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Der Schleifer von Sylt

Das Folgende schreibe ich am 21. Juli 1944 nachts auf Wache in der UvD-Stube, wo es ruhig ist und niemand einen brüllend stört. Ich bin im Lager Möwenberg bei List auf Sylt. Dies ist meine Rekrutenzeit. Im spärlichen Grün stehen wohnliche Kasernen im Stil ostfriesischer Bauernhäuser um den Hof. Am Mast weht die Kriegsflagge, darunter in festlichem Weiß kommandierende Offiziere, die Hand erhoben zum lässigen Gruß. Antreten zur Musterung vor dem Block namens Oesel, abzählen, grüßen, melden, die alte Prozedur. In militärischer Hektik (warum nur diese Eile, der Krieg läuft doch nicht fort?) teilt man die Kompanie in vier Züge, die Züge in vier Gruppen. Meine Gruppe mit den Längsten der Kompanie begrüßt ihren Grufü, den winzig gewachsenen Obermaaten Plautz, der über massive Stimmbänder verfügt, sein Gebrüll hallt weit zu den Dünen rundum. Auf Stube, marsch! Reinschiff! Alle Spinde auf den Hof schleppen und mit dem Wundermittel P3 (frißt alle Stoffe) auswaschen, Matratzen klopfen, dass es knallt, Betten beziehen mit blaugewürfelten Laken und Betten bauen nach strengen Marineregeln, wie mit dem Lineal gemessen. Gebrüll: Backschafter raustreten!! Kaffeeholer raustreten, Muckefuck in großen Alukannen, die dem Getränk seinen unverwechselbaren Geschmack mitteilen. Dazu empfange ich den Kanten Brot, Klecks Margarine, Klecks Vierfruchtmarmelade. Alles zusammen schmeckt es nach Waffen und Soldaten. Die 14 Mann auf Stube mampfen, klötern herum und gucken raus auf den Kohleschuppen. Dahinter reiht Düne sich an Düne, und am Horizont rauscht das Meer. Stunden später Raustreten zum Mittagessen im großen Mannschaftsspeiseraum, geschmückt mit den Bildern nordischer Menschen, grauer Schiffe und großer Taten. Der Führer blickt streng von der Frontseite. Man empfängt Pellkartoffeln, deutlich erfroren und süßlich, je Mann eine Bulette und drüber die berühmte braune Marinesoße. Es macht nicht satt, aber es füllt die ewige Leere im Magen. Wenn bei der Musterung vor dem Essen ein Knopf an der Uniform fehlt oder, schlimmer, ein Nagel im Stiefel, muss der Delinquent bei Tisch stramm stehen und hungern.

Marschieren, exerzieren, grüßen, hüpfen, robben, auf dem schwarzen Schotter des Kasernenhofs. Im Glied stehen, abzählen, Augen geraaaade aus! rührt euch, still… stannnnden… rrrrechts um! Plautz ist ein Schleifer aus Leidenschaft, er genießt das Schinden und Schikanieren. Brüllend wird aus dem kleinen Mann ein Großer. Den Rest des Tages verbringt er trinkend in Gesellschaft anderer Maate, in seiner Welt, den Rekruten unerkennbar. Er kann es wagen, seine Männer hart zu schinden. Sie kommen aus der HJ und sind im Allgemeinen sportlich geübt und zäh. Unfälle durch Überanstrengung kommen selten vor, auch nicht im härtesten Einsatz inmitten der Dünen. Und sie sind gutwillig und gehorsam, diese ehemaligen Pimpfe, sie gieren danach, eingesetzt zu werden irgendwo an der Front, sie sind bereit, sich zu opfern für die Sache, an die sie glauben, allen Unkenrufen irgendwelcher Zivilisten zum Trotz. Gutes Menschenmaterial, würden die Vorgesetzten zufrieden sagen, wenn sie allein sind.

Mich stört es nicht, an den Horizont zu robben, Häschen hüpf zu machen, auf und nieder mich werfen im Geländedienst. Am Rande des Stahlhelms summt der Wind seine tiefen Töne, oft so laut, dass mir der gebrüllte Befehl von weit hinten entgeht - und muss 20 mal pumpen zur Strafe, na wenn schon… dafür grabe ich mein Gesicht tief ins Moos der Dünenkuhle und atmete verzückt den erdig-süßen Duft der schwarzen Beeren. Nie habe ich diesen Rausch der Sinne vergessen, es war eine Welt, die mir gehört, in der ich alles um mich her vergesse, wie ein Tier irgendwo in der Natur. Staunend pule ich lange Stahlgeschosse und kupferne Hülsen aus dem Sand der großen Wanderdüne, immer auf der Leeseite treten die Geschosse aus dem Ersten Weltkrieg langsam hervor, Zeugen einer wilden Zeit.

Die Sprachregelung in der Marine ist einheitlich. Man verspricht, die Eier zu schleifen, bis…, aber das sagt man nicht. Man will wieder lachen wie der Teufel, auch das hatte man schon, und, neu, der Uffz geht mit der behandschuhten Hand über die Oberkante des Spindes beim Reinschiff und bläst und sagt, können Sie mich noch sehen? Und beim Laufen an den Horizont will er nur senkrechte Hacken in einer Staubwolke sehen, so rasch hat es zu geschehen. Man gewährt Freizeiten. Geführt von einem Uffz darf ich ins stacheldraht-umgebene Westerland marschieren, um mir von einem freundlichen Optiker eine extrem hässliche Schießbrille anmessen zu lassen, grau das Metall, zu befestigen hinter den Ohren mit Bindfäden, damit die darüber liegende Gasmaske keine Lücke für das Gas bekommt. In der schwarzen Marinebadehose eile ich an den weißen menschenleeren Strand und stürze mich in die gläsernen Brecher, fühle mich frei und in seliger Übereinstimmung mit mir und der Welt.

Zehn Tage später wird es feierlich. Antreten in gesäuberter Uniform, die blitzenden Nagelstiefel in linealgetreuer Reihe. Meldung durch die Zugführer, grüßen. Rede des Kompaniechefs über vaterländische Pflichten, Dienst an der Waffe, große Ehre und so fort. Von Partei etc. ist hier nicht die Rede, man ist bei der Marine. Dann tritt er heran und überreicht jedem Soldaten mit ernstem Gesicht und Handschlag seinen Karabiner 98K, die unverzichtbare Braut, jenes Utensil, das man reinigt mit Öl und Lappen, das man auseinander nimmt, wobei es in sieben Teile zerfällt, die man auswendig lernt, und liebt, mit dem man Griffe kloppt und präsentiert und irgendwann auch schießt. Am Stand des Fliegerhorstes schießt man scharf, liegend aufgelegt auf hundert Meter Entfernung auf die bewegliche Zielscheibe, Pflichtübung: mindestens 30 Ringe mit drei Schüssen. Ich finde das gut und schieße erstaunlich sicher. Um anschließend den Gasangriff zu üben. Die Maske sitzt eng, luftdicht trotz Brille und heiß auf dem Gesicht. Der Schweiß läuft hinunter ans Kinn, steigt bis zum Mund, Unterkante. Ursache: der Soldat bewegt sich im Laufschritt die sandige Düne hinauf, rutschend, kämpfend ums Gleichgewicht, dabei aber dumpf singend das hübsche aber doch recht unpassende Lied: Die Vöglein im Walde, sie singen so wunderwunderschön…. Im dunklen Bunker und gasgefüllten Isolierraum werden die Filter getauscht, Atem angehalten, und die Tränen lassen jede Sicht verschwimmen.

Später ist Alarm Küste. Angetan mit der Leuchtpistole und Patronen in rot und grün, wandere ich zu dunkler Nacht (Hundewache von 2 - 4) an der brausenden Küste entlang, das Meer getaucht in Myriaden leuchtender Punkte, und das Meeresleuchten narrt mich mit Bildern feindlicher Schiffe, die vielleicht sich der Küste nähern um hier zu landen??? Muss ich Alarm geben? Niemand sagt mir, was zu tun. So setze ich mich in den Windschatten der riesigen Treibminen, die der Sturm an Land geworfen hatte und die aussehen wie Urwelttiere mit ihren spitzen Stacheln auf dem runden Stahlleib. Der Schlaf kommt in den Katakomben des Bunkers der Seezielartillerie hinter luftdichten Türen aus Stahl, welche den fetten Mief der Erbsfürze unbarmherzig festhalten.

20. Juli:

Attentat auf den Führer. Aufregung in der Kaserne, Pfiffe, Geschrei, man ruft den Alarmzustand aus. Antreten der Kompanie, Ausgabe scharfer Munition, Ausmarsch mit allen Waffen. Dann: Stop, alles abblasen, Führer nur verwundet. Zurück auf Stube. Draußen scheint der Vollmond wie eine überirdische Laterne. Brief an den Vater:
Ich schreibe im Wachlokal auf einer scheußlich unbequemen Unterlage. Das erste Mal soll ich nun den Schlaf der Kameraden bewachen. Gestern hörten wir im Kompaniechef-Unterricht über die Hintergründe des Attentats auf den Führer. Diese Ausführungen haben wie eine Bombe gewirkt. Viel ist mir erst jetzt klargeworden. Ich glaube, es gibt kaum eine Stelle in Deutschland, die so viel Naturschönheit bietet wie Sylt. Gestern hatte ich die Wache von 20-22 Uhr, da gab es einen Sonnenuntergang, wie ich noch keinen gesehen habe, es war märchenhaft. Erst wurde jede einzelne Wolke in flüssiges Gold getaucht, dann ging alles unter im stahlgrauen, blauen Nichts. Wie eine blitzende Klinge stach die schmale Mondsichel zwischen den drohenden Wolkenhaufen hindurch und tauchte für Augenblicke die Dünenlandschaft in geisterhaftes Licht. Der Windhafer wisperte im Seewind und brachte unheimliche Laute hervor, der tiefe Sand gab knirschend den Stiefeln nach und verschlafen quarrte irgendwo ein Vogel. So recht zum Sinnen war das alles geschaffen, zum Nachdenken über den Sinn allen Daseins, dass man die Zeit vergessen konnte.

In Ausgehuniform wandern wir nach List und sehen im Kino den Film Leichtes Blut. In der Kaserne warten die Schauspieler und Artisten der Frontbühne Westerland. Freundlich bejubelt spielen sie Die große Nummer. Fröhliche Abwechslung vom Stumpfsinn des immer gleichen Dienstes. Die Engländer landen in Toulon. Großer Gepäckmarsch, 30 Kilometer mit schwerer Last auf dem Buckel quer durch die Insel. Auf halber Strecke regnet es in Strömen, und man befiehlt, aus den Zeltstücken, die jeder Mann mit sich trägt, Achterzelte zusammenzubauen und im Dunklen den trommelnden Regen zu verschlafen. Alles humpelt, stöhnt, dicke rote Blasen wölben sich unter den Fußlappen. Wer die Stiefel auszieht, bekommt sie nicht wieder an. Die Amerikaner stehen vor Paris und die Sowjets auf deutschem Boden. Am 6.September redet man von der Krise, alle Fronten sind auf das Reichsgebiet zurückgenommen worden Die Uffze jagen die Rekruten in schärfster Gangart, als hätten sie es eilig mit dem Endkampf. In Westerland darf ich einige theologische Bücher, unter anderem die Elixiere des Teufels kaufen. Lesen ist die liebste Flucht vor den Zwängen des Tages.

September

Wir üben im Gelände das Absetzen der Vorpostenlinie auf die HKL (Hauptkampflinie). Wir empfangen scharfe Munition und schießen damit im Freien umher. Spießen Strohmänner auf mit dem aufgepflanzten Bajonett. In der Kaserne werden Licht und Wasser rationiert, die Abendrunde beginnt schon um 21 Uhr. Die Amerikaner kämpfen südöstlich von Aachen, und beide Züge Nachrichten ROB (Reserveoffiziersbewerber) der Lister Kasernen treten über zum Heer, denn mit Nachrichten ist der Krieg nicht mehr zu gewinnen. Mit 50 Gleichgesinnten melde ich mich zu den Kleinkampfverbänden (das sind Kleinst-U-Boote). Man weist uns ab, alles sei da schon überfüllt von Freiwilligen, die nach dem Ritterkreuz schmachten und den Heldentod lächelnd in Kauf nehmen, der ihrer harrt. Ich sei kommandiert zu der Schweren Seezielartillerie, das wäre kriegswichtig. Sagt der Oberst und eilt zur großen Abschlussbesichtigung: Antreten mit Gewehr, Uffze vorneweg, Parade, Abschreiten der Front, Präsentieren Gewehr, aufmunternde Rede. Namen aufgerufen, Hier gebrüllt, Zuteilung der nächsten Kommandos. Manche gehen als frischgebackene Kadetten zu den Artillerieverbänden auf Helgoland, wenige überleben dort. Launige Ansprachen und überaus lustige Streiche füllen das Abschiedsbesäufnis, leichte Rührung im tapferen Auge lässt Plautz seine Schützlinge in den Krieg ziehen, den er selbst nicht erleben wird, er, das winzige Rädchen im großen Räderwerk. Er tat weh, dieser letzte Blick vom Inselbähnchen auf die sanften Dünen, mir erscheint Sylt wie ein verlorenes Paradies.