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Barskamp, 1889-1900 — Konsistorialdirektor Baustädt

Teil 10 - Barskamp, 1889-1900
Kapitel 14
Konsistorialdirektor Baustädt

Ganz denselben Erfolg hatte eine Verhandlung, welche die Kirchen-Kommissarien im Herbst des Jahres auf Veranlassung des Konsistoriums in dieser Angelegenheit mit dem Kirchenvorstand hatten. Das Konsistorium drohte mit Zwangsmaßregeln, aber dabei blieb es. Die Leute wurden nur unzugänglicher und meinten, wenn das Konsistorium im Recht wäre, würde es wohl auch zu Zwangsmaßregeln schreiten. Endlich im Anfang des Jahres 1895 schien es, als sollte die Sache einen Schritt weiter kommen. Das Konsistorium teilte mir mit, dass das Landes-Konsistorium auf seinen Antrag eine jährliche Beihilfe von 500 Mark zum Gehalt des Kollaborators in Aussicht gestellt hätte. Es forderte mich ausdrücklich auf, ich solle nicht sogleich mit dem Kirchenvorstand in Verhandlung treten, sondern erst durch persönliche Einwirkung auf einzelne Stimmung machen, ehe ich den Kirchenvorstand zusammenriefe. Nun es ging, wie es meistens in solchen Fällen geht. Wenn ich mit einzelnen Leuten, besonders in den überelbischen Dörfern sprach, ihnen den Segen fortwährender und leicht zu habender geistlicher Bedienung vorstellte und ihnen vorrechnete, dass die Belastung für den einzelnen bei den in Aussicht gestellten Beihilfen kaum fühlbar wäre, stimmten sie mir zu. Als ich aber den Kirchenvorstand beisammen hatte, folgte abermals ein glattes Nein. Wieder ruhte die Sache fast zwei Jahre. Dann kam im Frühjahr 1897 mit dem Anerbieten einer neuen Beihilfe, wodurch die Leistung der Gemeinde wirklich auf ein Minimum herabgedrückt war, umso mehr, als die ganze Gemeinde für verpflichtet erklärt wurde, die Aufforderung, nunmehr Beschluss wegen Errichtung einer Kollaboratur zu fassen. Es war eine stürmische Sitzung, aber das Ergebnis wieder negativ. Es tat mir ordentlich weh, als ich nach Aufhebung der Sitzung Pägel, der inzwischen in den Kirchenvorstand eingetreten war, und der mir treuherzig zum Abschied seine Hand reichte, die meine verweigerte. Die übrigen entfernten sich sichtlich betreten, ohne sich mir zu nähern. Auch eine scharfe Verfügung, die das Konsistorium auf meine Veranlassung nochmals an den Kirchenvorstand richtete, war erfolglos. Die Leute versteiften sich auf das bis auf weiteres, für das die Beihilfen zugesagt waren, und meinten, man könne nicht wissen, ob sie nicht demnächst zurückgezogen werden würden und machten üble Erfahrungen geltend, die manche Schulvorstände mit dem Lehrerbesoldungsgesetz gemacht hätten.

Nun endlich errichtete das Konsistorium selbstständig die Kollaboratur. Als die Nachricht im kirchlichen Amtsblatt erschien, bat ich den Präsidenten Baustädt - diesen Titel hatte er inzwischen erhalten - um eine grundsätzliche Unterredung. Denn es kam mir nun hauptsächlich darauf an, dass nun die richtige Persönlichkeit ernannt würde. Noch vor dem Tage meiner Hinreise nach Stade erhielt ich aber die Nachricht, dass der Predigtamtskandidat Bartels aus Niederhüll zum Kollaborator ernannt sei. Ich reiste nichtsdestoweniger nach Stade und empfing vom Präsidenten die Bestätigung, dass der in Aussicht Genommene eine fest im Bekenntnis stehende Persönlichkeit sei und die Gabe habe, an die Leute heranzukommen. Überflüssig war übrigens meine Reise schon deshalb nicht, weil Baustädt mir zugleich mitteilen musste, dass wir den Ernannten vielleicht bald wieder hergeben müssten, weil er auf dem Wahlaufsatz für die erledigte Gehilfspredigerstelle für die Stadt Stade stände, ich also gleich für die Eventualität eines geeigneten Nachfolgers sorgen musste.

Ich ging nun zunächst nach Stiepelse, Wohnung und Beköstigung für den neuen Kollaborator zu beschaffen. Mit der Wohnung hatte ich's leicht. Ein Wohnhaus, dessen Anerbin sich in einen andern Hof verheiratet hatte, war verpachtet, und der Pächter konnte Zimmer abgeben. Schwieriger war's mit der Beköstigung. Der Gastwirt, bei dem ich bei meinen Kapellenpredigten abgestiegen war, erklärte, zu täglicher Lieferung eines Mittagessens sich nicht verpflichten zu können. Putfarken, den ich fragte, ob er den Kollaborator nicht an seinen Tisch nehmen könne, machte ziemlich böse Miene. Er hatte es mir besonders übel genommen, dass ich bei der letzten Bezirkssynode in Bleckede, bei der auch die Stiepelser Kollaboratur zur Sprache gekommen war, vom Heranwachsen eines kirchenlosen Geschlechts geredet hatte. So musste ich die Sorge für seine Beköstigung einstweilen dem Kollaborator selbst überlassen und konnte ihm nicht verhehlen, dass man möglicherweise versuchen werde, ihn auszuhungern.

Nach wenigen Tagen kam er nun an, zuerst auf unsere Einladung, bei uns abzusteigen. Er war allerdings ganz der richtige Mann für die nicht leichte Aufgabe. Ein Hüne von Gestalt imponierte er schon durch seine äußere Erscheinung. Dabei hatte er eine so bezwingende Freundlichkeit, dass die Leute, die sein Kommen ja mit dem größten Misstrauen wo nicht mit Widerwillen betrachtet hatten, bald dadurch entwaffnet wurden. Er stellte sich ihnen als einer von der Waterkant vor, und die Art, wie er die Ruder zu handhaben wusste, imponierte den Leuten nicht wenig. Dabei redete er den Leuten nicht etwa nach dem Munde, sondern wusste ihnen derb die Wahrheit zu sagen, wie es nicht jeder hätte wagen dürfen. Von ihm nahmen es die Leute an. Etwas von einem Ludwig Harms steckte in ihm. Er besaß auch eine tüchtige theologische Bildung und eine ungewöhnliche Redebegabung. Zu uns stellte er sich von vornherein wie Kind im Hause, kam häufig von Stiepelse zu mir herüber, um alles mit mir zu besprechen. Ein Bett stand ihm immer bei uns bereit. Besonders befreundete er sich auch mit unseren Kindern. An keinem Geburtstage durfte er fehlen. Und wie oft hat er uns in das Schieringer Holz begleitet und mit uns herrlich gespielt. Seine Ernährungsfrage löste er dadurch, dass er sich mit seinen Wirtsleuten an einen Tisch setzte und aß, was sie aßen. Freilich bekam ihm das Essen nicht. Deshalb entschloss er sich kurz und heiratete seine Braut, Tochter eines Gartenwirtschaftsbesitzers in Erlangen, mit der er sich schon als Student verlobt hatte. Vielleicht hätte er sich noch harmonischer entwickelt, wenn er eine Frau bekommen hätte, die ihm geistig ebenbürtig gewesen wäre. Eine solche hätte manche Ecken und Kanten an ihm abgehobelt und manche Auswüchse beschnitten. So entwickelte er sich, ohnehin eine Herrschernatur, etwas zu einseitig als Herrenmensch. Aber eine treue Gehilfin war sie ihm, und ihr bescheidenes Wesen ließ auch über manche Mängel der Kinderstube hinwegsehen. Dass er in Stade nicht erwählt, sondern uns erhalten wurde, war mir eine Gebetserhörung.

Der Kirchenvorstand änderte gleichwohl seine ablehnende Haltung nicht. Er weigerte sich, den kleinen Betrag, den die Gemeinde aufzubringen hatte, in den Etat einzusetzen, und als die Etatisierung einfach verfügt wurde, legte auch Hogrefe, der es mit den Kirchenvorstehern nicht verderben wollte, sein Amt als Kirchenrechnungsführer nieder. Wie solche Konflikte meist in der Ferne vergrößert aussehen, so brachte auch die Bleckeder Kreiszeitung einen Artikel von einem angeblichen Kirchenstreik in Barskamp. Es war kein Wort davon wahr, die Gemeinde diesseits der Elbe kümmerte sich im Ganzen wenig darum. Ich hielt es nicht der Mühe wert, auf den Artikel zu antworten, sondern ließ die Lüge sich zu Tode laufen. Übrigens konnten sich auch die Kirchenvorsteher dem Zauber der Persönlichkeit von Bartels nicht ganz entziehen. Sie begegneten ihm persönlich freundlich. Sie redeten zwar davon, dass sie gerichtlich gegen das ihnen auferlegte Zwangsverfahren vorgehen wollten, fragten auch einen Anwalt in Lüneburg, aber derselbe muss ihnen schließlich wohl selbst abgeraten haben, denn die Sache verlief sich im Sande.

Für mich persönlich blieb die ganze Angelegenheit nicht ohne Bitternis. Als ich im Frühjahr bei Baustädt war, erinnerte ich ihn auch an die mir seinerzeit gegebene Zusage, dass ich für meine Gehaltseinbuße nötigenfalls entschädigt werden solle. Dank dem schlaffen und langsamen Vorgehen des Konsistoriums war ich nun schon seit drei Jahren im Genuss der vollen Pfarrpfründe, und bei dem inzwischen stark vergrößerten Hausstande konnte ich sie durchaus gebrauchen und hätte eine Verringerung meiner Einnahmen sehr schwer empfunden. Das machte ich geltend. Er ließ mich gar nicht ausreden, sondern unterbrach mich: Das versteht sich, keinem Menschen kann man zumuten, plötzlich mit 300 Mark weniger sich zu bequemen und forderte mich auf, baldigst ein Gesuch einzureichen, das er warm befürworten und bei dem er auch hervorheben wolle, wieviel Verdienst ich mir um die Errichtung der Stelle erworben. Wenig angenehm berührte es mich allerdings, dass er das, worum ich einkommen solle, als Unterstützung bezeichnete. Auch der Landrat in Bleckede, mit dem Jacobshagen die Sache besprach, als ich mein Gesuch eingereicht, fand das unwürdig. Meinetwegen, mochte es so genannt werden, wenn ich es nur bekommen hätte. Aber nachdem ich mehrere Wochen gewartet, kam ein schroff abweisender Bescheid aus dem Landes-Konsistorium. Meine gewiss nicht zur Schärfe geneigte Frau sagte, als sie ihn las: Das ist ja, als ob man einen Fußtritt bekäme. Ich war außer mir und wusste zuerst gar nicht, was ich machen solle, entschloss mich aber nach längerem Besinnen, a papa male informato ad melius informandumEs handelt sich um das Luther-Zitat Appellatio a papa male informato ad papam melius informandum. (Ich appelliere an den Papst, der zwar unfehlbar ist, der aber doch falsch unterrichtet worden sein kann.) Der Autor wollte dem Konsistorialdirektor Baustädt also zubilligen, diese Entscheidung aus Unkenntnis oder aufgrund fehlender Informationen getroffen zu haben. [45] zu appellieren. Auch Jacobshagen, mit dem ich darüber sprach, riet zu und billigte mein Gesuch, nachdem er mich an einer Stelle zur Milderung einer Schärfe veranlasst hatte. Ich reichte also das Gesuch ein und wartete gespannt auf den Erfolg. Ja, der Herr Präsident war ins Bad gereist und forderte mich auf, bis nach seiner Rückkehr zu warten. So wie ich mein Gesuch abgefasst, könne er es nicht abschicken. Ich musste mich also weiter gedulden. Endlich war er zurückgekehrt und forderte mich auf, zu ihm aufs Konsistorium zu kommen, um die Angelegenheit persönlich mit ihm zu besprechen. Ich hatte kaum noch so viel Geld in der Tasche, um die Reise nach Stade zu bestreiten, reiste aber natürlich hin. Auf dem Konsistorium war der Präsident noch nicht, als ich hinkam. Als er die Treppe heraufkam, machte er ein Gesicht, dass ich mir sagte: das sieht ja beinah aus als wäre ich zu einem Disziplinarverfahren zitiert. In der Tonart ungefähr fing er auch an. Als er mich aufgefordert, mich auf ein Stühlchen neben seinem Schreibtisch zu setzen, fing er mit erhobener Stimme an: Mit diesem Gesuch machen Sie sich Ihr ganzes Verdienst, das Sie sich erworben hatten, zunichte. Ich antwortete ruhig: Herr Präsident, ich beanspruche gar nicht, mir ein Verdienst erworben zu haben, ich habe einfach meine Pflicht tun wollen. Eigentlich hätte ich sagen müssen: Ich will Ihnen sagen, in welchem Falle man mir Schuld geben könne, dass ich mein Verdienst zunichte gemacht hätte, wenn ich gesagt hätte: Schön, hält man mir meine Zusage nicht, so bin ich auch an die meine nicht gebunden, ich beanspruche nach wie vor mein volles Gehalt. - Er wollte von einer früher gegebenen Zusage nicht recht mehr etwas wissen, bestritt es aber schließlich, als ich ihn mit Entschiedenheit daran erinnerte. Dann sagte er noch: Und was sind das für Übertreibungen, wenn Sie in Ihrem Gesuch sagen, es handle sich um Ihre Existenz. Ich antwortete: Das sind keine Übertreibungen, sondern die Sache liegt so, wie ich gesagt habe. Als er sah, dass ich mir von ihm nicht imponieren ließ, wurde er etwas höflicher, ging mit mir mein Gesuch durch, merzte sorgfältig alles aus, nicht nur, was als Schärfe ausgelegt werden konnte, sondern auch das, was irgend Temperament zeigte, und meinte dann, so möchte ich das Gesuch nur einreichen. Vor meinem Weggang konnte ich mir's nicht versagen, ihm auszusprechen, welche Missstimmung in Pastorenkreisen herrsche über den kalten, unfreundlichen Ton, den die kirchlichen Behörden oft gegen die Geistlichen anzuschlagen beliebten. Als er das nicht recht zugeben wollte, antwortete ich: Ich bin in der Lage, Vergleiche anzustellen. Die Regierung hat, wenn sie mit mir als Kreis-Schulinspektor verhandelt, stets einen entgegenkommenden, kulanten Ton. Er meinte, etwas verlegen lächelnd, das sei wohl auch etwas anderes. Die Regierung stände doch anders zu uns. Mir lag die Erwiderung auf der Zunge, dass das Verhältnis genau umgekehrt liege, denn als Kreis-Schulinspektor sei ich einfach Untergebener und ausführendes Organ der Regierung, während die Geistlichen nicht einfach untergebene Beamte des Konsistoriums seien. Ich verschwieg es aber. Als ich mich im Verlauf der Unterredung über den Ton beschwerte, in dem das Landes-Konsistorium seine Abweisung gekleidet, meinte er, das scheine mir so, weil ich durch die Abweisung gereizt gewesen sei. Ich antwortete: Herr Präsident, andere haben den gleichen Eindruck gehabt. Da fuhr er auf: Das finde ich aber auch nicht schön von Ihnen, dass Sie mit solch einem Schreiben bei Ihren Bekannten herumlaufen!, worauf ich erwiderte: Ich werde doch wohl noch das Recht haben, mit meinem Superintendenten darüber zu sprechen, um mir seinen Rat zu holen. Da konnte er mir natürlich nichts antworten.


[45] Es handelt sich um das Luther-Zitat Appellatio a papa male informato ad papam melius informandum. (Ich appelliere an den Papst, der zwar unfehlbar ist, der aber doch falsch unterrichtet worden sein kann.) Der Autor wollte dem Konsistorialdirektor Baustädt also zubilligen, diese Entscheidung aus Unkenntnis oder aufgrund fehlender Informationen getroffen zu haben.