Albert kennen, der, damals noch Gymnasiast in Wandsbek, zu den Pfingstferien im Hause war. Die beiden jüngsten Schwäger, Theodor, ebenfalls Gymnasiast in Wandsbek, und Georg, der das Realgymnasium in Bützow besuchte, hatte ich bereits vor der Verlobung in den Osterferien kennen gelernt, wo sie mit ihrem Bruder Friedrich, der sich wegen der erbetenen Vertretung am Sonntag nach Ostern mit mir besprechen wollte, bei mir vorsprachen. Das Reiseziel war an diesem Tage Bützow, wo Elisabeths älteste Schwester Marie an Pastor Gabert verheiratet war. Die frische, lebensprühende Marie und der feine, liebenswürdige Gabert, die uns am Bahnhof erwarteten, begrüßten mich gleich mit dem verwandtschaftlichen Du, und wir verlebten mit ihnen und Gaberts beiden Schwestern, Tante Lenchen und Linchen, einen angenehmen Tag. Mittwoch ging's dann weiter nach Stettin, wo wir nachmittags ankamen. Elly war von Swinemünde, wo die Eltern die Pfingsttage zugebracht, mit mir herüber gekommen, um die neue Schwägerin kennen zu lernen. Von Familien, mit denen wir Braut und Schwiegervater bekannt machten, sahen wir Bülows und Major von Rössing, dessen Frau eine Cousine Hellmuths war, und der auf der anderen Seite mit den Stoltzenbergs verwandt war. Wir machten also wieder einmal die Erfahrung, dass die Erde rund ist. Sonnabend reisten [Schwieger-]Papa und ich ab, da wir Sonntag wieder in unseren Gemeinden sein wollten. Elisabeth blieb noch einige Zeit in Stettin, um sich mit den neuen Verwandten noch besser einzuleben. Kurz nach ihrer Rückkehr aus Stettin kam sie auf einige Zeit nach Hollenstedt, um von der dortigen Schwägerin [Helene geb. Neumann] in die Geheimnisse des Haushalts eingeweiht zu werden. Da lief ich denn natürlich fast täglich hinüber. Einmal kam sie auch mit einer Schwester der Schwägerin, Gussi Neumann, die zum Besuch in Hollenstedt war, nach Moisburg in die Kirche, um mich predigen zu hören. Ich hatte an dem Tage gerade die Feier der OrgelweiheAus einer Kirchengeschichte Moisburg über Johannes Dittrich, geschrieben vom Kantor: Während seiner Amtszeit wurde eine neue Kirchenorgel durch Röver und Söhne in Stade gebaut. Nachdem Organist Armbrust in Hamburg sie geprüft hatte, wurde sie am 9. Juli 1882 eingeweiht. Es war ein Werk mit zwei Manualen und einem dem Hauptwerk angehängten Pedal. [21]. Die alte Orgel der Kirche war nicht mehr dienstfähig. Mein Vorgänger hatte schon den Beschluss der Anschaffung einer neuen Orgel durchgesetzt. Die Ausführung hatte er mir überlassen.


[19] Charlotte von Veltheim (1832-1911) war eine evangelische Domina des Klosters Marienberg, Mitgründerin des Niedersächsischen Paramentenvereins und Stifterin des Helmstedter Kreiskrankenhauses St.-Marienberg.
[20] siehe Teil 6 (Hauslehrerzeit), Kapitel 4
[21] Aus einer Kirchengeschichte Moisburg über Johannes Dittrich, geschrieben vom Kantor: Während seiner Amtszeit wurde eine neue Kirchenorgel durch Röver und Söhne in Stade gebaut. Nachdem Organist Armbrust in Hamburg sie geprüft hatte, wurde sie am 9. Juli 1882 eingeweiht. Es war ein Werk mit zwei Manualen und einem dem Hauptwerk angehängten Pedal.