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Bei Wölfen und Hushpuppies

Ich traf ihn in Köln, den kundigen, lebhaften, unprofessionellen Professor Gerhard Bosinski mit dem Fachgebiet Frühgeschichte. Wir saßen 99% unserer Geschichte in der Steinzeit. Muss nicht noch steinzeitliches Denken und Tun in uns Heutigen stecken, fragte ich ihn?
Ich bin zutiefst davon überzeugt – deshalb beschäftige ich mich mit der jägerischen Geschichte – dass diese Zeit noch heute in uns gegenwärtig ist. Was ich mit der Vertreibung aus dem Paradies meine, ist der Beginn des NeolithikumsJungsteinzeit, Übergang von Jäger- und Sammlerkulturen zu sesshaften Bauern – etwa vor 12.000 Jahren, ist die fortschreitende Kurve hin zum Unbekannten. Das ist die Selbstdomestikation des Menschen. Ich vergleiche den Jäger des Eiszeitalters mit einem Wolf – uns aber mit einem Hushpuppy.
Ich fragte nach der frühesten Landnahme hier im Raum Köln, wann also Menschen hier zuerst erschienen seien?
Es war eine Warmzeit, da der Mensch sich anschickte, die Welt zu erobern. Es war der Homo erectus, der um 400 000 vor Chr. Asien und Europa besiedelte. Damals war Mitteleuropa bedeckt von dichten, urwaldähnlichen Laubwäldern. Homo erectus nutzte das Feuer und den Faustkeil. Den Elefanten jagte er mit einer langen Holzlanze, ihre Spitze war im Feuer gehärtet. Großwildjagd setzt hohe Intelligenz voraus: die Besonderheit menschlicher Wesen. Um 200 000 erschien der Neandertaler. Er war der erste, der seine Umwelt beherrschen konnte. So blieb er auch in der Kaltzeit in der wildreichen eiszeitlichen Steppe.
Es war spannend. Unmerklich zog es mich in die fremde Welt der Frühzeit. Es war nicht lebensfeindlich, das eiszeitliche Biosystem. Die Sonne stand wie heute, die lange Winternacht mit ihren tödlichen Folgen für die Vegetation fehlte. Die eiszeitliche Steppe war eine artenreiche, wildreiche Landschaft, nicht die sturmgepeitschte Tundra, an die man in Abenteuerromanen denkt. Da waren die Mammuts, das Ren, die Saiga-Antilope, Nagetiere reichlich. Und der Neandertaler? Er war freiwillig da, es gab für ihn keinen Populationsdruck, dem er weichen musste. Der Neandertaler trug wärmende Felle, baute sich feste Hütten, konnte überleben.

Bald war Bosinski bei seinem Baby, bei den sorgsam restaurierten Felltipis der Steinzeitjäger von Gönnersdorf, dem Pompeji im Neuwieder Becken, das er ausgegraben hatte. Der Bimsregen einer gewaltigen Vulkanexplosion hatte damals die Siedlung vor dem Zerfall bewahrt. Herrlich ästhetisch die stilisierten Gravierungen kopfloser Frauenfiguren auf dem Schiefer, und die naturnahen Ritzzeichnungen von Pferdegestalten aus der Zeit um 10.400 vor Chr., dem MagdalénienDas Magdalénien ist eine archäologische Kulturstufe im jüngeren Abschnitt des Jungpaläolithikums in Mittel- und Westeuropa am Ende der letzten Eiszeit.. Das war die große Zeit der Jäger in der prärieartigen Lößsteppe mit vielen Vögeln im Röhrichtgürtel, Gänsen, Schwänen – das Wildpferd als wichtigster Fleischlieferant, dazu Eisfuchs und Schneehase.

Der täglich benutzte Stahl der Steinzeit heißt Flint. Minen und metertiefe Stollen fanden sich bei Aachen. Hier wurde ab 4.500 vor Chr. der Schokoladen-Feuerstein von kaffee-braun-violetter Farbe gewonnen und aus ihm Beile und Faustkeile produziert. Es gab weiträumigen Handel mit dem wertvollen Rohflint und mit Fertigprodukten, es gab den Beruf des Bergbauspezialisten. Feuerstein ist der Rohstoff für Waffen und Werkzeuge gewesen – noch lange nach der Einführung des Kupfers und der Bronze, weil er rasiermesserscharfe Klingen schafft und haltbar ist. Dies wollten wir auf die Probe stellen.
Im eisigen Schneewetter sah man ein frierendes Team im Hambacher Forst. Freundliche Förster zeigten sich willens, fachmännisch eine Birke zu fällen. Nicht jedoch mit Säge und Stahlaxt, sondern stilgerecht mit einem echten geschäfteten Faustbeil aus gutem, frischen Flint – gefertigt für uns vom Archäologen Jürgen Weiner. Das Fällen ging rasch und glatt, aber die Flintklinge musste flacher angesetzt werden, als es heute üblich ist, damit sie nicht splitterte. So mögen die Ahnen einst Bäume gefällt haben, ganze Wälder – für die Häuser, für die Öfen, für Boote und Brunnen. Und bei uns war keine Scharte in der schönen scharfen Schneide zu sehen. Man könnte sich daran gewöhnen, zumal Flint nicht rostet.

Das brachte uns zu den Megalithikern

Wenn im Herbst sich die Wolken zusammenbrauen über Stonehenge, wird der Mensch zum kleinen Zuschauer beim großen Welttheater. Er verfolgt ein Spiel, das er nicht versteht, mit Akteuren, die unsichtbar bleiben hinter grauen Kulissen, - und fühlt sich doch einbezogen in ein Drama, das mit einer langen Vergangenheit so viel zu tun hat wie mit der Gegenwart. Denn es war die Wissenschaft der Neuzeit, die den Geheimnissen der alten Baumeister nachspürte und herausfand, was die Priesterastronomen an ihrem Himmel gesehen hatten – vor rund 4000 Jahren. Es ist so verblüffend, dass der heutige Beobachter versucht ist zu sagen: Die Steinzeitler haben das Internet erfunden. Wie anders ist zu erklären, dass die Megalithiker ihre vielen Steinsetzungen zwischen den Orkneys und Malta, in ganz Europa errichtet haben mit ihrem Einheitsmaß von 82 Zentimetern – dem megalithischen Yard und dass sie mit Hilfe zeitgenauer Feuer von Berg zu Berg die Beobachtungsdaten am Himmel synchronisierten – ohne Schrift.
Im Herbst stand das Team vor diesen unvorstellbaren, einer Phantasie entsprungenen, gigantischen Felsen.

Stonehenge liegt im südlichen England in der Grafschaft Salisbury etwa 130 km westsüdwestlich von London auf 51.17° nördlicher Breite. Der englische Astrophysiker Sir Norman Lockyer berechnete die Anlage 1906 und schrieb: Die Linie vom Mittelpunkt M, der auf der Achse des Hufeisens liegt, weist genau auf den Horizontpunkt, wo am Tage der Sommersonnenwende die Sonne sich mit ihrem oberen Rand erhebt. Heute wallfahren am 21. Juni viele Touristen nach Stonehenge, um das mythische Schauspiel im Ritual nachzuerleben, wenn am Sonnenwendtag die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne den heiligen Stein berühren. Stonehenge ist eine durchdachte, geplante astronomische Ortungsanlage, sie diente den Menschen als Sonnen- und als Mondkalender. Es war die Schau zum Himmel, die die Priester der Steinzeit lehrte, die Bewegungen der Gestirne zu erkennen. Sie nutzten diese Kenntnisse, um die Zeiten und den Kalender zu bestimmen, den ein sesshaftes Bauernvolk dringend benötigte für Aussaat und Ernte. Die Gelehrten in megalithischer Zeit kannten den Rundwert der Länge des tropischen Jahres von 365,25 Tagen. Ihr vorbildlicher Sonnenkalender umfasste 13 Monate zu 23 Tagen und 3 Monate zu 22 Tagen, also ein Jahr mit 16 Monaten. Der englische Professor A.Thom hat hunderte vorgeschichtlicher Stellen besucht und vermessen und datiert die Errichtung der Steinkreise, Steinreihen usw. auf das frühe 2. Jahrtausend vor der Zeitenwende, also etwa um 1800 vor Chr. Er berechnete die allgemein gültige megalithische Elle mit 0,829 m (2.72 engl.Fuß) und meint: Es muss damals ein Hauptsitz oder eine Zentrale bestanden haben, von dem aus Standardmaßstäbe ausgegeben wurden. Die Zahl der Steinkreise, die in der Mittleren Steinzeit in ganz Europa errichtet wurden und ebenfalls himmelskundlich ausgerichtet waren, ging in die Tausende, heute gibt es nur noch wenige, aber den Namen Steintanz, Hünentanz, Danzenstein, Adamstanz und Jungfrudanz begegnet man
noch überall in Europa
.

Eine Landschaft mit bewegter Vergangenheit trafen wir in Gestalt der Aldenhovener Platte am Westrand der Jülicher Börde. Jens Lüning, Professor für Vor- und Frühgeschichte führte uns an die interessantesten Stellen:
Im 9. Jahrtausend begann eine der größten Umwälzungen der menschlichen Geschichte, der Übergang vom Jäger- und Sammlerdasein zu Ackerbau und Viehzucht. Diese Neuerung wanderte – durch die Türkei, in die Ägäis, in den Balkan, vom nördlichen Karpatenbecken über die Alpen nach Mitteleuropa, nach Polen, in das Ruhrgebiet. Im 6.Jahrtausend wurde das Rheinland erreicht. Entlang des Merzbaches, dem Hauptgewässer der Platte, fanden wir fünf große Siedlungsplätze der bandkeramischenDie Bandkeramische Kultur, auch Linearbandkeramische Kultur, ist die älteste bäuerliche Kultur der Jungsteinzeit (Neolithikum) mit permanenten Siedlungen in ganz Mitteleuropa. Bauern.
Diese Neubauern haben die lindenreichen Eichenwälder gerodet, die Stubben blieben stehen. Generation für Generation schob sich der Gürtel der Bauernhäuser nach Nordwesten vor in die niederrheinsche Ebene. Die Siedler hielten Ziegen, Schafe, kleine Rinder und Schweine, säten Emmer und Einkorn, später Gerste, die Hirse, dazu Erbsen und Linsen. Ölfruchtarten wie Lein für die Flachsherstellung wurden angebaut und Mohn. An Wildpflanzen gab es Haselnüsse, Äpfel, Erdbeeren und Himbeeren. Die Bauern der Jungsteinzeit besaßen einen Sinn für Ästhetik. Sie gestalteten bänderartige Verzierungen, ritzten sie vor dem Brennen in den luftgetrockneten Ton, deshalb der Name Bandkeramiker. Heute wären die hübschen, restaurierten Gefäße Verkaufsschlager in Butiken. Leider erfuhren auch diese frühen Siedler die Grenzen des Wachstums, das Ende der Bandkeramik war vorgezeichnet. Sind sie ausgewandert, weil der Boden nichts mehr hergab? Zuvor legten die Bauern ringförmige Wall-Graben-Systeme an, um 4.200 etwa. Sie dienten wohl weniger der Verteidigung als der Andacht und dem Kult – eine von vielen ungelösten Fragen der Jungsteinzeit.

Der Plöner Ökologe und Erkunder der aus dem Meer aufgestiegenen Vulkaninsel Surtsey, Dr. W. Schwabe, gab in seinem Haus am See eine Erkenntnis zu Protokoll:
Das Nomadentum ist ein, vielleicht sogar d a s Leitmotiv des Menschseins…
Und so tauchten wir ein in die Zeit der Wanderer, in die Jahre um 900, als OdinOdin ist der Hauptgott in der nordischen Mythologie der eddischen Dichtung. Dort fungiert er als Göttervater, Kriegs- und Totengott, als ein Gott der Dichtung und Runen, der Magie und Ekstase mit deutlich dämonisch-schamanistischen Zügen. und TyrTyr ist der Gott des Kampfes und Sieges in den altisländischen Schriften der Edda. noch herrschten im Norden Europas. Als man die Weltesche Yggdrasil heilig hielt und ewige Worte in die Riesensteine aus der Eiszeit grub. Im Frühsommer standen wir am Hafen der alten Handelsstadt Haithabu am Haddebyer Noor in Schleswig und sahen, wie Kieler Geophysiker ihre neuen Ortungsgeräte erprobten, mit denen sie Langboote im Schlick zu finden hofften. Weiter fuhren wir nach Dänemark, das so reich ist an Heiligtümern aus der Wikingerzeit. Im hohen gelben Gras ruhten die steinernen Schiffsgräber von Lindholm Hoje und im Feld daneben noch erkennbar die letzten Furchen im Acker, den man vom alten Flugsand befreit hatte. Der Kameramann filmte den düsteren Waldhain und den ehrwürdigen Runenstein von Ragnhild und dachte an die Stätten des Tings. Im jütländischen Jelling stehen Dänemarks älteste Königsgräber aus der Zeit um 950. Ich entzifferte die Runenschrift Harald der König ließ diese Mäler errichten nach Gorm, seinem Vater, und nach Thyra, seiner Mutter, der Harald, der für sich Dänemark gewann und ganz Norwegen, und der die Dänen zu Christen machte. Reihen großer Steine bildeten den Kultplatz unter der Sonne.

Die AsenGöttergeschlecht in der nordischen Mythologie eilten alle zum DingEine Gerichtsversammlung freier Männer nach dem alten germanischen Recht (Thing) und die Asinnen alle zum Rat:
und das berieten die reichen Götter, warum Balder Böses träume.

Dr. Schwabe sagte: Wenn die Natur nicht mehr hergibt, was der Mensch von ihr fordert, dann bricht er nach Tagen oder Generationen immer wieder auf, um anderswo Neuland zu erobern und dort als Sieger, als Landnehmer eine neue Auseinandersetzung mit einer neuen Umwelt zu beginnen. Traf das nicht auch auf die Wikinger zu? In Südgrönland hatte es im 16.Jahrhundert blühende Wikingersiedlungen gegeben, bis sie – vermutlich nach einer ökologisch bedingten Katastrophe – vielleicht das Auftreten eines Massenschädlings? – untergingen. Andere Wikingerstämme wanderten raubend, plündernd, (aber auch kulturbringend) durch Europa bis nach Nowgorod. Und glaubten doch fest an Ragnarok, den Weltuntergang, wie die Wölupsa ihn visionär beschreibt.