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Die Nebelkäfer der Namib

Namibia 1974

Eine melodische Frauenstimme sagte: Here, look at that fine scribbles in the sand, it’s like the writing with a thin pencil. Mary Seely ließ sich stets begeistern von den zarten Zeichen auf den roten Dünen. Wie sandgeblasener Stahl wirkten die scharfen Konturen der geschwungenen Hügel gegen das flache Licht des Morgens. Roter Sand in steter Bewegung des Windes. Mary leitete das Gobabeb-Wüstenforschungsinstitut, etwa drei Fahrstunden entfernt von Swakopmund in Südwestafrika. Hinter den weißen Bungalows und dem hohen Wasserturm zieht sich der braune Kuiseb-Fluss hin, sein Wasser versorgte schon die Menschen der frühen Steinzeit mit Pflanzennahrung und Fisch, wie die Funde der Archäologen zeigen. Mary Seely, die schlanke, leicht gebräunte Amerikanerin mit der hohen Stirn über dem klaren Gesicht, sah sich als Schülerin des Österreichers Charles Koch, der sein Leben hier in der Wüste dem Studium mannigfaltiger Käferarten gewidmet hatte und der staunenden Fachwelt zeigte, welche raffinierte Formen der Anpassung die Evolution in solch extremen Lebensräumen hervorbringen konnte. Mit Beinformen etwa, die an Skier erinnerten, schliddern manche Käfer virtuos die Sandhänge hinunter, um sich dann vor der sengenden Hitze des Tages in die Tiefe zu graben, Die Namib, Skelettwüste unter Kennern, hatte manchen Forscher, manchen ortsunkundigen Diamantensucher als Skelett im Sande verdorren lassen. Nur in jeweils zwei Landrovern durften Expeditionen fahren in den Sänden, damit einer Hilfe holen konnte im Falle des Verirrens. Triffst du auf die eigenen Spuren, kehre um, bevor es zu spät ist! Und im Sande, verweht von der Zeit, fand sich manches Utensil aus den Tagen der deutschen Schutztruppe, ein Helm, ein Kochgeschirr, ein paar Patronenhülsen. Es war ein deutscher Korporal, der 1914 den ersten Rohdiamanten fand und so ungewollt das weltweite Diamantenfieber auslöste.

Ich war in Windhoek gewesen, der Besuchs- und Drehgenehmigungen wegen und wieder unterwegs im Leihwagen. Stunden grandioser Langeweile auf der Fahrt nach Swakopmund. Heiß wie ein Backofen im Wagen. Meterhohe rostrote Termitenhügel, deutsche Namen im Dorf Okahandja. Der Swakopfluß trocken gefallen. Gedanken beim Fahren. Vor Jahrzehnten sind die Schutztruppen des Deutschen Reiches hier drei Wochen marschiert auf einer Strecke, die mich fünf Stunden kostet. Haben sie gejubelt – 1914, als der Krieg gegen England ausbrach und der verehrte General Paul von Lettow-Vorbeck die Deutschen kommandierte? Sie war ja vergeblich gewesen, die Jagd nach dem Platz an der Sonne, den Kaiser Wilhelm II zu erobern trachtete. Deutsch-Südwest bewahrte verflogene deutsche Träume wie ein Freilichtmuseum.

Mittags  am Felsenstrand vor dem gewaltigen Ozean, hinter mir das Museum von Swakopmund. Weiter über Walfischbucht auf trockener Straße neben roten Dünen, niemand begegnete mir. Bitte lieber Gott, hier keine Reifenpanne. Keine Zapfsäule bis zum Horizont. Das verrostete Schild Namibpark ließ einen Wächter vermuten, doch niemand verlangte Pass oder Ticket. Dann das schmucke weiße Gobabeb. Das Eiland in der Wüste. Im Gästebungalow summte der Kühlschrank, der Whisky stand kalt, die Lücken in den vorgebauten Ziegelwänden beherbergten Blumen und Schmetterlinge, heimelig. Der Abend warf lange Schatten in der staubfreien Luft. Jedes Sandkorn sah aus wie ein winziger Turm. Der alte amerikanische Sachbuchautor aus dem Nachbarbungalow nahm mich mit zu einem Gang über die Dünen. Er sei dabei, einen bebilderten Wüstenführer für amerikanische Schüler zu verfassen und suche nach Anregungen. Der Abend verlor sich in rötlich-blauen Farbtönen. Unsere Schritte knirschten im Sand, mich überfiel unbeherrschbar eine Traumzeitstimmung – ich glaubte die Vögel wie Geisterstimmen aus dem Jenseits zu hören. Könnte dieser Augenblick Ewigkeit werden! Wie im Scherz und aus unerfindlichen Gründen sprangen Grillen meterhoch und fielen mit einem sanften Plop zu Boden. Minuten später brach die Nacht herein. Die glimmenden Punkte der Zigaretten schwebten vor dem Himmel und dem Kreuz des Südens. Leise Worte über Wüsten, wie wir sie kannten. Die Gobi, der Sinai, die Namib, die Sahara. Warum wurden die großen Religionen in Wüsten geboren?  Ist es die Wüste, die uns aus uns selbst herausschleudert in die Unwägbarkeit der eigenen Existenz, so dass wir glauben, göttliche Stimmen zu hören? Wüsten stellen so viele Fragen und geben so selten Antworten, die ein dummer Mensch verstehen könnte. 

Mary Seely rief mich zu sich. Im Labor pusselte sie an ihren Käfersammlungen herum. Mary kannte die Macht der Medien, auch als Helfer darbender Wissenschaft und sah das Deutsche Fernsehen mit Wohlwollen. Ihr Gobabeb könnte jede Gabe brauchen, das Institut wurde zerschlissen unter den Eifersüchteleien verschiedener Ministerien. Anpassungen sind unser Thema, sagte sie, überall Anpassungen an die Wüstentrockenheit, aber die sind gar nicht so häufig, viel eher trifft man auf Vermeidungsstrategien, die Tiere graben sich tagsüber ein, um der Hitze zu entgehen. Viele Wüstentiere kommen nur früh am Morgen ins Freie, weil später die Hitze ihr Maximum erreicht, und die ist nur für Minuten zu ertragen. Eine weiße Schutzfärbung als Anpassung allein würde nichts bringen. Mary dozierte gern bei Tee und Biskuits, über adaptive Färbungen, dann sprudelte sie über von Ideen, und es gebe ja immer neue offene Fragen. Stunden wollte ich mit dieser sympathisch engagierten Forscherin diskutieren, ihr zuhören, lernen. Über meinen Film reden, ihr Urteil hören, würde sie mitmachen? Nach einem freundlichen Gutenachtgruß musste ich hinaustreten in die samtschwarze Nacht, hörte das Plop der verrückten Springgrillen und schaute wieder hinauf zum Kreuz des Südens, das jeder Autor zu besingen hat. Ich fand es eher enttäuschend im Vergleich zu unserem Großen Bären – aber das ist vielleicht nördlicher Lokalpatriotismus.

Am Morgen danach erzählte Mary gelöst und fröhlich von dem spannenden Verhalten der Ernteameisen und den Tieren, die von ihnen leben. Ich fragte, warum der Zuschauer zuhause solches Wissen mit ihr teilen solle. Efficiency, rief sie und dozierte über die Energiekrise, die das Leben hier im Lande lähmte. In der Efficiency könne der Mensch von den Wüstentieren lernen, die ja sehr vorsichtig mit ihren Energien umgehen. Und da sind die Leben tragenden Nebelschwaden mit ihrer geringen aber unendlich wichtigen Feuchtigkeit. Und der Wind, auch er ein Umweltfaktor für Tier und Mensch. Mary erzählte von ihrer meteorologischen Station, 25 km draußen, da hielte es kein Mensch aus, aber sie bekäme von da hervorragende Klimadaten. Sie würde so gern Wissenschaftler und Publizisten aus Europa und den USA einladen, damit sie es sehen könnten. Mit hochgekrempelten Hosenbeinen standen wir im warmen, leise strömenden braunen Wasser des Kuisib und sprachen über die Hottentotten, die hier oft vorbeikommen. Am Ufer fotografierte ich begeistert die Blütenstände der Welwitschia mirabilis, der ältesten und primitivsten Pflanze der Erde. Unendlich alt soll sie werden, niemand weiß es genau. Wie ja auch die Namib so viele Rätsel birgt, die niemand löste bisher.

13 Jahre nach meinem Besuch wurde Südwestafrika, ohne die Walfischbucht, zur Republik Namibia ausgerufen. Im März 1990 wurde die Republik unabhängig. Ich telefonierte noch manchmal mit Dr.Seely in Gobabeb. Strahlend erzählte sie mir, ihre Desert Research Foundation of Namibia sei seit der Unabhängigkeit von Geldgebern abhängig, wie der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit GTZ, von Aufenthaltsgebühren ausländischer Wissenschaftler und von großzügigen Sponsoren. Mary hatte ihre Hände nicht in den Schoß gelegt. Über Jahre hatte sie das Verhalten des nebeltrinkenden Schwarzkäfers Onomacris unguicularis studiert. Er nutzt die rund 60 Tage, an denen die Nebel von der Atlantikküste bis weit in die Dünen hinein kriechen, um vom Dünenkamm aus sein Hinterteil in den Wind zu halten. Die Luftfeuchtigkeit kondensiert an seinem Körper und läuft bis zu seiner Mundöffnung. Dr. Seelys hier gewonnene Erkenntnisse gaben Forschern in Chile die Idee, Trinkwasser aus Nebel zu gewinnen. Nahe dem chilenischen Dorf El Tofo, das in einem Trockengebiet an der Küste liegt und von Nebeln überzogen wird, filtern Nebelnetze rund 11.000 Liter Wasser pro Nebeltag aus der Luft. Solche Netze stehen nun auch in Gobabeb, für Großversuche fehlten aber bisher die Mittel. Ein Wunder für mich und manchen Besucher, was eine Forscherin den Winzlingen – wir würden sie kaum erkennen – im Wüstensand alles ablauscht. Auch dies machte für mich die Faszination aus, die Gobabeb in die Welt hinausschickt.