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Der Doktor und das Mädchen

Nordatlantik, 1973

Die Meteor,  1624 BRT, 11 Knoten schnell, vollgestopft mit Elektronik, 76 Mann und zwei Frauen unter dem 40 Jahre alten Kapitän Uwe Meier  auf Kurs Skagerrak. Das geplante  Forschungsgebiet erstreckte sich von Grönland über Island zu den Farörern und Nordschottland.  Sinn und Zweck des teuren  Unternehmens hieß lapidar  Overflow  und meinte die Erforschung des Wasseraustausches zwischen dem Nordmeer und dem Atlantik. Auffinden jener Stelle, wo das Überströmen von kaltem, arktischem Wasser anscheinend gegen alle physikalischen Gesetze über wärmeres Meerwasser und den unterseeischen Bergrücken zwischen Grönland und den Faröern in den Atlantik hinein stattfindet.  Nur wenige wussten, warum das einer wissen wollte. –

Der tschechische Kameramann Jan Blanar  und ich warfen unsere Seesäcke in die winzige Kammer auf Höhe der Wasserlinie.  Draußen dümpelten drei deutsche und neun befreundete Forschungsschiffe aus Island, Norwegen, Dänemark, England, Kanada, und eines aus der weniger befreundeten Sowjetunion. Aber Meeresforschung kennt eben keine Grenzen, selbst nicht im Kalten Krieg, der munter herrschte. Die Meteor legte ab, Menschen winkten vom Kai in Kiel, Tränen flossen. Unser Schiffchen machte sich auf,  suchte das biologische Geschehen der Algen und Fische im Atlantik, es ging nicht zuletzt um wirtschaftliche Interessen, wie  Fischfangreviere  und Geopolitik. Für Expeditionsleiter Professor Gerold Siedler und Technikchef Professor Werner Kroebel stellte sich das so dar:  Daten, Computer, Mess-Sonden. Bojen  und immer Messreihen in den Tiefen des Atlantik. Temperatur, Salzgehalt, Strömungen , Durchsichtigkeit, elektrische Leitfähigkeit, Schallgeschwindigkeit im Wasser .... Multimessung,  das ganze Alphabet der Ozeanographie. 

Es wurde rau im Kattegat. Meteor stampfte und jumpte, Wellen krachten an Deck. Die ersten Opfer für Meergott Neptun wurden über die Reling gekotzt. Junge Seebeine  hart geprüft.  Das Ausbringen der schweren Bojen und Messfühler vom Kran auf dem überschäumten Deck wurde für uns eine gefährliche Rutschpartie. Der riesige Bootsmann Erich, Lebendgewicht 250 Pfund, mit Händen wie Eisenklammern, lebte an Bord, so lange es die Meteor gab, verstand seinen wetenschapeligen Kroom.  Als es ruhiger wurde, hievte er  den  Jan freihändig  im Bootsmannsstuhl außenbords, damit er schwebend die schöne Bugwelle filmen konnte.

 

Während oben an Deck die Wissenschaftler klönten über das Wetter, den Seegang und die   ersten kleinen Messerfolge, und am Mast das Signal stieg: Schiff bei Arbeiten am Meeresgrund,  machten Unterdeck  Fiete und seine Freunde Pause. Sie bastelten schöne Schiffsmodelle, und Fiete griff zur Nadel und knüpfte einen Teppich –seit Jahren tat er das, ihm war egal, ob der Teppich je fertig wurde. Nebenan in seiner kleinen, aber gut ausgestatteten Bordklinik mit dem kardanisch aufgehängten Krankenbett kämpfte der Doktor mit einem  Zahn. Nächte hatte der junge Bundeswehrarzt auf seiner ersten Reise in Fachbüchern über Zahnheilkunde gebrütet, denn nun sollte  er den wehen Backenzahn eines jungen Meeresgeologen ziehen. Niemand hatte ihn das gelehrt, aber ein Schiffsarzt muss alles können. Kapitän und Erich hielten den Delinquenten eisern im OP-Stuhl fest, der Doktor atmete tief ein, nahm die Zange … zog … der dicke Zahn schepperte im Becken, hat es weh getan? … neeee!, alle grinsten. Siehste, so macht man es mit Bordmitteln in der christlichen Seefahrt. Gleich ein Eintrag ins Logbuch.

Es frischte auf, Luft und Wassertemperatur nur noch 10 Grad. Pullover und Südwester angesagt.  Meteor schob sich durch das Seegebiet namens Rosengarten. Karten-Station 63, Windstärke 5. Wachwechsel auf der Brücke. Sie steuerten rechtweisend 66 und nach Kompass 70 Grad. Um halbeins sollte die Multisonde runtergehen. Das deutsche Forschungsschiff Meerkatze II kam in Sicht, dümpelnd, holte Ersatzteile für Schiff Nr.3: Walter Herwig, alles klar, tschüß denn! 

Dann der Augenblick, der in keinem Drehbuch steht. 2. Offizier auf Brücke: Herr Kapitän, da ist ein Mayday der russischen Boris Dawidow, haben eine Kranke an Bord, bitten um ärztliche Hilfe.  Wie weit ist sie weg   Zwanzig Meilen genau. Sagen Sie ihr Bescheid, dass wir Kurs nehmen, sie soll auf uns zuhalten, ändern Sie bitte den Kurs. Jawoll.

Es ist der 24. August. Nachrichten sickern durch.  An Bord des russischen Forschungsschiffes ist eine 16-jährige Stewardess lebensgefährlich erkrankt. Die Boris Dawidow hat aber nur eine Sanitäterin an Bord. Die junge Frau muss sofort operiert werden, sonst stirbt sie. Sie braucht einen Arzt! Ruft den Dr. Klein!
17.25 Uhr. Wie ein Fliegender Holländer schiebt der Russe sich aus einer dicken gelben Nebelbank. Verdammt dicht an unserem Bug! Will der uns rammen, was macht  der Käptn drüben? Aber es geht klar. Auf Meteor machen sie  das Schlauchboot klar, das neueste ist es nicht, ziemlich begammelt. Ein Matrose hockt am Außenborder, der Doktor  vermummelt mit dicker Arzttasche dahinter. Jan neben ihm, dreht. Der Weg nach drüben ist nicht weit, aber die See geht  hoch.  Mindestens  hundert Frauen mit bunten Kopftüchern warten auf der Schanz der Dawidow, haben seit Wochen keinen Menschen gesehen, vor allem keinen schicken fremden Doktor. Fletschen grinsend die silbern plombierten Zahnreihen. Machen Platz für den Doktor, der an Bord jumpt.  Der russische Politoffizier spricht ein Stanford-Amerikanisch und grinst dienstbeflissen. Scheucht die Frauen weg, dass der Doktor in die Messe kann.

Der Doktor ist allein mit der armen Kranken, die weint. Die Russenschwester, nur für Inneres zuständig, fällt in Ohnmacht, liegt unter dem Tisch – behauptet jedenfalls später der Doktor. Der ordert viele Tücher, besieht  das Geschwür am Rücken, holt tief Luft  sticht  beherzt zu, Eiter kleckert ihm auf die Schürze, er macht einen dicken Verband mit reichlich Penicillinpuder drauf. Fertig!   Und geht mit den Russen feiern – In der winzigen Kajüte des 2.Offiziers  fließt der  Wodka satt, wird geschluckt  aus Zahnputzgläsern, dazu balanciere ich eine Dose mit delikatem Lachs, den ich auf eine eiserne Gabel spieße und  dazu große Stücke von Borkenschokolade. Salut und Prost für Beckenbauer, hoch die Tassen für die Deutsche Nationalmannschaft, auf die Völkerfreundschaft. Nach 30 Minuten ist alles sternhagelvoll. Der Doktor kann eben noch den Käptn fragen, ob es nicht sinnvoll wäre, die Stewardess auf die Meteor zu schaffen ins moderne Lazarett mit guter Pflege und mit viel (!) Penizillin, das den Russen fehlt. Dawidow funkt Moskau an, Antwort der Betonköpfe im Kreml stur: Njet!  Na denn nicht. Irgendjemand hievt das Schlauchboot von Bord, der Matrose, nicht mehr nüchtern, findet  die Richtung zur besorgt  im Dämmern tutenden Meteor erst nach langem bangem Suchen. 
Die Reise geht weiter, Meteor sucht sich den Weg zwischen den lang heranrollenden Wellen, im Dunst der mageren Sonne, misst weiter.
Im letzten Licht liegt das Meer  da wie geschmolzenes Silber. Ein feierliches Grabtuch für ungezählte Täter und Opfer der Atlantikschlacht des 2.Weltkriegs. Aber daran mag hier niemand denken.  Der Smut bringt die heiße Suppe  früh morgens, das Tischtuch macht er nass, dass die Teller weniger rutschen. Immer gibt es warm, morgens, mittags, abends, nachts. Das  Fressen hält die Seekrankheit danieder.
Expeditionsleiter Professor Siedler aus Kiel ist  zufrieden. Den geheimnisvollen Overflow hat seine Mannschaft gefunden. Auftrag erfüllt, Geld gut ausgegeben, Bonn wird sich freuen.   Man fand heraus: Über einen unterseeischen Kamm fließt  kaltes Wasser mit einer Temperatur von weniger als einem Grad. Selbstbewusst und in akademischer Bescheidenheit macht der Professor sein Schlussstatement und alle hören zu – sind dabei gewesen,  können erzählen.   Die jungen Meeresforscherinnen lächeln geheimnisvoll. War denn jemand  ihrer Tugend zu nahe getreten im engen Schiff . Das wird ein Meteor-Geheimnis bleiben immerdar. 

30. August. Über Nacht ist die Meteor  eingelaufen in den schnuckeligen Hafen der Faröern, hat festgemacht am Kai. Langsam füllt sich das Becken mit den Forschungsschiffen der Freunde. Wie selbstverständlich legt Boris Dawidow (einstmals diente sie der Hapag Süd als Stückgutfrachter) sich neben die Kollegin aus Kiel. Strahlend und offenbar geheilt zeigt die Stewardess sich an der Reling, winkt dem Doktor zu, der geschmeichelt grinst.  Dann kommt der eisgraue Käptn, einst U-Boot-Kapitän in der sowjetrussischen Marine, gravitätisch in Ausgehuniform zum Antrittsbesuch auf das Deck der Meteor marschiert, hinter ihm drei Matrosen mit einer  hohen bunt dekorierten Buttercremetorte und einer noch dickeren Kiste Wodka. Unser  Meteorkapitän hat sich in Ausgehuniform geworfen  und die allgemeine Begrüßung ertrinkt in russischen, deutschen, englischen und sonstigen Idiomen, angefeuchtet mit würzigem Whiskey und klarem Wodka, und manche lassen ihre Zigaretten Löcher brennen in bestes Couchleder. Der Doktor muss so oft hochleben, dass ihm die Sinne schwinden. Aber das große Abenteuer, die Operation an der Stewardess –, die wird er nie vergessen. Es lebe die Meeresforschung.

Jan Blanar dreht das internationale Bordfest des Overflow, so lange die Mühle läuft und seine Augen noch was sehen.