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Dienst im Schatten

Hamburg im Herbst 1960 — die Innenstadt war zernarbt von den Schlägen des Krieges. Düsterer Nieselregen schuf die Atmosphäre alter Stummfilme. Im Hafen tuteten Schiffe, drängten sich die Schauerleute auf dem Pier. Auf der Reeperbahn schubsten Seeleute und Sehleute sich vor provisorisch ausgebauten Ruinen. Das horizontale Gewerbe hatte es ungemütlich hinter den Wänden aus Holz. Noch leerten die Nutten auf der Kleinen Freiheit ihre Nachttöpfe wütend auf missliebige Passantinnen, die von betuchten Männern in diese Gegend geführt wurden, um ihnen zu zeigen, wie die da sind. Im illuminierten Silbersack rauchten sie Kippen und redeten über den Rum und die Preise. Hier fand er statt, mein erster Film, mein kühner Einstieg in die Welt der Dokumentaristen. Sein Partner, der Münchner Jost Vacano, sah mit dem Blick des Kameramanns — was ich als Redakteur würde lernen müssen - und drehte aus der Hand die Kneipe durchs Fenster von außen nach innen, ungesehen, Typen am Tresen, Typen mit und ohne ihre Damen, nüchtern und im Suff. Ich trug das Tongerät, die Maihak, wie den Musterkoffer des Vertreters, hatte das Mikrokabel durch den Wintermantelärmel gefädelt und verbarg das klobige Mikro (die Gurke) in der hohlen Hand. Nur das Aufziehen der mechanischen Maihak hatte seine Tücken. Aber Jost musste ja auch die 30-Meter-Filmrollen wechseln. Einen Assistenten hatte man ihm in Gütersloh nicht bewilligt.

Dann wieder drehte er, was ihm vor die Linse kam — die Kamera auf der Schulter wie eine Jagdflinte, immer bereit. Manchmal eine Frage: macht ihr denn? Fernsehen? Komisch, was soll dat dann, hier ist nüscht zu sehen. Fernsehen! Was die sich einbilden Und zog unauffällig ein Messer… Kein Krach, bloß nicht, lass uns abhauen. Die Filmleute landeten in der Neustädter Straße vor einem Torbogen, der bessere Tage gesehen hatte. Dahinter der vergammelte Eingang von Pik Ass. Asyl für obdachlose Männer. Heimstatt der Heimatlosen. Weiber nicht zugelassen.

Jost maß das Licht, es reichte eben unterm Torbogen mit den dunklen Typen, deren Gesichter die Farbe fahler Kartoffelkeime trugen. Erich auch, mit den rottrüben Augen vom endlosen Suff. Klein, korpulent, mit drei graubraunmelierten Wintermänteln übereinander wie ein Kokon. Drei Mäntel garantierten in dieser Welt, dass nicht alle geklaut wurden. Erich hatte Dauerasyl. Vierzig Pfennig für die Nacht auf nacktem Bettgestell ohne Decke, ohne Matratze, mit fünfzig stöhnenden, krakeelenden, furzenden Kerlen, die den Urin laufen ließen, ohnmächtig vom giftigen Wermut. Die Luft war dick wie der alte Schweiß auf ungewaschenen Körpern. Szenen boten sich wie im Kino, aber das Drehen war hier verboten. Sie wussten wohl, warum. Sechs Uhr morgens, alles raus! Sie stolperten fluchend und weinend über die ausgetretenen Stufen ins Freie, rieben sich die Augen, popelten irgendwo herum, maulten nach Schnaps. Sechs Ungewaschene mit Erich wankten nach gegenüber zur Mission. Erich, um die fünfzig, parlierte in drei Sprachen, früher hatte er mal was gegolten, war noch gut erzogen, küsste der 8o-jährigen Schwester galant die runzlige Hand mit Verbeugung für die dargereichte Stulle und den Muckefuck. Die Schwester namens Sperlingsmutter, herzensgut, gebückt unter der Last dienender Jahre. Sie kannte jedes ihrer Kinder auf den Straßen — jene auch, die mal eben verschwunden waren im Knast, wie der, der seine Großmutter abwürgte für 20 Mark im Küchenkasten. Jost drehte die Typen und den Kuss aus der Hand. Nur, leider, den Mief nicht, der sich wie eine Schleppe hinter den Männern ohne Hoffnung herzog, den Unständigen, wie Behördendeutsche sagten.

Nebenher oder zwischendrin erschienen die Protagonisten der gedachten Dokumentation: Pubertierende Jugendliche, Trinker und —innen, Haftentlassene, Flüchtlinge aus der Zone, müde Alte, Tuberkulöse, sogenannte Berufsschwache. Sie wanderten von hier nach dort und zurück, auf der Suche nach Nahrung und Bleibe, nach Flasche und Wärme. Ein Heer der Übriggebliebenen auch von den großen Trecks des Krieges. Kaum anders aussehend als die Gefangenen nach Stalingrad.

Erich und die Verlorenen hätten Symbole sein können für die Unständigkeit der Deutschen, für die Not jener, die das Schicksal übriggelassen hatte, weil sie den anderen, schnelleren, nicht folgen konnten. So betrachtet hätten wir, die Bertelsmänner, filmend Erich begleiten sollen auf seinen Wegen zwischen Pik Ass, Wermut und Sperlingsmutter. Wir hätten versuchen sollen, hinter das verquollene Gesicht zu blicken, Prognosen zu wagen. Stattdessen setzten wir auf die dokumentierte Vielfalt der Szenen und Schauplätze. Da war das verwahrloste Lager wandernder Zigeuner am Ufer der Elbe. Jost drehte die schwarzhaarigen Kindergesichter und die scheuen Erwachsenen, die sich kaum je zur Inneren Mission trauten. In Soest holte er Mädchen vor die Kamera, die es mit kanadischen Soldaten getrieben und dafür ins Heim hatten gehen müssen.

In Herne sahen wir die freundlichen Kinder der Kanalschiffer, von Missionaren betreut, weil die Eltern stets auf dem Wasser waren. In Bethel erklomm Jost den ziemlich hohen Schornstein — wegen der Totale —und beobachtete unten den sesshaft gewordenen Nichtsesshaften, der traurig über die Bohlen der Baracke schlurfte und Anlass gab zum späteren Formulieren. Auf der Columbuskaje zu Bremerhaven verschwand Jost in den wabernden Massen der Auswanderer, die zusammengepfercht wurden auf der Castel Filice für die Fahrt ins Land der Hoffnung: Australien. Lustig die Kinder mit den großen Nummernzetteln an den Wollmützen, damit sie nicht verloren gingen. Die Reedereien verdienten sich goldene Nasen an der Landflucht der Deutschen jener Tage.

Die vorgegebene Drehzeit war bald überschritten, wir hatten genug in vielerlei Hinsicht, das Material war verdreht, ging ins Kopierwerk. Vom Schnitt, der Montage, wusste ich nur, was bei Eisenstein stand, und das war alles anders als ich es hier brauchte. So war ich überflüssig. Mein Kameramann schnitt seinen Film mit der Cutterin, er baute ihn, wie er ihn in durchs Objektiv gesehen hatte. Die Vertonung hatte ihre Tücken, denn die mitgebrachten Töne waren nicht immer in Ordnung, oft zu viel Wind auf den Interviews. Musik füllte die Tonlücken, dazu die für Hamburg unentbehrlichen kreischenden Möwen und das obligatorische Tuten der Dampfer. Atmo, wie der Fachmann sagt, ist die halbe Miete. Obendrauf thronte der Kommentar. Mit Lichtern.

Man sprach, auch damals schon , über die richtige, die filmische Interpretation von Wirklichkeit. Dass Wirklichkeit auf schwarz-weißem Film festgehalten wurde, spielte kaum eine Rolle. Interpretation von Wirklichkeit wird nicht richtiger dadurch, dass Gesichter rosa und Wiesen grün sind. Das Bild entscheidet, die Szene. Man eräugt Ereignisse. Das kleinformatige Fernsehbild wirkt stark, eindringlich, weil es sich in der Wärme des Wohnzimmers unseren Gefühlen und Vorurteilen nähert. So werden wir Augenzeugen des Geschehnisses, sind dabei.

Man überlegte solche Dinge in Gütersloher Kneipen beim Bier, aber nicht oft. Dachten wir über die Wirkung dessen nach, was wir da filmten? Die Meinung des Zuschauers war noch kaum Gegenstand von Disput und Argument. Es war ein Gefühl, das uns sagte, unsere Filme könnten nur sinnvoll sein, wenn sie auch glaubhaft seien, authentisch — was immer das ist, wahrhaftig, unmanipuliert (wenigstens nicht absichtlich manipuliert), wahr und fair den Opfern gegenüber, die vor den Kameras standen und befragt wurden. Es galt als unfein, den Mann auf der Straße, der eben seine Meinung offenbart hatte, seine Wut, seinen Hass, später am Schneidetisch in die Pfanne zu hauen, indem man seine Aussage schneidend, kürzend manipulierte, so dass die Zeugenmeinung mit der Machermeinung übereinstimmte. Viele Kollegen waren anderer Meinung. Manipulation hat später dazu beigetragen, ein Misstrauen gegen das Fernsehen zu schüren, dadurch wurde es bald immer schwieriger, wahrhaftige Aussagen auf der Straße oder in den Ämtern und Büros zu erhalten. Noch hätte ich aussteigen können im Herbst 1960, noch war Zeit, etwas anderes anzufangen, oder reumütig zurückzukehren in die Welt der Bücher. Für mein Familienleben wäre es besser gewesen. Doch ich hatte Lunte gerochen, war dabei, dem Zaubermedium zu verfallen, diesem Vabanque Spiel, in dem man das große Los ziehen konnte und die dickste Niete. Mein Schicksal war nun der Bildschirm, die Glotze, wie man sie abfällig nennen würde. Ich war ihr Knecht und würde es bleiben.