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Barskamp, 1889-1900 — Der Verkehr mit den Amtsbrüdern

Teil 10 - Barskamp, 1889-1900
Kapitel 6
Der Verkehr mit den Amtsbrüdern

Verkehr hatten wir selbstverständlich mit den benachbarten Amtsbrüdern. Am nächsten lag uns Bleckede, und so sind wir auch dort fast am häufigsten gewesen sowohl bei Superintendent Wiedenroth als seinen Nachfolgern. Wiedenroth hatte etwas nervös Aufgeregtes und Unruhiges. Das quieta non moveredas Ruhende nicht bewegenSiehe Wikipedia.org [8] kannte er nicht. Er fühlte das wohl selbst und strebte deshalb schon seit einigen Jahren nach einem einfachen Pfarramt ohne die Verwaltungsgeschäfte der Superintendentur zurück, was ihm denn auch schon im ersten Sommer, wo ich in Barskamp war, gelang, so dass ich nur wenig über ein halbes Jahr mit ihm zusammen war. Da er zu Pessimismus neigte und auf den ersten Anblick etwas Unfreundliches haben konnte, wurde er viel verkannt. Er war aber ein treuer Mensch, der mir in der kurzen Zeit unseres Zusammenseins viel Freundlichkeit erwiesen hat. Er war Witwer. Den Haushalt führte ihm seine Mutter, eine schlichte, fromme Frau und sein anmutiges Töchterlein, das sich, obgleich zehn Jahre jünger, an meine Frau bald anschloss.

Noch eine tüchtige Strecke hinter Bleckede an der Elbe gelegen war Radegast, wo der Sohn meines Vorgängers Wilhelm Beer wohnte. Trotz der Entfernung war er schon, weil er als Sohn meines Vorgängers von vorn herein geschäftlich mit mir zu tun hatte, - mit ihm wurde der MelioramentenvergleichMelioramente sind die Werte, die bei der Übergabe an einen Nachfolger nicht mitgenommen werden können. Über diese wird ein Vergleich geschlossen. [9] vereinbart - und weil er meine Frau von Kind auf kannte - er hatte auch zu den Kandidaten gehört, die durch meines Schwiegervaters Haus gegangen waren - einer der Ersten, die wir besuchten. Es war milder Frühlingstag, an dem wir nach Radegast fuhren, und wir hatten eine wundervolle Fahrt am Spiegel der vom Winter her noch stark angeschwollenen Elbe hin. Walter nahmen wir mit, und da Beers sechs kleine Töchter, aber damals noch keinen Sohn hatten, war er unter den kleinen Mädchen recht Hahn im Korbe. Beer kam auch schon im selben Sommer fort, und so waren sie nur einmal noch bei uns, als sie ihren Abschiedsbesuch machten.

Der nächste Nachbar auf der Südseite war Lucas in Dahlenburg, schon erheblich älter als ich. Ein kleiner Mann mit einer fuchsigen Perücke war er doch von ungewöhnlicher Körperkraft, von der er, wie erzählt wurde, gelegentlich auch in der Seelsorge Gebrauch machte. Er hatte eine große Familie, neben zwei Söhnen fünf Töchter, deren Schulbildung er allein bestritt und die dann wie die warmen Semmeln abgingen. Seine Gemeinde soll allerdings unter seiner unterrichtlichen Tätigkeit gelitten haben. Seinen Gemeindegliedern gegenüber hatte er etwas paschamäßiges, das sich z. B. darin ausdrückte, dass er sie nicht mit Sie, sondern mit Ihr anredete. Sein beliebtestes Gesprächsthema war Napoleon I.

Neben Dahlenburg bezeichnete der südlichste Punkt der Inspektion die Parochie Nahrendorf. Hierher kam, erst einige Wochen nach meiner Einführung in Barskamp, Goßmann, eben frisch aus der Esse gekommen und ein volles Jahrzehnt jünger als ich. Ein Ostfriese, hatte er ganz die bedächtige Art, auch in der Ausdrucksweise, seines Volksstammes. Er war eine vorwiegend praktisch gerichtete Natur, wenn er freilich auch mit der Wissenschaft in Kontakt sich hielt, aufrecht und aufrichtig. Durch seine gerade und warmherzige Art und sein Eingehen auf die persönlichen Verhältnisse der Leute gelang es ihm, obgleich ihm nichts ferner lag als Popularitätshascherei, schnell in seiner Gemeinde Boden zu fassen, bei der er bald in unbedingter Geltung stand. Wir fühlten uns von Anfang an zu einander hingezogen, und da auch seine lebhafte, kluge Frau, mit der er sich, wenn auch erst nach mehr als Jahresfrist, verheiratete, obgleich sie eine Jugendliebe von ihm war, mit der meinigen sympathisierte, so traten wir uns wohl am nächsten. Mit ihm und Lucas habe ich die längste Zeit eine Familienkonferenz gehabt, in der wir alt- und neutestamentliche Exegese trieben.

Neetze lag uns schon zu fern, als dass wir dahin regelmäßigen Verkehr hätten unterhalten können. Erythropel war eine bieder, treuherzige Seele. Auch seine Frau, eine Mecklenburgerin, war eine freundliche Frau. Aber viel Anregung boten sie nicht. Wenn ich in den ersten Jahren öfter nach Neetze kam, so geschah es, um an einer Konferenz teilzunehmen, die sich in einem dortigen Gasthause versammelte und von Ruschenbusch, Pastor in Thomasburg, in der Inspektion Lüne, geleitet wurde. Ich habe auch diesen, der für mich leichter zu erreichen war als die meisten Amtsbrüder der Inspektion, besucht. Aber zu einem näheren Verkehr mit ihm kam es nicht, weil ihm die Häuslichkeit fehlte. Er wurde übrigens nach nicht langer Zeit in die etwas entfernter liegende Pfarre Reinstorf versetzt, starb aber dort schon nach wenigen Jahren. Er war ein selbstständiger, wenn auch etwas steifer Gelehrter.

Die interessanteste Persönlichkeit unter den Geistlichen der Umgegend war aber unbedingt Heinemann in Stapel. Neben Lucas war er der älteste in der Inspektion, unverheiratet, obgleich er auch seinen Roman hinter sich hatte. Eine Nichte führte ihm den Haushalt, die ihn schwärmerisch liebte. Mit voller Hingebung arbeitete er in seiner Gemeinde, in der es ihm gelang, eine gewisse Erweckung hervorzurufen. Wenigstens füllte sich die Kirche bei ihm, die vorher nur schwach besucht gewesen war. Seine Predigtweise muss etwas von Abraham a Sancta ClaraAbraham a Sancta Clara 1644-1709) war ein katholischer Geistlicher, Prediger und oberdeutscher Schriftsteller. Er gilt mit rund 600 Einzelschriften als bedeutendster deutscher katholischer Prediger und Poet der Barockzeit.Siehe Wikipedia.org [10] gehabt haben. Auch aus der benachbarten Gemeinde Neuhaus strömten die Leute herzu, so dass der dortige Pastor, der allerdings das Gegenteil von ihm war, ihn in seiner Eifersucht den Doktor von Beutow - nach einem vielbesuchten Wunderdoktor der Gegend - nannte. Da er Kreis-Schulinspektor der Schule jenseits der Elbe war, nach Wiedenroths Weggang auch die Superintendentur interimistisch verwaltete, hatte ich mit ihm mehr Berührung als es sonst bei der Schwierigkeit der Verbindung der Fall gewesen wäre. Doch hätte ich es auch sonst nicht unterlassen, ihn möglichst bald zu besuchen. Und die wenigen Male, die ich mit ihm zusammen war, waren mir stets fruchtbar. Wir empfanden gegenseitige Resonanz. Tragisch war es, dass er in Geistesumnachtung endete. Er war Welfe. Bei einer Lehrerkonferenz hatte er in einer Unterredung, die an den Ausfall der Wahlen im Jahre 1890 anknüpfte, eine unvorsichtige äußerung getan, die weitergetragen worden war und eine von dem landrätlichen Hilfsbeamten in Neuhaus nicht gerade in taktvoller Weise geführte Untersuchung nach sich zog. Überarbeitet wie er war, hatte er sich das so zu Herzen genommen, dass ein seelischer Zusammenbruch bei ihm erfolgte. Er verfiel in Verfolgungswahn, so dass er in die Nervenheilanstalt zu Liebenburg gebracht werden musste. Ich schrieb seinetwegen an Pastor Wendeburg, der sich seiner annahm, mit dem er auch angeregt sich unterhielt, aber immer wieder auf seine fixe Idee zurückkommend, dass er sich in Strafhaft befinde und demnächst hingerichtet werden solle. Im Februar 1892 erlöste ihn der Tod von seinem Leide. Die Superintendentur wurde im Spätherbst 1889 wieder besetzt durch Jacobshagen aus Hämelschenburg. Er war jünger als ich, hatte mit mir schon in Göttingen studiert, war aber als krasser Fuchs von mir nicht weiter beachtet worden, so dass er mich, als er 1878 auf das Prediger-Seminar in Hannover kam, daran erinnern musste, dass wir uns schon kannten. Er war dann mit Unterbrechung seines Seminarbesuchs als Inspektor an das Stift in Göttingen gekommen und erst in den letzten Wochen vor meinem Abgang von Hannover in das Prediger-Seminar zurückgekehrt. Der Gedanke, in ihm nun meinen vorgesetzten Ephorus sehen zu müssen, war mir anfangs nicht ganz leicht. Dazu war Jacobshagen Ritschlianer, und ich fürchtete theologische Differenzen. Aber er begegnete mir von Anfang an so taktvoll, zeigte auch bei theologischen Auseinandersetzungen ohne Verleugnung seines eigenen Standpunktes doch so viel Verständnis auch abweichender Meinungen, dass das Verhältnis mit ihm ein stets freundschaftliches ohne Trübung blieb. Seine Frau, einige Jahr älter als er, Tochter des früheren Pastors von Neuhaus und Schwester des berühmten Afrikareisenden Karl PetersCarl Peters (1856-1918 war ein Politiker, Publizist, Kolonialist und Afrikaforscher mit stark ausgeprägter rassistischer Einstellung. Er gilt als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika.Siehe Wikipedia.org [11], war ebenso überströmend in ihren Gefühlen wie er damit zurückhaltend war, ergänzte ihn aufs Beste. Ich wurde durch Jacobshagens etwas an das Steinmetzsche Ehepaar erinnert. Auch Frau Superintendent Jacobshagen stieß durch ihre lebhaften Gefühlsäußerungen verschiedentlich an. Meiner Frau begegnete sie stets mit dem Ausdruck wärmster Freundschaft. Die Jacobshagenschen Kinder waren im Durchschnitt etwas älter als die unsern. Doch passten sie noch ganz gut zusammen, und es entwickelte sich ein reger Verkehr der Großen und der Kleinen. Wir kamen nach Bleckede kaum, ohne bei Jacobshagens vorzusprechen, und auch sie kamen, wenn gleich nicht ganz so häufig, zu uns. Oder wir trafen uns auch am dritten Ort, etwa in Wohld. Bei einer derartigen Zusammenkunft lernte ich auch Karl Peters kennen. Es war noch vor seinem vielberufenen Prozess, der sein Ausscheiden aus dem Reichsdienst zur Folge hatte. Aber man kann nicht sagen, dass er den großen Mann markierte. Er gab sich ganz schlicht.

Von Barskamp aus besuchte ich auch den alten Hoppe in Artlenburg, das von Wohld aus mit dem Dampfschiff leicht zu erreichen war. Und er erwiderte den Besuch auf gleichem Wege mit seinem Sohn, der ungefähr um die gleiche Zeit, wo ich nach Barskamp kam, Superintendent in Markoldendorf geworden war. Als einige Jahre später Wagner von Bissendorf nach St. Dionys versetzt wurde, wurde der Verkehr auch mit diesem wieder aufgenommen, und auch unsere Frauen lernten sich kennen. Auch mit Vetter Oeltzen in Natendorf sahen wir uns einige Male, ehe er nach Düshorn versetzt wurde, wo seines Bleibens allerdings auch nur kurze Zeit sein sollte, und mit Onkel Fritz [Borchers], meines Schwiegervaters jüngstem Bruder, nachdem er von Blender nach Römstedt versetzt worden.


[8] das Ruhende nicht bewegen
[9] Melioramente sind die Werte, die bei der Übergabe an einen Nachfolger nicht mitgenommen werden können. Über diese wird ein Vergleich geschlossen.
[10] Abraham a Sancta Clara 1644-1709) war ein katholischer Geistlicher, Prediger und oberdeutscher Schriftsteller. Er gilt mit rund 600 Einzelschriften als bedeutendster deutscher katholischer Prediger und Poet der Barockzeit.
[11] Carl Peters (1856-1918 war ein Politiker, Publizist, Kolonialist und Afrikaforscher mit stark ausgeprägter rassistischer Einstellung. Er gilt als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika.