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Diepholz, 1900-1906 — Honoratioren

Teil 11 - Diepholz, 1900-1906
Kapitel 4
Honoratioren

Während ich auf meine ephorale Tätigkeit im Ganzen mit Befriedigung zurückblicke, kann ich das von meinem pastoralen Wirken nicht sagen. Nicht als ob ich nicht auch hier manche Freundlichkeit erfahren und manches Haus in lieber Erinnerung hätte. Diepholz war eine kleine Beamtenstadt, und die Beamtenschaft stellte sich im Ganzen freundlich zur Kirche. Es gehörte zum guten Ton, mindestens alle drei bis vier Wochen zur Kirche zu kommen und mit den Geistlichen Fühlung zu behalten. Obenan der Landrat, mit dem ich ja als meinem weltlichen Kon-Kommissar vielfach gemeinschaftlich zu wirken hatte. Landrat war bei meinem Dienstantritt Freiherr von WangenheimCarl Freiherr von Wangenheim (1860-1931) war ein deutscher Verwaltungsbeamter. Von 1892 bis 1902 war er Landrat des Kreises Diepholz.Klick hier für Wikipedia [9], dem pommerschen Zweige dieser weit verbreiteten Familie angehörend, ein nicht sehr geistvoller aber wohlgesinnter Mann, zuweilen etwas polternd, aber gerade und ehrlich. Bis auf einen kleinen Zusammenstoß, den ich auf der Bezirkssynode mit ihm hatte, da ich mich missbilligend über das Verhalten der Regierung geäußert hatte, die den um Wahrung der Schulzucht bei Gelegenheit des Schützenfestes bemühten Rektor im Stiche ließ, bin ich stets gut mit ihm ausgekommen, und er wie seine feine, liebenswürdige Frau haben mir auch, als sie von Diepholz fort waren - er wurde schon nach anderthalb Jahren zum Landrat von Osnabrück ernannt - freundschaftliche Gesinnung bewahrt. Sein Nachfolger wurde Röttger, Sohn des früheren Präsidenten der Seehandlung, vorher kommissarisch in Wreschow im Posenschen beschäftigt, wo damals gerade die polnische Bevölkerung sich unliebsam bemerklich gemacht hatte, das Bild eines strammen, pflichttreuen preußischen Beamten, freilich auch unduldsam nicht nur gegen alles Welfentum, sondern auch gegen alles, was er dafür hielt. So äußerte er sich, als wir einst zusammen, ich weiß nicht mehr, ob zu einer Einführung oder Visitation, fuhren, unwillig über die aus irgendeinem Anlass an dem Tage gehissten gelbweißen Fahnen, obgleich Gelbweiß damals gerade offiziell als Provinzialfarbe anerkannt war, und machte mir eine Szene, als ich bei Abkündigung einer Kirchenkollekte für die evangelische Gemeinde in Karlsbad erwähnt hatte, dass König Georg V. von Hannover seinerzeit einen Beitrag zum Bau der dortigen evangelischen Kirche gegeben hätte. Auch sonst zeigte er sich sehr offiziös. Bei der Veranstaltung eines Verkaufs von armenischen Stickereien, zu dem ich die Hand bot, zeigte er sich ziemlich verkniffen, und einer Kundgebung für die Buren blieb er gänzlich fern. Vielleicht wäre er in mancher Hinsicht toleranter gewesen, wenn er verheiratet gewesen wäre. Übrigens besuchte auch er fleißig die Kirche, und zu seinem Geburtstag lud er mich regelmäßig ein, auch mit meiner Frau einmal, als seine Mutter, eine feine, liebenswürdige Dame, bei ihm zu Besuch war.

Ein regelmäßiger Kirchenbesucher war der erste Amtsrichter, Amtsgerichtsrat Meyer, Sohn des früheren Superintendenten Meyer in Vilsen, Schwager meines früh verstorbenen Universitätsfreundes Beermann, dessen Witwe mit ihren heranwachsenden Söhnen öfter in Diepholz zum Besuch war und dann auch bei uns vorsprach. Meyer bewohnte das Grafenschloss und gestattete mir, wenn ich im Sommer morgens ein Bad in der Lohne genommen, seinen schönen Park zur Badepromenade. Auch seine leider recht harthörige Frau, Tochter einer in Diepholz mit ihrer Schwester wohnenden Dame, die beide zu den treuesten Kirchenbesucherinnen gehörten, hat uns viel Freundlichkeit erwiesen. Meyer war Landtags-, später auch Reichstagsabgeordneter, und hat im Landtag, sonst der nationalliberalen Partei angehörend, in kirchlich-konservativem Geist sich geäußert, auch dazu sich von mir Material geben lassen. Er ließ sich zu meiner Zeit in den Kirchenvorstand wählen und kam, wenn er Dienst in der Kirche hatte, aus dem Landtag oder Reichstag nach Diepholz und trug den Klingelbeutel. Allerdings war er nicht frei von Ehrgeiz und Popularitätshascherei.

Fleißige Kirchenbesucher waren auch Rechtsanwalt Winckelmann und Steuerinspektor Ebeling mit ihren Frauen, ebenso, soweit es seine Berufsarbeit zuließ, Kreisarzt Dr. Helwes. Gerade ihm und seiner Frau, der Tochter eines pensionierten Offiziers, der gelegentlich nach Diepholz kam und auch theologische, wenigstens apologetische Interessen hatte, traten wir auch persönlich näher.

Eine anima candida, aber etwas weltfremd, war Baurat Scherler. Seine Frau, eine Braunschweigerin und weniger fein als ihr Mann, erzählte uns gleich bei unserm Antrittsbesuch, dass sie das erste Kind erwarte. Beide waren schon lange verheiratet und bei vorgerückten Jahren - er damals bereits 50 Jahre alt -, und so war es selbstverständlich ein großes Ereignis. Als das Kind geboren war, kam der Vater zu mir, sich über seinen kirchlichen Standpunkt zu erklären, er sei von Haus aus reformiert, aber stets der Union zugetan gewesen, kirchliche Autorität für ihn sei der Hofprediger RoggeBernhard Rogge, der Onkel des Autors, Bruder seiner Mutter Meta RoggeKlick hier für Wikipedia [10] in Potsdam, der ihn konfirmiert, und zu fragen, ob sein Kind durch die Taufe bei mir irgendwelche kirchliche Bindung übernähme. Ich konnte ihn beruhigen, wir seien hier lutherisch, aber Verpflichtungen gegen die Union legten wir durch die Taufe nicht auf, übrigens kennte ich den Hofprediger Rogge sehr wohl, da derselbe mein Onkel sei. Ich gab ihm auch Onkel Bernhards Lebenserinnerungen Aus sieben Jahrzehnten zu lesen, die er mit großem Interesse verschlang und von denen er infolgedessen sich auch ein Exemplar verschaffte. Zur Taufe, die auf seinen Wunsch im Hause vollzogen wurde, lud er eine große Gesellschaft und gestaltete sie in feierlichster Weise. Das Kind starb übrigens auf ungeklärte Weise, während die Mutter es in Braunschweig, wo sie mit demselben zum Besuch weilte, auf der Straße im Kinderwagen fuhr. Scherlers verließen übrigens Diepholz auch schon vor meiner Zeit und kehrten in die Mark zurück.


[9] Carl Freiherr von Wangenheim (1860-1931) war ein deutscher Verwaltungsbeamter. Von 1892 bis 1902 war er Landrat des Kreises Diepholz.
[10] Bernhard Rogge, der Onkel des Autors, Bruder seiner Mutter Meta Rogge