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König Davids heilige Quelle

Israel 1968, kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg, der das Land noch intensiv beschäftigte.

Leise surrt mein Subaru die Straße hinunter zum Toten Meer. Rechts oben schimmern die hellen Felsen, wo der Hirtenjunge einst die uralten Texte von Qumram fand. Links das starre, fast leblose blaue Wasser des Toten Meeres mit den schimmernden Bergen Jordaniens dahinter. Und dann der Eingang zur Böckchenquelle En Gedi. Ich stelle den Wagen auf den Parkplatz, recke die steifen Knochen und fühle die Kehle heiß und trocken. Wasser! Jetzt! Ich gehe hinauf zum Kibbutz. Eine junge Frau tritt aus dem Gatter. Lächelt. Ich bin Erika aus Bottrop sagt sie, mache hier mein Praktikum. Graue Arbeitshosen und graue Arbeitsbluse, darüber ein feines Gesicht, umrahmt von dunklen, langen Haaren — und leuchtend grüne Augen. Kommen Sie rein, Sie sind bestimmt durstig. Und reicht mir ein Glas, darin perlt es ein wenig. Ich stürze es hinab, Wasser wie Sekt rinnt durch die wunde Kehle — mein Gott, wo bin ich, welch ein Gefühl. Sie nimmt mich an die Hand, führt mich in den grün überwucherten Pfad, der steil aufwärts führt. Heiß weht der Wind vom Toten Meer. Erzählt vom Kibbutz, den sie bewundert, eine Gemeinschaft, wo jeder alles tut, keine Rangordnung, sie züchten rote Rosen für den Export nach Europa, in Plastik- Gewächshäusern, wo das Wasser sparsam innen an den Wänden herunter rinnt im Kreislauf. Wir treten ans Quellbecken, ein paar dicke Steine im Wasser, ein kleiner Wasserfall sprüht von oben herab, drei Kinder planschen umher. Erika setzt sich auf einen Felsen, flicht das Haar zum Knoten, lächelt scheu. Ich bin stumm und gebannt, was erlebe ich, ist das irdisch? Im Spiegel dieses Quellsees sieht die junge Frau aus wie eine gute Fee, die das Wasser behütet. Ich bin nicht bei mir, träume. Hier war König David, der schöne Jüngling und trank, wo ich meine Hände habe.

Israel 1975

Wieder bin ich auf der staubigen Straße nach Jericho und weiter zur uralten Quelle mit dem kleinen Teich, der Wasserfall inmitten grün-tropischer Vegetation. Ein irrer Kontrast vom Saftgrün zum Salzgelb und Blau des wirklich toten Toten Meeres. Erika ist nach Hause gefahren, ihr Job war abgelaufen. Die Gewächshäuser mit den Rosen liegen zertrümmert. Touristen schwärmen umher, zu Fuß und immer neue kommen mit den Bussen. Was wissen sie schon von König David, der sich barg auf den Berghöhen zu En Gedi .... und Saul nahm dreitausend junger Mannschaft aus ganz Israel und zog hin, David samt seinen Männern zu suchen auf den Felsen der Gemsen im spannenden 24. Kapitel des Buches Samuel. Draußen auf der Straße richten Soldaten, die sich auch nicht um David kümmern, spitzige Sperren auf, zur Kontrolle, sagt einer. Überall ist Bibel lebendig.

Mein Freund ist mir eine Traube von Zyperblumen in den Weingärten von En Gedi.
1. Kapitel — Das Hohelied Salomos.

Wir sitzen wieder am Teich von En Gedi, mit mir die Biologin Yael und der nüchterne Zoologe aus Tel-Aviv. Das erste Mal war ich hier 1938, erzählt Heinz Mendelssohn, da lebte in En Gedi ein jemenitischer Araber, der wohl ein Verbrecher war, der aus dem Jemen flüchten musste. Der hatte sich hier angesiedelt, hatte eine primitive Bewässerung mit Wasserrinnen und zog Gurken und Tomaten, er hatte 2 Esel und einmal die Woche ging er mit den voll bepackten Eseln rauf nach Hebron und verkaufte seine Ernte. En Gedi gehörte zum Gebiet eines Beduinenstammes, die da aber nichts machten außer ein bisschen Weidewirtschaft. Der Araber erzählte ganz stolz, er hätte ein zweistöckiges Haus, und was war dies zweistöckige Haus? Eine Bretterbude, und auf dem Dach noch mal ‘ne Bretterbude. Steinböcke haben wir nicht gesehen, nur ihre Fährten, denn die wurden von den Beduinen gejagt, und die Fluchtdistanz der Tiere war 800 Meter. Damals war der ganze Abhang grün mit Bäumen und Sträuchern und die wenigen Steinböcke hatten genug Weide. Jetzt ist ein großer Teil der Flächen bearbeitet, jetzt sät man sogar Gras für die Steinböcke, und das kostet viel Geld.

Der verdammte Kibbuz hat so viel Wasser weggenommen, früher lief das Quellbecken über und das Wasser verteilte sich über den Hang. Heute ist es zu wenig, um 200 Steinböcke zu ernähren.
Restaurants, Jugendherberge, Feldschule etc. verbrauchen viel Wasser. Aber die Leute machen ja kaum Landwirtschaft, weil es sich nicht lohnt. Wir wussten nicht, dass es in der Judäischen Wüste Leoparden gibt. Ich erfuhr davon, als ein Beduinenscheich dem General Yoffe das Fell einer Leopardin gab, die nach den Zitzen zu urteilen zwei Junge säugte. Sie habe ein Kamel angegriffen und als er sie schoss, waren noch zwei andere mit ihr, zwei größere. Sie hatte 2 Söhne. Damals gehörte das hier zu Jordanien. Als nach dem 6-TageKrieg das Gebiet jüdisch wurde, und die Leoparden geschützt wurden, da vermehrten sie sich, zusammen mit den Klippschliefern und Steinböcken. Aber die Leoparden sind eine kleine ingezüchtete Population. Wenn die Weibchen Junge aufziehen, fällt es ihnen schwer, die Jungen mit Nahrung zu versorgen, es ist anstrengend, Klippschliefer zu fangen und noch anstrengender einen Steinbock. Aber von dem kann sie mit den Kindern eine Woche leben. Dann gehen die Weibchen in den Kibbuz und fangen die dicken, fetten und herrenlosen Katzen, die es massenweise gibt. Eine Frau geht da mal in ihren Garten, da steht die Leopardin mit ihrer Katze im Maul. Der Räuber ist mit einem Sprung draußen, es gab trotzdem Krach, dann wurde sie in der Falle tot gefunden. In ihrem Körper wurde Strychnin gefunden. Oder sie ist in der Hitze der geschlossenen Falle gestorben. Nun fehlte noch ein Weibchen. Ein viertes Weibchen wurde voriges Jahr gefunden, die hat einen Steinbock gerissen an einer steilen Stelle, beide fielen herunter und wurden getötet. Jetzt ist in der ganzen Population nur noch ein Weibchen, schon ziemlich alt, und das hat jetzt zwei Jungen aufgezogen. Noch ein Problem: Die Population ist sehr dicht, immer drei, vier Leoparden, weil die Jungen selbständig werden, von der Mutter weggehen, und da werden sie von den Leopardenmännern umgebracht.
Und — ein übles Pack ist das im Kibbuz, lauter Halunken, die dem Reservat das Wasser abgraben!
sagt der Professor mit all seiner Lust am Kampf um seine geliebte Natur im Heiligen Land.

Auf dem Weg nach Jerusalem machte ich Cola-Halt an einer Bude. Ein Sergeant fragte, ob ich Leute mitnehmen könne, Klar, warum nicht. Was dann hinter mir saß, war schwer zu begreifen. Immer wieder guckte ich in den Rückspiegel und glaubte es nicht. Da saß ein junger bärtiger Mensch im langen weißen Gewand, neben ihm zwei stille Frauen mit einem Säugling auf dem Arm. Das kann wohl nur die Heilige Familie sein? In meinem Auto? Mir wurde feierlich zumute. So hehr und fromm dies Bild des Schweigens. Spärliche Worte wurden leise gewechselt, man lud mich freundlich ein nach Hause. Wir erreichten einen alten Stadtteil Jerusalems, Trümmer überall, verlassene Häuser. Hielten vor einer schäbig gewordenen Uraltvilla eines ehemals Großen. Gingen hinein. Leere, hohe Räume, in einem stand der weiße Esel, auch ganz fromm. Stroh auf dem Fußboden. Ein alter, gütiger Mann las in den Schriften. Draußen im verwilderten Garten hatte man hölzerne Tische aufgebaut. Frauen in langen Gewändern trugen lächelnd sparsame Speisen auf, Tomaten, Zwiebeln. Artige Kinder mit großen Augen. Alle stießen an, tranken ihre Obstsäfte, sangen Lieder, weh und schön. Eine Stimmung zum leise weinen und trauern. Das heilige Paar lächelte mir zu, als ich ratlos Abschied nahm.