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Barskamp, 1889-1900 — Unser häusliches Leben

Teil 10 - Barskamp, 1889-1900
Kapitel 9
Unser häusliches Leben

Auch für unser häusliches Leben war sie bedeutsam. Viel Freude, aber auch tiefes Leid - und schließlich auch viel Arbeit auf diesem Gebiet brachte sie mir. Die Kinder wuchsen heran und lernten um sich blicken. Schon die Lage des Hauses begünstigte das, im Gegensatz zu Moisburg. - Das Moisburger Haus lag abseits vom Verkehr. Der Garten war eine abgeschlossene Welt. Das Barskamper Haus blickte auf den Marktplatz hinaus, und die Landstraße ging hart an ihm vorbei. Aller Verkehr, der ja freilich nur den durchaus ländlichen Verhältnissen entsprach, ging also an unserm Hause vorüber und konnte von ihm aus beobachtet werden. Was machte es z. B. unsern Kindern für Eindruck, als zum ersten Mal ein Wagen durchreisender Handelsleute mit Wohn- und Kücheneinrichtung bei uns vorüberfuhr oder auf dem Mark hielt. Ein Haus auf Rädern! sagten sie, und die Bezeichnung blieb seitdem für solche Wagen bei uns konstant. Vollends der Vitsmarktbenannt nach dem Heiligen Veit (lat. Vitus), dem Namenspatron der Barskamper Kirche [28], der alljährlich um den 15. Juni stattfand und der Barskamps Stolz war - die Leute erzählten noch von der Zeit, wo der Pfarrhof ganz mit den Kutschen der benachbarten Geistlichen angefüllt gewesen, die auf dem Vitsmarkt ihre Einkäufe gemacht und bei der Gelegenheit sich gesellig getroffen, damals hatte er aber alle Bedeutung verloren - war ein Ereignis, das, wie die Zeit nach ihm berechnet wurde, auch unsere Kinder aufs lebhafteste beschäftigte. Aber auch in die Nachbarhäuser zu laufen lockte unsere Kinder der Blick auf dieselben. Walter besonders mit seinem frischen, munteren Wesen war bald eine populäre Persönlichkeit im Dorfe. Daneben bot Hof und Garten die schönste Gelegenheit zu den Spielen der Kinder. Wir durften sie auch viel eher unbeaufsichtigt darin spielen lassen, als wir es in Moisburg gewagt hätten, wo die den Garten bespülende Este ihre Gefahren hatte. Ich war auch schon aus dem Grunde über meine Versetzung nach Barskamp befriedigt, weil ich diese Gefahren beim Heranwachsen der Kinder nicht zu befürchten hatte. Aber merkwürdig! Im ersten Herbst in Barskamp schon wäre Walter ums Haar ertrunken. Wir saßen eines Sonnabends beim Nachmittagskaffee, als wir ein furchtbares Geschrei hörten und auch alsbald Walters Stimme erkannten. Wir liefen hinaus der Stimme nach und unser junges Mädchen Helene Knoke als die leichtfüßigste unter uns war als Erste am Ziel und zog ihn mit schnellem Griff aus der Zisterne an unserm Hause, die das Regenwasser vom Dach sammelte und in der er bis an den Hals im Wasser stand. Er wurde, obwohl er heulend und schreiend versicherte: Ich bin aber nicht ertrunken unverweilt ins Haus geschafft, ausgezogen und ins Bett gepackt. Nach seiner Erzählung hatte er sich über den Rand der Zisterne gebückt, dabei das Gleichgewicht verloren und war kopfüber ins Wasser gestürzt. Es war also geradezu ein Wunder, dass er wieder auf die Füße zu stehen gekommen und nicht lautlos ertrunken war. Als ich am Tage darauf einen Walter taufte - die Namen unserer Kinder wurden, wie das so oft bei Pastorskindern der Fall ist, tonangebend für die Gemeinde - erfasste mich doch ein Grauen bei dem Gedanken, wie es hätte kommen können.

Gingen wir mit den Kindern aus, so war ein beliebtes Ziel entweder Wohld, wo mit dem Fährhaus eine Wirtschaft verbunden war, in deren Garten wir im Anblick des mächtigen Stroms und der vorüberfahrenden Schiffe Kaffee tranken, oder das Schieringer Holz mit seinem Hünengrabe, auf dem es sich prächtig Schwarzer MannWer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann? ist ein Laufspiel für mehrere Spieler, das sich besonders im Sportunterricht in Grundschulen sowie bei Jugendlagern einiger Beliebtheit erfreut.Siehe Wikipedia.org [29] spielen ließ und mit seinen Buchen, die zum Kämmerchen vermieten sich eigneten. Auch bis in die Schieringer Försterei, die auch AusschanksgerechtigkeitDas Krugrecht (auch Ausschanksgerechtigkeit) bezeichnet die Gerechtsame des vormodernen Rechts zur gewerblichen Bewirtung von Gästen in einer Gaststätte (Krug). Oft war das Krugrecht mit der Braugerechtsame gekoppelt.Siehe Wikipedia.org [30] hatte, ging der Weg oft. Mit Vorliebe wurden solche Spaziergänge natürlich unternommen, wenn wir Besuch hatten. Und wir hatten oft Besuch. Die Großmama [Thekla von Stoltzenberg] kam aus Dorum, später aus Gifhorn oft herüber, noch öfter wohl Tante Martha [Borchers], die es herrlich verstand, mit den Kindern zu spielen und die sie oft betreute, besonders zu Zeiten, wo die Mutter nicht recht konnte. Eine fast noch größere Freude aber war es, wenn die Gleißschen Tanten aus Hamburg kamen, die gewöhnlich auch allerlei Süßigkeiten aus der Großstadt mitbrachten. Besonders die jüngste von den drei Schwestern, Tina, die das Lehrerinnenseminar in Sondershausen besuchte, kam zu ihren Ferien oder wenn sie sonst erholungsbedürftig war, oft auf längere Zeit zu uns. Ebenso wurde sie, als im Spätsommer 1892 die Cholera in HamburgDie Choleraepidemie von 1892 in Hamburg war der letzte große Ausbruch der Cholera in Deutschland. Er hatte aufgrund hamburgischer Besonderheiten verheerende Ausmaße.Siehe Wikipedia.org [31] wütete, von ihren älteren Schwestern zu uns geschickt. Dieser letzte Besuch gab übrigens Gelegenheit zu allerhand unheimlichen Gerüchten. In den Tagen, als sie noch bei uns erwartet wurde, kam Hogrefe eines Tages mit wichtiger Miene zu uns und sagte, er habe gehört, eine junge Dame aus Hamburg, die zu uns wollte, sei auf dem Bahnhof Dahlenburg angehalten und zur Beobachtung in die Cholera-Baracke geschafft worden. Auch der Landrat in Bleckede hatte sich dahin geäußert, wir müssten doch wohl wegen unseres Besuchs eine Wache vors Haus bekommen. Als Tina kam, erzählte sie, dass sie allerdings auf dem Dahlenburger Bahnhof von allerlei bedenklichen Gesichtern beobachtet worden sei. Sie hätte ein Flacon mit einer desinfizierenden Flüssigkeit genommen und aus demselben einige Tropfen über die Beobachter gesprengt. Das Spaßhafte an der ganzen Sache war, dass Tina Gleiß gar nicht in Hamburg gewesen war. Sie war mit ihren Schwestern in einem Ostseebad zur Sommerfrische gewesen, dort von der Kunde des Ausbruchs der Cholera überrascht worden und direkt von da zu uns gekommen. Nun, den Gewinn von dem Besuch hatten unsere Kinder, mit denen Tante Tina den ganzen Tag sich beschäftigte.

In dem Leben unserer Kinder untereinander sah ich mit besonderem Interesse unsere eigene Kindheit wieder aufleben. Besonders an dem Verhältnis zwischen Walter und Gerhard spiegelte sich mir das Alexanders zu mir wieder. Walter hatte ganz das Rasche, Impulsive, Tatkräftige, wie ich es von Alexander in Erinnerung hatte. Der schwerfälligere, pomadigere Gerhard wurde von ihm mehr nachgezogen und erzogen. Ich sehe noch, wie sie einst biblische Bilder miteinander betrachteten, und Gerhard auf eine Gestalt hindeutend in seinem Kauderwelsch sprach: Der beese Säde! (der böse Jude), worauf Walter antwortete: Ach Gerhard, das ist ja kein Jude, das ist ja der liebe Heiland, gib ihm rasch einen Kuss, fix!, was Gerhard denn auch ganz gehorsam tat.

Da Walter für sein Alter früh entwickelt war, schickte ich ihn schon Ostern 1891 mit fünf Jahren in die Schule. Für Hogrefe war das ein Ereignis. Obgleich Walter natürlich der Jüngste von den Novizen war - trotzdem übrigens der Größte - musste er den ersten Platz erhalten, und Hogrefe konnte nicht genug von seiner Klugheit rühmen. Ich besuchte nun auch natürlich besonders die Schule, um mich von den Fortschritten meines Sprösslings zu überzeugen. Einmal setzte Walter seinen Lehrer dadurch förmlich in Verlegenheit, dass er, als dieser die Geschichte vom babylonischen Turm erzählte, ihn fragte: War der noch höher als der Ulmer Münster? Für Türme interessierte er sich überhaupt brennend, kannte alle bedeutend Kirchtürme der Welt mit Namen und ließ - er hatte aus Elise Averdiecks Kinderbüchern den Hamburger Brand kennengelernt - eine Zeitlang keinen Abend vorübergehen, ohne Gott gebeten zu haben, er möchte die Hamburger Kirchtürme, die er alle mit Namen aufzählte, nicht abbrennen lassen. Gerhard schickte ich, da er ein Jahr nach Walter noch zu jung war, ich ihn aber auch nicht wollte zwei Jahre warten lassen, anderthalb Jahre später in die Schule.

Inzwischen hatte sich aber unser Hausstand wesentlich vergrößert. Als erstes Barskamper Kind wurde, noch nicht fünf Vierteljahre nach Thekla, am 5. Januar 1890 Magdalene geboren, am 8. Juli 1891 folgte Käthe, am 21. Juli 1892 Irmgard.

In derselben Nacht wie Magdalene wurde unserm Nachbar Fabel eine Tochter geboren. Die Hebamme musste fortwährend zwischen beiden Häusern hin- und hergehen. Am Morgen, es war ein Sonntag, erzählte Helene Knoke den beiden Jungen beim Anziehen - ich konnte aus meiner Schlafstube es hören - Wisst ihr schon, dass ihr die Nacht eine kleine Schwester gekriegt habt? Und Heiner Fabel auch. Walter fragte sofort: Und Heini Dierks - der Sohn des anderen Nachbarn - auch? Magdalene aber bildete sich noch lange ein, sie und Guste Fabel seien Zwillinge. Käthe war bei ihrer Geburt ein besonders kräftiges Kind, hatte schon ganz feste Gesichtszüge und dichtes schwarzes Haar, das sich wie eine Frisur über ihrer Stirn tollte. Sie war auch besonders ruhig, freute sich nicht mehr als wenn sie in ihrem Wagen lag, schlief viel und konnte auch stundenlang wach liegen, ohne sich zu melden und gedieh dabei zusehends. Eine junge Frau aus dem Dorfe, die kurz vor ihrer Entbindung stand, äußerte, sie wünschte sich bloß so 'ne lüttje hübsche Deern wie Pastors Käthe. Irmgard kam etwas früher zur Welt als wir erwartet. Den Tag vorher hatten wir noch Hoppe Vater und Sohn zum Besuch gehabt, und auch am Nachmittag desselben Tages waren noch Gäste bei uns, Pastor Ferichaber aus Heiligenrode, bei dem ich einst gelegentlich meiner Wahlpredigt in Brinkum logiert, der Sohn meines zweiten Vorgängers in Barskamp, und seine Frau. Nach dem Abendessen hatte ich beide noch bis vors Dorf begleitet. Dann musste ich schleunig die Hebamme holen, und schon um elf Uhr abends war der kleine Ankömmling da und kuckte sich mit großen Augen sehr erstaunt in der Welt um. Im Gegensatz zu ihrer vorangekommenen Schwerster war sie ein schwächliches Kind, das gleich in den ersten Tagen seines jungen Lebens an einem Fuß geschnitten werden musste, auch im Alter von einem halben Jahr uns durch einen schweren, glücklicherweise vereinzelt gebliebenen Krämpfeanfall ängstigte.

Auch sonst brachten die Kinder mancherlei ärgste und Sorgen mit sich. So bekam Gerhard am Tage nach Magdalenes Taufe wieder einen Krämpfeanfall, der zwar rasch vorüberging, nach dem er aber lange völlig teilnahmslos lag, nur zwischendurch betend: Und nimm dein Küchlein ein und: Mach mich fromm, dass ich in dir (so sprach er) in deinen Himmel komm. Er musste Monate hindurch strenge Diät halten, durfte keine Kartoffeln, sondern stattdessen Reis essen, der ihm schließlich so über wurde, dass er bei jedem Mittagessen sagte: Jeis mag ich nich. Im Frühjahr reiste er dann mit seiner Mutter, die die Erholung auch nötig hatte, zur seiner Kräftigung nach Stettin zur Großmutter und nach Swinemünde zu Onkel Hellmuth [Wiesener] und Tante Elly, von wo zurückgekehrt er dann seinem Bruder mit wichtiger Miene allerhand unglaubliche Geschichten erzählte, so dass Walter schließlich sagte: Nein, Junge, nun glaube ich dir nicht mehr, ich glaube, du lügst. Auch Magdalene, die anfangs prächtig gedieh und ihre bei ihrer Geburt so viel kräftigere Zwillingsschwester eingeholt hatte, ängstigte uns im Alter von zwei Jahren durch eine Erkrankung, die zwar, nachdem wir eine Zeitlang ihr gegenüber machtlos gewesen, ebenso schnell wieder wich wie sie gekommen war, aber doch eine längere Zeit eine Schwäche und Reizbarkeit bei ihr zurückließ, so dass die Geschwister sie die Heule-Lene nannten.


[28] benannt nach dem Heiligen Veit (lat. Vitus), dem Namenspatron der Barskamper Kirche
[29] Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann? ist ein Laufspiel für mehrere Spieler, das sich besonders im Sportunterricht in Grundschulen sowie bei Jugendlagern einiger Beliebtheit erfreut.
[30] Das Krugrecht (auch Ausschanksgerechtigkeit) bezeichnet die Gerechtsame des vormodernen Rechts zur gewerblichen Bewirtung von Gästen in einer Gaststätte (Krug). Oft war das Krugrecht mit der Braugerechtsame gekoppelt.
[31] Die Choleraepidemie von 1892 in Hamburg war der letzte große Ausbruch der Cholera in Deutschland. Er hatte aufgrund hamburgischer Besonderheiten verheerende Ausmaße.