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Barskamp, 1889-1900 — Die Elbe, ein natürliches Hindernis

Teil 10 - Barskamp, 1889-1900
Kapitel 13
Die Elbe, ein natürliches Hindernis

Als ich vor meiner Übersiedlung nach Barskamp von Generalsuperintendent Schönhoff mich verabschiedete, teilte dieser mir mit, ich würde bei meiner Einführung die Eröffnung erhalten, dass ich mir eine Abtrennung der rechtselbischen Dörfer der Parochie Barskamp ohne Entschädigung werde gefallen lassen müssen. Er stellte die Angelegenheit als eine Formsache dar, die weiter nichts auf sich habe. Als Superintendent Wiedenroth mir daher bei meiner Einführung diese Eröffnung machte, erhob ich keinen Einspruch, umso mehr, da Wiedenroth meinte, die etwaige Einbuße an Einnahme werde unerheblich sein. Ich sollte bald innewerden, dass es sich hier nicht um eine Formsache, sondern um einen wirklichen Notstand handele. Der Verkehr mit jenen Ortschaften war durch die Elbe das ganze Jahr hindurch erschwert, zuweilen auf Wochen, ja auf Monate völlig abgeschnitten. Ich erwähnte bereits, dass ich in den ersten Monaten, wo ich in Barskamp war, überhaupt auf das andere Elbufer nicht kam, und wie betrübend mein erster Eintritt in jene Dörfer war. ähnliches wiederholte sich jeden Winter. War die Elbe fest zugefroren und eine Bahn über dieselbe gegossen, so verkehrte man auf ihr wie auf einer Chaussee, und solche Zeiten waren eigentlich die günstigsten für den Verkehr, da gab's keinen Aufenthalt durch Warten auf die Fähre. Zuweilen aber fror die Elbe so, dass eine Bahn auf ihr nicht gegossen werden konnte. Dann standen die festgefrorenen Eisschollen kreuz und quer, und es war nicht nur beschwerlich, sondern auch gefährlich, den Weg durch dieselben hindurch sich zu bahnen. Völlig ausgeschlossen aber war der Verkehr, wenn Frost eintrat und doch nicht so starker, dass die Elbe zum Stehen kam. Und so wie gelinder Frost war, wimmelte die Elbe von Eisschollen, die die Fähre gefährdeten. Weihnachten 1891 war milder Frost. Der Fährmann hatte Kirchgänger von Neu-Garge über die Elbe zurückgefahren, war drüben etwas mit ihnen im Wirtshaus sitzen geblieben und fuhr in der Dämmerung über die Elbe zurück. Seine Frau hört noch das Anlanden des Kahns und zündet oben den Christbaum an, damit er beim Eintritt in die Stube von den brennenden Lichtern begrüßt wird. Statt ihres Mannes aber kommen einige Leute, die mit ihm gefahren sind, und bringen ihr die erschütternde Nachricht, dass er soeben über Bord gefallen sei. Er hatte eben den letzten Stoß mit dem Ruder tun wollen, der das Boot ans Ufer brächte und hatte gemeint, auf eine Eisscholle zu stoßen. Was er aber in der Dunkelheit für eine Eisscholle gehalten, war keine gewesen. Er war mit dem Ruder auf den Grund gestoßen, der gerade hier ziemlich tief war, hatte das Gleichgewicht verloren und war kopfüber über Bord gefallen. Erst nach mehr als vier Monaten fand man seine Leiche. Als der alte Köhn in Viehle gestorben war, folgte von drüben ein großes Leichengefolge. Denn gerade die Leute in den jenseitigen Dörfern hielten sehr zusammen, und Köhn war einer der angesehensten Bauern. Aber es war Eis in der Elbe. Man konnte es deshalb nicht wagen, mit der Fähre für Fuhrwerke, dem so genannten Boot, überzusetzen. So wurde der Sarg von drei Männern, die gerade neben ihm noch Platz hatten, in einem kleinen Kahn übergesetzt, von Leichenträgern von diesseits, die man vorsorglich bestellt, nach Barskamp auf den Kirchhof gebracht, und das große Leichengefolge blieb drüben am andern Ufer stehen. Die Leichenfeier aber musste möglichst abgekürzt werden, damit die Männer von jenseits überhaupt noch zurück könnten. Ich selbst bin wiederholt mit Lebensgefahr über die Elbe gefahren. Am meisten empfand ich den Notstand im Hinblick auf den Konfirmandenunterricht, da die Kinder gerade im letzten Vierteljahr, wo man sie doch möglichst zusammen haben will, regelmäßig einige Wochen durch die Elbverhältnisse verhindert waren. Wiedenroth sagte mir auch, das Konsistorium brauche bloß das Wort Elbe zu hören, um alle Verzögerungen und Unregelmäßigkeiten in Berichterstattung und Erledigung von Auflagen zu entschuldigen.

Ich hielt mich daher für verpflichtet, im Winter 1892, als in demselben gerade zum dritten Mal der Elbübergang behindert war, einen Bericht an das Konsistorium zu verfassen, in dem ich diese Verhältnisse darlegte und den Antrag stellte, die betreffenden Dörfer, etwa mit Hinzunahme einiger daran stoßenden Dörfer der Gemeinde Neuhaus und des rechtselbischen Dorfes von Bleckede, zu einer eigenen Parochie zu vereinigen, indem ich die aus jenen Dörfern mir zufließenden Gehaltsteile zur Verfügung stellte. Ich verhehlte mir nicht, dass ich mir damit in mein eigenes Fleisch schnitt. Die Einbuße an Gehalt war nicht so unbeträchtlich, als Wiedenroth gemeint. Es handelte sich immerhin um 500 bis 600 Mark. Ich sagte mir aber, dass, ehe das Projekt verwirklicht werden könne, jedenfalls einige Jahre hingehen würden und inzwischen die EmeritenabgabeZahlungen an seinen Vorgänger Emeritus Beer [43], die bis zum 1. April 1894 lief, in Wegfall käme, so dass ich dann kein Sinken meines Gehalts, sondern nur eine Reduktion des Steigens erleiden würde, der Schaden also zu tragen wäre. Superintendent Jacobshagen, dem ich meinen Bericht zur Beförderung übergab, befürwortete ihn warm und amendierte meinen Antrag dahin, dass im Interesse der leichteren Ausführung des Vorschlages statt der Errichtung einer eigenen Pfarrstelle die einer ständigen Kollaboratur bei der Pfarre Barskamp mit dem Sitz in Stiepelse ins Auge gefasst werden möchte.

Mein Bericht machte in Stade Eindruck, und nach einigen Monaten teilte der Konsistorialdirektor BaustädtAlexander Baustädt (1828-1905) war ein deutscher Verwaltungsjurist, zuletzt Präsident des Konsistoriums in Stade.Siehe Wikipedia.org [44] mit, dass er zu einer persönlichen Verhandlung mit dem Kirchenvorstand wegen Errichtung einer Kollaboratur nach Bleckede kommen werde. Er folgte meiner Einladung zum Mittagessen und besprach die Angelegenheit zunächst mit mir persönlich. Dabei sagte er, dass ich in diesem Falle, da es sich nicht um Abtrennung von Teilen der Gemeinde, sondern um Errichtung einer ständigen Kollaboratur handle, zur Abtretung von Gehaltsteilen nicht verpflichtet sei, dass aber die Kirchenregierung es dankbar nehmen werde, wenn ich zugunsten der Kollaboratur auf die von den jenseitigen Dörfern her fließenden Teile meines Gehalts verzichtete und dass in diesem Falle mir nötigenfalls auch eine Entschädigung gewährt werden könnte. Nach Tisch fuhr ich mit ihm nach Bleckede, wo im Amtszimmer des Landrats in Gegenwart der Kirchenkommissarien mit dem Kirchenvorstand verhandelt wurde. Außer den Kirchenvorstehern waren noch der Hofbesitzer Putfarken aus Stiepelse, der als Landtagsabgeordneter ziemliches Ansehen genoss und von den Behörden reichlich umschmeichelt wurde, und auf meine Veranlassung auch Pägel aus Neu-Garge und Köhn aus Viehle geladen. Jacobshagen hatte den Konsistorialdirektor vorher auf Widerstand vorbereitet. Derselbe hatte aber optimistisch geantwortet, es sei ihm bei Bauern stets geglückt. Jacobsbagens Voraussage erwies sich als nur zu gerechtfertigt. Obgleich die Sache den Leuten dringend ans Herz gelegt wurde und ich mich in ihrer Gegenwart zum Verzicht auf den in Frage kommenden Teil meines Gehaltes bereit erklärte, wollten sie sich zu nichts verstehen, und der Konsistorialdirektor zog ziemlich kleinlaut ab. Im Hinausgehen sagte er zu mir, er hätte neulich erst ausgesprochen, dass er in Verhandlungen mit Bauern stets Erfolg gehabt, und nun sei dies binnen kurzem der zweite Fall, wo er nicht zum Ziel gekommen wäre. Baustädt war gewiss ein wohlmeinender Mann und wie ich überzeugt bin auch von großer persönlicher Frömmigkeit, aber kein großes Kirchenlicht, sondern ein steifer Bürokrat. Böse Zungen behaupteten, er hätte seine Stellung an die Spitze des Stader Konsistoriums nur seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Barkhausen zu verdanken. Bezeichnend war die Art und Weise, wie er sich 1885 als Dirigent des durch Hinzufügung des nördlichen Lüneburgischen vergrößerten Konsistorialbezirks Stade eingeführt hatte. Im kirchlichen Amtsblatt erschien eine Verfügung des Inhalts, dass Geistliche und Kirchenvorstände ihre Eingaben stets durch die vorgesetzten Kirchen-Kommissarien an das Konsistorium zu senden hätten und dass alle nicht auf diesem Wege eingegangenen Eingaben den Einsendern auf deren Kosten zurückgesandt werden würden. Punktum. Das war alles, was der Vorsitzende einer kirchlichen Behörde beim Antritt seines Amtes den ihm unterstellten Organen zu sagen hatte!


[43] Zahlungen an seinen Vorgänger Emeritus Beer
[44] Alexander Baustädt (1828-1905) war ein deutscher Verwaltungsjurist, zuletzt Präsident des Konsistoriums in Stade.