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Mit dem Schlachtschiff Tirpitz in Norwegen 1941 / 1942

Vorwort der Redaktion

Dieser Zeitzeugenbericht wurde von Kurt Voigt, Kapitän zur See und Vater unseres Autors Jürgen Voigt, an Bord des Schlachtschiffes Tirpitz verfasst. Grundlage dieses Berichtes sind seine Feldpostbriefe und Tagebücher von 1941/42. Sowohl die Briefe als auch die Tagebücher sind in Sütterlin-Schrift verfasst.
Er hat die damaligen Ereignisse unmittelbar beschrieben, wie er sie miterlebt hat und damit ein historisches und authentisches Dokument geschaffen, das wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, nicht vorenthalten möchten.

Transliteriert wurde es 2012 von Kurt Jürgen Voigt, Sohn des Seeoffiziers Kurt Voigt, für die Erinnerungswerkstatt Norderstedt. Nach Möglichkeit wurde die damalige Recht­schreibung beibehalten.

 Hinweis:  Alle in diesem Zeitzeugenbericht wiedergegebenen Bilder, Kriegstagebücher und Texte sollen der staats­bürgerlichen Aufklärung, nicht aber der Glorifizierung oder Verherrlichung von Kriegshandlungen, oder gar der Taten des verbrecherischen NS-Regimes dienen. Sie wurden hier ausschließlich zur Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens des dritten Reichs und seiner Geschichte veröffentlicht. Deshalb haben wir die Bilder nicht zensiert, unkenntlich gemacht oder Bereiche aus den Bildern ausgeschnitten, wie zum Beispiel die Abzeichen, Symbole oder Darstellungen des dritten Reiches (Hakenkreuz, SS-Ruhnen o.ä.).

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Bei der Umsetzung der Rund-s / Lang-s Regeln hat Dr. Peter Hohn, 1.Vorsitzender der Sütterlinstube Hamburg geholfen. Die technische Realisierung übernahm der Webmaster dieser Seite, Hartmut Kennhöfer.

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Tirpitz

Die Tirpitz war ein im Zweiten Weltkrieg eingesetztes Schlachtschiff der deutschen Kriegsmarine. Sie gehörte der Bismarck-Klasse an und war nach dem deutschen Marinestaatssekretär und Großadmiral Alfred von Tirpitz benannt. Sie war das größte jemals in Europa fertiggestellte Schlachtschiff.

Den größten Teil ihrer Dienstzeit war die Tirpitz nach dem sogenannten Fleet-in-being-KonzeptDie Fleet in being ist eine Flotte, die alleine durch ihre Existenz, ohne den Hafen zu verlassen, das Kriegsgeschehen beeinflusst - die Flotte ist nur, agiert aber nicht, bzw. agiert passiv. Die reine Möglichkeit eines Auslaufens dieser Flotte zwingt den Gegner seinerseits ausreichend Streitkräfte bereitzuhalten, um die Fleet in being im Falle eines Einsatzes bekämpfen zu können.Quelle: Wikipedia in Norwegen stationiert und bedrohte von dort allein durch ihre Existenz die alliierten Geleitzüge nach Murmansk. Gegebenenfalls sollte sie helfen, eine alliierte Invasion in diesem Gebiet abzuwehren. Nach mehreren vergeblichen Angriffen auf die Tirpitz wurde sie am 12. November 1944 bei einem Luftangriff der Royal Air Force im Sandnessund, einer Meerenge südwestlich der Insel Tromsøya, zum Kentern gebracht. Das Wrack wurde in den 1950er Jahren von einem norwegischen Bergungsunternehmen vor Ort verschrottet.Quelle: Wikipedia

 

 

Mit dem Schlachtschiff Tirpitz in Norwegen

Briefe und Tagebücher 1941, 1942

September 1941.

Nun fahre ich wieder auf einem grauen Schiff durch die Fluten, von allen Schiffsgeräuschen begleitet, an die ich mich langsam gewöhne. Ich kam heute früh nach langer Nachtfahrt an. Leutnant O., der glücklicherweise nicht auf Bismarck war, und ein mir von dem Kreuzer Emden bekannter Oberfeldwebel empfingen mich. Ein Auto war zur Stelle, dann ging es durch das amerikanisch anmutende Gotenhafen. Es ist alles noch im Aufbau, z.T. sehr große Gebäude und riesige Hafenanlagen. Das mächtige Schiff am Pier machte großen Eindruck auf mich, ich bekam vorläufig eine Kammer neben der von K., der noch in der Koje lag und mich begrüßte (er hatte gestern Geburtstag). Meine künftige Kammer ist nicht sehr groß, liegt aber ziemlich nach der Mitte zu und günstig zu allen Räumen. Es sind ja Maße auf dem Schiff, wie früher noch nie gesehen. Ich frühstückte in einem Nebenraum der großen Messe meldete mich sodann beim 1. Offizier und dann beim Kommandanten, der sich lange mit mir unterhielt. Das Schiff ist phantastisch ausgestattet, täglich werden in einer großen Bäckerei 800 Brote gebacken, eine eigene Selterswasserfabrik ist da, eine eigene Druckerei für eine kleine Bordzeitung. Zuerst ist man ganz benommen, aber das Bordleben ist mir ja vertraut. Es geht jetzt erst nach Saßnitz, das nördliche Unternehmen ist schon abgebrochen. Unser Kommandant soll ein Glückspilz in allen Operationen sein.

Wir liegen in der großen Bucht vor Gotenhafen vor Anker, bis jetzt haben wir Übergabe gemacht – alle Einrichtungen sind vorbildlich und die Menschen ordentlich, mit denen ich zu tun habe. Anläßlich des Kommandanten Geburtstages gestern waren die Stabsoffiziere nach dem Abendbrot in der pompösen Kajüte eingeladen, die allerdings auch nur künstliches Licht hat. Der Kommandant behandelte mich vertraut und freundlich. Im übrigen hat er sich, abgesehen von ergrauteren Haaren, nicht viel verändert.

Bin in meine richtige Kammer gezogen, die mit einem roten Teppich ausgelegt und sehr hübsch ist. Sie ist ziemlich geräumig, Sessel, Tisch usw., Waschbecken mit fließendem Wasser. Sogar ein Radioapparat ist darin. Das Wetter ist ziemlich warm, ich bin aber wenig draußen, da ich mich erst einarbeiten muß. Es ist ein herrliches Bild hier auf See mit dem Blick auf die z.T. bewaldete Küste. Wir nehmen an, daß wir zum Wochenende in Gotenhafen einlaufen, dann könnte man sich die Stadt mal näher ansehen.
Heute laufen wir in G. ein, worauf sich die ganze Besatzung freut, denn sie ist wochenlang nicht an Land gewesen. Das Schiff kann nämlich auch im Hafen als in See befindlich bezeichnet werden.

Natürlich habe ich Telefon, das mit allen Offizieren und sonstigen Stellen verbindet. Es gibt ein ganzes Telefonbuch für diese kleine Stadt, alle Einrichtungen sind entsprechend, zwei Kantinen, eine große Friseurstube mit 5 Friseuren, die Messe ist ein großes vornehmes Restaurant, und Deckenbeleuchtung. Die vielen und sehr schweren Geschütze geben ein Gefühl unbedingter Sicherheit, die Schlesien ist ein lächerlicher Fischdampfer dagegen. Ich bin 40 Meter hoch im Gefechtsmast gestiegen, ein herrliches Bild von oben.

Aus dem Radio klingen liebliche Tonfilmmelodien, wenn nicht das Vibrieren des Schiffskörpers wäre, könnte man vergessen, daß man an Bord ist. Ich lerne das Schiff immer besser kennen, man kann sich totlaufen und -klettern, aber es erscheint einem nicht mehr so gigantisch wie zuerst, man gewöhnt sich an alles. In der Messe habe ich mich gut eingelebt. Der Oberstabsarzt, sehr jung noch, ein Korvettenkapitän, mit dem ich auf dem Linienschiff Schlesien war, hat heute Geburtstag, er hat die Stabsoffiziere für heute abend zu Sekt-Schorle eingeladen, das ist Sekt mit Selters. Man lebt nicht schlecht hier: 1700 g Fleischwaren in See, 24 Tage im Monat 50g Fett. Wir haben auch zeitweise noch schöne Äpfel, Tomaten und Weintrauben bekommen, es ist ja ungeheuer, was so ein Schiff verbraucht. An einem Bullauge hat ein freundlicher Zimmermann einen sauber gearbeiteten eichenen Blumenkasten angebracht, der jetzt meine beiden Töpfe enthält, die dadurch das nötige Licht bekommen. Sehr angenehm empfinde ich die tägliche Brause morgens. Am Dienstag und Freitag schmeckt der Kaffee etwas nach Bohne, im übrigen beziehen die Messen alles aus der Schiffsküche, die vorzüglich ist. Wir machen auch mal abends Bratkartoffeln für die ganze Besatzung in den sechs elektrischen Kippbratpfannen. Heute gab es zwei Eier, Spinat und Pellkartoffeln. Vorher eine Suppe, Pudding gibt’s natürlich nicht. Abends ein ordentliches Stück Blutwurst, Fisch aus Dosen mit dicker fetter Sauce und Butter. Dazu Mischtee, sonst Kaffee.

Ich war heute lange im Vormars, 40 Meter über dem Schiff und habe mir das Schießen angesehen. Es wehte ja furchtbar, aber es war ein herrlicher Anblick. Unser Admiral ist an Bord gekommen. Es gibt in der Messe manchmal lange, leidenschaftliche Debatten, man ist ja immer das Schiff läßt einen nicht los, weder tags noch nachts. Sehr angenehm empfinde ich meinen eigenen Lautsprecher, so daß ich nicht immer auf Gesellschaft angewiesen bin.

Wir fahren immer kreuz und quer in der Ostsee herum, meist vor Rügen, Stubbenkammer kenne ich jetzt auswendig. Im übrigen wacht Tag und Nacht eine ungeheure Flak mit 4-500 Mann über die Sicherheit des Schiffes. Aber wir haben noch nie einen feindlichen Flieger gesehen. Heute abend ist Sitzung in der Messe mit dem Admiral, der einen vorzüglichen Eindruck machte.

Ich sitze in meiner Kammer, höre nur die dumpfen Geräusche der Fortbewegung des Schiffes, die Lüftungskanäle und spüre ein leises Schwanken des ungeheuren Körper – das ist alles schnell wieder vertraut geworden. Wir liegen in der großen Bucht vor Saßnitz, in der Ferne liegt die bewaldete Steilküste und der kleine Schlepper hat eben Scherf und viele andere Männer abgeholt. Der Schlepper tanzte so auf der See, daß alle auf dem schwankenden Seefallreep naß wurden, denn es sind mehrere Meter bis nach unten. Unser Koloß rührt sich kaum. Ich höre eben, daß morgen noch ein Offizier vor Sw. aussteigt, da kann ich den Brief frankiert mitgeben. Es ist nun mal so, daß man zeitlich keine Pläne machen kann, weil alles von der Verwendungsfähigkeit des Schiffes und den Absichten des Führers abhängt.

Wir erwarten Leute, die unseren Übungen beiwohnen wollen, aber wegen des schlechten Wetters nicht an Bord kommen können. Unseren Roche de bronce kann das kaum erschüttern, wir merken das am leisen Wiegen des Riesenkörpers. Ich bin heute früh mit dem I.O. eine zeitlang auf und ab gewandert, man mußte gegen den Wind ankämpfen, die Dampfer, die vorbeikamen, hüpften auf und ab. Bei solchem Wetter können auch die Flugzeuge nicht ein- und ausgesetzt werden.
Gestern abend sahen wir in der Messe den Film Unter Ausschluß der Öffentlichkeit mit Olga Tschechowa und Hans Albers, ganz nett, z.T. spannend. Es ist ja nicht so wie im richtigen Kino, die Fläche ist kleiner und dann wird der Film in mehreren Abschnitten gespielt. Aber reine hochwillkommene Abwechslung in der Eisenburg ist es doch.

Sei stolz und froh, daß Dein Mann noch wert genug befunden ist, wenigstens einen kleinen Zeitabschnitt aktiv an der Verteidigung unseres Volkes mitzuwirken. Ein Trost mag dabei sein, daß ich es unter ungleich günstigeren Lebensbedingungen tue als die Soldaten an irgendeiner anderen Front. Einen Krieg mußte ich schon als Heimatkrieger erleben – es wäre sehr bitter für mich, wenn es mir in diesem Krieg ebenso ergangen wäre. Und ich glaube auch, es meinem großen Jungen schuldig zu sein – es ist gut, wenn der Sohn auch in dieser Beziehung ein Vorbild in seinem Vater sieht und einen heimlichen Stolz bekommt. Angst und Furcht zieht nach unwandelbaren Lebensgesetzen die Gefahr an. Wir liegen im grauen Wetter und dichtem Nebel. Ich bin heute nacht mit dem L.I. lange auf der Schanz auf und abgegangen, ich mag seine besinnliche Art gern, er wirkt viel älter als ich. Ich konnte aber nicht einschlafen hinterher, es fehlt das Wandern. Vorher sahen wir Heinz Rühmann in dem alten, aber lustigen Film Das Paradies auf Erden.

Mein Oberverwalter hat mit ein Lederjackett besorgt, das ich im Kommandostand besser tragen kann als meinen Mantel, es ist auch dicker. Nun wird der Weltbrand langsam wieder vollständig, diesmal nur in einer für ungleich günstigeren Zusammensetzung als im Weltkrieg. Nun ist auch das heitere lebenslustige Honolulu bombardiert worden, wer ist noch sicher in diesem Hexenkessel, jeder kommt dran.
Jetzt haben wir über 2000 gute Bücher der verschiedensten Art an die Divisionen verteilt, die sie dann mit einer Widmung den Soldaten zu Weihnachten schenken. Ich bin stolz darauf, mit dieser Aktion einmal ganz andere Wege gegangen zu sein, kein Buchladen hätte heute diese Auswahl, es hat 10 500 RM gekostet bei 68 verschiedenen Werken zwischen 7,20 (Mein Kampf) und 2,85.

Ich hatte mit meinen drei Stabsoberfeldwebeln zusammen gesessen, denen ich noch eine Einladung schuldig war, da wurde ich zum Kommandanten befohlen. Bis halb eins haben wir über das Schiff und seine Offiziere gesprochen. Er hat Vertrauen zu mir, hört auch auf mich. Mir ist, als wenn ich auch eine besondere Mission zu erfüllen hätte. Man kann das alles nicht so schreiben. Der Krieg wird noch lange dauern. Aber mein Bordkommando nur eine begrenzte Zeit. Vielleicht ist mir diese Zeit zur Prüfung aufgegeben, daß ich Abstand gewinne von meinen Pflichten der Familie gegenüber, damit ich nicht in das Kleinliche verfalle, wer weiß das alles?

Ich habe die Einladung des 1. Offiziers, heute nachmittag nach Danzig zu fahren, angenommen. Die Stadt ist sehr schön und Gotenhafen bietet nichts außer dem Kino. Es ist nur so umständlich mit der Bahnfahrt, über eine Stunde. Hier gab’s am ersten Tag eine Menge zu organisieren, besonders im Hinblick auf Weihnachten. 40 Tannenbäume und 600 Kerzen habe ich so nebenbei, es ist nicht viel für das große Schiff. Gestern nachmittag war ich aber doch noch bei der Offizier-Kleiderkasse und kaufte ein weißes Hemd und ein Unterhemd für zusammen 34 Punkte. Es ist aber wegen der Ausrangierten nötig.

Meine Unruhe überträgt sich auf meine Träume. Letzte Nacht hatte ich die Schreckvorstellung, daß Ihr einem Fliegerangriff ausgesetzt wart. Dieses Warten ist entsetzlich, zumal es hier in der Heimat so unnötig ist, denn es handelt sich ja nur darum, daß der Adjutant die Post rechtzeitig umbestellt. Draußen regnet es in Strömen, ich muß aber mit meinem Aufklarer in die Stadt (Go), Bücher kaufen, da durch plötzliche Zukommandierungen die bestellten 2300 nicht reichen. Ein Glück, daß jetzt vor Weihnachten der Teufel los ist, man kommt nicht zum Nachdenken. Meine 8 wackeren Bäcker backen Tag und Nacht, damit am 1. Feiertag früh jeder seinen großen Klöben hat. Heute sind 45 Weihnachtsbäume und 600 Kerzen verteilt. Weihnachtsabend gibt’s Grünkohl mit Kaßler.

 

Gotenhafen – 24. Dezember 1941

Weihnachtsabend, es ist mir viel schwerer, als ich dachte. Bin erst jetzt zu Atem gekommen, viel Ärger, bis alles klappte und meine 2400 Kinder beschert waren. Ich möchte nicht, wie der gute S. vor aller Augen das heulende Elend kriegen und mich dann betrinken. Ich bin mit dem Kommandanten und dem I.O. durch alle festlich geschmückten Räume gelaufen, wo sie mit fröhlichen Gesichtern vor ihren Geschenken saßen, Äpfel, Nüsse, Schokolade, Bücher etc. Ich kann wohl sagen, daß in den Gesichtern viel Dank gestanden hat für alle Mühen, die es kostete. Die Besatzung hatte die Räume wunderbar ausgeschmückt mit Weihnachtsbäumen, Transparenten, Nachbildungen von Wilhelmshaven, Laboe, Koggen usw. Manche Divisionen hatten einen richtigen Weihnachtsmann, der dann den Soldaten eine Gabe überreichte, die keine Heimat und keine Angehörigen mehr haben. Ich habe gestern nachmittag noch an die Verdienten persönlich 2000,- insgesamt an Prämien ausgezahlt. Alle waren sich einig, daß sie so noch nie beschenkt worden wären. So langsam lernt das Schiff mich kennen. In der Messe wurde dann mit dem Kommandanten Grünkohl mit Kaßler gegessen.

Gestern abend waren wir mit 30 Mann hoch bei Gauleiter Forster. Wir fuhren mit dem Bus durch die bis 10 Uhr erleuchteten Straßen, eine dicke Stunde. Im alten Patrizierviertel war ein solches Haus neu errichtet worden. Der Führer ist dort immer zu Gast. Der Gauleiter ist Oberfranke, sehr sympathisch, begrüßte uns mit einer Ansprache in der Halle in Gegenwart seiner Frau – sie ist nebenbei Pflegerin im Lazarett. Der I.O. antwortete im Namen des Kommandanten. Dann verteilten wir uns auf die Räume im 1.Stock, wo ein echter Lenbach-Bismarck hing. Und der sog. Führer-Globus für 2000,- RM stand dort. Ich saß mit einem Gauamtsleiter zusammen, der einen Buckel hatte. Es sei eine Lüge, daß Dr. Ley viel getrunken hätte, er habe einen Sprachfehler vom Absturz als Weltkriegsflieger. Und wenn er erregt ist, kann er nur schwer sprechen. Zum Schluß bekamen wir eine Mappe mit alten Danziger Stichen. Heute nachmittag war ein Korvettenkapitän vom Schlachtschiff Hipper bei mir, sehr sympathisch, wohnt in Gotenhafen, sprachen uns über das Korps aus, dann ging ich ganz allein ins Kino zu einem hübschen nichtssagenden Operettenfilm mit netten Melodien Immer nur du. Der Gang durch den Schnee nachher tat mir gut. Aus dem Radio tönt eine Hawai-Gitarre, alles da, nur nicht für die Seele. Aber ich bin zu anspruchsvoll. Ich habe in der Wochenschau gesehen, wie die Millionen im Osten im Schneesturm hausen, mit den kleinen Panjepferden, da leben wir immer noch wie die Fürsten.

Meine Kleider haben sich mit einer Lederhose vervollständigt, es ist wärmer und sehr praktisch, man schont seine Tuchsachen. Eben habe ich mir aber meine dicken hohen Stiefel ausgezogen, in der warmen Kammer fangen die Füße darin an zu kochen. Nun soll ich noch eine Pelzmütze und vielleicht einen Pelz – oder besser gesagt – Fellmantel bekommen. Es sieht ganz lustig aus, die vermummten Gestalten, die an Oberdeck Dienst machen, zu sehen, nur ein kleines Stückchen Gesicht zu erkennen. Der Wind blies aber auch sehr kalt.

 

Trondheim – 16. Januar 1942

Nun sind wir bald an unserem Ziel angekommen, es ist so, wie ich mir schon dachte. Warm ist es gerade nicht, aber ich finde es nicht so kalt wie dort, woher wir kommen, es mag wohl der Einfluß des Golfstroms sein. Ich habe jedenfalls Gelegenheit, innerhalb der kurzen Stunden des Tageslichtes Vergleiche mit Eindrücken bei früheren Reisen in die gleiche Gegend zu ziehen, die allerdings unter freundlicheren Verhältnissen stattfanden. Zu irgendwelcher Sorge ist keinerlei Anlaß, ich habe vielmehr welche, weil jetzt fortwährend von Bombardierung norddeutscher Städte die Rede ist.

Hier haben wir bei Tage 11 Grad Kälte, brrr. Ich habe einen Marsch von 10 Minuten auf der Schanz gemacht, bin dann aber reumütig in meine warme Kammer zurückgekehrt. Alles ist weiß ringsum, die felsigen Berge, auf denen kümmerliche Fichten und Birken ihr Leben fristen, wo sie eigentlich ihre Wurzeln lassen, ist mir ein Rätsel. Die paar Stunden, in denen es hell ist, gaben der Landschaft ein schönes Gepräge, allerdings sind bei dem niedrigen Stand der Sonne nur die Bergspitzen beleuchtet. Das Wasser ist nicht gefroren, da es vom Golfstrom angewärmt ist, es entsteht nun die seltsame Erscheinung, daß in die kalte Luft Dämpfe aufsteigen und so die Unwirtlichkeit der Gegend noch erhöhen. Morgen fahre ich mit einem Schlepper in eine 2 Stunden weit entfernte Stadt, (Anm. JV: Trondheim) um mich nach Versorgungsmöglichkeiten umzusehen. Es ist natürlich alles viel interessanter als daheim, und man kann nun zeigen, was man kann. Ich habe jetzt ein Abkommen wegen meiner Wäsche getroffen: ich gebe meine künftig immer mit dem Kommandanten ab. Da wird nun doch ein bißchen besser acht gegeben, das ganze ist ein Problem für das Schiff, vor allen Dingen die Wäscheträger. Nach den Aufzeichnungen unseres Meteorologen – wir haben 2 an Bord – ist es bei euch bitter kalt. Mein Radio spielt klangvolle Weisen, die zum Träumen einladen, ich bin dann manchmal von einer traurigen Fröhlichkeit oder einer fröhlichen Traurigkeit, es ist eine Art Galgenhumor zur Selbsterhaltung. Es ist gut, daß meine Stellung mich zwingt, immer vorbildliche Haltung zu zeigen, besonders meinen Kameraden eine innere Haltung vorzuleben, ohne dabei Jesuit oder Puritaner zu sein. Es ist kein Pharisäertum, wenn ich sage, daß die Haltlosigkeit gewisser Kameraden mich in meiner Haltung bestärkt. Ich habe mich dem Bohnenkaffee hingegeben. Der PK Mann hat mir eben ein wundervolles Foto vom Ansturm des fremden Landes geschenkt.

Ich war vorhin 10 Minuten draußen, es sind 18 Grad Kälte, die ins Gesicht biß. Im Rundfunk sang Lale Andersen ein Seemannslied, ich mag die weiche tiefe Stimme gern hören.

So haben wir den Kaiser-Wilhelm-Kanal passiert, der schon kleine Eisschollen führte. Es war bitterkalt, aber die Mädchen von der Rendsburger Kolonialschule ließen sich nicht abhalten, uns begeistert zuzuwinken. Es ist ja immer ein Erlebnis, so mitten durch das Land zu fahren. Allerdings war es verschneit und den Krieg merkte man an den vielen Flakstellungen, besonders bei den Hochbrücken. Wie lange habe ich die Nordsee nicht befahren!

Gestern kam ich nicht zum Schreiben, da der ganze Tag mit einer abenteuerlichen Fahrt nach der 2 Stunden entfernten Stadt ausgefüllt war. Am 18.1.abends hatte ich mit einem kleinen Umtrunk die zur Heimatverwaltung Brake abkommandierten Soldaten, die dort die Friedensgebührnisse weiter berechnen sollen, verabschiedet und sie noch getröstet, da sie durchaus an Bord bleiben wollten. Es war nun etwas umständlich, mit allen Kisten und Seesäcken von Bord zu kommen, denn es ist um 9 Uhr noch stockfinster und dazu 24 Grad Kälte. Unten an der Bordwand schaukelte der kleine Schlepper, an einem Seefallreep klomm man herunter, alles übrige wurde an Leinen herabgelassen, u.a. auch ein Kranker mit einer Transporthängematte. Obgleich sich alle so warm wie möglich angezogen hatten, ich mit dicker Unterhose, Strickjacke und weißem Wollschal, krochen wir schleunigst in die kleine Kajüte, wo wir 2 Stunden wie die Ölsardinen gepreßt saßen, es war aber wenigstens schön warm. Ab und zu ging man hinaus, die eisige Schönheit der Landschaft zu bestaunen, die Sonne ging auf und rötete mit ihren schrägen Strahlen die Berggipfel, die in feierlichem starren Weiß prangten. Vom Wasser stieg in Schleiern der neblige Dunst herauf. Der Hafen war dann verreist und nun begann die Kletterei über die vereiste Reling auf die ebenfalls vereiste Pier. Das Gepäck mußte herauf, ein Wagen mußte beschafft werden und erst als alles in Ordnung war, stapfte ich mit meinem Stabe in die Stadt, die vielleicht so groß wie Flensburg ist und im Sommer sehr nett sein muß. Es war überall lebhafter Betrieb – langsames Gehen verbot sich von selbst – und man konnte nach langer Zeit wieder nichtuniformierte Menschen sehen, von denen vor allem die weiblichen in hübschen Pelzjacken und Pelzkappen auffielen. Nach allen dienstlichen Erledigungen landeten wir um 1/2 drei in einem Restaurant, das ganz nett war, wo viele deutsche Soldaten verkehrten. Es gab aber nur noch Fisch, der nicht so schön war, wie ich erwartete. Die Frischfischzeit ist noch nicht gekommen und Konserven sind rar, weil es kein Blech gibt. Die Versorgungslage der Bevölkerung ist ziemlich schlecht, es ist nichts mehr da und es kommt nichts nach. Um vier Uhr nachmittags sollte der Schlepper wieder abfahren. Leider mußten wir noch eine Stunde im Hafen warten. In der kleinen Kapitänskajüte, die über einen Radioapparat verfügte, drängte sich alles zusammen. Das Dunkel hatte sich über die Landschaft gesenkt und tausend Sterne strahlten in eiskalter Pracht. Um 7 Uhr waren wir wieder bei unserem treuen Schiffchen angelangt, ein letztes Klimmen über das Seefallreep und dann nahm die Messe uns gastlich auf. Sehr müde von den Eindrücken, dem ungewohnten Laufen und der Kälte ging ich bald in die Koje.

So gehen die Tage dahin, gottlob nicht immer so kalt, das Wetter wechselt auch hier stark. Gestern abend waren die neuen 10 Kriegsoffizieranwärter beim Kommandanten, dazu I.O., ich und zwei andere Offiziere. Man hört mal etwas aus einem anderen Gesichtswinkel heraus. Eben ¾ 8 fängt Hans Fritsche an zu sprechen. Heute nachmittag war ich beim Kommandanten, der den Admiral zu Besuch hatte. Es war interessant, da von ihm und seiner Umgebung viel über Land und Leute gesprochen wurde. Eben kommt mein guter Dinse wieder von Land zurück mit einer riesigen Tüte Krabben, die hier bedeutend größer sind als in Wilhelmshaven, aber leider auch mehr gesalzen.

Es war noch tiefe Nacht, als wir um 8 Uhr den Schlepper bestiegen, gleich kletterten wir in das kleine aber warme Logis des Kapitäns, wo sich alsbald zwei Skatgruppen bildeten. Ich las derweilen etwas, das Schifflein arbeitete sich unermüdlich durch die Kälte. Als wir nach etwa 2 Stunden glücklich ankamen, wollte die Sonne gerade in dem blaßblauen Himmel aufgehen, die Berge färbten sich auf ihren weißverschneiten Spitzen rosa, ein reizendes Bild. Ich hatte für mich und meinen Zweiten einen Wagen an die Pier bestellt, mit dem wir unsere Geschäfte erledigten, sonst schafft man es nicht, der Wind ist auch zu kalt für ein langes Laufen. Abends bin ich dann mit einem Omnibus zurückgefahren, insofern interessanter, als man von der (im Sommer) sehr reizvollen Gegend mehr sah als auf dem Wasser. Aber auch das dauerte 2 Stunden bis in die Dunkelheit hinein, um 7 Uhr nahm uns unser Luxusdampfer wieder in seine warmen Arme. Mittag gegessen habe ich mit dem Kommandanten, dem 1. Offizier, dem Leitenden Ingenieur und dem Arzt im besten Hotel, das leider sehr kalt war, da nicht genügend geheizt werden kann. In der Mitte des schönen Raumes ist ein Palmengarten, der oben mit Glas gedeckt ist. Für Spanien sehr praktisch eingerichtet. Es dauerte auch sehr lange, bis wir alles bekamen, Krabbensuppe und Fisch, leider nicht warm genug, dazu tranken wir Mosel.

Heute wurden meine Heizkörper nachgesehen. Mein elektrischer Ofen ist wie alle anderen eingezogen und in die obere Kartoffellast gewandert, damit die dortigen 450 Zentner nicht erfrieren, die hier eine Kostbarkeit darstellen. Für den inneren Schiffsverkehr lasse ich jetzt an Land für 70.000,- Kantinengeld drucken, da das andere aus dem Umlauf gezogen wird. Später werde ich statt der Notlösung Papier auch Metallgeld prägen lassen können. Unter Radiogedudel lese ich Selbstbildnis eines Gentleman, eine beißende Satire von einem Schotten MacDonald geschrieben, da ist alles dran.

Wir sind vom Autoausflug zurückgekommen und mit dem Abendbrot wieder aufgetaut. Ich hatte eine Pelzmütze mit Pelzohrenklappen geliehen, die man unten zusammenbinden kann, hohe gefütterte Stiefel, Schal und Pullover, aber es war sogar im geschlossenen Auto noch kalt. Es war eine prächtige weiße Landschaft, zerklüftet und wild, aber aber… . An einer Stelle brach der Wagen durch den überkrusteten Schnee und sackte mit den Rädern ein. Wir raus, geschaufelt, geschoben und gemacht, daß er wieder flott würde. Alles in wilden Bewegungen, damit man den eisigen Wind nicht so merkte. Schließlich erreichten wir einen Sommerausflugsort, der aber einen ziemlich verlassenen Eindruck machte. Wir fanden schließlich ein kleines Hotel, altmodisch eingerichtet, wo wir an Plüschmöbeln beim eisernen Ofen saßen und uns bei einem Ersatzkaffee und wenig schmackhaften Kuchen wärmten. Die Rückreise war nicht wärmer, denn langsam wurde es immer dunkler. Mond und Sterne glänzten in kalter Pracht. Zum Abendbrot um ½ 7 waren wir wieder zuhause. Ach wenn man sieht, wie die Kameraden von der Landflak in kleinen Gruppen in der unwirtlichen Einsamkeit hausen, kommt man sich beschämt wie ein Plutokrat vor.

Mein Gesicht glüht, theoretisch bin ich auf dem Wege zum Städtchen, praktisch habe ich mit einigen Kameraden auf den Autobus gewartet, der aber nicht kam, wahrscheinlich, weil im Städtchen Fliegeralarm war. Da sind wir dann um die hübsche Bucht herumgewandert und haben unser Schifflein von der anderen Seite bewundert, (Anm. JV: im Faettenfjord) ein Boot erschien und wir sind frostrot (so um 20 Grad herum) nach einer Stunde an Bord zurückgekehrt. Ich wollte nämlich mit einem Kameraden in ein WHW-Konzert fahren und versprach mir davon eine langentbehrte Abwechslung, da man hier ja nur Musik aus der Büchse hat. Viele sind auch einfach so in die Berge zum Skilaufen oder Rodeln. Eben kriege ich Nachricht, der Autobus ist gesichtet.

Der Autobus war glücklich angekommen, wir mit dem Boot an Land mit geringer Beteiligung hinein, immerhin war ein Prinzlein dabei, der Oberfähnrich Prinz von Holstein, ein sehr netter bescheidener Junge. Die Fahrt war schön, mit der Sonne am frühen Nachmittag noch über dem Horizont, eine Winterlandschaft. In der Dämmerung kamen wir in der Stadt an. Zuerst gingen wir in Müllers Restaurant etwas essen, Taschenkrebse in ziemlicher Größe gefielen uns nicht so, aber nachher gab’s ein schönes Fischfilet, dazu aber 2 Pellkartoffeln. Im Deutschen Haus (früher Freimaurerloge) war im Musiksaal das Konzert, von einer vorzüglichen Militärkapelle ausgeführt. Besonders die Fanfarenmärsche verfehlten ihre Wirkung nicht. Zum größten Teil waren die Besucher natürlich Soldaten, es waren aber auch deutsche Frauen darunter. Nun, es war mal etwas anderes und der Obermusikmeister hatte es so straff und schön aufgezogen, nachher auch mit dem Soldatenchor, daß man seine Freude hatte.

Wir waren mit dem Kommandanten beim General in der Stadt. Untergebracht ist der Stab in dem dafür beschlagnahmten feinsten Hotel, nach 1 ¾ stündiger Fahrt in 4 Autos kamen wir kurz nach 19 Uhr an, wurden von vielen Armeeleuten freundlich in der Halle empfangen, reizende Serviermädchen in schwarz-weiß kredenzten einen Cocktail als Willkommenstrunk. Die hübschesten waren bereits mit deutschen Soldaten verlobt. Dann ging es zum Essen, das einfach aber schmackhaft war: erst Irish Stew, dann Brot mit Wurst bzw. Rollmops. Später zerstreute man sich auf nette Räumlichkeiten, man hat in Norwegen ja eine gute Wohnkultur. Drei Damen waren dabei, Offizierstöchter, die bei der Dienststelle arbeiten. Es gab noch eine Tasse dünnen aber guten Kaffee und nachher Bier. Die netten Herren am Tisch ließen aus eigener Tasche Sekt auffahren. Um 11 Uhr war Aufbruch, alles war enttäuscht, vor allem unsere Gastgeber, aber wir mußten ja noch fast 2 Stunden durch die weiße Mondlandschaft fahren, über Berg und Tal, und dann eine kurze Strecke an Bord. Kommenden Sonntag hat mich eine Division eingeladen zur Teilnahme an einem bunten Nachmittag im Deutschen Haus in der Stadt. Ich nehme meinen getreuen Zweiten mit, der wie mein Schatten und ganz auf mich eingestellt ist. Ich habe heute dem guten O. eröffnen müssen, daß er vermutlich am 1.4, abkommandiert wird und ein K.O. Anwärter für ihn aufrückt. Er ließ die Ohren hängen, ist seit Indienststellung an Bord und hat nichts erlebt. Ich kann’s verstehen.

Gestern war ich im ….Stab, um die s.Zt. kennengelernten Damen zu einem Divisionsfest heute nachmittag im deutschen Haus einzuladen. Es sind 200 Mann und etwa 100 Mädchen. Kakao, Kuchen und Musik, ich habe dieselbe Tischdame, leider hat sie einen Hüftfehler und hinkt ein wenig, schätzungsweise Anfang 30. Aber nicht häßlich und sympathisch. Diese Damen leben wie Nonnen unter Aufsicht der älteren vorgesetzten Offiziere, müssen für jede Unternehmung Erlaubnis einholen.

Eben wird die stolze Nachricht vom Durchbruch der schweren Schiffe durch den Kanal unter der Führung von Ciliax durchgegeben. Von uns mit gemischten Gefühlen aufgenommen, aber nicht ohne daß eine gewisse Hoffnung verblieben ist. Eine schwere Schlappe für den Engländer, nach dem Verlust von Singapur. Wir haben wieder 6 Grad, ich zittere um 400 Zentner Kartoffeln, die ich mir heute über Land holen lassen muß. Kein Spaß bei viermaligem Umladen. Ich hatte neulich Pech, da ist mir durch Rohrbruch eine große Menge verbrüht und zu Grus und Mus, das war viel Schweine- und Schererei.

 

Wir hatten eine Einladung an Land als Folge unserer Einladung beim General. Die Offiziere dieses Stabes haben dicht bei der Stadt eine kleine Villa und dort waren wir eingeladen zum Kartoffelpuffer essen, zu dem wir einige notwendige Zutaten mitbrachten. Oberst Zank (Verwandter des Malers Angelo Zank) ist ein prächtiger Major da, außerdem die drei Damen des Kommandos, von denen ich schon schrieb und die mit einer Ordonanz den Küchendienst übernahmen. Von uns mein Zweiter, ein Oberassistenzarzt, der so schön malen kann und ich. Es wurde erst Kaffee (von uns) getrunken, dazu hatten die Damen Obsttorten gebacken. Die Puffer wollten erst nichts werden, die Kartoffeln waren nicht fein genug gerieben, dann wurde es mit einem Zusatz von Mehl erzwungen. Es war sehr lustig und es wurden im tiefverschneiten Garten noch Aufnahmen gemacht. Wir überraschten unsere Gastgeber damit, daß wir plötzlich in weißen Jacketts auftraten, die wir mitgebracht hatten. Es war auch sehr nötig, da stark eingeheizt war. Um ½ 12 fuhren wir mit dem Autobus wieder davon, froh, mal etwas anderes erlebt zu haben.

Ich sollte für den Kommandanten dringend in die Stadt, die üblichen Verkehrsmittel waren schon routinemäßig fort und ein Bordflugzeug, das ich leicht hätte in diesem Fall bekommen können, konnte nicht starten, da über der Stadt Nebel gemeldet war. Es ist milde geblieben, einige Grade über Null und ich lebe nun auf, da ich ja kein Freund großer Kälte bin. Ich bekam aber ein schnelles Sonderfahrzeug von der Fliegerei, das mich dann in einer guten Stunde direkt zu der Vorstadt brachte. Der Kapitän hatte mir seine hübsche Kabine zur Verfügung gestellt, da saß ich dann, lauschte dem Radio, las ein Illustriertes Blatt. Nach Erledigung meiner Geschäfte, die allerdings dringende Telefonate mit sich brachten, es ist hier eine Menge zu organisieren, wanderte ich in tief schneevermatschter Straße bergauf zur Endstation der Straßenbahn. Die Triebwagen sind modern, wie in Berlin, von der Mitte aus betretbar, die Sitze nach einer Richtung und ledergepolstert. Viele Skiläufer beiderlei Geschlechts fahren in ihren bunten Mützen, Schals und Pullover mit, die Skis werden außen an einer besonderen Halterung am Wagen befestigt. Ich ging dann sehr hungrig zu dem Hotel, aß dort im Palmengarten eine Karbonade (ganz selten, daß man ein Stück Fleisch bekommt) und trank eine Brause dazu, weil das gräßliche sog. Bier nicht schmeckt. Dann machte ich Frl. F. die wie das ganze Kommando im Hotel wohnt, einen Besuch und es traf sich gut, sie erwartete Gäste zum Kaffee (echten) und ich blieb mit Freuden. Es kamen noch 2 Herren vom Stabe und eine Dame und ich verbrachte einen angenehmen Nachmittag, der mir auch dienstlich etwas einbrachte, da die Herren mit der Heeresverwaltung zu tun hatten, mir die Schau ihrer Betriebe und evtl., Bezüge daraus anboten. Ich wieder konnte mit einer Bordeinladung winken, die sich allerdings zum Leidwesen der Damen nicht auf diese erstrecken durfte. Wir dürfen nur berufstätige Damen an Bord nehmen, also K.D.F. Ich wanderte dann um 5 Uhr, als der Dienst alles auseinander trieb, durch die Stadt, die hoffnungslos vermatscht war. Ungeheure Schneeberge tauten überall, ich schlurfte und rutschte zum uralten Krönungsdom, konnte ihn aber nur umkreisen, da er von 12-13 Uhr offen ist. Er soll herrlich innen sein, außen sind immer viele Gerüste, wie beim Kölner Dom. Kaufen konnte ich nichts, denn die Faulpelze hier machen schon um 3 bzw. 4 zu, ebenso wie sie im Zeitlupentempo Schnee schippen, wenn überhaupt. Abends ging ich in ein Restaurant und zerriß ein halbes Schneehuhn (eigentlich ein Schneesperling). Um 9 fuhr ich mit dem Urlauberdampfer zurück, in zeitweiligem Nebel ging es nicht so schnell, so waren wir denn endlich gegen 11 Uhr da. Dann habe ich noch das Nötigste mit meinem Proviantmeister beraten, mit ihm ein gutes deutsches Bier getrunken und totmüde ins Bett gefallen. Eben war Ruhe im Schiff – Licht aus im Anschluß an Lili Marleen, die allabendlich durch Rundfunk ihr Lied von der Platte singt.

 

Die Sonne ist über Tage schon stärker und das schräge Licht gibt entzückende Bilder auf den mit Fichten und Birken bewachsenen Steinhängen: Manchmal weiß man gar nicht, wie so ein knorriges Bäumchen Halt und Nahrung in einer Felsspalte finden kann. Besonders das Abendrot malt auf Wasser und Bergen leuchtende zarte unwirkliche Farben (Tinten!). Der Kommandant bekam von seinem Sohn plötzlich Nachricht, daß seine Frau im Lazarett läge. Er war sehr aufgeregt und erfuhr dann bald, daß sie eine schwere Operation glücklich hinter sich hätte. Ich habe sein volles Vertrauen, er sagt mir unter 4 Augen alles und darüber bin ich sehr froh, denn manchmal fehlt es durch die vielen Spannungen an echter Kameradschaft und das ist schlecht bei der vielen Arbeit, die nicht weniger geworden ist, seit ich nebenamtlich Verbands-Verwaltungsoffizier bin. Aber solche Arbeit mache ich lieber als den Kleinkram.

Wir haben eine neue Feldpostnummer erhalten: M 30162. Es ist nichts ungewöhnliches, die alte läuft noch eine gewisse Zeit nebenher. Ich hatte das unbedingte Bedürfnis, am Sonntag mal alles hinter mir zu lassen und nach 14 Tagen andere Menschen zu sehen. Beinahe wäre es noch schief gegangen, denn ich hänge jetzt von 2 hohen Vorgesetzten ab und bin nun eben mal aus einem kleinen Rädchen ein großes geworden. Aber bis 10 Uhr war auch das geklärt und das letzte erledigt, so konnte ich denn mit dem Boot an Land in den wartenden Omnibus, der uns in etwa 2 Stunden zum Städtchen brachte. Es hatte am Morgen geschneit, sich aber wieder etwas beruhigt, ferne schien die Sonne auf die schneebedeckten Berge, ein wunderschönes Bild. Und nicht sehr kalt, der Wagen an den Fenstern zum ersten Mal nicht vereist, sodaß man die Landschaft, mit Neuschnee dick bedeckt, betrachten konnte. Wir, das waren mein Zweiter, der große Maler Dr. Steen, sehr sympathisch und meine Kleinigkeit. Als vierter trat nachher noch ein Oberleutnant d.R. dazu, Weltkriegsteilnehmer, aber nicht von ungefähr, sondern als Anstandswauwau. Wir hatten nämlich beschlossen, die drei Damen des Stabes einzuladen. In einem Hotel, dem Palmengarten wurde gegessen. Ohne die Damen, die im Kasino aßen. Es gab ein Schneehuhn, das ich sehr liebe. Es sollte nun in die Berge gehen, und ich hatte mich auf die Wanderung gefreut. Wir fuhren mit der Straßenbahn bis an die Stadtgrenze, dann ging es hinauf an hübschen Holzhäuschen vorbei, viele Skifahrer in buntem Zeug kamen uns entgegen. Da fing es langsam wieder an zu schneien, es wollte gar nicht aufhören und nahm so eine Wucht an, es wurde ein Schneesturm, wie ich ihn noch nicht erlebte, die Massen schütteten und peitschten, daß man von einer stämmigen Fichte unter die andere flüchtete, es kam aber von allen Seiten, man verlor den Weg, verkrustete an Haar, Wimpern. Es war ein Kampf, und dafür waren wir mit normalem Zeug nicht angezogen. Ich habe im Stillen das Hinkebein bewundert, das sonst ganz tapfer laufen kann. Nach 2 Stunden kapitulierten wir und begaben uns reumütig an die Haltestelle. Leider kam aber keine Bahn, da wir nasse Füße hatten, liefen wir schnell ins Hotel, wo wir die Schuhe an der Heizung trockneten und zu Atem kamen. Aber es war doch schön, denn es machte Spaß, mal im Kampf mit den Elementen zu stehen und hat mich sehr erfrischt.

 

Vorstoß in den Norden

Wir folgen errötend den entfernteren Spuren meines alten Fischereischutzbootes Zieten, und mehr darf ich nicht sagen. Die Stimmung hat sich schlagartig gehoben, unfreiwillige Untätigkeit drückt den Soldaten. Alles hofft auf Erfolg, aber man merkt erst auf dem Meer, wie groß es ist. Beinahe hätte ich meinen Zweiten nicht mitbekommen. Im letzten Augenblick kam der Schlepper angekeucht und er jumpte beglückt an Bord. Leider hatte er 6000 Brote in der Eile nicht mitkriegen können und nun backen meine armen Bäcker Tag und Nacht. Wir haben das erste Mal etwas mehr Seegang erlebt. Wenn dieser Pott zu jumpen anfängt, hört er so bald nicht wieder auf. Die jungen Leute waren ziemlich seedoll, aber wo sollen sie es herhaben? Von der gemütlichen Seefahrt wachsen keine Seebeine. In der Macht war es eine ziemliche Klöterei, bis ich einsah, daß es besser ist, vorher aufzustehen.

 

12.März 1942

Heute sind die ersten Eisernen Kreuze verteilt worden für den kühnen Vorstoß nach Norden. Hauptsächlich ist die Maschine berücksichtigt worden, denn sie hat ja den stärksten Anteil am Gelingen. Die vier dekorierten Offiziere wurden mit Hallo begrüßt.
Gestern sahen wir nach langer Zeit wieder eine Wochenschau und zwar die, mit dem Durchbruch der Schlachtschiffe durch den Kanal. Sie ist hochinteressant, bringt auch viel von Dr. Todt und sein Staatsbegräbnis. Ich bin eben nicht weit gekommen, da meine Hütte tagsüber einem Taubenschlag gleicht, jetzt ist es gegen 20 Uhr, Hans Fritsche spricht.

 

Heute steht das ganze Schiff auf dem Kopf, denn wir haben aus technischen Gründen unseren Tag der Wehrmacht etwas vorverlegt (wir machen ihn ja sowieso ohne Publikum). Wir werden wohl auf 50.000 kommen, allein das Wunschkonzert bringt viel Spaß. Ich erlebe alles in meiner Kammer, denn ich muß zwischendurch arbeiten. Ich glaube, der Kommandant muß sich einen Bart stehen lassen, fast alle Divisionen haben gemeldet, daß die Soldaten den verlangten Betrag von 1,- spenden. Da kommen allein schon Tausende zusammen. Der Schiffsarzt muß als Diogenes in die Tonne kriechen (im richtigen Kostüm), Unteroffiziere müssen irgendwas scheuern usw. Der Kommandant hat für viel Geld etwas auf der Mundharmonika durch den Rundfunk gespielt. Dann laufen phantastisch gekleidete Männer herum und verkaufen kleine Schnäpse für 1,-. Tausende von Flaschenbier werden an Deck amerikanisch versteigert, in der Messe ergab die amerik. Versteigerung einer reizenden kleinen Kogge (Handarbeit von Soldaten) über 500,-RM. In den Zeichnungslisten für Barspenden stehen schon über 30.000 RM. Nach Erledigung meiner Geschäfte im Städtchen bin ich zunächst mit Frl. F. in Verbindung getreten. Ich habe sie zum Mittagessen eingeladen, es gab gebratenen Lachs, leider mit süßen Pellkartoffeln. Ich bin so froh, daß ich gute Kartoffeln bekommen habe für unseren eigenen Bedarf. Da ich gestern den Schlepper nicht mehr erreichte, hatte ich das erste Mal die Erlaubnis, in der Stadt zu übernachten, in einem von der Kommandantur zugewiesenen Hotel. Klein aber sauber. Ich hätte ganz gut geschlafen, wachte aber um 3 Uhr auf von einer Stimme, die beschwörend in mindestens drei Sprachen auf ein Mädchen einsprach, zum Zwecke eines bestimmten Zwecks. Er mußte es aber schließlich aufgeben, denn die junge Dame berief sich auf ihren Stand als Schwester und behauptete, im Offiziersrang zu stehen. Ein inhaltsreicher Sonntag geht seinem Ende entgegen. Meine Offiziere stehen ratlos vor Säcken von Geld. Ich hoffe, daß dieses einmalige Ergebnis durch Rundfunk bekanntgegeben wird.

Einschub Weihnachten 1941 fällt aus!
Maria ist dienstverpflichtet, Josef eingezogen,
das Christkind evakuiert.
Heu und Stroh sind von der Wehrmacht beschlagnahmt,
Die Krippe ist der NSV zur Verfügung gestellt.
Die 3 Weisen aus dem Morgenland haben keine
Einreiseerlaubnis und im Stall hat sich
Die Flak einquartiert-
Die himmlischen Heerscharen haben Redeverbot (keine Welle frei)
Und der Stern darf wegen Verdunkelung nicht leuchten,
und wegen dem alten Esel lohnt es sich nun wirklich nicht.

 

 

Jetzt zu Ostern scheint es so, als ob der Winter überwunden wäre, es ist nicht mehr so kalt, aber Schnee liegt überall noch und das Auge wird geblendet durch das grelle Weiß in der Sonne. Ich war gestern mit einem schönen Wagen (etwas ganz seltenes) in der Sondermission in der Stadt, ausnahmsweise schien ab und zu die Sonne, es war ein frühlingshafter Tag. Mittags aß ich feierlich mit dem General und allen Offizieren als einziger Mariner – es gab übrigens Schneehuhn – anschließend mit dem General, einem prächtigen alten Herrn, in kleinem Kreis eine Tasse Kaffee. Dann fuhr ich mit Frl. F. mit der Straßenbahn (Das Auto darf für Privatfahrten nicht benutzt werden) zu einem bekannten Skiabsprung die Berge hinauf, eine wunderhübsche Fahrt, alles überfüllt, sehr viel deutsche Wehrmacht. Oben ein mäßiger Skibetrieb. Frl. F. hatte gottlob noch eine Sonnenbrille mitgebracht, sonst wäre es unerträglich gewesen. Wir sind dann ein Stück abwärts gelaufen (ein Hauptmann hatte mir seine Gummischuhe geliehen) und schließlich mit der Straßenbahn zurück. Schließlich richtete ich bei dem kranken Frl. L. im Krankenhaus noch meine guten Wünsche aus und gab ein Osterpaket vom Kommandanten ab und fuhr schließlich befriedigt mit meinem sympathischen Fahrer aus Köln an Bord, wo ich bei Dunkelwerden anlangte, um gleich zum Bericht beim Kommandanten befohlen zu werden.

Ich hatte Glück, es war ein frühlingshafter Tag mit 10 Grad Wärme und Sonne, die man hier ganz besonders lieben lernt. Ich bin die Berge hinaufgezogen, nur daß man buchstäblich durch strömende Bäche watete, denn das Wasser schoß förmlich von den Bergen aus der Schneeschmelze. Oben war eine herrliche Luft, das Städtchen lag weit unten im Sonnenlicht, die Förde erstreckte sich weit zu den schneebedeckten Bergen in seltener Klarheit. Ich war hinterher schön müde körperlich. Wurde es aber später noch mehr, denn der Dampfer konnte uns nicht finden und langte erst gegen 3 Uhr an, besser noch als das stumpfsinnige Anbordbleiben, bei dem doch nur nachher der Becher geschwungen wird. Ich halte mich allerdings sehr zurück.

Sonntag kamen 3 Herren vom höheren Kommando um 10 Uhr. Nach gründlichen Besichtigungen, die meine jüngeren Herren durchführten (ich war derweilen zum Vortrag beim Kommandanten und Befehlshaber) aßen wir gemeinsam Mittag, dann wurde weiter besichtigt, Kaffee getrunken und dann waren sie natürlich nicht von Bord zu kriegen. Um 10 Uhr winkten wir ihnen glücklich von der Schanz Lebewohl – 3 Freunde mehr gewonnen und vieles Interessante erfahren. Jedenfalls ständen sie alle lieber im Osten als hier. Es geht ihnen also ähnlich wie uns. Heute war alle Mann achteraus, Rede des Kommandanten und nachher ein Glas Sekt in der Messe auf das Wohl des Führers. (20. April) Die letzten Fähnriche sind nun Leutnants. Ich habe einen ganzen Wald von VO’s um mich herum. Ich habe viel Arbeit und muß viel kämpfen, werde aber hier bei den maßgebenden Stellen anerkannt und gelobt. Im Verband habe ich mich jedenfalls durchgesetzt, wenngleich einige ältere VO’s dabei sind.

Heute früh nach dem Essen hämmerte einer immer zu in der Nähe, da habe ich meinen Zweiten genommen und bin mit ihm auf den Felsen hinauf. Bis 50 m haben die Männer schon Steige gemacht aus gefällten Baumstämmen und Felsbrocken, die sie aus dem ziemlich weichen Schiefer brachen, so wie die Steige in der Sächsischen Schweiz, manche mit Geländer. Viele Divisionen bauen sich Blockhütten. Dann gingen wir mehrere 50 m über Moos, Geröll und Gestrüpp und da lag auf der anderen Seite in einer Mulde ein Gehöft. Von dem ging ein romantischer Weg zu einer anderen Mulde mit einem Gehöft, das Milch abgeben sollte. Auf der kargen Weide vor dem Haus sprangen zwei kleine muntere Knäblein mit einem hübschen Hühnerhund umher. Mit einem spielten wir zu seiner großen Freude Fußball. Dann gingen wir in das ärmliche Wohnhaus (der Stall mit der Scheune steht immer gesondert und ist rot angestrichen) und baten um etwas Milch. Eine freundliche Frau machte in der aufgeräumten Wohnstube gerade Reinschiff, hörte aber sofort auf, schleifte zwei Stühle herbei. Dann kam ein freundliches junges Mädchen von etwa 16 Jahren, sehr dünne Beine, brachte einen kleinen Tisch mit einer Decke und setzte darauf einen großen Krug mit Milch und zwei Gläser auf einem Tablett. Alles sehr einfach, einfache gestrichene Möbel, karg wie das Land. Die Menschen aber freundlich. Ich wollte nicht lange von Bord sein, darum brach ich bald auf, aber die Vollmilch schmeckte herrlich. Etwas tiefer in der Bucht wird durch Gemeinschaftsarbeit aller Besatzungsangehörigen ein Sportplatz aufgeschüttet, mit Felsbrocken und Schotter darüber. Das gibt Abwechslung, da die Männer ja doch nur alle 14 Tage mal ins Städtchen kommen.

Gestern bin ich mit dem Kommandanten und einer Kommission zu einer schönen hügeligen Insel gefahren, um sie nach Möglichkeiten für ein Ausspannen eines Teils der Besatzung zu überprüfen. Da war ein Bauernhof, z.T. verlassen, mit ganz schönen Räumen und vor allem einem herrlichen Ausblick. Im Stall standen noch ein junger, ziemlich wilder Bulle und eine Kuh. Alles andere hatte man schon fortgebracht. Dort werden wir nun versuchen, einen kleinen Ausspann einzurichten. Heute mittag war ich beim Kommandanten mit dem Nav. Offz. eingeladen, es gab gekochte Lachsforelle mit sehr festem rötlichen Fleisch.

Die Sonne ringt sich ab und zu durch, aber der Wind ist noch kühl, es war wieder ein Kälteeinbruch. Ich bin mit meinem Zweiten nach dem Essen auf den Berg geklettert, um nach unserem Bauernhof zu sehen, oh weh, sie waren alle fort, mit Hühn und Perdühn und Soldaten bevölkerten die einst so friedliche Stätte. Aus war es mit der schönen Milch und ein Traum von Eiern verweht. Aber die Birken stecken schon kleine grüne Spitzen heraus und Leberblümchen und Anemonen sind da. Auch in meiner Kammer sind die letzteren, sie erinnern mich an die schönen Wälder um Swinemünde und an den Glücksburger Wald mit seinen vielen glücklichen Erinnerungen. Aber es tut nicht gut, sich oft zu erinnern, man muß die Zähne zusammenbeißen. Nur gut, daß ich mit Arbeit und Besuch bis über beide Ohren eingedeckt bin, dann kommt man nicht so zum Nachdenken.

Ich war gestern mittag im Dom, der innen prächtig ist, man konnte aber nicht überall hin, denn es war in einem Teil Konfirmation, die man von Ferne beobachten konnte. Der leierige Tonfall des Priesters in dem herrlichen Haus fiel besonders auf. Nachmittags war natürlich keine Sonne, aber Frl. Franke ist tapfer mit mir 2 Stunden im Regen herumgehinkt, nachdem wir mit der Straßenbahn ein Stück hinausgefahren sind. Es war trotzdem schön, weil es nicht mehr so kalt war und die ersten Knospen zu sehen waren, besonders die Lärchen sahen reizend aus. Und dann konnte man weit über die seenartige Förde sehen, in der Ferne Berge mit Schnee im Sonnenglanz, denn das Städtchen liegt zwischen Bergen meist im Dunst und Wolken. Ich war sehr erfrischt hinterher, es ist so selten, daß man sich das leisten kann. Die Heimfahrt an Bord erfolgte im Hellen, da man bis 10 Uhr noch gut Zeitung draußen lesen kann.

Wir haben zur Abwechslung seit heute morgen blauen Himmel mit kräftigem Ostwind, der zwar kühl ist, aber der Sonne zum Durchbruch verholfen hat. (Du gehst durch all meine Träume, singt eine warme Altstimme im Radio.) Heute vormittag war ich mit dem Rollenoffizier auf unserer Insel, (Anm. JV genannt Tipitö) um mich vom Fortgang der Arbeiten zu überzeugen. Die Aufräumungsarbeiten waren schon so ziemlich beendet, einige Räume ließen die künftige Wohnlichkeit ahnen – man kann nur hoffen, daß das Idyll nicht gestört wird bzw. nachher genutzt werden kann. Wenn ich bedenke, daß ich in der Führervorlage als künftiger Amtschef stehe; wenn man dann fälschlich annimmt, daß das mit meinem Einverständnis geschehen ist, wird man mich für größenwahnsinnig halten. Na, wie dem auch sei, wir werden ja sehen was daraus heraus brütet, hoffentlich zum Guten der Marine. Übrigens traf ich in einem der Räume auf der Insel, in dem die Malerleute eifrig pinselten, einen schönen großen langhaarigen, braunen Hund mit ziemlich dünnem Kopf, der aber liebreizende Augen hatte. Er war bei der Bahnstation in unserer Nähe aus dem Zug gesprungen und von der Flak mitgenommen worden, die uns hier betreut, von da zu unseren Leuten gewandert, die ja auch meist tierlieb sind. Ich habe in meiner großen Vase immer Zweige mit ganz jungen Blättern, die ich neu vom Felsen pflücke, wenn die alten welk sind. Jetzt kann ich sie schon mit halbgeschlossenen Knospen pflücken, die in der Wärme der Kammer bald aufgehen und dann einen künstlichen Frühling vortäuschen. Dazu prangen in einer kleineren Vase Anemonen und Leberblümchen, die es weiter oben auf dem Berg reichlich gibt. Was man so alles macht. Manchmal bin ich auch stinkewütend, ich könnte mir dann die Pest an den Hals ärgern – aber das liegt dann wohl daran, daß ich nicht weit genug über den Dingen stehe. Etwas hilft es immer schon, wenn ich dann den Berg hinauflaufe und zwischen Tannen und Birken, Anemonen, Leberblümchen und wilden winzigen Primeln herumklettere.

In meiner jetzt sehr hellen Kammer, obgleich ich nicht Sonnenseite habe, ist wieder frisches Grün, hauptsächlich Birke, mit schon recht stattlichen Blättchen. Die habe ich mir gestern abend allein geholt, von der anderen Seite unserer Förde, wo mich für eine Stunde ein Boot absetzte. Ich folgte der Straße, die neben einem brausenden Gebirgsbach in ein schönes Tal führt, das von hohen steilen, baumbewachsenen Bergen eingeengt wurde. Die abendliche Sonne lag auf den Bergspitzen, eine silberne Mondsichel schwebte zart im blaßblauen Himmel. Als ich mit meinem Maibusch zur Anlegestelle kam, innerlich gehoben von dem kurzen aber eindrucksvollen Spaziergang, wurde mir gemeldet, daß jetzt eine Offz.-Sitzung begänne. Es wurde ½ 12, da war ich zu müde zum Schreiben. Heute nachmittag fahre ich mit dem Kommandanten zu seiner Insel, um die Vorbereitungen zu prüfen, die er für morgen befohlen hat, wo er in seinem Blockhaus Kaffeegäste bewirten will. In das wieder instandgesetzte Bauerngehöft soll auch allerhand Vieh, die Futterfrage ist aber das Schwierigste, da es an Kraftfutter fehlt. Schweine könnte man mit unseren oft reichlichen Abfällen wohl mästen, aber es müßten mindestens 4 sein, daß es einmal fürs ganze Schiff langte. Es tauchen immer wieder neue Probleme auf.

Heute bin ich viel mit dem 1. Offizier zusammen gewesen, über Mittag sind wir mit dem Autobus zu einem großen Wasserfall mit einem Kraftwerk gefahren – landschaftlich schön. Aber es gab nicht die erwarteten herrlichen Forellen, sondern mit Not und Mühe ein Wurstbrot. Um ½ 4 sind wir reumütig zurückgefahren, es lag aber daran, daß der Massenbesuch zu Pfingsten alles kahlgefressen hatte. Unsere Urlaubstage liegen ja leider wegen der Urlauberdampfergestellung nicht gleichmäßig mit dem Kalenderwochenende. Wenn es warm ist, ist Sonntags alles überfüllt, ½ davon Soldaten aller Waffengattungen. Gestern abend waren wir im Häuschen eingeladen, Frl. F. war die erste Zeit auch dabei. Frl. L. tritt nach ihrer Entlassung eine längere Kur an und bleibt dann in der Heimat, da kranke Mädchen hier in dem rauen Klima nicht gebraucht werden können. Mir tut es leid für sie, war ein netter Kerl. Die drei vom höheren Kommando haben überhaupt ein unbegrenztes Zutrauen zu mir, manchmal etwas peinlich, man gleitet als angehender älterer Herr doch langsam ins Väterlich-Onkelhafte hinein.

 

3. Juni 1942

Es wird wärmer, die Gegend, die sich begrünt, immer reizvoller. Die Birken tragen wehende zartgrüne Schleier, die Tannen haben kleine rote Zäpfchen aufgesetzt und alle Anemonen blühen nach wie vor mit weit aufgerissenen Blumenaugen. Morgen mit dem frühesten muß ich in die Stadt, tausend Besorgungen machen, nachmittags wieder fort, im Wagen mit Gästen des Kommandanten, die er auf der Insel eingeladen hat, dort teilnehmen, dann wieder an Bord. Eben hat mich der Kommandant rufen lassen und mir einige Bilder vom letzten Aufenthalt auf der Insel geschenkt.

Gestern (3. Juni 42) war die offizielle Einweihungsfeier der Insel. Die geladenen Gäste vom Flakregiment und dem Reichskommissar sahen, was aus den verwahrlosten Gebäuden geworden ist. Es gab einen kleinen Imbiß, als Attraktion bekam jeder 2 Möweneier, die hartgekocht und halbiert waren. Das Gelbe war herausgenommen, würzig zurechtgemacht und dann wieder hineingetan worden. Dann gab es Würstchen und Kartoffelsalat, dazu Bier. Heute bekommen wir hohen Besuch aus Berlin aus dem Haus, wo ich so oft aus und einging. Es ist an Deck großer Zauber in Vorbereitung, ich bin schnell entwichen, um 10 Uhr ist Bierabend in der Messe, bin mal neugierig, wer heute alles befördert ist, die Nachricht durch Befehl kommt ja immer erst später, wenn man’s selber ist. Ein 28er ist K.K. geworden, also wird dieser Jahrgang schon angerissen.
Ich mußte mit dem frühesten in die Stadt, das entschied sich erst gestern abend beim Kommandanten. Ich schreibe jetzt im Lesezimmer des Deutschen Hauses, dem pompösen Gebäude der ehemaligen Freimaurerloge, das jetzt Wehrmachtszwecken dient: Konzertsaal, Kino, Speiseräume. Da bei dem Lesezimmer eine Bücherei ist, wo auch deutsche Bücher verkauft werden, wollte ich zu dienstlichen Geschenkzwecken Bücher kaufen. Eine sichtlich kranke Schwester versprach mir mit matter Stimme, etwas zusammen zu stellen, für das nächste Mal. Ich erblicke durch das Fenster die Bäume im jungen ersten Grün, ein langersehnter Anblick.

Ich hatte mich auf einen ruhigen Abend gefreut mit einem Kinostück. Nun bin ich aber kurzfristig zu dem Admiralsessen auf unserer Insel befohlen worden: auch die Möweneier und Kartoffelsalat mit Würstchen können mich nicht locken. Aber Dienst ist Dienst, der Kommandant hat mich bei solchen Spitzenessen immer gern dabei. Er hat mir nach einer schmeichelhaften Ansprache gestern eine große Fotografie seines Ölbildes, das Dr. Steen von ihm gemalt hat, überreicht, auf dem steht Meinem tüchtigen S.V.O und treuen Kameraden, Korv. Kpt. (V) Voigt in freundschaftlicher Gesinnung, Kapt. z. See und K.T. Ich glaube allerdings auch, mir die größte Mühe gegeben zu haben. Diese Anerkennung hilft in schweren Zeiten und gibt wieder Mut.

Ich hatte mir streng alles verbeten. Mein Zweiter bat mich, eine schon lange vorbereitete Sache starten zu dürfen: Um 10.0 Uhr kamen meine drei VO’s und die drei Oberfeldwebel als Abordnung und brachten mir eine wundervolle Gabe: Der Zweite redete eine lange Rede …. Als Sie, Herr Kapitän, vor nunmehr 25 Jahren ….. und überreichte mir zum Schluß in einer herrlichen Kassette aus poliertem Nußbaum mit eingelegtem Tirpitzwappen, innen mit Samt und im Deckel mit elfenbeingefaßtem Spiegel ausgelegt einen Ehrendolch, der in der Scheide auf der einen Seite die Gravur trägt: Zur Erinnerung an die 25jährige Dienstzeit am 21. Juni 1942, Die Verwaltung des Schlachtschiffes Tirpitz, auf der anderen Seite das Schlachtschiff selbst. Ein wirklich kostbares Stück. Dazu eine Urkunde mit 70 Unterschriften von allen Untergebenen, eine ganz fabelhafte Sache, um derentwillen ich dem Zweiten nicht böse sein kann. Mancher gute Kamerad kam still und leise, weil ich es laut nicht wollte, mir die Hand zu drücken. Und der Kommandant hatte mich heute abend mit dem I.O. auf der Insel und pries mich in seiner Rede als seinen Freund. Na, das langt ja, nun warte ich auf die Auswirkungen.

Auf der Hinfahrt mit dem Dampfer war es noch kühl, die Sonne konnte auch nicht so, wie sie wollte, jetzt ist aber heiß, es hängt ganz von den schnell wechselnden Winden ab. Ich blieb eine Nacht in der Stadt, weil meine Geschäfte an einem Nachmittag nicht zu erledigen waren und übernachtete in einem guten Hotelzimmer mit Brausebad, in das ich von der Stadtkommandantur immer eingewiesen werde. Man ist ja so langsam bekannt hier. Mein Zimmer lag ganz oben im 6. Stock, ich hatte einen herrlichen Rundblick über den Hafen, es war auch entsprechend ruhig, und so konnte ich mal ausschlafen. Mittags habe ich gebratenes Walfleisch gegessen, vorzüglich, schmeckte so ähnlich wie Kalbfleisch, nicht nach Fisch. Jetzt gibt’s schon eine Kartoffel pro Kopf. Meine Kartoffeln an Bord sind ziemlich schlecht, unsere Schweine auf der Insel freuen sich über den reichlichen Abfall. Es weiß bloß kein Mensch, ob wir sie fett kriegen oder vorzeitig schlachten müssen. Übrigens Insel: Der Kommandant hatte letzten Sonntag die Damen des höheren Kommandos mit einigen Offizieren eingeladen, der I.O. und ich waren auch dabei. Ich kann nun heute zwei wohlgelungene Aufnahmen schicken, die unsere Umgebung anschaulich zeigen. Dann habe ich in einer Frontzeitung für N. den anliegenden Brief einer Soldatenfrau gefunden, bei dem mir besonders die letzte Strophe gefällt: Die guten Sterne sind mit uns vereint ….

Soeben trieb mich ein Fernanruf vom Sofa, wo ich bekümmert einen Mittagsschlaf halten wollte, da der Kommandant mir vorhin gesagt hatte, er habe immer noch keine Nachricht über meine Beförderung. Da war Köhler vom Flottenkommando am Apparat, der mir freudestrahlend die Nachricht durchgab, daß ich mit dem 1.7. Fregattenkapitän würde. Er selber sei auch mit dem 1.7. zum Kapitänleutnant befördert. Na ja, man muß nur 25 Jahre dienen, schon wird man was. Heute abend werde ich also als letzte dienstliche Tat im K.K.Rang meinen Vortrag halten. Ich schicke heute ein wunderschönes Album mit norwegischen Aquarellen. Hier gießt es immerzu, es ist scheußlich kalt geworden.

 

Es ist wieder einmal so weit, unser stolzes Schiff braust durch Peer Gynt’s Heimat, vorbei an schroffen, wolkenverhangenen Felsen und flachen, begrünten Schären im Regen und ewiger Helligkeit nach Norden. Es ist sehr plötzlich gekommen, wie immer, denn Überraschungen allein sichern den Erfolg. Nach dem langen Warten geht es wie ein Aufatmen durch die Tausende, alles ist froh und gespannt. Augenblicklich hat mich der Schiffspfarrer beim Kriegstagebuchführen abgelöst.
Ich lese gerade in der heutigen Funkpresse, daß Flensburg einen Tagesangriff von 5 Bombern hatte, von denen 2 abgeschossen wurden. Ich bin sehr beunruhigt, daß es Verletzte gegeben hat, aber hierher werde ich kaum Nachricht bekommen, es ist schon ein Nervenkrieg. Abends: Die warme Abendsonne scheint wieder in die geöffneten Seitenfenster, die von den Panzerblenden befreit sind, wir liegen mit der ganzen Mahalla friedlich und abwartend in einem sehr nördlichen Fjord. Die meisten sind sehr traurig darüber. Heute abend gibt’s den Film Fasching in der Messe, der mich ablenken wird. In der Nähe liegt übrigens auch Teichmann, gegenseitiger Besuch ist aber nicht. Ich war eben, um auszulüften, noch mal auf der Brücke und besah mir durch die guten Gläser die seltsame Gegend. Schnee liegt hier oben auf den höheren Bergen immer noch. Unser gutes Trondheim ist die reinste Riviera dagegen. In der Sonne ist es aber schön warm.
Eben komme ich von meiner Wache, der Pfarrer hat mich abgelöst. An der Kimm sind schon wieder die Berge zu erkennen, darunter das Nordkap, wo ich vor 17 glücklichen Jahren die Heiratserlaubnis bekam. Welch ein Wiedersehen! Ansonsten läßt alles den Kopf hängen, wir hatten uns das anders gedacht, aber da sind höhere Überlegungen, die den Ausschlag geben. Wir haben wegen Nebel in einer ganz unwahrscheinlichen Gegend geankert, in großer Nähe ragen steile Berge, diesmal noch ein gutes Stück nach oben begrünt mit Wiesen und Buschwerk, in den klaren Himmel, der nie dunkel wird. Am schmalen Uferrand einige rote bescheidene Häuschen, wenig Menschen, soweit man’s durchs Glas sehen kann. Den Geleitzug hat ja nun leider die Luftwaffe schon kurz und klein geschlagen. Wir gehen noch nicht nach T. zurück, werden zunächst ein anderes Quartier wählen.

Mal endlose Weite, mal riesenhohe Berge ringsumher, letztere meist in Wolkenschleiern und Nebel, dann wird es kalt. Der Lotse sagte heute, oberhalb Tromsö sollte niemand mehr wohnen, das müßte verboten werden. Und der muß es ja wissen. Leben kann hier nur der, der hier geboren ist. Eben hat der Domprobst mich abgelöst am Kriegstagebuch, ich gehe in die Koje. Wir hoffen ja, nach dieser leider ergebnislosen Unternehmung von hier wieder nach T. verlegt zu werden, denn hier ist es trostlos, es sind immer noch 2 Stunden bis Narvik

Heute bin ich mit dem Schiffsarzt, dem Chirurgen und meinem Zweiten in Narvik gewesen, 1 ½ Stunden mit dem Schlepper. Eine feuchte, nicht sehr warme Temperatur, die Wolken tief in die Berge hinunter hängend, alles wie auf einer Bühne mit 2/3 herabgelassenem Vorhang. Unterwegs stieß der L.I. eines unserer Nachbarn zu uns, mit einem Vollbart behaftet, unangenehm geschwätzig, anscheinend animiert vom letzten Abend. In der Nähe von Narvik noch Anzeichen der historischen Geschehnisse, auf den Strand gelaufene Dampfer, immer noch Mastspitzen aus dem Wasser ragend, im Hafen zerstörte Landungsbrücken und Teile von gesprengten Kriegsschiffen – sonst leidlich in Ordnung. An Stelle vieler zerstörter Häuser, die jetzt russische Kriegsgefangene einebneten, Baracken. Es hatte viel geregnet, die Straßen, die leider kein Pflaster haben, ein einziger Schlamm, wir sahen schön aus unten herum. Ich fand mich bald zurecht, ließ meinen Kassenleiter Geld holen und traf einen älteren Ostmärker, ziemlich energisch für seine Landsmannschaft, der ist nun schon 1 1/2 Jahr hier! Er kann während des Krieges nicht an Ablösung denken. Alles will wieder nach T. in den Süden, wie bescheiden man doch wird.

Anscheinend bleiben wir doch noch einige Zeit hier, der Kommandant will nun sehen, alles, was sich in Tromsö angesammelt hat, mit einem Flugzeug hierher zu bekommen. Und das wird nicht wenig sein. Die Männer vermissen natürlich viel, ihre mit viel Mühe angelegten Thingplätze, die Gärten und Blockhäuser auf dem Berge, die schöne Insel Tipitö, die jetzt wohl im warmen Sonnenglanze liegt, während hier die Felsen halb in den Wolken stecken und die Sonne mit aller Gewalt nicht durchkommt, um die kühle Erde zu wärmen. Aber das hilft ja alles nichts, man muß sich bescheiden. Ich begrüße es sogar, den in der Nähe gelegenen, durch die kriegerischen Ereignisse berühmt gewordenen Ort mal mit eigenen Augen gesehen zu haben. So bald wird man dann wohl nicht wieder hierher kommen.

Gestern mußte ich mit dem Stab der Befehlshaber und dem Kommandanten nach einer kleinen Stadt in der Umgebung, das erste Mal mit einem Schnellboot, das die Strecke in 1/3 der Zeit, nämlich 2 Stunden machte. Aber es war kein Genuß, die Motoren dröhnten, daß man sich nicht unterhalten konnte und ein eisiger Fahrtwind in dem sonnenlosen Wetter ließ einen bis auf die Knochen frieren. Viele Tage lang haben wir nun schon kein Stückchen blauen Himmel gesehen, geschweige denn die Sonne. Ich versuchte meine Aufträge in 2 Stunden in der schmutzigen kleinen Hafenstadt zu erledigen, die hohen Herrschaften hatten inzwischen besichtigt und Kaffee getrunken. Dann ging’s im Heidi wieder 2 Stunden zurück. Ich war ziemlich kaputt und entschuldigte mich um 11 Uhr bei einer Einladung, die der I.O. an den Kommandanten, Reinicke vom Nachbarschiff und mich hatte ergehen lassen. Und jetzt muß ich gleich wieder die neue Reise inszenieren. Aber viel Arbeit lenkt ab, und diese Ablenkung brauche ich doch jetzt sehr. Heute kam im Radio wieder die Nachricht durch, daß auf Flensburg Störangriffe erfolgt seien. Was soll man darunter verstehen? Hoffentlich, daß sie keine Bomben geworfen haben. In Danzig haben sie ja wieder schrecklich gewütet.

Ich fahre heute mit einem kleinen Kriegsschiff dorthin, um mit 25 Soldaten aller Kategorien unsere Geschäfte abzuwickeln und den gesamten Nachschub zu holen. Wir werden etwa 30 Stunden fahren, da das Wetter aber endlich besser geworden ist und auch die Sonne sich
sehen läßt, kann es interessant werden. Ich hoffe, in 3 Tagen wieder zurück zu sein. Des Nachdenkens und aber auch des Briefeschreibens hat mich eben der I.O. enthoben, der über eine Stunde hier war. Na ja, wie gesagt, man muß nur die Nerven behalten.

Ich schreibe an Bord des braven Minensuchbootes, das mich mit meinem Abwicklungskommando viele Meilen südlich nach Tromsö trägt. Die Schrift ist etwas zittrig, weil das ganze Schiff schüttelt, viel mehr natürlich als unser dicker Kasten. Gestern mittag fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein ab, durch phantastisch geformte riesige Felsenbrocken, in 1500 m Höhe große Schneefelder, im Schein der hier nicht untergehenden Mitternachtssonne, die rötlich verschleiert über dem Horizont stand. In halber Höhe einzelne Felsmassen, Wolkenbänder, darüber ragt wieder der Gipfel in die blaßblaue Luft. Um ½ 12 ging ich schlafen, nach einer kleinen Weile schlief ich wohl als Auswirkung der vielen frischen Luft schnell ein und wachte gegen Morgen mehrmals auf, um immer wieder einzuschlafen. Um ½ 9 stand ich dann auf, gab meinen Männern um 10 Uhr in einer Sitzung einige Richtlinien für die Arbeit in T. und aß dann um 12 Uhr Mittag mit den Offizieren des Schiffes, die natürlich nur abwechselnd kommen konnten. Ein Oberleutnant als Kommandant, 2 Wachoffiziere, ehemalige Handelsschiffsoffiziere, sehr freundlich. Es ist doch ein eigener Reiz, mit einem kleinen Schiff zu fahren, man kann die Vorliebe der jungen Soldaten dafür wohl verstehen.
Ich höre grade, daß wir in spätestens einer halben Stunde da sind. O wie lieblich ist diese Gegend hier schon im Gegensatz zum hohen Norden. Ich sitze in Strümpfen, denn ein treuer Matrose putzt mir gerade die Schuhe, die Sonne ist wieder da und es wird schön warm. Zuerst werde ich ersuchen, meine Männer ordentlich unterzubringen, denn an Bord können sie nicht schlafen.

Nun bin ich schon wieder auf der Rückfahrt, unermüdlich stampfen die Maschinen des kleinen Kriegsschiffes dem großen Bruder zu, ein weiteres keucht hinterdrein. Ich habe meinen Auftrag erfüllt, wenn es auch manchmal etwas abenteuerlich zuging, um in der kurzen Zeit fertig zu werden.

Heute vormittag war schönstes Wetter, man sah die Leutchen auf dem kärglichen Land spazieren gehen oder zur Kirche gehen. Ein kleines Schiff hat auch seine Vorzüge, ich habe mich schnell eingelebt auf Grund meiner Zieten Erinnerungen, bin natürlich auch prompt wieder in eine offene Last vor der Messe gefallen, aber kein Bluterguß wie damals, nur belanglose Abschürfungen am Schienbein. Wir haben noch eine kleine Verspätung gehabt, jetzt laufen wir gerade in unsere Bucht ein, unser stolzes Schiff ist schon zu sehen.

Hier wechselt das Wetter sehr, gestern schrieb ich von Tropenhitze, heute ist es kühl. Ich habe mit dem L.I. einen 3 ½ stündigen Gang nach einem kleinen Nest am Wasser gemacht, ganz interessant, zuletzt liefen wir immer im Regen.

Meiner Mahnung, nichts zu glauben als die amtlichen Berichte, sei ja immer eingedenk. Der Feind weiß, wie leicht der Deutsche auf Greuelmärchen hereinfällt und versucht es immer wieder, oftmals mit Erfolg. Übrigens kann ein U-Boot unser Schiff nicht versenken, höchstens beschädigen, aber auch das ist nicht so einfach.

Heute am Sonntag war ich von 10 – 12 mit dem Kommandanten und I.O. nach einer Richtung der Bucht, von 16 – 19 Uhr mit dem L.I. nach dem anderen Ende, das zu einem Bergmassiv führt, auf dem noch Schneefelder liegen. Leider fing es mächtig an zu gießen, schließlich stellten wir uns in den Hauseingang eines kleinen Bauernhofes. Eine junge Frau kam nach einer Weile neugierig heraus und gab uns dann frische Ziegenmilch, die wir gut bezahlten. Die Verständigung war etwas schwierig, aber die Zurückhaltung legte sich, wir wurden sogar in die Küche geführt. Unter dem Einfluß der englischen Hetze sind die deutschen Offiziere die Kriegstreiber, die armen Soldaten die Verführten, daher bekommen letztere auch schon mal Eier usw. gegen Zigaretten.
Ich bin heute nachmittag allein an Land gefahren, ein Stück durch die Felder und Wiesen an den Berghängen gelaufen, und wenn ich ein kleines Kind sah, so arm ist man manchmal in der Fremde, warb ich um ein kleines Lächeln durch ein Bonbon. Aus einem Haus scholl am Wegrand Gesang und Spiel, selten hier oben. Ich setzte mich auf einen großen Stein in der Nähe und hörte zu. Da fand mich der Kommandant, der von einem längeren Spaziergang kam und nahm mich mit. Ich pflückte ein paar seltene Gräser und fuhr mit ihm in seinem K.-Boot noch ein Stück spazieren und dann an Bord.

Ich war mit einem Kameraden von 5-7 nachmittag in den Bergen, trotz fortwährendem Regen, aber es war schön, sich auszulaufen. Es ging auf teilweise sehr nassen und glitschigen Wegen zu einem kleinen Bergsee, der rings von starren Wänden eingeschlossen war, von denen unzählige Wasserströme und Fälle rannen. Unter den kleinen Birken und Erlen waren lauter Heidelbeerpflanzen, wir fanden aber keine reifen Beeren. Menschen waren nicht da, ab und zu bimmelte eine kletternde Kuh. Heute regnet es wieder, es ist herrlich hier!...

Seit gestern ist Sommerwetter, mit einem Schlage ist alles wie verzaubert, die mürrische, triefende Bucht mit den kalten grauen Bergen hat sich in eine heitere bunte Landschaft verwandelt, die in seltsamem Kontrast steht zu den fernen, hohen schon wieder mit Neuschnee bedeckten Gipfeln, die früher immer in dichten Wolkendecken steckten. Gestern bin ich mit einem Teil der Besatzung zu den Unterkünften einer Flakbatterie gefahren, wo eine K.D.F-Gruppe Vorführungen geben sollte. Vorher hatte ich alle Hände voll zu tun mit der Organisation einer kleinen Expedition nach T., um unsere letzten Reste abzuholen, u.a. auch die Schweinchen, die jetzt völlig verwaist waren. Da wir hier an Land kein neues Idyll gründen können, wollen wir sie schlachten und aufessen. Eines war leider schon gestorben, wahrscheinlich vor Trennungsschmerzen. Nachdem also die Expedition zusammengestellt war, fuhr ich bei herrlichem Wetter hinüber. In einer geräumigen Baracke war ein ziemlich großer Festraum eingerichtet worden mit einer kleinen Bühne, auf der sogar ein gichtbrüchiges Klavier stand. Ein im Weltkrieg 12 mal verwundeter Kammersänger aus Stuttgart machte die sympathische Ansage, sang auch schöne Sachen, begleitet von einer durch ihr Kleid leider etwas lächerlich wirkenden ältlichen Dame, die sich aber als Meisterin auf dem Klavier entpuppte, Sachen von Grieg usw. spielte. Sie war sehr dick und hatte sich über ihre enormen, etwas formlosen Formen ein duftiges weißes Kleid gestülpt, das hinten reichlich ausgeschnitten war. Aber ihr Spiel und ihre gewinnende Art zu lächeln machte alles wieder gut. Drei weitere junge Damen tanzten und sangen, u.a, auch Rezitationen von Eugen Roth Ein Mensch. Die Tänzerin war leider spindeldürr, sonst hätte man ihr Gewand, das mit ihren Reizen nicht geizte, mehr begrüßen können. Alle gaben sich erdenklichste Mühe und wurden mit donnerndem Beifall belohnt.

Am nächsten Tag war unser Ausflug, wir zogen mit vier Mann los, jeder hatte einen handfesten Birkenstock, selbstgeschnitzt versteht sich, der sich später als sehr notwendig erwies. Wir liefen auf das Bergmassiv im Inneren der Bucht zu, von der ich dir schon erzählte. Wir liefen nun an dem großen See entlang und wollten zu dem Wasserfall. Es war in dem moorigen Boden ein beschwerliches Gehen, mehr ein Springen und Hüpfen, ab und zu durch wilden Birken- und Erlenwuchs, niedrig zwar, aber urwaldmäßig. Dann kam der Gebirgsbach angebraust von dem großen Wasserfall. Durch enge Felsenschluchten hatte er sich gefressen und zwei konnten es nicht lassen, zogen sich nackedei aus und hüpften in das Gebrause. Es war aber sehr kalt, und ich tat es nicht, weil ich zu erhitzt war. Wir sind bis auf diesen kleinen Aufenthalt stramm drei Stunden gelaufen, es ist mir gut bekommen, ich bin etwas eingebrannt…

Jetzt sind wir so akklimatisiert, daß wir uns an den Zustand jetzt sogar verstärkter Isolierung gewöhnt haben, was man denn so gewöhnen nennt. Man lebt ein Scheinleben, wie hinter einem Vorhang, der eines schönen Tages zerreißen wird. Der Kommandant hat die allabendlich abschließende Lili Marleen abgelöst und ein von einer herrlichen Altstimme gesungenes Wiegenlied eingeführt, dessen wundersame, herzergreifende Melodie ich leider nicht schildern kann. Ich habe die ersten Worte schnell mitgeschrieben, der Schluß kommt später:

Zur guten Nacht
Klingt für dich dieses Lied,
möge es zart
streicheln dein Gemüt
und fragen
wirst du mir auch treu sein,
für immer auch treu sein,
und immer recht lieb
bis morgen früh (hier weiß ich nicht weiter…)

 

Heute bin ich mit meinem Oberproviantmeister und einem kleinen Gefolge durch alle Räume der Verpflegung gekrochen, bis zu den tiefsten Tiefen des Schiffes. Ich habe 28 verschiedene Räume gezählt. Nun kommt noch der Verwalter, die Kantinen, die Schreibstuben. Ein beachtlicher Laden, beruflich war es sehr wertvoll, daß ich die Verwaltung eines solchen Riesenschiffes mal beherrschen lernte. Kummer genug und Arbeit habe ich damit gehabt, das hat mich aber auch von meinen trüben Gedanken abgelenkt. Ich sah heute abend einen Film: Gold in New Frisco mit viel Reiterjagd, Knallerei und Rabatz. Er lenkte aber ab. Dazwischen die Sondermeldung, daß der Versuch einer Invasion der Engländer in Frankreich glänzend abgeschlagen worden ist…

Heute erlebte ich etwas Sonderbares. Wir fuhren mit dem Boot ½ Stunde in die bizarren Berge hinein, zu einem berühmten Fleck: da war es der Trollfjord, den ich vor 18 Jahren mit dem Zieten besucht hatte, ganz enge Einfahrt zwischen steilen himmelstürmenden Wänden, dann auslaufend in ein kleines Rund von bewachsenen Bergen, dahinter als Kulisse gletschertragende Riesen und zwischen beiden, von unten unsichtbar, der Bergsee hoch oben, den damals der Professor und ich suchten und wobei wir uns beim Rückmarsch noch verliefen und bis zur Hüfte durch den Gebirgsbach mußten. Damals war es der winzig kleine Zieten, diesmal lag ½ Stunde weit ab das größte Schiff seiner Art.

Der Dampfer ist längsseits gekommen, der unsere Sache in T. und auf der Insel abgewickelt hat. Ein improvisierter Schweinestall barg ein großes und drei kleine Borstentiere, die vor Kohldampf lauthals schrien, so daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Sie waren auf der langen Reise seekrank geworden und dünn wie Windhunde. Heute abend muß ich mit dem Oberproviantmeister überlegen, ob wir sie gleich schlachten oder irgendwohin an Land tun zum mästen, dann haben wir sie aber nicht, wenn wir plötzlich fortmüssen. Sechs unglückliche Hühner waren auch in einer Kiste, dazu Kaninchen, deren eines gestern eine Unzahl Jungen geworfen hat, die so groß und dünn sind wie weiße Mäuse.

Jetzt will ich der Einladung eines meiner V.O. folgen, der mich zu eingelegten Heringen und neuen Kartoffeln (an Land besorgt) eingeladen hat. Die Heringe waren in einer Art Sahnesoße eingemacht, dazu neue, in Butter geschwenkte Kartoffeln. Ein Göttermahl. Anschließend haben wir im Marionettentheater des Stabsarztes ein reizendes Hans-Sachs-Spiel gesehen. Das Theater selbst ist übermannshoch, die Figuren halbmannshoch und sehr charakteristisch modelliert: der Bauer, die Bäuerin, der fahrende Schüler, der die dumm-gläubige Bäuerin ausnutzt und betrügt, der Esel als Reittier, eine unglaublich gelungene Darstellung, die Lachstürme hervorrief. Beleuchtungseffekte wie auf einer Opernbühne, Musik von unserer Kapelle eigens von dem Musikführer dazu komponiert. Es wird schon alles Mögliche getan. Aber wie weit sind wir doch am Rande des eigentlichen heroisch-grausamen Weltgeschehens, das sich doch nun in der Hauptsache im Osten abspielt. Der Schiffsarzt zeigte mir heute bei einer Kaffeestunde in seiner Kammer aus seiner Militärarztzeitung Bilder über Augenverletzungen, mein Gott, wie entsetzlich ist das, wie sehr leben auch heute noch Menschen an dem tatsächlich vorhandenen Schrecken des Krieges vorbei, wobei der rasche Heldentod noch Gnade und Befreiung erscheint. Jeder Tag im Osten wird einmal in goldenen Lettern im Buch deutscher Geschichte eingegraben sein, und das ist nicht in billiger Begeisterung geschrieben, Opfer – du lieber Gott – auch von uns aus gesehen, die wir ein Anrecht zu glauben haben auf Anerkennung – was sind unsere Opfer gegenüber denen, die gebracht werden von diesen Kämpfern, von den Müttern, Frauen und Bräuten der toten und schwerverwundeten Helden. Wir wollen gerecht sein, noch ist es uns sehr gut gegangen, noch können wir jubeln in der Aussicht auf baldiges gesundes Wiedersehen. Wie viele können das heute nicht mehr. Und sie leben doch tapfer weiter. So wollen wir uns auch fassen, es gibt Schwereres, als wir durchzumachen haben.

Hier ist es schon herbstlich kalt und regnerisch, alle Wasserfälle schwellen mächtig an, neue bilden sich überall an den Berghängen. Ich habe schon seit Wochen nur Trockenkartoffeln. Dazu z.B. gestern einen Blumenkohl, dieses bescheidene Gericht war ein Festmahl. Heute abend bin ich mit Düwel beim Kommandanten. Es gibt eine Hühnersuppe vom letzten Huhn aus Tipitö, Ente und Fisch. Zwei große Transportkisten stehen schon bereit, meine angesammelten Habseligkeiten fortzuschaffen. Es ist ja eine weite Entfernung, wenn ich aber den Schwedenexpress bekomme, geht es in drei Tagen. Der Schiffsarzt fährt etwa zur gleichen Zeit, er wird Chefarzt im Lazarett Preetz. Eben hat mir mein Oberproviantmeister noch berichtet, er war im strömenden Regen in das Nest gefahren und hat allerhand geholt. So ein Riesendampfer verzehrt ja ungeheure Mengen. Dann wollte er mich zu seinem Huhn heute abend einladen, zu seinem größten Leidwesen mußte ich absagen, da ich ja schon beim Kommandanten bin. Er wollte mir aber ein Bein aufheben. Ich habe schon treue Seelen bei mir, das ist ein großer Trost.

 

Ich war heute nachmittag mit dem alten guten Leitenden Ingenieur an Land, wir sind drei Stunden in den Bergen und Wiesen herumgepatscht, um ein paar Butter- und Birkenpilze zu finden, ich konnte sie im Taschentuch heimtragen, das ich nachher mit meinen Strümpfen selbst auswasche. Sie haben aber gesotten mit Trockenzwiebeln ganz gut geschmeckt. Der Oberstabsarzt hatte ein paar neue Kartoffeln dazu besorgt, vom normalen Abendbrot gab es eine Scheibe rohen Schinken. Heute abend sahen wir dann den interessanten Kriminalfilm Rote Orchideen mit Olga Tschechowa und Camilla Horn, sehr spannend und gut gespielt. Die Luft wehte heute kalt von den Riesen, die erheblichen Neuschnee in der Nacht erhalten hatten, es glitzerte kalt in der schwachen Sonne.

 

5. September 1942

Ich habe Stunden einem Sportfest in frischer Luft beigewohnt und bin entsprechend müde. Heute am 5. 9. kam ich vom 2 stündigen nicht sehr fündigen Pilzesuchen mit dem L.I. wieder, als Erholung von einer Exekution, die an Bord stattfand, über die ich nicht schreiben kann. Abends, nach reichlichem Abendbrot, ich hatte für die Messen einen ganzen Thunfisch gekauft, 6 Meter lang, sahen wir den sehr lustigen Film Der Mustergatte mit Rühmann. Ich habe kleine Kinder immer schon gern gehabt und habe meistens einen Bonbon für sie in der Tasche, den sie auch in dieser Einöde mit einem artigen Tak annehmen, die Mädchen immer mit der Andeutung eines Knickses.

 

Gestern abend hatte ich 3 Oberfähnriche zum Essen eingeladen, meine beiden und den von einem Kreuzer in der Nähe. Es war sehr nett, wie es eben mit jungen Menschen immer am nettesten ist. Ich entwickelte ihnen u.a. meine Ansichten über den Ausbau der Laufbahn und sie waren begeistert. Der Roman Randi gefällt mir immer mehr, es ist so viel gesunde natürliche Lebensfrische darin und alle Eheprobleme sind ehrlich angepackt und geschildert. Unbedingtes Vertrauen zueinander und ein Eingehen auf die Eigenarten des anderen sowie eine gewisse Duldung sind die Voraussetzungen für eine glückliche Ehe, die natürlich in Liebe mit dem Willen zum Kind geschlossen sein muß. Alle anderen Ehen kranken irgendwie, wie oft haben wir uns darauf aufmerksam gemacht.

Eben um 14 Uhr komme ich mit dem Kommandanten und anderen Offizieren von einer Schlepperfahrt zurück, die uns in ein Städtchen und von dort mit der Bahn nach der schwedischen Grenze führte. Wir sahen tief unten am Ende der Fjorde die Überreste der aufgelaufenen Zerstörer liegen, letzte Zeugen eines heldenhaften Kampfes. Die wilde Gegend, mit den kleinen gelben Birken auf den hohen Hängen, den starren kahlen Häuptern, z.T. hoch oben mit Schnee bedeckt, blutrote Flecken herbstlich gefärbten Mooses, war malerisch und abstoßend zugleich. Der Zug fuhr durch viele Tunnel, es regnete oft und war recht kalt. Endstation im Hochmoor, keine Bäume mehr, nur noch Sträucher und Moos und Flechte, ein paar einsame Holzhäuser für die Grenzwache, dann kommt Schweden. Auch hier liegen Soldaten, die in der starren toten Gegend tapfer aushalten. Die Fahrt hat mir viele Eindrücke vermittelt, die Natur spricht immer wieder am stärksten zu mir und gibt mir mein Fundament wieder. Ganz kurz besuchte ich an Bord in dem Hafen einen ehemaligen Schüler, sehr nett, der mir alle Hilfe bei der Abreise, Gepäck, Platzkarte usw. versprach. Es ist nämlich nicht leicht, eine zu bekommen. Um 19.00 Uhr gaben die Divisionsoffiziere den fortgehenden Stabsoffizieren ein Essen: Neue Kartoffeln mit Blumenkohl. Gestern nachmittag war ich mit dem Schiffsarzt 2 Stunden in den Bergen, wir haben Preißelbeeren gepflückt, abends waren wir Gast bei meinem Proviantmeister.

Es war stilles Wetter bei unserem Pilzausflug, ziemlich bedeckt, aber mit malerischer Wolkenbildung. Die kleinen Birken hatten sich schon ziemlich gelb gefärbt, wunderhübsch anzusehen über dem dunklen Stein oder grünen Bewuchs. Wir kletterten tüchtig, fanden einige winzige Walderdbeeren und Himbeeren. Einige Kameraden hatten auf einem Hof einen Weißkohl erstanden, für uns ein Leckerbissen. Ich ging mit dem Schiffsarzt auf einen ärmlichen Hof, wo sich 4 Kinder tummelten, die erst sehr scheu waren, dann kam der Kleinste, ein frecher dicker Pummel mit einer Art roter Russenbluse, um mir den Bonbon aus der Hand zu reißen und schnell davon zu laufen. Dann folgte ein dickes freches kleines Mädchen mit Glubschaugen und erst auf wiederholte Aufforderung kamen die beiden größeren Mädchen etwa 4-5 Jahre und knicksten artig. Plötzlich kam ein noch größeres Mädchen, 7-8 Jahre, angerannt und erstaunte uns durch auffallende Schönheit und eine königliche Freiheit in Haltung und Miene, wie sie nur eine solche Nordgermanin zeigen kann. Der Arzt ist Psychologe, es war ein Genuß für uns beide, die Art zu beobachten, wie dieses Mädchen den Bonbon nahm und aß. Das Boot brachte uns in 20 Minuten durch die stille Bucht wieder zurück.

Wieder einmal ein Zwischenbericht, den ich morgens um 7 Uhr in der kleinen Messe des braven Schleppers schreibe, dessen Schrauben unermüdlich die kalten Wasser der Fjorde mahlen und deren Erschütterung sich auf meine Schrift überträgt. Gestern haben wir den ganzen Tag geladen, leider peitschten am Vormittag Regenböen mit Hagel gemischt herunter und verwandelten die ungepflasterten Wege in Wasser und Schlammfelder. Das nächste Mal fahre ich mit Seestiefeln. Das Wasser war sehr bewegt, was das Einladen nicht gerade erleichterte. Wir lagen vor dem Schuppen des Verpflegungslagers, aber noch hinter einem weiteren kleinen Fahrzeug, das gleichzeitig entladen werden sollte und aus dem wir auch etwas bekommen sollten. Nun tanzten die beiden Fahrzeuge nebeneinander wild auf und ab, die Kräne rasselten, Ladebäume schwankten und Säcke und Kisten schwirrten durch die Luft, von vielen kräftigen Armen aufgehalten und verstaut. Auf dem Pier stapften in ihren grüngrauen dicken Mänteln russische Kriegsgefangene hin und her, die meisten mit ausgesprochen mongolischem Typ, mit verwunderten Augen die fremde Welt um sie herum betrachtend. Gegen Abend riß noch einmal die Wolkendecke auf, der Regen hatte endlich aufgehört, was ich wegen des Mehles, Kaffees und Salzes sehr begrüßte. Abends war dann glücklich alles binnen. Ich war wieder in dem Hotel untergebracht, jetzt lernte ich schon das dritte Zimmer kennen. Am Bett hatte ich nur auszusetzen, daß das Deckbett entweder oben oder unten zu kurz war. Gegessen habe ich natürlich immer an Bord, denn mit den Hotels in T. ist diese Niederlassung kaum zu vergleichen. Für den nächsten Tag hatte ich seeklar für 6 Uhr festgesetzt, da es jetzt erst spät hell wird. Ich war natürlich schon um 5.45 auf. Bald kam auch der Soldat, um mein Gepäck zu holen, da sah ich, daß der erste Schnee auf das Land gefallen war. Die Berggipfel sind ja schon lange bedeckt. Natürlich war in den Straßen ein gewaltiger Matsch entstanden, die Höhen hinauf standen die gelben Birken seltsam über dem losen dünnen Schnee. Bald ging es denn nach dem Ablegen wieder los, ein liebliches Gemisch von Regen und Schnee. So wird es nun bleiben, bis der Winter sich durchgesetzt hat und klare Kälte kommt. Punkt 12 Uhr kamen wir wieder bei unserem Schiff an, ein schöner Sonnenschein beleuchtete die jetzt bis zur Hälfte verschneiten Berge. Das Ausladen ist jetzt, um drei Uhr, glücklich beendet, denn ein Hagelwetter braust zur Abwechslung hernieder. Um ½ 8 Uhr bin ich mit mehreren Herren beim Kommandanten eingeladen, es soll frische Kartoffeln und Gemüse geben, dazu Pfannkuchen. Ich habe mich einem umständlichen Bade hingegeben und mich für heute abend geschmückt. Erdmenger wird auch dabei sein, außer anderen auch noch ein Professor aus Holland, der Vorträge hält.

Es ist Sonntag, friedlich in meiner Kammer, der Lautsprecher gibt Frontberichte aus dem Osten, ich bin allein. Nach dem Essen will ich mit dem Schiffsarzt in eine etwas entlegene Gegend fahren, sonst ist ja alles von Soldaten überschwemmt, auf die Berge steigen und Land und Leute betrachten. Gestern abend war es mal sehr nett beim Kommandanten, außer Erdmenger mit Ritterkreuz war ein älterer Kommandant von einem Flakkreuzer und 2 junge Torpedobootskommandanten da, von denen ich mich mit einem Kapitänleutnant gut unterhielt. Es kam dann mal ein anderes Thema auf, H.J.-Erziehung, Elternhaus, Religion, so war es anregend und nicht als verlorene Zeit zu betrachten.

Gleich nach dem Essen habe ich mit dem Schiffsarzt, dem Chirurgen einen Preißelbeer-Pflück-Ausflug in die weitere Umgebung gemacht. Sagenhafte Vorkommen, in kleinen Trauben hingen die reifen Früchte teilweise auf dicken Moospolstern hingebettet. Wunderschöne Ausblicke von Bergeshöhen in die große Bucht, drei Stunden waren wir unterwegs. In ein nettes Häuschen auf halbem Wege traten wir ein, ein Opi, eine Oma und weitere Insassen empfingen uns nicht unfreundlich, obgleich wir als Offiziere ja verdächtig sind. Aber wir bekamen einen großen Krug guter Vollmilch, dazu Grammophonmusik, ein junger sympathischer etwa 20 Jahre alter Mensch setzte sich zu uns, konnte sich auch etwas mit uns unterhalten. Er hatte alles aus dem Umgang mit deutschen Flaksoldaten gelernt. Im kleinen Bücherschrank Konservationslexikon, Brehms Tierleben, Norwegische Geschichte. Ich hinterließ einige Zigaretten und Bonbons.

 

Ich war heute mit den Ärzten zu einem bäuerlichen Anwesen in einem kleinen Ort am Wasser. Frau Raven ist eine intelligente, einstmals sehr hübsche Bäuerin, die viel Arbeit hat, da die Pieken alle von der Tyske Wehrmacht eingestellt werden. Aber gastfrei und immer freundlich. Kaffee im guten Zimmer bereitet. Schön polierte helle Möbel in unbekleideten Holzwänden. Wie schon oft beobachtet, ein kleiner Bücherschrank mit erlesenen Büchern, die Geschichte des Landes, ein großes Lexikon, Mein Kampf in der Landessprache. Zwei Blumenköhler, etwas Sahne und 2 Eier waren die Ausbeute. Letztere habe ich aber an bedürftigere vergeben, ich bekomme genug zu essen. Ich habe vor allem verhandelt, um nochmal frischen Weißkohl für die ganze Besatzung zu bekommen. Und mit Erfolg.

Der I.O. hat es mir eben verraten. Morgen in der Offiziers-Sitzung wird der Kommandant dem Schiffsarzt und mir das vom Flottenchef verliehene EK II überreichen. Er macht es bei mir nicht ohne große Aufmachung.

 

Ich hörte, daß in der Oberfeldwebel-Messe eine Wilhelmshavener Zeitung ausliegt mit einem Nachruf für die 75 Toten des letzten Terrorangriffs. Ich ließ sie mir kommen bei lebhafter Beunruhigung. Heute nachmittag haben wir mit dem Kommandanten und etwa 10 Stabsoffizieren eine Fahrt mit dem sogenannten Fjordboot gemacht, einem schnellen Fahrzeug, das hinten ringsum eine Bank hat an der Reling, von der aus man die imposante Bergwelt mit ihren schon sehr tief über die Ohren gezogenen weißen Schlafhauben betrachten kann. Aber da die Sonne hinter dicken Wolken verschwand, war es ein etwas kühles Unternehmen, so daß man zeitweise gern zu einer Tasse Kaffee und einem Schnäpschen in ein kleines Logis zurückzog, in dem ein eiserner Ofen eifrig glühte und in dem wir alle gerade Platz fanden. Wir gingen dann 1 Stunde in einem kleinen Nest an Land und waren schließlich froh, wieder an Bord zu sein. Der vom Kommandanten angesetzte Film gab Ablenkung, es wurde gespielt Leinen aus Irland, ein ziemlich alter, aber guter Film, der immerzu riß, mit der reizenden Irene von Meyendorff. Vornehme junge Damen liegen ihr ja besonders.

Morgen ist Sonntag, da will ich vormittags mit dem Schiffsarzt zu dem Bauern, der mir Weißkohl für die ganze Besatzung verkaufen soll, Wir machen dann Hammelkohl daraus, ein fürstliches Gericht. Vorgestern bekamen wir auch endlich ein paar Ausgaben frischer Kartoffeln, alles stürzte sich darüber, ich mußte sie ordentlich unter Schutz nehmen. Es wird mir sonderbar vorkommen, daß ich nicht mehr die Sorge für 2 ½ Tausend Menschen haben werde – leicht ist es nicht immer gewesen, besonders, wenn die Menschen, mit denen man arbeiten muß, die Nerven verlieren. Da ich etwas psychologisches Geschick habe, ist es bis jetzt im Großen und Ganzen im Guten gegangen. Ich beneide meinen Nachfolger nicht, obgleich ich ihm ein eingefahrenes Instrument hinterlasse, das aber keinen Augenblick ungeführt bleiben darf. Man braucht ja dann und wann eine Aufmunterung zum Durchhalten, da hat mich ganz besonders herzlich gefreut, wie spontan die Zustimmung und von vielen aufrichtig gemeint der Glückwunsch zu meiner letzten Auszeichnung waren. Ein Kapitänleutnant, mit dem ich sonst wenig Berührung hatte, versicherte mir, wie sie alle es jetzt als Erleichterung empfänden, daß damit ein peinlicher Zustand beseitigt wäre. Dann darf ich es wohl mit gutem Gewissen tragen. Hier oben in dieser einmaligen Lage macht man sich über alles Mögliche Gedanken und nimmt vieles sehr ernst, weil man erkennt, um wie ernste Dinge es in diesem Krieg geht und weil man wirklich gelernt hat, nicht alles von der eigenen Person aus zu sehen, sondern alles in seinen Auswirkungen auf Volk und Vaterland zu betrachten.

 

17. September 1942

Heute Sonntagvormittag war ich bei schönem, klarkalten Spätherbstwetter bei meinem Bauern (einem Quisling!), mit dem ich über die Lieferung von Weißkohl erfolgreich verhandelte. Wir sprachen deutsch, er in seiner Landessprache, es ging ganz gut. Die gute Frau kredenzte uns köstliche Milch und eingemachte grüne Pflaumen aus dem Süden des Landes. Nachher saßen wir bei der Landungsbrücke noch lange in der schönen Sonne. Nur der Wind wehte kalt von den Schneehäuptern. Die Birken sind alle knallgelb. Wunderschöne Farben.

Aus Wilhelmshaven hört man von Leuten, die von dort kommen, Schreckliches. Der schwerste Angriff bisher, Luftminen, in jeder Straße hat’s gebrannt. Die Garnisonkirche ist diesmal auch dabei, der Bahnhof, mindestens um Schröders herum muß alles ein Trümmerfeld sein. Eine gepeinigte Stadt, ich kann mir denken, daß sie es ziemlich müde sind. Gestern hatte ich ein schönes Erlebnis. Wir lagen in einem Fjord, der Liegeplatz war insofern bemerkenswert, als wir ziemlich unter einem 1500 Meter unmittelbar aus dem Wasser ragenden grauen Bergmassiv lagen, das einen ungeheuren Gletscher trug und zwar so, als ob einer sich einen Kartoffelpuffer auf den Kopf gestülpt hätte. In der Morgensonne leuchtete das sicher 20 Meter starke Eis, von unten natürlich zierlich anzusehen. Also da lagen wir und da Gelegenheit war, um die Ecke zu einem kleinen Nest in einem Seitenarm zu fahren, tat ich dies. Die letzten Tage ist nun herrliches, klares Herbstwetter, in der Nacht schon ziemlich kalt, so daß es eine wunderschöne Farbensymphonie gab.

Wir gingen nachher an Land stellenweise unter den Birken wie durch Goldschleier, das Moor hatte rötliche Färbung angenommen und dann gab es neben schönen grünen Weiden mit freundlichen Muhtieren auch streckenweise Kiefernwald mit viel Preißelbeeren, die ich eilfertig aß. Verstreut lagen hübsche Holzhäuser, in diesem einsamen Winkel noch ganz nach alter Art: ungemalt und aus viereckigen Balken gefügt. Vorn meist ein Treppchen mit Überdachung und darin Hopfengerank. Ein paar Blumen im Garten, meist Studentenblumen, die ja sehr hart sind. Es war ein Erlebnis für mich, manche jungen Tiere ließen sich auch auf dem Kopf kraulen, arglos dem Menschen vertrauend. Das einzig störende war eines Kameraden ewige Quengelei, daß er es ohne seine Frau und Kinder nicht aushalten könnte. Als ob das etwas besserte, er bringt sich um jede Ablenkung und macht sich kaputt damit. Und dabei war er ein Vierteljahr fort. Der Schiffsarzt meint, es sei nur Mangel an Selbstbeherrschung.

 

Gestern hatten wir unseren offiziellen Abschied in der Messe, bei dem auch der neue I.O. aus Berlin anwesend war, dem man viel Gutes nachsagt. Schmales, intelligentes Gesicht, sympathische Erscheinung. Der Abend wurde angenehm unterbrochen durch ein improvisiertes Kabarett mit einem sehr witzigen Ansager, Zitherspielern und Jodlern, Stepptänzer mit einem vorzüglichen Moser-Kopisten. Heute abend ist der Abschied vom Kommandanten und den Stabsoffizieren. So geht die Zeit denn hin. Sehr berührt wurden wir heute durch die Nachricht, daß der unvergleichliche Marseille nun auch geblieben ist, ein so junges strahlendes Leben.

Gestern nachmittag war ich mit dem Schiffsarzt bei dem Bauern, der uns den Weißkohl lieferte, der den heutigen Hammelkohl ergab. Auf diese Weise habe ich der Besatzung wenigstens zweimal frisches Gemüse geben können. Nun ist es aber Schlütt (Schluß), es war das letzte, wir haben lediglich noch 2 Blumenkohlköpfe für den eigenen Bedarf und etwas Sahne bekommen. Spaßig ist, daß die Leute hier das Z nicht aussprechen können, sie sagen z.B., wenn sie Arzt sagen wollen Artscht, klingt sehr umständlich. Ich hörte plötzlich vom einem schönen Nordlicht, gleich entschuldigte ich mich und da hingen denn am dunklen Nachthimmel direkt über dem Schiff die riesengroßen sprühenden Vorhänge, sich immer verändernd, diesmal nur wenig gefärbt. Nicht lange dauerte es, aber es ist so eigenartig, daß es immer wieder berührt. Heute nachmittag war ich mit dem Schiffsarzt 2 Stunden spazieren, z.T. im eiskalten Regen. Ein Polarhund schloß sich uns an, der die armen Schafe und die kleinen zotteligen Ziegen jagte.

 

Nun fahre ich mit dem Dampfer das letzte Mal nach H., um mein Schiff noch einmal zu versorgen. Der Regen prasselt auf das Deck, von den Birken an den Berghängen peitscht er die letzten Blätter. Ich bin nicht sehr erbaut von dem Wetter, morgen will ich einladen, und dabei brauche ich für den Trockenproviant Trockenheit. Aber aussuchen kann man sich hier oben das Wetter leider nicht, es muß gehen, wie es geht. Es ist jetzt 14 Uhr, wir haben erst den halben Weg hinter uns, denn schlechtes Wetter, viel Wind und Hagel, haben uns aufgehalten. Etwas Leergut ist dabei sogar außenbords gegangen. Und dann konnten wir in H. für den Rest der Fahrt nicht gleich einen Lotsen bekommen. Ich sitze im Kartenhaus des kleinen Dampfers, vor mir ist der Raum mit dem Steuerruder, wo der Kapitän und der Lotse sind. Rechts und links gleiten mehr oder weniger kahle Berge vorbei, meist in Dunst und Regenschleier gehüllt. Ich bin gewitzt durch meine Erfahrungen und habe meine letzte Reise von oben bis unten in Leder angetreten, Lederjacke, Lederhose, hohe gefütterte Stiefel, da kann mir weder Regen noch See, noch der fürchterliche Straßenschmutz in H. etwas anhaben.

Nachdem hat mir der Kommandant meine Führung bzw, den Beurteilungsbrief vorgelesen. Besonders erfreut hat mich, daß er meine Verdienste um die Erziehung des Nachwuchses hervorhob, ich sei als Vorkämpfer für die Laufbahn anzusprechen. Unduldsam anderen Ansichten über die Entwicklung der Laufbahn gegenüber, aber jeder sachlichen Auseinandersetzung zugänglich. Geeignet für Flotten- und Stations-VO, Referent im OKM. Damit habe ich meinen Platz in Mürwik fundiert, den ich einige Jahre halten möchte. Eben habe ich meine verbesserten Transportkisten besichtigt, die bedeutend verstärkt wurden, sie haben ja einen langen Weg zu machen. Es ist mir sogar gelungen, für die kommende Weihnacht 3000 gute Bücher für die Besatzung zu beschaffen, sie sind schon im Anrollen in zig Kisten. Ich kann mein Amt mit dem Gefühl abgeben, mein Bestes getan zu haben. Ich glaube, viele wissen das. Niemals werde ich so wieder unmittelbar für einen großen Teil der Front sorgen dürfen.

Vor mir steht ein großer Strauß frischer Herbstblumen: Studentenblumen, Waldastern – ein Geschenk der Frau Raven, bei der wir heute nachmittag im Regen waren. Es ist naßkaltes Herbstwetter, fast kein Blatt mehr an den Bäumen, der erste Schnee wird erwartet. Wir, d.h. die Ärzte und ich, hatten einen Sack angeschimmeltes Brot für die Hühner, ein Paket Tabak für den Bauern und einige Bonbons für die Kinder mitgebracht und wurden königlich belohnt durch einige Blumenköhler, 1 Seltersflasche voll Sahne und eine Einladung zum Kaffee. Wozu es in Herzform gebackene Waffeln mit Preißelbeeren gab. Letztere schmecken herrlich in der in Norwegen üblichen Zubereitung, Preißelbeeren mit Zucker zu gleichen Teilen wird roh eine Stunde gerührt, alle Vitamine erhalten, die Beeren zergehen auf der Zunge, kein bißchen Schärfe. Munter plätscherte die Unterhaltung, die Gastgeber norwegisch, wir deutsch. Dieser struppige Bauer hatte eine erlesene Bücherei, meist Ganzleder, Ibsen, Lexikon, Gesundheits- und Hygienewerke. Wir sollen mal Kalbskotelett bei ihr essen mit Blumenkohl.

Ich bin aufgehalten worden durch den Kommandanten, der mich um ½ 10 zu sich herausrief und mit mir und dem neuen I.O. die Lage besprach. Ich glaube nicht, daß es viele VO’s mit solch einer Stellung gibt, wie ich sie hier hatte. Heute nachmittag war ich mit dem Chirurgen bei Ravens, die gute Frau tischte Kaffee und eine Sahnetorte auf, die sie extra für uns gebacken hatte. Sie schmeckte natürlich sagenhaft, man konnte zu ihrem großen Schmerz aber nur 2 Stück essen. Wir erbeuteten etwas Blumenkohl, Mohrrüben und sogar 2 Eier. Nachher hatten wir noch einen Ärger, es war nämlich ziemlich kalt und wir fuhren mit dem Boot im Schneetreiben hin. Das Boot, das uns um ½ 7 abholen sollte, kam nicht, oder war zu früh abgefahren, so daß wir eine Stunde auf der kalten Brücke stehen mußten. Wir telefonierten dann von der Apotheke des Dorfes aus.

Eben komme ich von der Schanz, wo ich mich im nächtlichen Mondschein ergangen habe. Ich hatte noch bis 10 Uhr gearbeitet, da gelüstete es mich nach frischer Luft. Und die war auch frisch genug, denn das besprengte Deck war leicht überfroren, man konnte stellenweise schliddern. Der Mond beschien aufdringlich und übergroß - das weite, schwarze Wasser und die schneebedeckten Berge ringsum. Am hohen Himmel standen tausend Sterne, und lange dauerte es auch nicht, da kam das, auf was ich wartete: Wie ein Schleierhauch zog es sich direkt über dem Schiff hoch am Himmel dahin. Bald verdichtete sich der Schleier und dann war es plötzlich, als hätte eine mächtige Hand aus dem dunklen Himmelsmantel herausgegriffen und den Schleier geschwenkt, er wehte in sanften Wogen. Und die Wogen wurden immer starrer, immer eckiger: da war es ein wallender Vorhang, hinter dem die Sterne schimmerten, der unaufhörlich seine Gestalt veränderte und schließlich, gigantisch vergrößert, aus lauter einzelnen Metallfäden zusammengesetzt schien, die ruhelos hin und her wogten. Zeitweise färbten sie sich leicht grünlich, violett an den Enden in fluoreszierenden Farben. Und dann verwandelte sich alles wieder in riesige lange Schleierbänder, die wogend auseinander flossen. Lange hätte man das wundervolle Schauspiel voll erhabener Größe noch betrachten mögen – aber die Kälte wurde unangenehm. Wo spricht die Natur so gewaltig, so unerbittlich unmittelbar zum Menschen wie hier oben hoch im Norden?
Und warum werden wir Deutschen immer wieder davon berührt, auch wenn wir das Land nicht mögen?

 

Was nach Kurt Voigts Ablösung geschah:

Vom 6. bis 8. September 1943 läuft die Operation Sizilien. Unter Admiral Kummetz verlässt Tirpitz mit Scharnhorst und 5 Zerstörern den Altafjord und greift alliierte Einrichtungen auf Spitzbergen an, das auch bombardiert wird. Die Schiffe kehren unverletzt zurück. Tirpitz ankert in Kaafjord.

Aus der Königin des Nordens wird nun eine Flüchtende, die sich von Fjord zu Fjord tastet, die nicht einmal genug Brennstoff hat, um sich weit hinauszuwagen in den Atlantik, stets belauert und gejagt von russischen und britischen U-Booten und Bombern. Die ihr letztlich den Garaus machen.

22. September 1943: Tirpitz wird im Kaafjord von britischen Mini-U-Booten angegriffen, die drei Grundminen von je 2 Tonnen am Schiff anbringen. Die drei U-Boote gehen verloren, aber das Schiff ist schwer beschädigt und nicht einsatzfähig für 6 Monate. Reparatur im Altafjord von November 43 bis Februar 1944. Churchill gibt keine Ruhe: Versenkt die Tirpitz ist sein Befehl.

Am 3. April 1944 wird Tirpitz von 40 britischen Bombern von 6 Trägern angegriffen, und getroffen von 14 Bomben, sie hatte 132 Tote und 316 Verwundete. Eine 2. Angriffswelle hatte keinen Erfolg. Vom 31. Juli bis zum 4. August 1944 ist Tirpitz mit ihren 5 Zerstörern einsatzfähig.

Vom 22. August bis Ende August 1944. Griffen 32 Barracudas von 4 Trägern, das Schiff an, hatten aber keinen Erfolg Am 15. September 1944 wird Tirpitz angegriffen von 27 Lancasters von Archangelsk. Sie wird von einer 5,4 Tonnen schweren Tallboy Bombe getroffen und so schwer beschädigt, dass sie nicht mehr seetüchtig ist.

Nach Reparaturen kann Tirpitz am 15. Oktober 1944 mit 8 Knoten in den Trosöfjord fahren und bei den Haaköy Inseln als schwimmende Batterie ankern. Ein Teil der Besatzung wird dort von Bord genommen. Sie wird erneut von 32 Lancasters ohne Erfolg am 29. Oktober angegriffen

Das Ende kommt am 12. November 1944. Tirpitz wird von 32 Lancasters angegriffen. Kurz nach 9.40 Uhr wird sie von zwei Tallboy Bomben getroffen und von unten aufgerissen, vier andere Bomben trafen nicht. Um 9.52 Uhr kentert das Schiff, 971 Seeleute ertrinken, 888 Mann können sich retten. Mit der Versenkung der Tirpitz wurde das letzte und größte Schlachtschiff der deutschen Marinegeschichte vernichtet. Seine Lebenszeit hatte 3 Jahre und 9 Monate betragen.

Von 1948 bis 1957 wird die gekenterte Tirpitz von norwegischen, britischen und deutschen Firmen abgewrackt.

 

Kurt Voigt schrieb seine letzten Briefe von Bord.
Am 26. Oktober 1942:

Morgen fange ich an zu packen, erstmal die Kisten. Hier eine Geschichte: Eine junge Dame, die einen alten, sehr vermögenden Herrn geheiratet hatte, erhielt den Besuch einiger früherer Verehrer. Sie führte den Besuch durch ihr luxuriöses Heim. Als sie in das Schlafzimmer der jungen Frau kamen, rief einer der Freunde hingerissen: Ah, c´est l´Eglise de Notre Dame! – worauf die junge Frau traurig erwiderte: O non, c´est le Dome des Invalides! – so hilft man sich über die trüben Gedanken hinweg. Mein Nachfolger ist da. Er kam mit der Bahn von D. auf der nahen Bahnstation an, wo er von meinen drei Verwaltungsoffizieren in Empfang genommen wurde. Zu ihrem Erstaunen war die Freude darüber aber mäßig, denn er hat sie gleich gefragt, ob sie nichts zu tun hätten. Na, dann wissen sie ja Bescheid und brauchen sich keinen Illusionen hinzugeben. Ich werde planmäßig am 31. Oktober abfahren.

 

Am 3. April 1945 ist Kapitän zur See (V) Kurt Voigt in Kiel gefallen.