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Barskamp, 1889-1900 — Treue Gemeindeglieder und manche Neuerungen

Teil 10 - Barskamp, 1889-1900
Kapitel 4
Treue Gemeindeglieder und manche Neuerungen

Die beste Familie in der ganzen Gemeinde aber war die Familie Brodermann in Alt-Garge. Brodermann besaß eine Abbauer- oder Brinksitzerstelle, in die er hereingeheiratet hatte. Auch seine Frau hatte die Stelle nicht von ihrem Vater, sondern von einem Onkel namens Reinecke geerbt, der noch verwitwet als Altenteiler im Hause lebte, ein damals schon hoher Achtziger von wahrhaft kindlicher Frömmigkeit. Als ich ihn einst in Begleitung meiner Schwiegermutter besuchte, rühmte er dieser gegenüber, wie gut er es bei seinen Angehörigen hätte, was sie ihm von den Augen absehen könnten, täten sie ihm zu Liebe. Brodermann hinwiederum sagte mir, als er den Tod des alten Onkels meldete: Ne, so 'ne wie Unkel - un de Fru und de Jungs, fügte er hinzu, giwwt ok nich mehr. Der alte Mann war eines Tages, 88 Jahre alt, ohne vorhergegangene Krankheit gestorben. Er hatte neben seiner Nichte auf der Bank gesessen, den Kopf auf deren Schulter geneigt und war hinüber gewesen, ein Kind des Friedens in Frieden heimgegangen. Drei Söhne hatten Brodermanns. Der mittlere, Adolf, gehörte zu meinen ersten Konfirmanden und fiel mir von vornherein durch seine Aufmerksamkeit und seine verständigen Antworten auf. Bei der Prüfung erkannten ihm die andern neidlos die Palme zu. Der älteste, Wilhelm, diente damals als Knecht bei einem Bauern in Walmsburg. Von seinem Lohn brachte er mir jährlich 20 Mark für die Mission. Als er dann nach einigen Jahren seinen Dienst verließ, da sein Vater ihn im Hause brauchte, entschuldigte er sich bei mir, dass er mir nicht mehr so viel bringen könnte, brachte mir aber doch jährlich 10 Mark. An seiner Statt war Adolf aus dem Vaterhause gegangen und hatte einen Dienst in der Nachbargemeinde Nahrendorf angenommen. Dort brachte er Pastor Goßmann ebenfalls alle Jahre 20 Mark von seinem Lohn für die Mission. Der jüngste der drei Brüder, Fritz, blieb, da keine Tochter im Hause war, der kränklichen Mutter zur Hilfe und versah alle häuslichen Geschäfte mit rührender Treue und trotz der besten Haustochter. Die Mutter war wie ein Wunder vor aller Augen. Schon vor 20 Jahren hatte sie Blutspeien gehabt und machte einen äußerst zarten Eindruck. In der Zeit, wo ich da war, wurde sie auch wiederholt von ähnlichen Zufällen heimgesucht und lebte in steter Erwartung des Todes. Aber immer wieder erholte sie sich. Endlich schlug auch ihre Stunde. Kurz nach Neujahr ging sie heim. Ich hielt ihr die Leichenpredigt über die Worte: Ich freue mich des, dass mir geredet ist, dass wir werden ins Haus des Herrn gehen, dass unsere Füße stehen werden in deinen Toren, Jerusalem.

Einer, der nie in der Kirche fehlte, war auch der alte Sasse, früherer Kirchenvorsteher, Altenteiler eines Hofes in Köhlingen, der aber bei seiner in Barskamp verheirateten Tochter wohnte. Unter den von mir vorgefundenen Kirchenvorstehern hatte ich am meisten Berührung mit Wenk, der auch die ganze Zeit, die ich in Barskamp war, im Kirchenvorstande blieb. Tieferes kirchliches Verständnis ging freilich auch ihm ab. Aber für Wahrung äußerer kirchlicher Zucht und Ordnung war er immer zu haben. Er hatte seinen Kopf, und ganz ohne Reibung ist es in den fast zwölf Jahren nicht abgegangen. Aber er meinte es ehrlich, und so ist es doch zu keiner dauernden Entfremdung mit ihm gekommen. Auch persönlich hat sowohl er als seine fast erblindete Frau uns manche Freundlichkeit erwiesen.

Ich habe ja niemals die Gabe der Popularität gehabt. Aber ich hatte doch den Eindruck, dass die Gemeinde mich gern aufnahm. Mein Vorgänger war in der Gemeinde alt geworden, und schon jahrelang hatte sich die Gebrechlichkeit seines Alters ihr fühlbar gemacht. Superintendent Wiedenroth meinte, die Vakanz hätte im Grunde vier bis fünf Jahre gedauert. So war man froh, dass man endlich einen jugendlich rüstigen Mann hatte, und es ist mir besonders in der ersten Zeit manches gelungen. Zwar der Besuch des Nachmittagsgottesdienstes seitens Erwachsener hörte bald auf. Aber dass die Konfirmierten noch ein Jahr lang, wenn auch mit verschiedener Regelmäßigkeit, sich zur Kinderlehre einstellten, blieb die ganze Zeit hindurch. Dass ich die volle Abendmahlsliturgie einführte und auch die Wochenkommunionen, die während der beiden Abendmahlszeiten jeden Freitag stattfanden, feierlicher gestaltete, wurde dankbar angenommen, und der Küster Hogrefe ging stets willig auf meine Anregungen ein. Damals hatten wir ja auch noch die Schulaufsicht und konnten die Schulkinder auch für Wochengottesdienste haben. Allerdings kam ich dem Schulbetrieb auch darin entgegen, dass ich die Wochenkommunionen von zehn auf elf Uhr verlegte, so dass die Kinder noch eine Stunde länger am Unterricht teilnehmen konnten, ehe der Küster zum Orgelspiel und sie zum Gesang bei den Abendmahlsfeiern herangezogen wurden. Besonders mühelos gelang es mir, die vorherige Anmeldung der Beichtenden durchzusetzen. Früher waren die Konfitanten nach der Beichte in die Sakristei zum Anschreiben ihrer Namen gekommen. Ich erklärte gleich, da ich die Leute persönlich noch nicht kannte, müsste ich die Beichte eine Viertelstunde früher ansetzen, weil ich sonst mit dem Anschreiben der Namen zwischen Beichte und Hauptgottesdienst nicht fertig würde. Als ich ein Jahr da war, teilte ich bei Beginn der Abendmahlszeit mit, dass ich bereit sei, auch vor der Beichte Anmeldungen in meiner Wohnung, anzunehmen. Der größere Teil der Beichtenden folgte dieser Aufforderung, auch der Hauptsozialdemokrat aus Catemin, der zwar, wie ich hinterher hörte, auf der Diele etwas geschimpft hatte, tat es. Da kündigte ich bei Beginn der nächsten Abendmahlszeit von der Kanzel ab, da zu meiner Freude die Mehrzahl der Beichtenden meiner Anheimgabe gemäß sich vorher angemeldet hätten, wollte ich die Beichte von jetzt an wieder auf die von früher gewohnte Zeit verlegen, bäte nun aber auch diejenigen, die bis jetzt sich nicht vorher angemeldet hätten, es tunlichst von nun an zu tun. Sie kamen ohne Ausnahme, und wenn auch, besonders bei starken Kommunionen, keine Zeit zu seelsorgerlichem Gespräche blieb, so habe ich doch in verschiedenen Fällen Abendmahlszucht üben können.

Mit leichter Mühe gelang mir's auch, ein Stück Kirchenzucht durchzuführen, nämlich die Abstellung des Geläuts bei der Trauung gefallener BrautpaareGefallene Brautpaare sind wohl bereits vor der Hochzeit der Fleischeslust verfallen, sind also nicht mehr Junggesell und Jungfrau. Bemerkenswert fand ich, dass dieser Abschnitt über die gefallenen Brautpaare nicht von der Tochter Annelise des Autors transkribiert wurde. Hat sie sich für ihren Vater fremdgeschämt? [4]. In Barskamp hatten nämlich die so genannten Kircheninteressenten, d. h. die Hofbesitzer und Kötner, die allein Kirchensteuern bezahlten, Kirchenplätze und kirchliches Stimmrecht besaßen, das Recht auf Geläut bei Trauungen, ganz gleich wie sie in die Ehe traten. Andere Paare mussten das Geläut, wenn sie es haben wollten, bezahlen. Als ich zum erstenmal die Trauung eines gefallenen Paares hatte, bei dem geläutet wurde, sagte ich mir: das kommt nicht wieder vor, und weigerte es bei dem nächsten entsprechenden Falle. Kurz darauf hieß es, ein Schlachter im Dorf, der auch eine Kötnerstelle besaß, also Kircheninteressent war - zufällig war er mein nächster Nachbar - ein roher Mensch, wolle heiraten. Wie es stand, war offenes Geheimnis. Hogrefe kam eines Tages - ich war gerade nicht zu Hause - zu meiner Frau und sagte: Haben Sie schon gehört? Der grobe B. will heiraten und will das Geläut erzwingen. Als meine Frau es mir wieder erzählte, antwortete ich : Wenn es der grobe B. ist, habe ich keine Angst. Wäre es ein feiner Mensch, so läge die Sache schwieriger für mich. Wie ich gedacht, so kam es. B. kam mit seinem Vater, das Aufgebot zu bestellen. Als ich die Personalien aufgeschrieben und noch ehe ich die entscheidende Frage getan, polterte er heraus, er verlange aber das Geläut. Ich fragte: Sind Sie denn Junggesell und Jungfrau? Er musste verneinen, und ich entschied: Dann bekommen Sie es nicht. Nun fuhr er heraus, und als ich ihm meine Gründe darlegte, gebrauchte er so unflätige Ausdrücke, dass ich ihm sagte: Dann traue ich Sie überhaupt nicht. Er hatte auch wohl selbst schon gesagt, wenn er das Geläut nicht bekäme, würde er überhaupt auf die Trauung verzichten. Ich weiß mich jedes einzelnen Wortes nicht mehr zu entsinnen. Aber das Ende war, dass ich einen Strich durch das schon aufgenommene Aufgebot machte und er voll Wut hinauslief. Der Vater blieb zurück und fragte: Herr Pastor, willt Se 'n nich trauen? Ich antwortete: Sagen Sie selbst, kann man mit einem Menschen überhaupt etwas machen, der solche Reden führt? Er suchte den Sohn mit seinem Wesen zu entschuldigen und erbot sich, ihn zur Vernunft zu bringen; er hätte es schon mit ihm versucht, aber der Sohn wolle seinen Kopf durchsetzen. Ich machte ihm klar, dass ich im vorliegenden Fall nur Bußfertige trauen könne, und dass zur Bußfertigkeit auch der Verzicht auf jede besondere kirchliche Ehre gehöre, forderte ihn auf, in diesem Sinne auf seinen Sohn zu wirken und sagte schließlich, wenn ich weiter nichts mehr von ihm hörte, nähme ich an, dass sein Sohn auf dem Geläut nicht bestände, und würde ihn aufbieten und trauen. So geschah es denn auch. Er hatte allerdings noch mit dem Kirchenvorsteher Wenk gesprochen und die Absicht geäußert, ans Konsistorium zu gehen. Wenk hatte ihm aber geantwortet: Wenn der Pastor kein Recht dazu hätte, würde er's dir wohl nicht geweigert haben. Die Folge war, dass von da ab, ehrbare Brautpaare das Geläut bestellten, auch wenn sie keine Kircheninteressenten waren.

Mit der Beobachtung des sechsten GebotesDu sollst nicht ehebrechen. [5] sah es überhaupt übel aus in der Gemeinde. Jahr für Jahr erfolgte eine größere Zahl unehelicher Geburten. Auch ein Kindesmord mit nachfolgendem Selbstmord der betreffenden Mutter kam in jener Zeit vor. Ebenso der Selbstmord eines jungen Bauern, der sich sittlich vergangen hatte.


[4] Gefallene Brautpaare sind wohl bereits vor der Hochzeit der Fleischeslust verfallen, sind also nicht mehr Junggesell und Jungfrau. Bemerkenswert fand ich, dass dieser Abschnitt über die gefallenen Brautpaare nicht von der Tochter Annelise des Autors transkribiert wurde. Hat sie sich für ihren Vater fremdgeschämt?
[5] Du sollst nicht ehebrechen.