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Barskamp, 1889-1900 — Hausgenossen und Kreis-Schulinspektion

Teil 10 - Barskamp, 1889-1900
Kapitel 7
Hausgenossen und Kreis-Schulinspektion

Zu diesem Verkehr nach außen kam auch einige Mal der mit neuen Hausgenossen. Im Sommer 1889 bat mich Frau Pastor Hoffmann aus Harburg, ihren jüngsten Sohn Karl in mein Haus aufzunehmen, um ihm zur Vorbereitung auf sein erstes theologisches Examen behilflich zu sein. Ich tat es mit Freuden. Karl Hoffmann hatte schon als Kind im Hause meines Schwiegervaters verkehrt, war von demselben zeitweilig unterrichtet worden und hatte uns auch in Moisburg einige Male besucht. Ein halbes Jahr war er bei uns, und außer den theologischen Studien, die er unter meiner Mithilfe betrieb, war er auch sonst bei uns wie Kind im Hause, begleitete mich auf Gängen in die Gemeinde, nahm teil an unseren Spaziergängen, besuchte mit uns die Amtsnachbarn und ging im Hause meiner Frau, wo er nur konnte, zur Hand. Stütze der Hausfrau nannten wir ihn wohl im Scherz. Besonders niedlich war er mit den Kindern, putzte ihnen die Nasen, wartete Thekla, spielte mit den Jungen. Als er gegen Weihnachten von uns fortgegangen war, schloss Walter ihn noch täglich in sein Abendgebet mit ein: Lieber Gott, lass Onkel Karl doch nich durchs Dixamen fallen. Er kam dann auch Ostern 1890 glücklich durchs Dixamen und meldete dies Resultat Goßmann, den er besonders oft mit mir besucht hatte, unter Zitierung der beiden Stellen Sprüche Salomos 2,19Alle, die zu ihr eingehen, kommen nicht wieder und erreichen den Weg des Lebens nicht. [12] (für die Examinatoren) und Apostelgeschichte 6,10Und sie vermochten nicht zu widerstehen der Weisheit, und dem Geist, aus welchem er redete. [13] (für die Examinanden).

Gleichzeitig mit Karl Hoffmann hatte ich unsern Neffen Reinhold Gabert eine Zeitlang (bis Michaelis) im Hause, um ihm den Übergang von dem bisher besuchten Realgymnasium von Bützow, von wo sein Vater damals nach Dargun versetzt wurde, auf ein humanistisches Gymnasium ermöglichen zu helfen und ihn dazu in Griechisch und Latein einzupauken.

Weniger erfolgreich als mit Hoffmann waren in der Zeit von Neujahr bis Pfingsten 1891 meine Bemühungen mit einem andern jungen Theologen, dem Studiosus W. aus der Altmark. Auf ein Inserat im Reichsboten hatte ich mich erboten, einem jungen Theologen Nachhilfe zum theologischen Examen zu gewähren, und einige Zeit darauf erwartet er uns, als wir von einem Besuch bei Jacobshagens zurückkehrten, vor dem Hause mit seinem Vater, einem sehr nett aussehenden Bauern. Weniger angenehm sah der Sohn aus. Er machte einen etwas verschwiemelten Eindruck. Und dieser Eindruck bestätigte sich bei näherer Bekanntschaft nur zu sehr. Er hatte sein Studium so angesehen, wie es häufig Leuten aus dem Volk nach dem äußeren Eindruck erscheint, die meinen, dass das Studieren hauptsächlich im Biertrinken bestehe. Seine theologischen Kenntnisse waren recht eigentlich bodenlos, und er benutzte jede Gelegenheit, ins Wirtshaus zu laufen, um sich festzukneipen. Als ich ihn bat, das zu lassen, weil es auf mein Haus einen üblen Schein werfe, tat er das zwar, denn gutmütig und willig war er. Aber sowie ich ihn einmal aus den Augen ließ, sei es, dass er selbst verreiste, wie z. B. als er über die Ostertage weg war, und als er sich einmal frei bat, um einen Bekannten, der in Lüneburg seinen Seminarkursus durchmachte, zu besuchen, sei es, dass ich von Hause war, machte er Extravaganzen, kam in angesäuseltem Zustand nach Haus u.s.w. Da mir nun Ostern 1891 die Kreis-Schulinspektion übertragen wurde, die bisher Pastor Heinemann gehabt hatte, und ich sah, dass ich öfter Tage lang von Haus sein würde, sah ich mich nicht mehr imstande, ihn zu beaufsichtigen, wie es erforderlich war, und bat seinen Vater, ihn wieder abzuholen. Er ist dann, wie ich später hörte, nach mancherlei Sturm und Drang noch zurecht gekommen. Nach etwa zwei Jahren meldete er mir sein glücklich bestandenes Examen.

Die Kreis-Schulinspektion über die jenseits der Elbe gelegenen Schulen der Inspektion Bleckede wurde mir wie erwähnt übertragen, seit Pastor Heinemann in die Nerven-Heilanstalt gebracht worden war. Es gehörten dazu die Schulen der beiden Parochien Neuhaus und Stapel, drei Schulen der Parochie Barskamp und eine Schule der Parochie Bleckede. So hatte ich in einer Schule den Superintendenten als Orts-Schulinspektor unter mir, während ich in den fünf linkselbischen Schulen der Parochie Barskamp umgekehrt unter seiner Kreis-Schulaufsicht stand. Auf Superintendent Jacobshagens Antrag erhielt aber in der Folge jeder von uns beiden die Kreis-Schulaufsicht über sämtliche Schulen seiner Parochie.

Ich habe die Kreis-Schulaufsicht gern geübt. Die Lehrer, die mir unterstellt waren, waren ja von verschiedener Qualität, wie das nicht anders sein kann, aber ich bin stets mit allen gut ausgekommen, und manche haben mir über die Zeit des Dienstverhältnisses hinaus Anhänglichkeit bewahrt. Die einzige Ausnahme bildete ein Kandidat der Philologie, der, als ich die Kreis-Schulaufsicht übernahm, an der Privatschule zu Neuhaus unterrichtete, und den ich gleich wegen seiner Loddrigkeit, die sich in seinem ganzen Auftreten zeigte, sehr energisch vornahm. Er wurde bald von der Regierung abgeschoben und entpuppte sich, wie ich später hörte, als Hochstapler. Auch das Verhältnis zu dem Regierungs- und Schulrat Dr. Plath in Lüneburg, zu dem ich die längste Zeit in dienstlicher Beziehung stand, war für mich stets ein durchaus erfreuliches. Wenn ich über die Elbe ging, absolvierte ich meistens die Schulen einer Parochie mit einem Male, was natürlich jedes Mal einige Tage in Anspruch nahm. Ich genoss dann die Gastfreundschaft des betreffenden Pastors. So bin ich manch liebes Mal in Neuhaus bei Pastor Erbe eingekehrt, der eben von Erichsburg kommend mit großem Eifer sein nicht leichtes Amt verwaltete und der mich mit seiner Frau, der Tochter eines Rechtskundigen Hamburger Senators, also aus sehr vornehmer Familie, immer aufs liebenswürdigste aufnahm. Einmal hatten sie allerdings keinen Platz für mich, quartierten mich aber zu dem alten Superintendenten Twele aus, der früher in Vienenburg, nach seiner Emeritierung sich in Neuhaus niedergelassen hatte. Dort war ich auch gut aufgehoben. Ebenso liebenswürdige Aufnahme fand ich in Stapel. Solange Fräulein Häwecker, Heinemanns Nichte, dort war. Die Pfarrgeschäfte verwaltete P. coll. Lüder, der ebenso wie Erbe, mich bei meinen Revisionen begleitete. Etwas anders wurde es, als nach Heinemanns Tode die Stelle neu besetzt wurde. Der Nachfolger Rautenberg war ein braver und eifriger Mann, aber ein wunderlicher Heiliger. Schon früher hatte ich mancherlei von ihm gehört. Er hielt sich offenbar für ein verkanntes Genie. Auch literarisch hatte er sich verschiedentlich betätigt. An einem Preisausschreiben für die Geschichte der Leipziger Mission hatte er sich beteiligt. Als er damit kein rechtes Glück gehabt, hatte er sich an einer Darstellung der Hermannsburger Mission versucht und es bitter übel genommen, dass man dort sein Unternehmen nicht auf alle Weise unterstützt. Man kannte ihn dort auch, und die Proben, die er mir zeigte, bewiesen zwar seinen Fleiß, zeugten aber nicht gerade für seine schriftstellerische Begabung. Auch an den Fürstbischof KoppGeorg von Kopp (1837-1914) war von 1881 bis 1887 Bischof von Fulda, von 1887 bis 1914 Fürstbischof des Bistums Breslau und ab 1893 Kardinal.Siehe Wikipedia.org [14] hatte er einmal einen offenen Brief gerichtet, von dem derselbe aber keine Notiz genommen. In Stapel versah er's von vornherein damit, dass er, anstatt an das Werk seines Vorgängers anzuknüpfen, dasselbe möglichst ignorierte, als müsse er erst Leben in die Gemeinde bringen. Besonders mit dem Lehrer in Stapel, der Heinemann sehr nahe gestanden, und der gelegentlich ein leges Maul hatte, konnte er in kein Verhältnis kommen. Derselbe klagte mir, wie sehr von oben herab er von seinem Pastor behandelt würde. Ich versuchte zu vermitteln, aber an Rautenbergs Rechthaberei scheiterten alle Versuche. Schließlich kamen wir auch, wenn auch ohne Krach, auseinander. Einige Mal hatte er mich beherbergt. Ich hatte aber den Eindruck, dass es ihm und seiner Familie ein Bedruck war - der Haushalt war mehr als einfach, und eine heranwachsende Tochter, die ein nettes und kluges Mädchen war, verkümmerte offenbar unter den Verhältnissen. Deshalb bat ich ihn, als ich mich wieder einmal zu einer Revision anmeldete, mir offen zu sagen, ob er mich beherbergen könne, und er winkte ab. Das tat nur der Freundschaft keinen Abbruch. Aber als ich auf einige höchst unpraktische Vorschläge - er wollte, dass die Lehrer den Kindern schwerfällige Definitionen der Rechnungsarten und des Rechnens überhaupt beibringen sollten, ein andermal verlangte er, dass das wirtshäusliche Leben den dörflichen Lehrern untersagt würde - nicht einging, zog er sich gekränkt zurück und verlangte Befreiung von der Orts-Schulinspektion, die ihm von der Regierung auch gewährt wurde.


[12] Alle, die zu ihr eingehen, kommen nicht wieder und erreichen den Weg des Lebens nicht.
[13] Und sie vermochten nicht zu widerstehen der Weisheit, und dem Geist, aus welchem er redete.
[14] Georg von Kopp (1837-1914) war von 1881 bis 1887 Bischof von Fulda, von 1887 bis 1914 Fürstbischof des Bistums Breslau und ab 1893 Kardinal.