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Diepholz, 1900-1906 — Visitationen und Minorennenprüfungen

Teil 11 - Diepholz, 1900-1906
Kapitel 2
Visitationen und Minorennenprüfungen

So war ich nun am neuen Ort, und die folgenden Wochen gehörten der Einarbeitung in das Amt und der Fühlungnahme mit Inspektion und Gemeinde. Die Besuche bei den Honoratioren des Orts und den Amtsbrüdern in der Inspektion waren bald erledigt. Die Ephoralgeschäfte hatten ja für mich den Reiz der Neuheit, und ich darf wohl sagen, dass sie von mir, besonders wo es sich um persönliche Angelegenheiten handelte, stets mit besonderer Liebe betrieben wurden und mir zur Freude gereichten. Besonders auf die VisitationenIn den evangelischen Kirchen ist die Visitation ein regelmäßiges Mittel der Kirchenleitung.Klick hier für Wikipedia [2] habe ich stets großen Fleiß verwandt, und die Visitationstage waren Festtage für mich, und ich denke auch für die betreffenden Gemeinden, wenigstens für die Pfarrhäuser und Kirchenvorstände. Da ich sechs Jahre in Diepholz war, habe ich gerade in jeder der neun von mir zu visitierenden Kirchengemeinden einmal Visitation gehalten. Nach jeder Visitation, die ich hielt, war es mein Erstes, sowie ich nach Hause kam, unter dem frischen Eindruck meinen Bericht aufzusetzen, und meist war derselbe schon vor Ablauf der dafür gesetzten Frist an das Konsistorium abgesandt. Auch Pfarrwahlen wurden von mir stets prompt und glatt erledigt. Es kamen während meiner Diepholzer Amtszeit sechs Fälle von Pfarrerledigungen vor, zwei infolge von Todesfällen, vier von Versetzungen in andere Stellen. Nur zweimal hatte das Kirchenregiment die Besetzung, viermal wurde gewählt, zweimal in ordentlichen Wahlverfahren, zweimal durch einstimmige Wahl des Kirchenvorstandes. Es war mein Stolz, dass niemals bei den Wahlen Einspruch erfolgte, ebenso wenig Beanstandungen durch die Kirchenregierung, und dass die Neubesetzung im Fall der Gemeindewahl durchschnittlich schneller wieder erfolgte als durch die Besetzung durch das Kirchenregiment. Festtage waren für mich auch die Predigerkonvente, weniger die Versammlungen der Bezirkssynode. Unter den Geistlichen hatte sich förmlich die fixe Idee gebildet, Bezirkssynoden seien unfruchtbar. Einmal äußerte Menke am Tage nach einer Versammlung derselben mir gegenüber geradezu: Gestern hat man's mal wieder gesehen, wie wenig Nutzten die Bezirkssynoden haben. Ich musste ihm erwidern: Sie tun ja das Ihre, sie möglichst fruchtlos zu gestalten. In der Tat wurden meist alle durch das Kirchenregiment oder durch mich gegebenen Anregungen von ihnen sabotiert. Auch wo ich in meinem Bericht auf Schäden in einer Kirchengemeinde hingewiesen hatte, wollte man den betreffenden Passus im Protokoll womöglich unterdrückt haben. Es nutzte nichts, dass ich sagte, es stände ja jedem frei, wo man mein Urteil für verkehrt halte, Widerspruch dagegen zu erheben und denselben zu Protokoll zu geben; er sollte überhaupt nicht zur Kenntnis der Gemeinde kommen. Einmal hatte auch eine auf dem Predigerkonvent gegebene Anregung ein ähnliches Schicksal. Gleich in den ersten Wochen nach meinem Dienstantritt in Diepholz wurde auf dem Konvent die Frage der Hausandacht besprochen. Das Thema war nicht von mir, sondern vor meiner Zeit, ich weiß nicht, ob von meinem Vorgänger oder aus der Mitte der Geistlichen, vorgeschlagen worden. Pastor Ostertag in Lemförde hatte ein äußerst ansprechendes, warm gehaltenes Referat dazu geliefert. Philipp Meyer äußerte in der Diskussion, dass so gut wie alles gewonnen wäre, wenn es uns gelänge, in den Gemeinden die Hausandacht wieder einzuführen. Als ich erzählte, dass ich seit einer langen Reihe von Jahren den Werderschen BibellesezettelSiehe Teil 9 (Moisburg) Kapitel 4Klick hier [3] in meinen Gemeinden verbreitet hatte und denselben besonders meinen Konfirmanden stets in die Hand gegeben, meinte er, es sei nicht genug, es müssten wöchentliche Erinnerungen statthaben. So wurde denn beschlossen, Woche für Woche die täglichen Bibellektionen aus dem Bibelleserzettel auf besonderen Zetteln abdrucken zu lassen und dieselben durch die Schulkinder in die Häuser zu schicken. Ich ließ also durch die Diepholzer Druckerei Wochenzettel drucken und sandte sie nach der ungefähren Zahl der Haushaltungen jeder Gemeinde in die Pfarrhäuser. Aber schon nach wenigen Wochen erklärten sich verschiedene der Amtsbrüder gegen dies Verfahren. Es seien ihnen missbilligende Stimmen aus der Gemeinde geäußert. Den einen oder anderen hatte ich im Verdacht, dass er kein gutes Gewissen bei der Sache hätte, da er selbst Hausandacht nicht hielte. Kurz, die Sache schlief nach einem oder zwei Jahren wieder ein. Philipp Meyer erklärte, als ich ihm davon erzählte, es halte doch nirgends schwerer, die Pastoren unter einen Hut zu bringen, als im Hannoverschen.

Es hatte sich unter meinem Vorgänger, von dem die verschiedenen Missgriffe berichtet wurden, eine gewisse Animosität der Geistlichen gegen alle kirchenoberliche Beeinflussung gebildet, die, wo es sich um praktische Fragen handelte, wie bei den Bezirkssynoden, eine Opposition auslöste. Wo es sich um rein wissenschaftliche Gegenstände handelte, wie größtenteils auf den Konventen, waren wesentliche Gegensätze nicht vorhanden oder traten nicht zutage. Darum waren die Verhandlungen auf den Konventen im Allgemeinen erquicklicher als die auf den Bezirkssynoden. Mit dem schiefen Verhältnis, in das mein Vorgänger zu einem Teil der Amtsbrüder gekommen war, hing es auch zusammen, dass sich zwei Konferenzen innerhalb der Inspektion gebildet hatten. Der südliche Teil, zu dem außer Diepholz die Pfarre von Burlage, Lemförde und Brockum gehörten, versammelte sich unter Leitung des Superintendenten wechselnd in den betreffenden Pfarrhäusern und trieb neutestamentliche Exegese. Der nördliche Teil, der von Lamprecht in Barnsdorf beeinflusst wurde und zu dem außer Barnsdorf die beiden Drebber und Rehden gehörten, hatte kein bestimmtes Thema. Es kam auf ihnen hauptsächlich die jeweilige kirchliche Lage zur Sprache, über die sich besonders Lamprecht auf dem Laufenden erhielt, der sich beispielsweise eine Sammlung aller Bezirkssynodal-Protokolle der ganzen Landeskirche angelegt hatte, und nach dem bekannten Gedicht von GerokKarl von Gerok, (1815-1890) war ein deutscher Theologe und Lyriker.Klick hier für Wikipedia [4], Lob des Pfarrers, kam das Kirchenregiment dabei meistens nicht gut weg. Da ich mit der Vergangenheit meines Vorgängers nicht belastet war, wohnte ich das eine oder andere Mal diesen Konferenzen auch bei. Von Zeit zu Zeit, zwei bis vier Mal im Jahre, versammelte sich auch die ganze Inspektion einschließlich der Damen, die übrigens auch zu den beiden Teilkonferenzen sich einfanden, im Grafen, im Sommer auch wohl in Lüdersbusch, wobei einer von den Teilnehmern etwas von seinen Spezialstudien zum Besten gab.

Ich darf mir wohl das Zeugnis geben, dass ich stets bemüht gewesen bin, den Geistlichen meines Aufsichtsbezirks gegenüber nicht den Ephorus herauszukehren, sondern mich brüderlich zu ihnen zu stellen. Das Verhältnis war deshalb im Großen und Ganzen stets ein gutes und Vertrauensvolles. Wo ich mich einmal genötigt sah, meine Autorität geltend zu machen und es deshalb zu einer kleinen Verstimmung kam, ging dieselbe stets bald vorüber, und es gereichte mir zu Genugtuung, dass, als ich von Diepholz fort war, mein Nachfolger bei der ersten Bezirkssynode, die er zu leiten hatte, in dem mir gewidmeten kurzen Nachruf ausdrücklich meine Aufrichtigkeit hervorhob. Auch sehr viel später noch wurde mir dies Zeugnis ganz unveranlasst entgegengebracht. Ganz ohne Differenzen ging es natürlich nicht ab. So konnte ich mich beispielsweise beim besten Willen, wo es sich um Dispensation minorennerminderjährig, nicht volljährig. In Preußen wurde man mit 21 Jahren volljährig. [5] Konfirmanden handelte, nicht einfach nach den Wünschen der Amtsbrüder richten, weil dieselben auseinander gingen, manche größere Strenge, manche größere Milde wünschten. Lamprecht zum Beispiel wünschte Abweisung aller Konfirmanden aus August und September, ein anderer wollte die im August geborenen angenommen, die aus September dagegen abgewiesen haben, andere begehrten noch weitgehenderes Entgegenkommen. Mein Vorgänger war entgegenkommender gewesen als die meisten Amtsbrüder wünschten. Ich hielt mich strikt an die Vorschriften, und so kam es, dass ich in den ersten Jahren ziemlich scharf sichten musste. So wie ich aus der Kirche zurückkam, in der ich die Minorennenprüfung gehalten und im Anschluss daran mein Urteil verkündet hatte, füllte sich meine Studierstube mit Eltern der Zurückgewiesenen, die mich um Zurücknahme meiner Entscheidung bestürmten, und ich hatte Mühe, sie loszuwerden. Eine Mutter, welche die Dispensation ihrer im Oktober geborenen Tochter wünschte, ohne dass ein zwingender Grund vorgelegen hätte, brachte mir in meiner Abwesenheit einen Korb Eier ins Haus, der natürlich umgehend zurückerfolgte. Reklamationen beim Konsistorium folgten, das sich aber damals ausnahmslos auf meine Seite stellte. Die Gesuche um Dispensationen gingen denn auch in den folgenden Jahren zurück. Erquicklicher als die Minorennenprüfungen im Herbst waren dann die allgemeinen Konfirmandenprüfungen kurz vor der Konfirmation, zu denen ich in den einzelnen Kirchengemeinden herumreiste. Da ist meines Wissens nie eine Zurückweisung erfolgt. Diese allgemeinen Prüfungen waren dann auch Gelegenheit zu Besuchen bei den Amtsbrüdern, und häufig begleiteten mich dabei meine Frau und eins oder das andere meiner Kinder. Übrigens hatte die Gemeinde Barnstorf das Privilegium, dass ihre Konfirmanden zwar die Prüfungsgebühr entrichten, aber nicht geprüft werden mussten.

Eine Gelegenheit, bei der mir die Amtsbrüder scharf auf den Dienst passten und bei der es daher im Anfang einige Mal zu kleinen Verstimmungen kam, war die Revision der Schulen, da mir auch die Kreisschulaufsicht über den ganzen Inspektionsbezirk übertragen war. Ich legte Wert darauf, möglichst stets unangemeldet in die Schulen zu kommen, damit mir die Lehrer keine Paradevorstellung vorführten. Zuweilen entschloss ich mich ganz ex improviso,unversehens [6], in eine Schule zu gehen, wenn ich gerade Zeit hatte. Wenn die betreffende Schule also nicht gerade am Wohnort des Ortsschulinspektors lag oder mein Weg dorthin nicht durch denselben hindurchführte, ging ich ohne vorherige Anmeldung bei diesem hinein. Das wurde, wie ich bald innewurde, übel vermerkt, da die Ortsschulinspektoren stets dabei sein wollten. Ich habe mich infolgedessen möglichst stets bei denselben gemeldet.

Besonders sympathisch unter den Amtsbrüdern war mir Ostertag in Lemförde, eine innige Natur. Leider verließ er seine Stelle schon ein Vierteljahr nach meinem Antritt, um nach Ostfriesland zu gehen. Die Verhandlungen wegen seines Wegganges spielten schon, als ich nach Diepholz kam. Philipp Meyer wünschte ihn deshalb bei meiner Einführung predigen zu hören, da man an der Stelle, für die er in Aussicht genommen war, behauptet hatte, ihn nicht verstanden zu haben. Sein Organ war allerdings nicht sehr günstig. Doch machte er sich in der großen und nicht ganz leicht zu füllenden Kirche von Diepholz durchaus verständlich. Seine Einführung an der neuen Stelle wurde daher kurz darauf verfügt. Seine beiden Töchter, damals etwa zwölf Jahre alt, also in Theklas Alter stehend, waren Zwillinge und am ersten Weihnachtstag geboren. Daher sagten wir scherzhaft: In Lemförde fällt der erste und zweite Ostertag auf den ersten Weihnachtstag.

Die Stelle musste durch Wahl wieder besetzt werden. Ich hatte daher gleich im Anfang eine Pfarrwahl zu leiten, eine Art Meisterprobe für einen Superintendenten, wie mir Wagemann gesagt hatte. Es ging, wie gesagt, ganz glatt. Gewählt wurde Aulbert. Philipp Meyer beglückwünschte mich zu dieser Wahl, und das Verhältnis zu dem neuen Amtsbruder gestaltete sich durchaus erfreulich. Bei seiner Einführung, die ich im Sommer 1901 vornahm, war seine Braut, mit der er sich kurz darauf verheiratete, zugegen. Besonders sie machte einen vertrauenerweckenden Eindruck und bewährte sich als eine tüchtige Pfarrfrau.


[2] In den evangelischen Kirchen ist die Visitation ein regelmäßiges Mittel der Kirchenleitung.
[3] Siehe Teil 9 (Moisburg) Kapitel 4
[4] Karl von Gerok, (1815-1890) war ein deutscher Theologe und Lyriker.
[5] minderjährig, nicht volljährig. In Preußen wurde man mit 21 Jahren volljährig.
[6] unversehens