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Barskamp, 1889-1900 — Die Parochie

Teil 10 - Barskamp, 1889-1900
Kapitel 2
Die Parochie

Die Gemeinde zählte ungefähr 2200 Seelen, war also mehr als dreimal so groß als die Moisburger. Im Pfarrdorf selbst wohnten 500. Der Kern des Dorfes gruppierte sich um einen großen viereckigen Marktplatz herum, in dessen Mitte eine uralte Linde stand. Der Stamm war ausgehöhlt und erleichterte mit seiner schrägen Haltung der Jugend das Hinaufklettern. Hogrefe war in jedem Frühling gespannt, ob der Baum wieder ausschlagen werde. Er tat es aber, wenn auch Blätter und Schösslinge nur klein waren. An den Marktplatz grenzten auch Pfarrhof und Pfarrgarten. Das Pfarrhaus, mit der Vorderfront nach Nordwesten gerichtet, ein mit Ziegeln gedeckter Fachwerkbau, beschattet von einer mächtigen Kastanie, ging auf den Hof hinaus, der vom Garten durch eine Mauer von Feldsteinen getrennt war. Doch war der eigentliche Wirtschaftshof, der westlich vom alten strohgedeckten, nur noch zu Wirtschaftszwecken benutzten Pfarrhause begrenzt war, von dem vor dem Wohnhause liegenden und nach dem Garten führenden Teile, durch ein Heck abgegrenzt, so dass dieser sauber gehalten werden konnte und durch ein Rasenoval, in dessen Mitte ein Blumenbeet angelegt war, einen freundlichen Anblick bot. Der Garten vor dem Hause war ein von rechtwinklig sich schneidenden, von Blumenrabatten flankierten Wegen abgeteilter Gemüse- und Obstgarten ohne bemerkenswerte Eigentümlichkeiten. Hinter dem Hause war noch ein mit Obstbäumen bestandener Grasgarten, durch den der Weg auf den alten, nicht mehr benutzten Kirchhof führte. An der Kirche war das Interessanteste der Turm, ein aus dem 11. oder 12. Jahrhundert stammender Rundturm von Feldsteinen. Die Kirche lang, aber verhältnismäßig schmal, zeigte in ihrem ältesten Teil, dem aus dem 14. Jahrhundert stammenden Chor, gotische Formen, ein Sterngewölbe und Spitzbogenfenster, in die jedoch viereckige Fenster eingebaut waren, um die Harmonie mit dem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Schiff herzustellen, das ein Tonnengewölbe hatte.

Der Kirchort war von Nordwesten bis Süden von einem Kranz im Halbkreis liegender Außenorte umgeben. Das nächste Dorf war Göddingen, nur wenig über eine Viertelstunde entfernt, durch das die Landstraße nach Bleckede führte. Im Norden, in seinen nächsten Teilen ein halbe Stunde entfernt, aber ziemlich lang ausgestreckt am Ufer der hier eine Biegung nach Norden machenden Elbe lag Alt-Garge mit der Fährstelle Wohld, zu der man einen wohl hundert Fuß tief steil abfallenden bewaldeten Abhang hinabsteigen musste. Das südliche Elbufer bildet von da an mehrere Stunden aufwärts ein bewaldeter Höhenzug, an dessen Fuße wandernd man sich in eine Gebirgsgegend versetzt glaubt. Etwas weiter elbaufwärts setzt sich dann der Wald aber auch in südlicher Richtung fort in dem teils aus Tannen teils aus Buchen bestehenden Schieringer Holz, in dem zwei bemerkenswerte HünengräberDie Megalithanlagen im Schieringer Forst entstanden zwischen 3500 und 2800 v. Chr.Siehe Wikipedia.org [2] sich befinden, das eine geöffnet, neben ihm der Opferberg, ein kreisrunder jedenfalls künstlicher Hügel, das andere noch geschlossen. In der Nähe des erstgenannten fährt die Landstraße nach Walmsburg vorbei, das wieder der Elbe nahe liegt, von derselben nur durch sumpfiges Wiesenland getrennt, an das sich dann noch näher der Elbe das Dorf Bruchdorf anschließt, während die Chaussee dann in der Nähe des kleinen zwischen Hügeln versteckten Reeßeln vorbei und bei Catemin, dem entferntesten Dorfe der Parochie, zur Darchauer Fähre führt. An dem andern Hünengrabe vorbei gelangt man zu dem im Walde gelegenen Forsthause Schieringen und von da in das kleine, nur aus drei Höfen aber vielleicht den schönsten der Gemeinde bestehende Köhlingen. Ein in weiter südlicher Richtung durch das Holz fahrender Weg endlich geht nach Tosterglope. Das sind die Dörfer des Kirchspiels südlich der Elbe. An der Nordseite gehören zu ihm aber noch die vier Marschdörfer Stiepelse, Neu-Garge, Viehle und Gülstorf.

In die Dörfer jenseits der Elbe kam ich in den ersten zehn bis zwolf Wochen überhaupt nicht. Die Elbe erwies sich doch als ein starkes Verkehrshindernis. Bei meiner Aufstellungspredigt und bei meiner Einführung war sie zugefroren, und die Leute konnten zu Fuß und zu Wagen über dieselbe. Dann aber war sie aufgetaut und bei dem Eintreten des erneuten Frostes so ungünstig zugefroren, dass sie unpassierbar war. So kamen denn die Leute, solange der Frost anhielt, nicht mehr zur Kirche, die Kinder nicht zum Konfirmandenunterricht. Kurz jeder Verkehr war abgeschnitten. Superintendent Wiedenroth sagte mir, dass auch das Konsistorium einen gewaltigen Respekt vor der Elbe habe und wo der Kirchenvorstand dieselbe als Hindernis der Erfüllung irgendeiner Auflage vorschieben könne, unweigerlich zurückzöge. Natürlich wurde von diesem Auskunftsmittel ausgiebig Gebrauch gemacht. Endlich gegen Ende März trat Tauwetter ein, und an einem Sonnabend kam ich zum ersten Mal in diesen Teil meiner Gemeinde. Traurig genug war mein Eintritt. Ich wurde nach Neu-Garge geholt, einer Frau das Heilige Abendmahl zu reichen, der Mutter des dortigen Kirchenvorstehers. Der Bote, der mich holte, hatte aber einen Umweg von mehr als einer Stunde machen müssen. Neu-Garge lag nämlich nicht unmittelbar an der Elbe, sondern außerhalb des Deiches lag vor derselben Weideland, wohl eine Viertelstunde im Durchmesser. Da die Weide zu der Zeit noch überschwemmt war, konnte die Fährstelle in Wohld von jenseits nicht angerufen werden. Der Bote musste daher zu der eine halbe Stunde elbabwärts gelegenen Fährstelle in Stiepelse gehen, wie gesagt, ein Umweg von im ganzen mehr als einer Stunde. Als ich nun nach Neu-Garge kam, war die alte Frau eben entschlafen. Da mir von allen Seiten bezeugt wurde, dass sie eine fromme Frau gewesen, hielt ich ihr die Leichenrede über den Text: Selig sind die zu dem Abendmahl des Lammes berufen sind.

Als dann der Frühling kam, habe ich eifrig nachgeholt, was in den Wintermonaten etwa unterblieben war. War's doch eine Lust, am taufrischen Morgen durch den in frischem Buchengrün prangenden Wald zu wandern oder über die dampfende Elbe mich setzen zu lassen, um heute diese, morgen jene Schule zu besuchen, und im Anschluss daran Krankenbesuche zu machen oder sonst in den Häusern vorzusprechen. In Moisburg hatte ich, besonders als mir nach der Neubesetzung der Hollenstedter Stelle die Schulaufsicht dort wieder abgenommen war, die Gelegenheiten zu solchen Morgenspaziergängen schmerzlich vermisst. Die eine Außenschule Daensen konnte nicht fort und fort besucht werden, und überall war man wie Dörchleuchting bei Fritz Reuter bald am Ende seines Gebiets angekommen.


[2] Die Megalithanlagen im Schieringer Forst entstanden zwischen 3500 und 2800 v. Chr.