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Russland 1998

Galina von der Kurischen Nehrung

Im grauenden Morgen rollte der Nachtzug über die Grenze zwischen Polen und der Russischen Exklave Kaliningrad. Der Sand zwischen den Schienen war besser geharkt als in Schrebergärten, damit Geheimagenten mit Argusaugen die Fußspuren verbotener Grenzgänger erspähen könnten. Der russische Soldat in schlotteriger Graumontur, das Gewehr unvorschriftsmäßig über dem Arm hängend, machte das internationale Zeichen für Zigarette, wer würde den armen Mann nicht verstehen in der Öde zwischen Brombeeren und vergrabenen Trümmern, die niemand mehr wollte.

Mein Kabinennachbar schob das Fenster herunter, lehnte sich hinaus und seufzte: Deutsche Heimat! Mein Gott, wie vertraut das alles ist. Kalte Heimat, sagten wir, für immer ist sie verloren. Links hinten, da liegt Danzig, was sie jetzt Gdansk nennen. Auch deutsch. Ach, ich kann die Erinnerungen nicht ertragen… Weit ging der Blick über die Felder, gute Böden waren das einst. Ich erkannte die verwischten Gemarkungen. Was vor Jahrzehnten Korn trug, war längst verbuscht mit Brombeeren, Birken und einem Meer vielfarbiger Feldblumen, darunter blutroter Klatschmohn. In den Zeiten der Kolchosen, ja, meinte der Fachmann rechts, da sei emsiges Wirtschaften gewesen, aber heute? Was wissen die schon von Kapital.

Kaliningrad, Bahnsteig 4, ein müder Schaffner. Irgendwo graue Käfige mit Mädchen drin und Schachteln kümmerlicher Waren, trübseliger Souvenirs. Dies also das ehemalige Königsberg, Provinzhauptstadt am oberen Pregel, gegründet um 1255 vom Deutschen Orden. In den Ruinen von Kaliningrad begann vor dreihundert Jahren die schwierige Geschichte Preußischer Staatlichkeit. Von hier ging ein Strom des Geistes in die Welt — Kants Kategorischer Imperativ. Sein wohl gepflegtes Grab an der Ostseite des wieder hergestellten Doms zeugt von der Achtung, die das moderne Russland dem Philosophen zollt, der an der Albertina lehrte.

Mich erwartete, etwas abgehetzt, Galina, die dunkelhaarige fast elegante Russenfrau, mit ihrem wohlgepflegten VW Bus, geschickt fädelte sie sich in den stotternden Verkehr. Vorbei am alten Stadttor, der runden Festung aus dicken Ziegeln. Durch breite Alleen mit ihren Plattenbauten, die ein verrückter Architekt in die Altstadt schlug. Galina lavierte ihren Bus in das Tor der düsterroten Kaserne aus Kaisers Zeit. Führte mich hinein ins Gewirr der Hallen und Treppen und Gänge, wo man alles kaufen konnte, was in Russland zehn Jahre nach Beginn der Perestroika erhältlich war und manches mehr, dessen Herkunft im Dunklen lag. Galina prüfte die Tomaten, suchte Gemüse aus, Gurken und eine runde Wurst, bis die Kiepe voll war. Eine dicke Frau im Drahtverlies zählte Geld und schwitzte. Wolken ätzenden Knoblauchs.

Wir waren auf der Straße Richtung Westen. Galina zeigte, deutete hier und da, erzählte lebhaft von der Geschichte seit 1945, als alles anders wurde. In Reihen standen rohe Betonbauten herum, wie von Legosteinen errichtet, die seien, meinte sie abschätzig, zu Sowjetzeiten für Offiziere und deren Familien geplant worden, aber nur bis zum Erdgeschoß gediehen, als das Geld ausging. Ruinen vergangenen Stolzes. Meine Begleiterin — apart das schmale Gesicht mit dem gelockten Braunhaar — erzählte von ihrer Kindheit in Odessa, von den Aktivitäten im Dorf Rybatschi, was der Mann machte und die beiden schulpflichtigen Kinder.

Seit fast vierhundert Jahren war die Poststrasse die regelmäßige Postroute zwischen Königsberg und Memel (Klaipeda), der Postreiter brauchte damals 18 Stunden. Es war der kürzeste Weg im Handel des Nordsüdverkehrs — und in den mannigfachen Kriegen. Einfallstraße für die Litauer und Kuren nach Preußen — der Preußen nach Litauen und Kurland. Schon im Mittelalter floss lebhafter Verkehr zwischen West- und Mitteleuropa und dem Baltikum.

Die Kurische Nehrung schließt das Kurische Haff gegen Westen in einem nordöstlich bis nördlich gerichteten flachen Bogen von 98 km Länge zum Memeler Festland hinüber. Die schmalste Stelle nördlich von Sarkau (heute Lesnoje) misst nur 400 m, die breiteste bei Nidden 4 km. Die untere Hälfte der Nehrung gehört den Russen, eine Grenze teilt die Nehrung, der obere Teil gehört zu Litauen. 1987 gründeten die Russen auf ihrem Teil einen 8000 Hektar großen bewaldeten Nationalpark: Kurschskaja Kossa, wie das bunte Holzschild am Parkeingang sagt, mit einem Direktor namens Gennadi Tepljakow, der Presseleute aus dem Westen nicht mochte. Der Park birgt, so sagte ein Botaniker, 500 Pflanzenarten, dazu Kiefer, Fichte, Birke, Erle. Der Wanderer geht auf schmalen Sandwegen durch den stillen Wald, wird vielleicht einen Elch zu Gesicht bekommen, und bald vor der weiten Ostsee stehen. Wind, Sand, Wald — sie fügen sich zu einem Bild, das Dichter und Maler anregte zu Gedicht, Ballade und Bild. Um das Bild zu genießen, bedurfte es eines Militärpasses, den zu erwerben Galina mich in eine weitläufige Kaserne brachte.

Die Poststraße windet sich in den Hauptort des Parks — Rybatschi, 900 Seelen, alte Ostpreußen kennen es unter dem vertrauteren Rossitten. Am Ortseingang in erbarmungswürdiger Hässlichkeit das Kulturhaus. Davor sangen alte Damen in tiefblauen kleidsamen Folkloregewändern mit hohen Stimmen traurige Lieder von Mütterchen Russland und das Leib- und Magenlied namens Rybatschi. Unter hohen Bäumen die weiße Statue einer gutgemeinten Fischergestalt, die ihr gerechtes Gesicht suchend gen Norden richtet, nirgends steht, wonach sie Ausschau hält, vielleicht nach den begehrten Fischen aus dem Haff, die immer seltener die Netze füllten? In der Jugend-Kultur-Disco hüpfte abends die Dorfjugend unter blitzenden Scheinwerfern in coladuftender Finsternis eifrig sich verrenkend nach vorgestrigen Schlagern. Auch die sehr traurig.

Galina stoppte den Bus vor der restaurierten Kirche, einst evangelisch, heute russisch orthodox, mit vielen ernst blickenden Ikonen im Inneren. Davor die verlassene Ruine des Pfarrhauses. In enger Nachbarschaft zur Kirche der bunte Gemüsegarten ihrer Eltern. Der Vater ruht auf der Holzbank. Am Häuschen lehnt ein Schild und deutet in Frakturschrift auf die Ortsgruppe der SS. Zwischen 1947 und 1948 waren die Deutschen, meist Fischer-Bauern, aus der Nehrung vertriebenKritik an der Vertreibungspolitik
Scharf geht der irische Historiker Douglas mit den Westalliierten ins Gericht, die sich bei der ganzen Geschichte nicht gerade mit Ruhm bekleckert hätten. Douglas sagt es ganz offen: Briten und Amerikaner haben sich von Stalin über den Tisch ziehen lassen. In beiden Ländern gab es starken Widerstand gegen eine Vertreibungspolitik. Doch war den Regierungen die Allianz mit dem kommunistischen Diktator letztendlich wichtiger als aufkeimende Bedenken wegen der Rechtmäßigkeit und Durchführbarkeit des gigantischen Vorhabens, bei dem etwa zwölf Millionen Deutsche zwangsumgesiedelt wurden, schreibt Douglas.
R. M. Douglas: Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. (C. H. Beck, München. 560 Seiten. ISBN 978-3-40662294-6)
worden. Politiker in Moskau beorderten — mit Versprechungen auf künftigen Wohlstand — arme Männer mit ihren Frauen und Kindern aus Russlands Dörfern, aber auch hier stationierte Soldaten und Glücksritter, in das menschenleere Land. Sie wussten nichts von der vorgefundenen Kultur, nichts von Ostpreußen und seiner Geschichte. Sie fürchteten die Deutschen und brauchten sie doch als geldbringende Touristen. So hatte es Galinas Eltern in das altersschwache Haus im Zentrum Rybatschis verschlagen. Das Haus gehörte ihnen, doch verkaufen durften sie es nicht, und zur Reparatur fehlte das Geld. In vertrauter russischer Gastlichkeit wurde Tee und Gebäck aufgetischt und beraten, wie man vorgehen wollte, um ein einigermaßen zutreffendes Bild der russischen Nehrung zu bringen. Eine Reise in deutsche Vergangenheit, in eine Zeit, da die Deutschen sangen: … von der Maas bis an die Memel … eine heroische Vergangenheit? Im Rückblick gewiss nicht. So betrachtet aber auch die Suche nach den Spuren der Zeit. Galina hatte die Sehnsucht der Deutschen nach der alten Heimat begriffen. Mit einiger Mühe hatte sie die Namen ehemaliger deutscher Hausbesitzer erkundet und sie auf einer Dorfkarte vermerkt. Die gab sie mit freundlichem Lächeln den Deutschen, die im Bus die Nehrung heimsuchten auf der Suche nach den Wurzeln.

Wir wanderten über die sandigen Dorfstraßen. In den kleinen Vorgärten blühten Sonnenblumen, wuchsen Bohnen und Kohl, alte Frauen grüßten aus schmalen Fenstern. Ihre Renten reichten kaum zum Überleben, die Abwertung des Rubels traf sie hart. Mozartklänge wehten herüber, wir fanden ein altersschwaches Haus, gingen die wackelige Treppe hoch. Im düsteren Stübchen übte die einst bekannte Pianistin Janna Feodosowa am Klavier. Ein paar Schritte weiter: Mit zarten Fingern streicht Petra durch die Flugfedern der winzigen Grasmücke, diktiert die Maße der russischen Freundin. Der Vogel lässt resigniert die messenden Hände über sich ergehen und fliegt mit erleichtertem Gezwitscher durchs Fenster davon in die Freiheit. Messen, registrieren, Forschungsarbeiten für die Doktorarbeit — inmitten der Armut des Dorfes im weiten Park liegen die weißen Gebäude der ehrwürdigen Vogelwarte Rossitten, das heute Rybatschi heißt. Hier haben russische Ornithologen aus St. Petersburg das Sagen.

1896 kam der junge Johannes Thienemann zur Kurischen Nehrung (preußische Wüste genannt) und ins Fischerdorf Rossitten. Und gründete am 1. Januar 1901 die Vogelwarte Rossitten, das erste Vogelbeobachtungsinstitut der Welt. Seit 1956 heißt sie Biologische Station Rybatschi. Dank ihrer geografischen Lage und Ausrichtung dient die Nehrung vielen migrierenden Vogelarten als Orientierungslinie auf ihrem Flug von Nordwestrussland, Finnland und dem Baltikum nach Mittel- und Südwesteuropa. Die Forscher beobachten im Frühling und Herbst einen dichten Strom ziehender Vögel, Buchfinken, Zaunkönige, Zeisige, Singdrosseln, Bergfinken, Meisen.

Die Geschichte, die geologische Struktur, das Klima, die Winde, die Nehrung eben, stecken voller Geheimnisse. Sahara an der Ostsee hieß man sie einst. Wilhelm von Humboldt fühlte sich am weißen Strand erinnert an Spanien und Italien. Galinas Füßen folgend stapfen wir über den schneeweißen Pulversand die 70 Meter hohe Düne bei Pillkoppen (Morskoje) hinauf. Genießen den ungetrübten Blick über die Wälder und Dorfflecken bis zum Wachtturm an der Grenze zu Litauen. Rechts das Haff — links die tiefblaue Ostsee. Galina hockt sich barfüßig graziös in den tiefen Sand. Weit rechts am Haffufer viele Quadrate aus Astholz und Reisig — Befestigungen der Wanderdünen, wie seit über hundert Jahren. Im Hafen, wenige Schritte entfernt, nur Schrott, gestrandete und versunkene Trawler, Rost und Müll. Der Fischereibetrieb Werktätiger des Meeres hat nicht viel zu bestellen. Das Kurische Haff beherbergt 42 Fischarten. Gefangen werden Brachse, Stint, Zander und Aal. Manchmal findet man die Renke aus der Ostsee, aber wenig zu kaufen. Nur bunte Gemälde im Saal des Kulturzentrums erinnern an die frohen Zeiten des Sowjets, als markige Männer lächelnd den Strapazen des Meeres und der Stürme trotzten, zum Wohle der Werktätigen. Und die attraktiven Holzboote der Nehrunger aus vor-russischer Zeit gibt es nicht einmal mehr im Museum. Galina brachte mich in ihren Neubau am Rande des Dorfes. Alles mit der Hände Kraft gearbeitet in freundlichem hellen Holz. Eine Pension war im Werden, die erste in Rybatschi. Und morgens war Galina schon um sieben zur Stelle und briet ein paar leckere Eier mit Speck.