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Algentaucher im Korallenmeer

Negros, Philippinen, 1990

Der Traum von der Südsee. Weiße Strände, wiegende Palmen, brennende Sonne, fröhliche Menschen. Die Idylle auf Postkarten und Reiseprospekten. Ich stand am Strand von Mactan auf den Philippinen. Wir waren von Manila auf die Insel Cebu geflogen und dann hierher gefahren. Jetzt blickten wir auf die glitzernde Fläche des Korallenmeers.

Am Strand lag unser weißes Pumpboat, das ideale Fortbewegungsmittel auf den flachen Korallenmeeren. Die Philippinos nennen es Bangka, es hat einen schmalen langen Rumpf, wie ein Einbaum, wird seetüchtig durch weite Ausleger aus Bambus. Ein Sonnendach schützt die Passagiere vor der senkrecht stehenden harten Mittagssonne. Mit dem Kieler Meeresforscher Ulrich Horstmann und philippinischen Studentinnen setzten wir uns auf die Balken an den Seiten des Bootes. Andere Pumpboats schlossen sich an. Die Flotte rauschte ab in hoher Fahrt, schäumend über die azurblaue See. Vorbei an der Insel Santa Rosa, Kaubyan passierend in Richtung Bohol. Die Leute der Algenverarbeitungsfirma Shemberg hielten Picknick auf der hölzernen Plattform, die auf ihren hohen Stelzen im flachen Wasser stand und dem Anbau der Algen diente. ZDF Kameramann Helmar Hosch versuchte mit seinem Assistenten, die Arri-KameraArriflex ist ein Markenname der Firma Arnold & Richter Cine Technik GmbH & Co Betriebs KG (kurz ARRI). Er steht für die erste Spiegelreflex-Filmkamera, welche bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gebraucht und 1937 in Leipzig zivil vorgestellt wurde. Sie ist noch heute die kompakteste und leichteste Normalfilm-Spiegelreflexkamera mit Revolverkopf für drei Objektive.Quelle: Wikipedia im Plastikbeutel zu Wasser zu lassen, weil ich Unterwasseraufnahmen wollte, das ZDF aber keine Tauchausrüstung bewilligt hatte. So wurde denn die Kamera ziemlich nass, weil das Lassoband nicht hielt und musste erst getrocknet werden.

Und der philippinische Forscher Tony Yap stand bis zum Bauch im brühwarmen Wasser, rupfte eine große Alge vom Sandboden. Dies, so sagte er, sei die benthische Rotalge Eucheuma cottonii aus der Familie der Solieriaceen. Sie enthält das Carrageenin, und dieser Stoff erzielt Traumpreise auf den internationalen Märkten. Heute sind die Korallenmeere um die 700 kleinen und großen Inseln der Philippinen buchstäblich leer gefischt. Der systematische Anbau der Rotalge auf großen Flächen könnte für die Fischerfamilien eine Frage des Überlebens sein. Helmer Hosch drehte eine glückliche, weil mit Anbau-Lizenz versehene Familie auf der heißen, hölzernen Plattform, wo die Kinder eifrig kleine braune Eucheumapflänzchen an bunte Fäden knüpften. Die Eltern legten die Fäden im warmen Flachwasser in langen, geraden Linien aus, wo sie rasch wuchsen und bald geerntet und getrocknet wurden für den Transport zu Shemberg. Eine Familie erntete auf einem Hektar Meeresboden Algen im Nettowert von 70.000 Pisa im Jahr und verdiente mehr als jeder Fischer. Auf dem Pumpboat zeigte uns eine Studentin lächelnd, wie man die großen roten Krebse knackt und die süßen Tintenfische auslutscht. Dann jaulten wieder die Motoren und bei sinkender Sonne erreichten wir das rettende Ufer. Ich trug einen Sonnenbrand davon und verstand die Philippinos draußen in ihren Booten, wenn sie ihre Gesichter mit Lappen verhüllten bis auf Seeschlitze gegen die harte Strahlung und aussahen wie die allgegenwärtigen Piraten in der nahen südchinesischen See, vor denen alle Angst hatten.

Die grausame Kehrseite der Südsee-Idylle erlebten wir auf der nächsten Pumpboat-Reise, die uns nach Kaubyan führte. Ein sichelförmiges Eiland mitten im Meer. Schon aus der Luft hält man den Anblick nicht für wahr. Die Holzhütten stehen so dicht, als müssten sie jede Minute ins Wasser fallen. Wir schoben unser Pumpboat auf den Sand und: Au! Die Hitze drang sofort durch die Sohlen, man konnte kaum stehen. Schwarzgebrannte Kinder tummelten sich im glühheißen Sand und in der kaum weniger warmen Brühe des Flachwassers. Wir trieben mühevoll durchs Gedränge in den meterschmalen Gässchen. Die stickige Luft war erfüllt von Radiomusik und Bratfischdunst. Kabyan gab Anschauungsunterricht in Übervölkerung. Ein paar Gärten sahen wir, so groß wie Blumenkübel. Kaum eine Palme und fragten uns, bitte, wovon leben diese Menschenmassen? Ursprünglich vom Fischfang. Tony trieb einen Fischer auf, den er im Dialekt befragen konnte. Der Mann saß inmitten seiner Familie von zehn Personen unter dem schattenspendenden Palmdach. Er bestätigte Tonys Frage, ja, wenn es nichts zu essen gäbe, verwende er Dynamit zum Fischen, wohl wissend, dass er damit der einzig verfügbaren Ressourcen den Rest gibt, diesem einst so fruchtbaren Korallenmeer.

Dann wurden wir geladen auf die prunkvolle Yacht des Vizepräsidenten von Shemberg, Benson Dakay, der samt Gattin und Hofkamarilla Geburtstag feierte. Lebhaft bedauerte er, dass sein wertvolles Algenpulver bei den Deutschen nicht verkauft werden dürfe, er habe aber die Zeichen der Zeit erkannt und schon 18 Millionen gemacht. An Bord des weiß bestrahlten Schiffes, auf dem Arme nicht zugelassen waren, stand man am Kuchenbuffet mit Gebirgen aus blauem Schaum, nur mein Kameramann Hosch zog sich zu den heißgewürzten Shrimps zurück, und hübsche Frauen flirteten mit einem düster blickenden General, der uns Tage später einen Armeehubschrauber schickte, um die Algenhäuschen in der weiten Korallensee aus der Luft zu erforschen. Damen wehten duftend und kichernd vorüber, Musik dröhnte, das Geburtstagskind, ganz Kapitalist, hoch sollte er leben. Jemand polkte die Reste vom braungesottenen Schwein, der blaue Kuchenschaum schrumpfte zu süßlichem Brei, der Abschied fiel leicht.

Es lebte da auch eine Alge, über die augenzwinkernd gelacht wurde, und wieder wusste Tony den Weg. Er brachte uns zu dem Algenfarmer Herrn Viviami, der in Kalawisan nahe dem Seehafen von Cebu lebte. Schon aus der Luft hatten wir das reizvolle Mosaik stiller, dunkler Teiche identifiziert, hier hatte eine ruhige Revolution stattgefunden. Sie begann mit der Zucht von Algen in den Teichen, die zuvor den äußerst beliebten Milkfish lieferten. Und diese Alge heißt Caulerpa racemosa var. occidentalis. Eine Grünalge. Im Dialekt Cebuano heißt sie Lato, und die traubenförmigen Ästchen werden in vielen Teilen Asiens frisch als Salat gegessen. Sie schmecken delikat und enthalten das Caulerpin, einen Stoff, der zum Träumen anregt und müde Männer munter machen soll. Naturgemäß gedeiht Caulerpa in den Mangroven, dort hat das Meerwasser eine Temperatur von 27 Grad und ist extrem salzhaltig. Früher wurden die Algen dort gesammelt, doch der Bedarf stieg, die Mangroven wurden angeholzt. So besann man sich auf die Fischzucht-Becken, die nicht mehr benötigt wurden. Herr Viviani erntete und verdiente acht- bis zehnmal mehr von seinen Algen als ein Fischteich-Farmer. Die Frauen von Kalawisan sortierten die Ernte des Tages. Sie gehörten zur großen Familie des Herrn Viviami. Seine Frau war so freundlich, mich zusehen und mitschmecken zu lassen, als sie das Mahl anrichtete: Reis mit Lato. Der Reis lag bereit in abgepackten Portionen. Aus Tomaten, Salz, Pfeffer und Zwiebeln bereitete sie eine scharfe Soße, in die wir die grünen, taufrischen Lato-Zweige tauchten. Eine gesunde, erfrischende und vitaminreiche Delikatesse. Toni erfuhr vom Farmer, dass der eine Fläche von zwei Hektar bewirtschaftete und seine Ernte nach Manila und Japan lieferte. Damit konnte er die elf Personen seiner Familie ernähren, die Kinder gingen alle in gute Schulen. Mir schmeckte Lato mit Cola, auch wenn ich zu munterem Tun keine Zeit fand. Ökologisch, meinte Horstmann, sei dieser Anbau sinnvoll. Algen stehen an der Basis der Nahrungskette, ihre Pflege und der Verkauf bringen mehr als die traditionelle Zucht des Milkfish. Horstmann und Toni nahmen Abschied von den Algen und von uns. Sie durften recht zufrieden sein mit dem, was angewandte Meeresforschung in diesem übervölkerten Land schon geschafft hatte, mit einer Rot- und einer Grünalge.