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Barskamp, 1889-1900 — Ankunft in Barskamp - Der schwerste Tag

Teil 10 - Barskamp, 1889-1900
Kapitel 1
Ankunft in Barskamp - Der schwerste Tag

Freitag den 11. Januar [1889] nahmen wir Abschied von Moisburg. Noch bei Dunkelheit mussten wir aus dem Hause, um den Zug in Buxtehude zu erreichen. Die Kinder, die aus dem Schlaf hatten hochgenommen werden müssen, heulten alle drei, als sie in den Wagen gebracht wurden. Wir teilten uns auf der Fahrt in sie. Ich übernahm Walter, meine Frau Thekla, die sie noch an der Brust hatte, - keins ihrer Kinder hat sie so lange genährt wie dies, so wurde demselben der Milchwechsel erspart, der ihm sonst leicht hätte verhängnisvoll werden können - Gerhard, der noch nicht allein laufen konnte, wurde von Anna Renken betreut, die eigens wieder zu uns gekommen war, um während Elisabeths Wochenzeit den Haushalt zu führen, und nun gleich geblieben war, um uns beim Umzug behilflich zu sein. Vor dem Umsteigen in Harburg bangte mir etwas, da es keine Kleinigkeit war, Kinder und Handgepäck rechtzeitig aus dem Zug zu befördern. Aber Leute, die mit einem Häuflein Kinder reisen, finden am Ende immer mitleidige Seelen, die ihnen behilflich sind. So ging's uns auch, und so saßen wir denn bald behaglich in dem auf dem Bahnsteig schon haltenden Zuge, der uns nach Lüneburg führen sollte. Denn hier brauchten wir nicht wieder umzusteigen in einen anderen Zug. Der nächste, der uns nach Dahlenburg gebracht hätte, fuhr erst nach fünf Stunden ab. Bis dahin konnten wir längst mit dem Wagen in Barskamp sein. So hatten wir beschlossen, von Lüneburg direkt durchzufahren und uns einen Wagen dorthin bestellt. Frau Pastor Kastropp und deren Bruder, Töchterschullehrer Flate, der uns den Wagen besorgt und mir eine Spezialkarte der Umgegend besorgt, begrüßten uns auf dem Bahnhof und halfen uns, nachdem wir gefrühstückt, im Wagen zu verstauen. Die Fahrt war ziemlich kalt, denn das Thermometer zeigte sieben Grad unter null. Sie ging aber doch gut vonstatten. In Neetze, das etwa in der Mitte des Weges lag, machte der Wagen eine kleine Rast. Ich benutzte die Zeit, um auf die Pfarre zu gehen und den Amtsbruder Erythropel zu begrüßen. Er sowohl als seine Frau nahmen mich gastlich auf. Sie tranken ein Glas Wein mit mir und begleiteten mich auch noch zum Wagen, um die Meinen zu begrüßen. Durch Bleckede fuhren wir ohne Aufenthalt hindurch. Als hinter dem letzten Dorf Göddingen der Kirchturm von Barskamp und hinter ihm die Windmühle auftauchte, machte ich Walter auf beides aufmerksam. Es hatte ihn von Anfang an interessiert, dass in Barskamp ein großer Turm und eine große Mühle wäre. Der Turm fehlte in Moisburg. Zwei Windmühlen, die von Hollenstedt und die entferntere von Wenzendorf, konnte man von dem hohen Este-Ufer am Wege nach Podendorf sehen, und unzählige Male hatte ich in der letzten Zeit diesen Weg mit ihm gehen müssen, um sie ihm zu zeigen. Wie hätte es ihn nicht interessieren sollen, dass er künftig eine Windmühle in nächster Nähe haben würde. Bei der Gelegenheit machte ich übrigens noch eine andere Beobachtung, wie nämlich auch Gerhard geistig aufgewacht war. Auf der Reise im Sommer hatte er noch gar keinen Blick gehabt für das, was uns unterwegs begegnete, während Walter nichts unbeachtet ließ. Als ich nun aber ihn auf Turm und Mühle in Barskamp aufmerksam machte, verlangte Gerhard sofort auf meinen Arm, um sie auch zu sehen.

So fuhren wir denn in den neuen Bestimmungsort ein, auf dem Pfarrhof begrüßt von Tagelöhner Meyer, der stets auf der Pfarre gearbeitet und den Hogrefe auch für uns engagiert hatte, und seiner Frau, und überzeugten uns zunächst, dass die Zimmer durchwärmt waren und wir ans Einräumen gehen konnten, sowie unsere Sachen angekommen wären. Dann begaben wir uns ins Küsterhaus, wo ein Mittagessen unser wartete. Nicht lange darauf trafen auch die Möbelwagen ein, und es ging ans Auspacken und Einrichten zunächst der Schlafzimmer, damit wir, wie der Spediteur uns verheißen, in der ersten Nacht in unseren eigenen Betten schlafen könnten. Nun ging aber die Not an. Das Dienstmädchen, das Hogrefe uns gemietet hatte, traf ein, um sich der Kinder anzunehmen. Aber sie wollten nicht zu ihr. Besonders Walter mochte sich von niemand anders als von uns anrühren lassen. Ich war ja möglichst viel bei ihm. Aber Mutter und Tata mussten doch beim Einräumen sein, und wenn ich einmal auf der Pfarre gewesen, empfing er mich jedes Mal mit der Frage: Ist mein Haus noch nicht fertig? Endlich waren wir so weit, dass die Kinder, die inzwischen auch müde geworden waren, in die Betten gepackt werden konnten. So nahm jeder von uns sein Kind und transportierte es hinüber. Wieder heulten sie alle drei. Aber sobald wir im Hause waren, änderte sich die Szene, wenigstens bei Walter. Er beklopfte die Wände des Vorplatzes und des Schlafzimmers: Ist das ein neues Haus? Ist das eine neue Wand? Vollends als er sein Bett wieder erkannte, war er befriedigt - und bald lagen sie alle drei und schliefen, und wir hatten den schwersten Tag hinter uns.

Sonnabend wurde dann das übrige Haus so weit eingerichtet, dass es einen wohnlichen Anblick gewährte und wir am Sonntag die zur Einführung erwarteten Gäste empfangen konnten. Der erste, der eintraf, war der Spezialvikar Erythropel, der als einziger Assistent fungierte. In der Inspektion war nämlich zu der Zeit noch eine Vakanz, Nahrendorf, südlich von Barskamp gelegen, eine andere (Lüdersburg) war soeben beendet, eine dritte (Garlstorf) stand unmittelbar davor. Zwei Pfarren, jenseits der Elbe gelegen, waren, zumal im Winter, nicht zu erreichen. So begnügte sich Superintendent Wiedenroth, der überhaupt auf korrekte Formen nicht besonders viel hielt, bei seinen verschiedenen Einführungen jedes Mal mit einem Assistenten. Er selbst kam zusammen mit dem weltlichen Kirchenkommissar Landrat Herzberg bald darauf auch an. Den Gottesdienst bis zur Einführung versah Erythropel. Die Einführungsrede des Superintendenten hatte zum Text 1. Korinther 3, 11-13Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: Das Werk eines jeden wird offenbar werden; denn der Tag wird es sichtbar machen, weil er sich mit Feuer offenbart. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, wird das Feuer prüfen. [1]. Nach dem Gottesdienst war die Geschäftsübergabe und die Vorstellung und Verpflichtung der Lehrer der acht Schulen, von denen jedoch einer wegen Krankheit fehlte. Dann gingen wir hinüber ins Gasthaus zum Einführungsessen. Denn das zu besorgen hatte Elisabeth mit Recht sich nicht entschließen können. Dagegen wurde nach dem Essen bei uns noch eine Tasse Kaffee eingenommen. Beim Essen übrigens hatte ich Gelegenheit, einen der Kirchenvorsteher, auf den mich übrigens bereits Wenk aufmerksam gemacht, kennen zu lernen. Derselbe hatte, wie er selbst mit einer gewissen Selbstgefälligkeit erklärte, im Jahr 48 sich das Schreien angewöhnt, befolgte in seiner Tätigkeit die Maxime: Ich kenne die Absichten der Regierung nicht, aber ich missbillige sie, terrorisierte mit seiner großen Schnauze die übrigen Mitglieder des Kirchenvorstandes und war infolgedessen die Anfechtung der vorgesetzten Behörden, weil er stets als Hemmschuh wirkte. Superintendent und Landrat empfahlen mir daher, stets die Kirchenvorstandssitzungen sorgfältig vorzubereiten, um auf Überraschungen von seiner Seite gerüstet zu sein. Ich habe seine Hemmschuhtätigkeit in der ersten Zeit reichlich erfahren und schaffte mir für dieselben ein möglichst dickes Fell an. Glücklicherweise wurde er bei der nächsten Kirchenvorstandswahl nicht wieder gewählt. Er sowohl als die Wähler fühlten wohl, dass er in den Kirchenvorstand nicht passe.

Die ersten Wochen in Barskamp waren nicht leicht. Dass der Winter, der sich ja allerdings schon bei unserm Umzug fühlbar gemacht hatte, mit seiner vollen Schärfe, besonders auch mit starkem Schneefall, einsetzte, erst als wir wieder im warmen Nest saßen, empfanden wir allerdings dankbar. Aber wir fühlten uns doch wie eingemauert in der noch fremden Umgebung. Und waren unsere Kinder von den in Moisburg herrschenden Masern verschont geblieben, so stellten sich bei zweien von ihnen, Walter und Thekla, Stickhusten ein. Gerhard, dessen Krämpfeperiode vom vorangegangenen Winter uns noch in erschreckender Erinnerung war, blieb glücklicherweise verschont. Er schlief nicht wie die andern bei uns, sondern bei Anna Renken. Der Arzt, der einen wöchentlichen Sprechtag in Barskamp hatte, machte besonders wegen der noch nicht ein Vierteljahr alten Thekla, bei der wir bei jedem Hustenanfall Erstickung befürchten mussten, ein sehr bedenkliches Gesicht. Er verordnete für Walter bittere Chininpillen, für Thekla wohl etwas Ähnliches in Pulvern. Aber die Pillen waren dem Jungen wenigstens, auch wenn wir sie, wie der Arzt uns riet, in etwas süßes einwickelten, einfach nicht beizubringen. Hatten wir sie ihm auch glücklich in den Mund hineinpraktiziert, so bekam er doch dann regelmäßig sofort einen neuen Hustenanfall, bei dem er alles wieder ausbrach. Dabei wurde er mir förmlich entfremdet. Hinter jeder Freundlichkeit, die ich ihm erwies, witterte er den Versuch, ihm das bittere Zeug beizubringen. Wir waren in rechter Sorge um beide Kinder. Da half uns meine Mutter. Als sie von unserer Not hörte, schickte sie uns homöopathische Mittel, und die erwiesen sich sofort erfolgreich, sodass der Arzt schon bei seinem nächsten Besuch ganz erstaunt war über die eingetretene Besserung. Woher sie kam, sagten wir ihm nicht. Wir haben aber später noch oft Gelegenheit genommen, andern in ähnlicher Lage unsere Mittel zu empfehlen und wiederholt günstige Erfahrungen damit gemacht.

Gegen Ende des Monats trat Tauwetter ein, das aber nur kurze Zeit vorhielt. Schon in den ersten Tagen des Februar stellte sich erneuter und starker Schneefall ein, dem wieder strenge Kälte folgte, die bis Ende März anhielt. Wir kamen uns aufs Neue wie eingemauert vor. Eine große Freude war es deshalb für uns, als meine Schwiegermutter [Thekla Borchers geb. von Stoltzenberg] aus Dorum, wohin sie mit Friedrich [Borchers], als derselbe auf die dortige zweite Pfarrstelle gewählt worden, übergesiedelt war, uns auf einige Wochen besuchte. Sie brachte uns ein Stück Heimat in die Fremde.

Natürlich suchte ich in der Gemeinde allmählich bekannt zu werden. In die Häuser in Barskamp begleitete meine Frau mich größtenteils. In die Außendörfer ging ich vor der Hand allein.


[1] Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: Das Werk eines jeden wird offenbar werden; denn der Tag wird es sichtbar machen, weil er sich mit Feuer offenbart. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, wird das Feuer prüfen.