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Barskamp, 1889-1900 — Weitere Geschwisterkinder und der Unterricht

Teil 10 - Barskamp, 1889-1900
Kapitel 12
Weitere Geschwisterkinder und der Unterricht

Doch ich bin vorausgeeilt. Am 4. März 1896 wurde uns ein Sohn geboren. Das feine Gesichtchen erinnerte an die Züge seines heimgegangenen Bruders, an dessen 10. Geburtstag er auf den Namen Martin getauft wurde. Superintendent Jacobshagen hielt ihn über die Taufe. Meiner kurzen Taufrede legte ich dieselben Worte zugrunde wie bei Walters Taufe. Eine Zeitlang schien es, als sollten wir ihn nicht behalten. Meine Frau hatte keine Nahrung für ihn. Die Flasche bekam ihm nicht. Er trank sie mit Hast in einem Zuge aus, aber erbrach sie sofort. Die Arzneimittel, die der Arzt verschrieb, halfen nicht. Der kleine Kerl fiel zusehends zusammen, und es schien, als könne er keine paar Tage länger leben. Da versuchten wir als letztes Auskunftsmittel Lahmanns vegetabile MilchMartin litt wohl unter Laktose-Unverträglichkeit.Siehe Wikipedia.org [39]. Die Wirkung zeigte sich sofort. Das Brechen hörte auf, und langsam rundete sich das schon ganz abgezehrte Gesichtchen. Nach einem Jahr war er so dick und wohlgenährt wie nur je eins unserer Kinder. Er wurde ein richtiger Junge. Seine fünf Schwestern spielten alle wie richtige Mädchen mit nichts lieber als mit Puppen. Er stieß sie verächtlich mit dem Fuße von sich. Ein munteres drolliges Kerlchen war er bald der Liebling der ganzen Nachbarschaft und aller, die ins Haus kamen.

Am 6. August 1899, genau 100 Jahre nach dem Geburtstage meiner Großmutter [Auguste] Roggenicht genau, denn Auguste Wolfram vh. Rogge wurde am 5. August 1799 in Königsberg (Neumark) geboren. [40], in der Nacht nach einem gewitterschweren Tage, wurde uns wieder ein Mädchen, Annelise, geboren. Auch sie machte uns in der ersten Zeit ihres Lebens manche Sorge. Doch davon später.

Je mehr die Kinder heranwuchsen, desto brennender wurde die Frage ihrer weiteren Ausbildung. Michaelis 1895 nahm ich Gerhard aus der Schule, um mit ihm Latein anzufangen. Aber auch die andern im schulpflichtigen Alter stehenden Kinder sollten bald folgen. Die Leistungen unseres guten alten Hogrefe wurden doch immer schwächer. Ostern 1894 hatte ich zwar Thekla zu ihm in die Schule geschickt und Ostern 1896 tat ich es mit Magdalene. Aber beide haben wenig bei ihm gelernt. Als Thekla die erste Zeit bei ihm zur Schule ging, war er zwar sehr angetan von ihrer lebhaften Beteiligung am Unterricht und meinte: Gerhard mag sehen, dass sie ihm nicht vorkommt. Aber bald wurde sein Urteil anders. Sie war zwar von Natur flüchtig und sprang leicht ab. Aber er langweilte sie auch. Magdalene aber wurde so sehr mit der veralteten BuchstabiermethodeBeim Buchstabieren alphabetischer Schriften müssen die Buchstaben einzeln erkannt und ihr Lautwert zugeordnet werden.Siehe Wikipedia.org [41], nach der er noch unterrichtete, von ihm gequält, und sie hing ihr so lange nach, dass ich Käthe Ostern 1897 gar nicht erst zur Schule schickte, sondern sie von Anfang an selbst unterrichtete, und mit solchem Erfolg, dass sie nach drei Vierteljahren schon zu ihrem Vergnügen las und auch den Geschwistern, allerdings nicht zu deren Vergnügen, vorlesen wollte. So gab ich seit Ostern 1898 auch Irmgard den ersten Unterricht und nahm auch die beiden ältesten, zumal es Zeit war, mit ihnen Französisch zu beginnen. Ich habe also eine Zeitlang fünf Kinder, fast alle auf verschiedenen Stufen stehend, zusammen unterrichtet. Das ging auf die Dauer nicht. Gerhard beanspruchte doch die Hauptaufmerksamkeit, und besonders Thekla und Magdalene gerieten dabei in Gefahr, vernachlässigt zu werden. So entschlossen wir uns denn im Herbst 1898, eine Erzieherin ins Haus zu nehmen. Unsere Wahl fiel auf Fräulein Hedwig Brandis aus Verden, Tochter eines dortigen Amtsgerichtsrats. Ihr wurden zunächst Thekla und Magdalene, später auch Käthe zum Unterricht anvertraut. Auch Gerhard unterrichtete sie im Französischen. Sie war uns eine angenehme Hausgenossin. Auch mit ihr als Lehrerin hatten wir, wie Tina Gleiß, unser damaliges pädagogisches Orakel, die sie einmal hatte unterrichten hören, uns versicherte, einen guten Griff getan. Aber ein Fehler trat bei ihr mehr und mehr hervor, der, als sie anderthalb Jahre bei uns gewesen, ihr weiteres Verbleiben bei uns unmöglich machte: Sie war stark hysterisch. Das einzige unverheiratete männliche Wesen, das in unsern Gesichtskreis trat, war der Kollaborator T. in Bleckede. Auf den wollte sie deshalb mit aller Gewalt los, obgleich er gar nicht sehr zum Verlieben war. Fuhren wir zu einer Konferenz, auf der er zu treffen war, so wusste sie es, obgleich ausgemacht war, dass sie, was Mitgenommen werden betraf, mit unserm jungen Mädchen wechselte, doch so einzurichten, dass sie mitkam. So besonders auch, als er auf die Pfarre der Insel Baltrum ernannt worden war und auf einer Konferenz in Bleckede weggefeiert wurde. Die Folge war denn auch, dass, als er sich beim Auseinandergehen von uns verabschiedete, er uns fragte, ob er noch einmal zu uns kommen dürfe. Als ich am folgenden Tage in der Abenddämmerung von einem Gang in die Gemeinde zurückkehrte, empfing mich meine Frau mit den Worten: Sie liegen sich in den Armen. Fräulein Brandis schwebte in höheren Sphären. Sie sah sich schon vor dem Traualtar stehen, überlegte, was für einen Brautstaat sie antun solle. Wir sollten natürlich zur Hochzeit kommen, der Superintendent sie trauen. Ostern wollte sie wieder nach Hause gehen, um ihre Aussteuer herzustellen. Es sollte anders kommen. T. hatte vor seiner Übersiedlung nach Baltrum sich nicht mehr die Zeit genommen die Verlobungsanzeigen drucken zu lassen und die Verlobungsringe zu besorgen. Er wäre am liebsten spornstreichs wieder abgereist, sowie er das Jawort hatte, und musste von meiner Frau erst darauf aufmerksam gemacht werden, dass er doch wenigstens ein paar Stunden da bleiben müsse, um sich mit seiner Braut auszusprechen. Nun wartete sie Tag für Tag mit steigender Ungeduld auf das Eintreffen der Verlobungsanzeigen und ihres Ringes. Stattdessen kam eines Tages - die Absage in ziemlich brüsker Form. Sie fiel ohnmächtig zu Boden, lag dann mehrere Tage zu Bett und redete irre. Es waren entsetzliche Tage für uns, umso angreifender und aufregender, als unsere kleine Annelise gerade in den Tagen schwere Krämpfeanfälle hatte, ganz ähnliche wie Gerhard in dem gleichen Alter. Bei beiden Kranken musste gewacht werden. Als Fräulein Brandis so weit war, dass sie wieder aufstehen konnte, reiste sie nach Hause, und wir mussten uns zuerst ohne Lehrerin behelfen.

Als wir auf der Suche nach einer neuen Erzieherin waren, wurde uns eine Blinde empfohlen, Fräulein Alma Block, Tochter eines Bauern an der Elbe in der Gegend von Winsen. Sie war blind geborenen, in der Blindenanstalt in Hannover erzogen, und hatte auf dem Wolfenbütteler Seminar sich zur Lehrerin ausgebildet und ihr Examen gemacht. Wir waren anfangs zweifelhaft, ob wir sie nehmen könnten. Da sie uns aber warm empfohlen wurde, sagten wir uns, wir müssten ihr zu Hilfe kommen. In einer Schule konnte sie natürlich nicht unterrichten, sondern war ihrer Blindheit wegen auf Einzelunterricht angewiesen. Wenn es in irgendeinem Hause aber ging, dann musste es bei uns gehen. Unsere Kinder waren einfältig und unverdorben, und der Gedanke, die Blindheit ihrer Lehrerin auszunutzen, um Durchstechereien oder AllotriaAllotria (gr. für fremdartige, nicht zur Sache gehörige Dinge) steht in der griechischen Philosophie der Kyniker und der Stoa für alles, was den Menschen vom Wesentlichen ablenkt. Außerdem bedeutet Allotria so viel wie Spaß oder vergnüglicher Unfug.Siehe Wikipedia.org [42] zu treiben, wäre ihnen gar nicht gekommen. So wagten wir es also in Gottes Namen, und sie kam Ostern 1900 zu uns, um die drei älteren Mädchen zu unterrichten. Gretchen, die die Zeit auch schulpflichtig wurde, schickten wir in die Dorfschule, wie wir es vorher schon mit Irmgard getan, da Hogrefe inzwischen abgegangen und ein neuer Lehrer nach Barskamp gekommen war. Wir hatten es nicht zu bereuen, dass wir Fräulein Block genommen hatten. Sie war gewissenhaft, und die Kinder gewöhnten sich bald an sie, sie wäre voraussichtlich länger bei uns geblieben, wenn nicht gerade um diese Zeit eine Wendung unseres Lebens eingetreten wäre. Wenige Tage nach ihrem Eintritt bei uns erhielt ich die Nachricht, dass ich zum Superintendenten in Diepholz ernannt sei.

Ehe ich darauf eingehe, muss ich ein großes Stück zurückgreifen.


[39] Martin litt wohl unter Laktose-Unverträglichkeit.
[40] nicht genau, denn Auguste Wolfram vh. Rogge wurde am 5. August 1799 in Königsberg (Neumark) geboren.
[41] Beim Buchstabieren alphabetischer Schriften müssen die Buchstaben einzeln erkannt und ihr Lautwert zugeordnet werden.
[42] Allotria (gr. für fremdartige, nicht zur Sache gehörige Dinge) steht in der griechischen Philosophie der Kyniker und der Stoa für alles, was den Menschen vom Wesentlichen ablenkt. Außerdem bedeutet Allotria so viel wie Spaß oder vergnüglicher Unfug.