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Diese Stimme kannte jeder:

Peter von Zahn

Im Juni 1945 begannen sie unter dem Regiment des britischen Captains Evritt mit ihren Rundfunksendungen: die Journalisten Axel Eggebrecht, Peter Bamm, Ernst Schnabel, Bruno E.Werner und Peter von Zahn. Ihm anvertraute man die Abteilung Talks and Features. Er schrieb: Wir waren hoch gestimmt und wagemutig, und wir sprachen ein reines Sächsisch. Worin sahen sie die wichtigste Aufgabe des Journalisten? Er musste den Deutschen beibringen, sich selbst zu verstehen. Nach dem 23.September 1945 wurde aus Radio Hamburg der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR), und die Männer der ersten Stunde begannen mit eigengestalteten politischen Reportagen. Wir entwickelten das Feature zu einer Kunstform, das aktuelle Tagesgeschehen konnte so komprimiert und dramatisiert werden. – Und wir fühlten uns als gottgesalbte Instrumente des demokratischen Wiederaufbaus.

Nach sechs Jahren der Einübung ins Metier und ersten journalistischen Highlights sah man Dr. Peter von Zahn mit seiner jungen Familie ziemlich seekrank über das große Wasser schippern. Als festbestallter Rundfunkkorrespondent des NWDR berichtete er von nun an regelmäßig in seiner Reihe Aus der neuen Welt über das Wesen und die Befindlichkeiten der Amerikaner der 50er Jahre. Zeitzeugen sagen, er habe am Rundfunk mit seiner unverkennbaren Stimme das Amerikabild der Deutschen entscheidend geprägt. Was ihnen bleibt, ist die Erinnerung an die Sprachkultur dieses gebildeten Mannes mit seiner bildhaft-humorvollen Diktion.

Mit Auto, in der Bahn und im Flieger reiste er Abertausende von Kilometern kreuz und quer durch den riesigen Kontinent und berichtete aus ungezählten Orten zwischen Arktis und dem Wendekreis des Krebses. Er beobachtete den Bußprediger Billy Graham, der aussah wie der Erzengel Gabriel in Person, nur auf lustig. Mit seinen Töchtern erlebte er das Rodeo, wo man ermahnt wurde der Stier ist kurzsichtig, also Vorsicht!. Er bedauerte die Fische Amerikas, die es erbärmlich haben sonntags, weil alles an den Flüssen sitzt zum Angeln und Picknicken. Er lief durch New Yorks 57.Straße, wo man romantische Antiquitäten kaufte. In Oak Ridge führte man ihn durch die atomare Versuchsanlage, und er staunte wenn es so etwas wie eine Wiege der Welt von morgen gibt, dann habe ich neulich an dieser Wiege gestanden. Ein Jugendtraum wurde wahr, als er im Donner der Wasserfälle von Niagara stand und ehrfürchtig den Atem anhielt. In Chicago erlebte er die Wildheit der Beschuldigung, die zentnerschwere Übertreibung, das brustbreite Lachen der Freundschaft. Er kam rechtzeitig nach Kansas, um mitzuerleben, wie ganze Farmen durch die Luft segelten im Staubsturm. Texas schilderte er seinen Hörern, sei das Paradies der Hunde, Journalisten und Bettler, und der Besucher denke an Viehherden, die bis zum Horizont reichen. Irgendwo auf den langen Reisen stellte er fest, dass die Einwohner der Neuen Welt angesichts der nächsten tausend Jahre Menschheitsgeschichte und ihrer Rolle darin von einer großen Unruhe befallen sind. Im Norden dann: Den letzten Donnerstag kann ich rot im Kalender anstreichen. Ich sah den höchsten Berg und den ersten wilden Bären meines Lebens. Ich sprach mit einem Mann, der vom Nordpol erzählte, wie unsereins vom Besuch der Zugspitze. Natürlich erlebte er in den Hotels auch das Fernsehen Amerikas und notierte hellsichtig: Das Fernsehen wird der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts fürwahr ein anderes Gesicht geben. Die erhabene Entrücktheit der Despoten des Ostens wird etwas darunter leiden, dass sich in anderen Teilen der Welt ein Präsident wie ein guter Hausvater abends in die Wohnzimmer seines Volkes begeben kann, um mit dem Volk zu sprechen, was er für es und durch es erreichen will. Er meinte Eisenhower, der damals amerikanischer Präsident war und das Fernsehen häufig nutzte. Eine Reportage schloss von Zahn mit der Bemerkung: Amerika ist wie das Leben. Man findet genau das, was man sich Mühe gibt zu finden.

Für diesen Journalisten lag es nahe, sein Amerikabild auch auf die Fernsehschirme der Deutschen zu bringen. Und sagte: Zehn Jahre, von 1945 bis 1955, währte die unbekümmerte Zeit des Schreibens und Erzählens mit und ohne Mikrophon. Dann packte mich der Ehrgeiz, und ich bemühte mich, mit Bildern zu belegen, was ich vorher ohne Bild ganz treffend beschrieben hatte. Seit dem Herbst 1955 konnten die Besitzer eines Fernsehapparates in der Bundesrepublik, es waren eine knappe Viertelmillion, einmal im Monat Zahns schwarz-weiß Sendereihe Bilder aus der Neuen Welt anschauen. Kaum ein Bundesbürger war jemals drüben im Land der Verheißungen gewesen, und so erlagen die Menschen in den zertrümmerten Städten dem Zauber einer Welt, die ihnen erscheinen musste wie das Paradies.
Unter dem Markenzeichen eines Mannes, den viele schon im Rundfunk erlebt hatten: Stimme-Gesicht-Name: Peter von Zahn. Ich hatte viel zu erzählen und fand im Fernsehen ein Vehikel, welches eine im Kinofilm nie da gewesene, neue Mischung von Bild, Originalton, Musik und Wort vortrug. Peter von Zahn wollte sich auszeichnen, wollte experimentieren, wollte zu einem besseren Verständnis der Amerikaner bei den Deutschen beitragen. Fragte sich oft aber besorgt: Wie fängt man es an, dass gefilmte Berichte über das Gewöhnliche des Alltags nicht langweilig werden? Erfahrung hatte ich darin nicht, ein großer Kinogänger war ich nie gewesen. Oft hat man Peter von Zahn getadelt, er habe über wenige Bilder zu viele Worte ausgegossen. Er aber meinte, das Wort eröffnet im Fernsehen all die Dimensionen, die das Filmbild allein nicht hervorzaubern kann. In den Kindheitstagen der Fernsehdokumentation scheuten Autoren davor zurück, ihre Einleitungen (Openings) vor der Kamera selbst zu sprechen, ihr Gesicht der Kamera zuzuwenden. Peter von Zahn machte nach, wie es die amerikanischen Kollegen vormachten und erschien selbst im Bild, sprach seine Einleitungen, immer ernsthaft, nie ohne leise Ironie und Humor, langsam und unmissverständlich. Viele Journalisten haben später versucht, ihn zu kopieren.

Wir suchten unsere Storys zwischen Alaska und Puerto Rico, Hawaii und Manhattan. Sie stellten ein Panorama Nordamerikas um die Mitte des Jahrhunderts dar. Das große U in Virginia. Die Schule der Töchter, die Nachbarn, der Supermarkt begann mit der Schilderung seines Alltags und dem seiner Familie im alten Haus, danach die Ausflüge in die Weite der amerikanischen Regionen und in die Tiefe der Rassen- und Klassenprobleme. So weckte Peter von Zahn Verständnis bei seinen Landsleuten für die fein verästelte amerikanische Demokratie. In den 50 Sendungen zwischen 21 und 55 Minuten Länge, die Peter von Zahn zwischen 1955 und 1960 gestaltete, erfuhr der deutsche Zuschauer einen bunten Bilderbogen des fernen Amerika. Da wurde über die Methoden der amerikanischen Werbung berichtet, vom Alltag eines Kohlearbeiters in Virginia, es ging um die Highschool und die amerikanische Mittelstandsfamilie, um Fragen der Rassenintegration ebenso wie um das Leben in der Großstadt und um die Schicksale deutscher Einwanderer in Lateinamerika. Von Zahn besichtigte mit der Kamera die Musik-Sommerschule von Vermont und die Deutsche Botschaft in Washington. Er stellte Überlegungen an zur Stellung der Frau und zum Theater, er berichtete aus Alaska und Puerto Rico. Der Amerikaner und seine Geschichte waren ein Thema und der Amerikaner und das Jenseits. Von Zahn besuchte die UNO und das Trickfilmstudio von Walt Disney. Er sah den amerikanischen Arzt in der Krise und die große Verschwendung in der Neuen Welt. Dazu entstanden 12 Sendungen über das, was heute die 3.Welt heißt, unter dem Titel Bilder aus der farbigen Welt. Asiens Frauen wurden betrachtet und die japanischen Fischer von Miura. Man besuchte einen deutschen Arzt in Serang auf Java und sah die Rassenprobleme in Rhodesien.

Dann kam 1960, und Dr.Konrad Adenauer unterschrieb die Gründungsurkunde der Deutschland Fernsehen GMBH, bald nannte man sie das Adenauer-Fernsehen, und viele setzten auf den neuen Kanal, der das Fernsehmonopol des 1.Programms brechen sollte.
Auch Peter von Zahn. In Washington gründete er zusammen mit dem Adenauer -Fernsehen die Documentary Programs Inc. und holte sich gute Kollegen aus Deutschland zu Hilfe, u.a.
Hans Adolf Seeberg, Michael Vermehren, Dr.Hans Germani, Dieter Franck, Günther Geisler, Jürgen Schröder-Jahn, Klaus Harpprecht, Hans Scheicher, Franz Woerdemann. Die Idee des Chefs: Nur ein Thema pro Sendung, aber zusammengestellt aus vier bis sechs Kurzbeiträgen verschiedener Reporter, also aus allen Blickwinkeln der Windrose, die dann als Markenzeichen am Beginn der Sendung stand. So entstanden die berühmten Reporter der Windrose und das erste private Korrespondentennetz der Bundesrepublik. Und Sendereihen wie Weltenbummler, Die Reporter der Windrose berichten Wie die Welt regiert wird, Die Stunde der Entdecker, Musik der Neuen Welt, Verlorene Paradiese – schon für das 1963 eröffnete ZDF.

Die Cutterin Ursula Scheicher-Zipfel erinnerte sich an Washingtoner Tage: Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in dieser Zeit je etwas anderes taten als arbeiten. Aber was sollte da an Freizeit bleiben, bei Schnittzeiten von vier Tagen für einen Halbstundenfilm? Und lange noch gab es kein Umkehrmaterial, alles wurde kopiert, geschnitten, abgezogen, wieder kopiert. Als die ersten Windrosen ins Haus kamen, hieß es: Montag bis Donnerstag früh Schnitt, dann dem Boss zum Texten bringen, am Freitag Mittag den Flieger schaffen, der die Sendung für Sonntag nach Köln brachte. Ich glaube wir waren sehr tüchtig, wir Cuttermädels aus Deutschland.

Wer das Privileg genoss, mit diesem Grandseigneur des Wortes arbeiten zu dürfen, wird mir zustimmen: Peter von Zahn war seinen Reportern der Windrose wie ein sorgender Vater und hilfreicher Chef, ein Gentleman alter Schule. Das spürten auch die Mächtigen der Welt, die Präsidenten, Könige und Kaiser, und keiner verweigerte ihm das erhellende Interview. Die Hörer und Zuschauer zuhause vertrauten seinem Urteil über die Mächte, die den Globus regierten, über das rätselhafte Amerika, über die kleinen und großen Grotesken der Zeit. Windrösler Hans Scheicher schrieb: Nachgeahmt haben ihn viele. Genützt hat es ihnen wenig. Denn nie wieder trafen die Faktoren des Erfolgs so prächtig zusammen: die Neuheit des Mediums, die Begierde von Auge und Ohr, und die Kühnheit des Reporters, der sich dieses Mediums so selbstverständlich und souverän bediente. Heute mag das verwöhnte Publikum die alten Zahn-Filme als überholt empfinden. Für seine ehemaligen Mitarbeiter werden sie eines nie verlieren, die Faszination der ersten Stunde.

Eines Tages erschien Mr.King, der schwarze Finanzbeamte, in von Zahns Washingtoner Büro und fahndete nach in den USA unversteuerten Profiten der Firma. Er fand nichts nach mehrwöchigen fleißigen Studien. Und fragte dann direkt: Herr von Zahn, Sie haben seit 1963 keinen Profit gemacht, Sie sind tief in den Roten. Warum stoppten Sie Ihre Produktion nicht, schlossen die Firma und feuerten Ihre Mitarbeiter?: – Und Peter von Zahn, gelassen wir immer, sagte lächelnd: It was so much fun!