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Barskamp, 1889-1900 — Bitterness und eine ungewisse Zukunft

Teil 10 - Barskamp, 1889-1900
Kapitel 15
Bitterness und eine ungewisse Zukunft

Ich setzte mich also zu Hause hin, und schrieb nach der Anweisung des Präsidenten ein möglichst zahm gehaltenes Gesuch. Erfolg: Abweisung in womöglich noch schärferer Form. Jacobshagen hielt es, damit es mich nicht am Sonnabend träfe und mir die Stimmung für die Sonntagsarbeit verdürbe, über den Sonntag zurück. Baustädt aber, der die gleiche Rücksicht nicht kannte, hatte es mir doch schon privatim zum Sonnabend mitgeteilt. Er schrieb dazu: Nur keine Verbitterung. Für mich war er damit erledigt.

Die Zukunft lag nun wirklich grau vor mir. Ich musste es am Munde absparen, wenn ich auskommen wollte. Und was sollte werden, wenn für die Ausbildung der Kinder mehr aufgewandt werden sollte. Die Zeit rückte bereits in bedrohliche Nähe. Ich musste also sehen, eine einträglichere Stelle zu erlangen. Zufällig wurde gerade eine der einträglichsten Stellen im Kalenbergischen frei, zwar durch Emeritierung, aber auch nach Abzug der Emeritenabgabe war die Verbesserung bedeutend. Die Kirchenregierung hatte die Besetzung. Ich reichte also ein Gesuch ein und schrieb an den Dezernenten in Stellenbesetzungssachen Philipp MeyerPhilipp Meyer (1854-1927) war ein lutherischer Theologe und Kirchenhistoriker.Siehe Wikipedia.org [46] privatim, ihm meine Notlage darlegend. Er antwortete freundlich, er würde jedenfalls die Angelegenheit objektiv behandeln, könne mir aber natürlich keine Versprechung machen, da der Andrang voraussichtlich groß sein werde. Jacobshagen gegenüber hatte er sich, wie dieser mir wieder erzählte, auch verwundert über das Stader Konsistorium ausgesprochen. Ich wartete nun der Dinge, die kommen sollten. Da ich eben erst das 45. Jahr überschritten hatte, war ich ohne Frage einer der jüngsten Bewerber. Monate vergingen, ohne dass ich etwas hörte. Da erfuhren wir im Februar 1898 auf einer Konferenz in Bleckede, dass Jacobshagen als Nachfolger des zum Konsistorialrat und ersten Hof- und Schlossprediger nach Hannover berufenen Hoppe zum Superintendenten in Markoldendorf ernannt sei. Das war mir schmerzlich, einmal, weil ich mich gut mit ihm eingelebt hatte und mich mit ihm verstand, aber auch, weil meine eigene Zukunft mir immer problematischer wurde, wenn ich diesen Ephorus, der sich mir stets als verständnisvoller Freund bewiesen, verlor. Nach einer fast schlaflosen Nacht ging ich wieder zu ihm und fragte ihn, ob ich mich nicht noch einmal mit dringenderen Bitten nach Hannover wenden sollte. Er riet mir, doch ja einmal persönlich mit Philipp Meyer sowohl als auch mit den Herren vom Landes-Konsistorium zu sprechen. So reiste ich denn einige Tage später nach Hannover, stieg zunächst im Vereinshaus ab und ging zuerst zu Hoppe, traf freilich ihn nicht, aber seine liebenswürdige Frau. Der Erste, den ich dann besuchte, war [Oberkonsistorialrat] Guden, der, als ich ihm meine Bitte wegen der erledigten Stelle vortrug, mir gleich sagte, für sie käme ich zu spät, die Stelle sei kürzlich an einen älteren Geistlichen mit neun Kindern vergeben, aber mich doch weiter anhörte, als ich ihm meine Lage darlegte. Als ich ihm von meiner Einbuße an Einnahme durch die Errichtung der Kollaboratur erzählte, fragte er: Aber hören Sie, Sie haben doch eine Entschädigung für den Ausfall erhalten? Als ich das verneinte, antwortete er: Bitte, sowie Sie nach Hause kommen, schreiben Sie mir das, was Sie eben sagten, mit zwei Worten auf. Wenn ich das in der nächsten Sitzung habe, kann dafür vielleicht noch etwas in den Etat eingesetzt werden. Auch die übrigen Herren, mit denen ich sprach, Philipp Meyer, der Abt und Präsident Voigts, äußerten sich wohlwollend. Als ich ins Vereinshaus zurückkam, fand ich einen Brief von Hoppe vor, in dem er bedauerte, mich nicht gesehen zu haben, und mich einlud, bei ihm Quartier zu nehmen. Er war durch seine neue Würde nicht größer geworden, und ich verlebte einen sehr netten Abend bei ihm, der mir zeigte, dass wir uns vollkommen verstanden.

In der Osterwoche erhielt ich dann einen Brief von Baustädt, in dem er mir mitteilte, dass das Landes-Konsistorium mir eine außerordentliche Unterstützung von 400 Mark bewilligt habe. Er schloss: Ich habe mich gefreut. Ich dachte: Das hast du billig, hüllte mich ihm gegenüber in völliges Schweigen, schrieb dagegen sofort einen warmen Dankbrief an Guden. In derselben Woche feierten wir Jacobshagen weg. Die Verwaltung der Superintendentur war mir übertragen worden, und das brachte immerhin einige Nebeneinnahmen. Durch besondere Umstände verlängerte sich die Vakanz, so dass sie volle zehn Monate dauerte. Kurz vor Pfingsten erhielt ich nämlich die Ernennung von Pastor Holtermann aus Scharnebeck zum Superintendenten. Schon hatte ich mit ihm den Termin seiner Aufstellungspredigt verabredet, als ich ein Telegramm aus Stade erhielt: Vokationsverfahren Holtermann nicht fortsetzen, vielmehr sofort einstellen. Was war geschehen? Man hatte ihn bei einer welfischen Wahlversammlung gesehen, wobei er, sonst sich still verhaltend, doch zu einigen Ausführungen des Redners beifällig genickt hatte. Das hatte ihm den Hals gebrochen. Als ich dem Landrat die Einstellung des Vokationsverfahrens mitteilte, war er freudig überrascht, weil ihn die Begegnung in jener Wahlversammlung peinlich berührt hatte. Ob er ganz unschuldig an der erfolgten Zurückziehung der Ernennung war? Ich empfand sie als ein Unrecht gegen Holtermann, umso mehr als er, wie auch dem Landrat nicht unbekannt, gar kein eigentlicher Welfe war. Immerhin war ich und waren andere mit mir ganz zufrieden, dass aus dieser Ernennung nichts wurde. Holtermann war ein begabter und tüchtiger Mann, damals wohl der gesuchteste Redner auf Missionsfesten. Ich habe wiederholt mit ihm auf Missionsfesten zusammengewirkt und traf sowohl in der Uelzener als auch in der Lüneburger Konferenz, wo er ein gewandter und schlagfertiger Debattenredner war, mit ihm regelmäßig zusammen. Wir verstanden uns auch gut. Aber seine Ernennung zum Superintendenten konnte ich gleichwohl für eine glückliche nicht halten. Einmal schon deshalb nicht, weil er einer der Jüngsten unter uns gewesen wäre. Dazu war er reichlich impulsiv, ja oft rücksichtslos und ausfallend gegen andere, so dass die Zusammenstöße nicht ausgeblieben wären. Und da er eine an die Inspektion Blekede grenzende Gemeinde hatte, so war er mit diesen Eigenschaften bei uns schon bekannt. Einige von uns hatten mit ihm auch schon Zusammenstöße gehabt. Es wäre also nicht gegangen. Er hat später auf einem ihm angemesseneren Arbeitsgebiet erfolgreich gearbeitet.

Da naturgemäß die Verhandlungen über ihn im Schoß der Behörden ziemlich viel Zeit in Anspruch nahmen, so dauerte auch meine VerweserschaftDer Begriff Verweser (ahd. firwesan jemandes Stelle vertreten) bezeichnet einen Vertreter im weitesten Sinne, insbesondere in staatlichen Spitzenämtern.Siehe Wikipedia.org [47] ziemlich lange, und ich musste allerlei Aufgaben übernehmen, von denen ich sonst befreit geblieben wäre. So im September die Leitung der Bezirkssynode. Bei dem derselben folgenden gemeinsamen Mittagessen schickten wir eine gemeinsame Glückwunschdepesche an Superintendent Jacobshagen, der am Tage darauf seine zweite Ehe schloss, nachdem 1896 seine erste Frau gestorben war.

Nach der Bezirkssynode gestattete ich mir eine kleine Erholung, indem ich an der Möllner Konferenz teilnahm. Das Zusammensein mit einer großen Anzahl von Amtsbrüdern besonders aus dem Hannoverschen, Mecklenburgischen, Lauenburgischen und Scheswig-Holsteinschen, teilweise auch mit ihren Damen in dem entzückenden Wald- und Seen-Idyll, war überaus erquicklich. Die Möllner Kirche wurde unter Führung von Pastor Lic. Bestmann, den ich daran erinnerte, dass er mir einmal im Kolleg in Leipzig das Tintenfass umgestoßen hatte, besichtigt, das Grabmal Till Eulenspiegels natürlich auch beachtet. Vorträge hörte ich von Oberkirchenrat Haack-Schwerin, den Professoren KlostermannAugust Klostermann (1837-1915) war ein evangelischer Theologe und Hochschullehrer.Siehe Wikipedia.org [48] und Mühlau aus Kiel u. a. Mit Freund Wagner, der auch teilnahm, unternahm ich eines Nachmittags eine Fußwanderung nach Ratzeburg, in seiner Bauart und Lage das vergrößerte Abbild von Mölln, wobei wir den Dom besuchten, der nach dem Brande von 1893 aufs schönste wiederhergestellt war.

Dann ging's von neuem in die Arbeit hinein. Zunächst folgten die Minorennenprüfungen. Besonders viel Arbeit machte mir dann die Ausführung des Pfarrbesoldungsgesetzes, das von der außerordentlichen Landessynode 1897 beschlossen war. Uhlhorn hatte nach derselben geäußert: Jetzt danke ich Gott, dass ich kein Superintendent bin. Denn die hatten nun die Hauptlast zu tragen und ich bekam das auch zu spüren. Ein Nachspiel hatte die Bezirkssynode noch für meinen lieben Kollaborator Bartels. Ich hatte in der Besorgnis, dass die Verhandlungen etwas flau werden möchten, zu ihm gesagt, er möchte nur auf der Bezirkssynode auch etwas sagen. Er hatte geantwortet, das wolle er wohl tun, und legte nun beim Kapitel Kirchenzucht in einer Weise los, das Darniederliegen aller Kirchenzucht behauptend, dass ich ihm selber entgegentreten musste. Er ließ sich aber dadurch nicht zur Ruhe bringen, und nun nahm Konsistorialrat Müller, der als Vertreter der Kirchenregierung der Synode beiwohnte, das Wort, und es kam zu einer ziemlich scharfen Auseinandersetzung zwischen beiden. Bei Tisch sprach der Konsistorialrat Müller noch seine Missbilligung des Auftretens Bartels' mir gegenüber aus. Ich redete Bartels möglichst das Wort und fragte ihn nach Aufhebung der Tafel, ob er dem Konsistorialrat nicht ein begütigendes Wort sagen wolle. Er blieb aber steifnackig. Als ich nun die gedruckten Protokolle eingesandt, kam vom Konsistorium die Aufforderung, ihn verantwortlich zu vernehmen, da aus dem Protokoll hervorzugehen schiene, dass Bartels das Konsistorium angegriffen hätte. Als er auf meine Aufforderung zu mir kam, sagte ihm meine Frau: Nun seien Sie auch recht nett und lieb. Ich las ihm dann die Verfügung des Konsistoriums vor, und als er Bedenken trug einzulenken, sagte ich ihm: Geben Sie nur getrost zu, dass Sie auf der Synode ohne rechte Sachkenntnis gesprochen! Das gab er zu, ich protokollierte es und sang dann in dem Begleitbericht sein Lob in allen Tonarten. Darauf folgte dann auch eine Verfügung des Konsistoriums, die mit den Worten begann: Wir haben mit Befriedigung vernommen, und damit war der Zwischenfall erledigt.


[46] Philipp Meyer (1854-1927) war ein lutherischer Theologe und Kirchenhistoriker.
[47] Der Begriff Verweser (ahd. firwesan jemandes Stelle vertreten) bezeichnet einen Vertreter im weitesten Sinne, insbesondere in staatlichen Spitzenämtern.
[48] August Klostermann (1837-1915) war ein evangelischer Theologe und Hochschullehrer.