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Anmerkung der Redaktion :

Im Zuge von Dreharbeiten für das ZDF war unser Autor, Herr Kurt Jürgen Voigt Ende der 1990er Jahre im ehemalig schlesischen Görbersdorf, heutigem Sokołowsko in Polen, um über die ehemalige Lungenheilanstalt des Dr. Brehmer zu berichten.
Obwohl sein Bericht nicht ganz unserem Prinzip, nur Selbsterlebtes in der Erinnerungswerkstatt zu veröffentlichen, machen seine umfangreichen Recherchen diesen Bericht so besonders wertvoll, dass wir ihn, obwohl kein reiner Zeitzeugenbericht, hier veröffentlichen.

Das Traumschloss eines Sonderlings
Dr. med. Brehmer und das älteste Lungensanatorium
der Welt in Görbersdorf. Heute Sokołowsko

Die Lungentuberkulose oder Phtisis ist die Geißel des 19. Jahrhunderts gewesen und hat ungezählte Opfer gefordert bis in die 50er Jahre des 20. – heute gehört sie, trotz vorhandener Heilmittel, zusammen mit AIDS immer noch zu den Großen Infektionskrankheiten der Welt. Im polnischen Oberschlesien fanden wir lebendige Zeugnisse für die Versuche früherer Ärzte, dieser Erkrankung Herr zu werden.

Einer von ihnen war Hermann Brehmer, geboren am 14. August 1826 in Kurtsch / Schlesien. Er promovierte 1853 in Berlin mit der Arbeit De legibus ab initium atque progressum tuberculosis pulmonum spectantibus, und glaubte fest daran (gegen den Strom der Zeit), Tuberkulose sei heilbar, heilbar mit Hilfe einer geeigneten Diät und dem Aufenthalt in einem Höhenklima, an immunen Orten, die frei von Schwindsucht sind und gegen Winde von allen Seiten geschützt. Seine klimatisch-hygienisch-diätetische Behandlungsmethode war revolutionär und behielt ihre Gültigkeit auch nach der Entdeckung des spezifischen Erregers. Das Problem des jungen Arztes war aber die hohe Politik in Deutschland. Brehmer war Demokrat und das schätzten die Staatsorgane damals gar nicht. Sein Buch von 1857 Die chronische Lungenschwindsucht, ihre Ursache und ihre Heilung wurde von der medizinischen Presse zerrissen. Brehmer dazu: Nur der blinde Autoritätsmensch kann es für verwerflich halten, dass ein einfacher Arzt etwas Richtiges lehren sollte, das ein Universitäts-Professor noch nicht vorher gelehrt hat.

Brehmer prüfte sorgfältig die klimatischen Bedingungen in den Hochtälern des Riesengebirges und entschied sich für Görbersdorf im Waldenburger Gebirge, 561 m üdM. Ob es Zufall war – er hatte eine adelige Dame geehelicht, Helene von Colomb aus Berlin. Deren Schwester Marie betrieb in Görbersdorf eine Wasserheilanstalt nach dem Vorbild des Vinzenz Prießnitz (1799-1851), Begründer der Hydrotherapie. Marie ging aber pleite und wanderte in den Schuldturm, der junge Brehmer übernahm das marode Unternehmen. Die ersten Lungenpatienten lagen wenig bequem in einem kleinen Bauernhof. Geld fehlte. Aber die Sache sprach sich herum, Schwindsüchtige aus allen Gegenden eilten herbei. Brehmer wollte bauen, für die wohlhabenden Patienten, man ließ ihn lange nicht, denn er war ja ein Demokrat! das war für die braven Königstreuen ein Linker. Endlich die Baugenehmigung. Architekt Edwin Oppler (1831-188o) hatte als Vertreter der Neugotik schon das Schloss Halberg bei Saarbrücken und verschiedene Synagogen gebaut. Für Brehmer errichtete er 1863 das sog. Alte Kurhaus, 1871 den Anbau eines Wintergartens, 1875 die Wirtschaftsgebäude, 1878 das Neue Kurhaus – Höhepunkt der Görbersdorfer Anstalt. Einige pompöse Villen gehörten dazu.

Der Dorfelektriker öffnet uns die rostigen Riegel am Tor. Chefarzt Dr. von Podwinsky und Hund gehen voran. Ein wahrhaftiges Schloss, dieses Sanatorium der Frühzeit, eine imposante Ruine im steten Zerfall. Es riecht leise nach dem Mief der Jahrzehnte. Und doch: Als hätte man nur eben mal die Möbel weg getragen, um sauberzumachen, so lebendig wirkt der große Festsaal mit der edlen Holztäfelung, dem Parkettfußboden, der sich wölbt unter der Feuchtigkeit, die tragenden Säulen aus Gusseisen. Der Blick durch hohe Fenster auf den stillen Park. Die Phantasie sieht Scharen wohlgekleideter Patienten, die opulent speisen, betreut von dienstbaren Geistern. Hier ließ sich’s wohl leben, seinerzeit. Auf der geschwungenen Treppe ein lebhaftes Kommen und Gehen, Gelächter, Zurufe, es ging bunt zu und lebhaft, hektisch vielleicht?

An nichts hat der Architekt es 1878 fehlen lassen. Gemalte Decken, gotische Tapeten, Stilmöbel in den 70 Einzel- und Doppelzimmern, mollig warm auch im strengen Frost durch eine moderne Luftheizung. Teeküche und Badezimmer auf jeder Etage. Die Toiletten nach dem Heidelberger Tönnchensystemgemeint ist der berümt, berüchtigte Goldeimer entleert. Die Sputa wurden vergraben. Jemand öffnet uns ein Patientenzimmer. Die hölzernen Dielen sind durchgefault, die Scheiben kaputt unter der hübschen Rosette, der Giebel noch auszumachen. Schicksale, die kein Buch verzeichnet, denn die Anstaltsleitung pflegte moribunde… im Sterben liegend, dem Tode nahe … Patienten rechtzeitig nach Hause zu schicken, damit sie nicht in Görbersdorf starben und begraben werden mussten.

Die Brehmer’sche Anstalt erlangte bald Weltruhm. Die Patienten gehörten dem reichen Bürgertum und Adelskreisen an. Sie kamen aus Deutschland, aus Schweden, Finnland, Russland und Frankreich. Ein Biograph: Seine Patienten hingen mit einer schwärmerischen Verehrung und festen Zuversicht an ihm.
Ein Wunder trat für uns zu Tage. An der Riesenwand im Treppenhaus des 2.Stocks lugte Farbe durch den Kalkbelag. Ich reinigte die Wand mit Wasser und Lappen zum Gaudi meiner Crew. Ein Wandbild erschien, 3 x 4 m in gold und grün. Im Zentrum das Zeichen des Äskulap. Die Polen hatten das Wandgemälde mit weißer Farbe übermalt, damit nichts an die Deutschen erinnerte. Denn das Bild rühmt Brehmers Taten, zeigt alle seine Sanatoriumsgebäude in schöner Perspektive und darüber in gotischer Schrift fein säuberlich Brehmers Wahlspruch:

Nur der Arzt kann segensreich wirken,
der mit den Naturwissenschaften vertraut
und im mathematischen Denken geübt ist.

Vor 120 Jahren war die Berufung auf Naturwissenschaften in der Medizin nicht selbstverständlich, aber typisch für den Sonderling.

Ließ sich die alte Geschichte aufmöbeln, mit Hilfe eines Spiels? Fragte ich mich, der ich ja einen Film drehen musste. Mein Aufnahmeleiter fährt nach Waldenburg und erbittet stilechte Kostüme für Frau von Colomb und ihren Gatten. Alles soll stimmen. Der Dorfmaler frierend im Atelier, weil Kohlen zu teuer – erbietet sich, gegen geringen Lohn ein buntes Bild zu malen vom gotischen Schloss-Portal und dem empfangenden Brehmer-Paar. Die Luft riecht intensiv nach Kohlenqualm. Der weite Park liegt in stiller Düsternis, wie ein Märchen voller Geheimnisse. Bei 20 Grad minus. Ein Kauz ruft. Ein paar Fenster des Schlosses hat der Elektriker von innen provisorisch beleuchtet. Es erscheinen die Krankenschwestern, 50 mindestens, unter der Führung der tapferen Oberschwester. Jede der Weißgewandeten trägt eine Fackel, die zur bestimmten Stunde angezündet werden soll. In Zweierreihe stehen frierend die hübschen Schwestern im Flackerlicht und grüßen die nahende Kamera, die einen ankommenden Wagen nachahmt, mit polnischem Gruß. Weiter geht die Kamera ins Portal hinein. Und da stehen sie unter den munteren Klängen eines Wiener Walzers aus dem Tonbandgerät, die junge TBC-Patientin Mariola spielt für den Film Helene, Bremers Frau, damenhaft im weiten stilechten Kleid, neben Dr.Brehmer im Frack, dargestellt vom Schlachtergesellen. Abgedreht. Wir laden alle ein in den großen Festsaal, kerzenerleuchtet, haben Punsch gebraut und Würstchen heiß gemacht, und unsere polnischen Freunde stehen und lachen und tanzen und freuen sich über den gelungenen Streich. Der alte Doktor mit ihnen. Seinen Hund, das Kind, hat er zuhause gelassen.

Im Park stehen sie noch, die mehr oder weniger gelungenen Denkmäler aus den Berliner Werkstätten vor der Jahrhundertwende, wie die Tafel zeigt. Brehmer bot damals seinen Schwindsüchtigen mehr als gutes Essen und die Hoffnung auf Heilung. Die Gehfähigen ließ er weite Spaziergänge unternehmen nach genauem Plan und Kunstwerke betrachten, denn das Schöne, das Ästhetische, so meinte er, werde den Heilungsprozess unterstützen. Alkohol, pur und mit Milch gequirlt, war ihm ein Heilmittel, das den Stoffwechsel der Patienten anregt und dem Nachtschweiß vorbeugt. Werden die Hustenden gejubelt haben in ihren Liegestühlen unter der bunten Decke, wie im Dr. Römplerschen Sanatorium, wo die Schwester für uns das alte Ambiente wieder auferstehen lässt und Liegestühle aufstellt – wie damals. Der Palmenhof hat die Jahrzehnte überlebt. Und die tausend Fläschchen für Medikamente hat ein Künstler in Beton gegossen und zum Mosaik an der Wand vereinigt.

Schwester Elisabeth auf der Männerstation ist geschult in den Dosierungsvorschriften der Chemotherapie, in der man heute die TB in sechs Monaten ausheilen kann. Hier in Polen des Jahres 1993 gibt es keine Antituberkulotika, wie Isoniazid, Rifampicin oder Streptomycin. Die Polnische Staatliche Gesundheitsfürsorge ist eine Wirtschaft des verwalteten Mangels. Untätig, resigniert, sich aufgebend, auf irgendetwas wartend, das nie kommt, sitzen die alten kranken Männer auf ihren Stühlen, husten röhrend ins Tuch, schlurren ein paar Meter über den Flur – warten. Einer stirbt am Morgen, die gelben Finger noch an der glimmenden Zigarette, im Mund den Schlauch der Sauerstoff-Flasche. Der gütige Arzt Dr. Schimmel muss seine kärgliche Apparatemedizin ergänzen mit freundlicher Zuwendung zum Patienten.

Den Siegeszug seiner Anstalten, die große Heilstättenbewegung, hat Dr. Brehmer nicht mehr erlebt. Aber ein wenig vom Schrecken dieser furchtbaren Seuche, der Schwindsucht oder Phthisis, hat er doch genommen – der Außenseiter und Sonderling. Podwinski ist stolz auf seine Sanatorien, auf die Kollegen, die ihr Möglichstes tun im ewigen Kampf gegen die Seuche, und doch so wenig tun dürfen, weil der Staat die Mittel nicht hat.