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Die Algenfee

Es war still im Laboratorium. Die halbgeöffneten Fenster gewährten den Blick auf den ruhenden Plöner See im Glast der Junisonne. Barbara liebte ihre friedliche Welt weitab jeder Großstadt, und sie war stolz, ein wohlbestalltes und gleichberechtigtes Mitglied des traditionsreichen Max-Planck-Instituts für Limnologie (Seenforschung) zu sein.

Ich erlebte sie Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der OikosDer Oikos (im antiken Griechenland) umfasste die Familie sowie Bedienstete und Sklaven, das Land, die Gebäude und alles bewegliche Inventar – ähnlich der römischen Villa. (also Haushalt) hatte noch kein Forum in der breiten Öffentlichkeit. Umwelt und Bio waren noch nicht zu abgegriffenen Schlagworten von Werbung und Politik verkommen. Kein Grüner war da, um zu protestieren, wenn brave Steuerzahler ihre aufgebrauchten Sofas und Fernseher nachts am Waldrand parkten in der Hoffnung, irgendjemand würde sie schon entsorgen. Auf Rhein und Elbe trieben dekorativ weiße Schaumberge der Detergentien aus den Waschmitteln, Fische starben stumm, und überdüngte, eutrophierte Seen verwandelten sich in Moore. Die Plöner Forscher waren dem politischen Bewusstsein weit voraus. Empfand Barbara Hickel sich als kühn voranschreitende Pionierin? Für sie war Forschungsalltag am Geschehen in Süßwasserseen ein wesentlicher Teil ökologisch/limnologischen Erkenntnisgewinns, und die Plöner hatten sich einen klingenden Namen in der weltweiten Scientific Community erworben. Obwohl es auf internationalen Kongressen zu harten Auseinandersetzungen kommen konnte über den Primat in der Forschung – USA, England, Deutschland? Wer erwartete den nächsten Nobelpreis?

Barbara mit dem streng gescheitelten Haar, in ihrem zartgeblümten Kleid, das sie schlank machte, wirkte wie eine junge Biologielehrerin, und im Herzen war sie wohl beides – Forscherin, tief engagiert in der Welt der Süßwasseralgen – und begabt mit einem Instinkt für die bildhafte Weitergabe ihres umfassenden Wissens über das Verhalten und die Taxonomie der riesenhaften, noch lange nicht zu übersehenden Algenbotanik. Und höchst eigensinnig, wenn es galt, die Rolle ihrer Lieblinge zu verteidigen.

Im schwankendem Instituts-Kahn pflegte Barbara die Sommer auf dem See zu verbringen, freundlich unterstützt von Herrn Schöler, dem Techniker, der alles wusste über die Gläser und Messinstrumente und Kabel, die seine Chefin brauchte. Immer wieder warf sie die feinmaschigen Netze aus, zog sie durch die Tiefe des schimmernden Wassers, holte sie herauf, füllte die grüne Beute in kleine Gläser, fixierte die Lebewesen und brachte sie heim ins Labor, und sie bestimmte Arten und Abundanzen. Da waren die Diatomeen, die Kieselalgen – und primitive Blaualgen, verantwortlich für besorgt beäugte Algenblüten – immer wieder Chlorophyta, die Grünalgen – ihre Gesellschaft spielt eine unersetzbare Rolle im Geschehen des Sees, so lange er leben darf. Viel hatte zu geschehen, um die Winzlinge zu erkennen, Kollegen waren tätig: Markierung, Filterung, Zählungen, Messungen mit Digitalanzeige, Hell-Dunkel-Fixierung. Herr Kobischke machte Dünnschichtpräparate mit dem Scanner und gab sie in den großen Computer mit der Frage, wie viel mg C pro Liter wird gebildet – bezogen auf die Lichtenergie? Und weil der Professor Overbeck großen Wert darauf legte, untersuchte man die Produktion der Bakterien im See – sie bilden die Nahrung für das Zooplankton - , man markierte die Glukose, unterschied autotroph und heterotroph. Dr.Naguib arbeitete derweil an den methanbildenden Bakterien und wollte Eiweiß daraus industriell gewinnen. Und irgendwer fragte in der Runde nach der Rolle des Phosphors im See.

In ihrem stillen Labor saß Barbara am großen Lichtmikroskop, Stunden. Es besaß eine moderne und teure Errungenschaft, eine weitreichende Ausspiegelung. Damit projizierte das Gerät das klare Bild der stark vergrößerten Alge auf ein nebenliegendes Papier. Dies Abbild nun zeichnete Barbaras rechte Hand sorgsam und sauber nach, ein Algenumriss entstand – und Barbara flüsterte den Artnamen: Stephanosphaera .... Chlamydomonas .... Kolonien von Volvox .... Pediastrum .... Chlorella .... eine nur der Fachfrau begreifliche Fülle von Namen und zauberhaften Formen und Farben und Schattierungen, wie die Evolution sie schuf in endlosen Jahrmillionen. Ein zarter Blumenstrauß aus den Tiefen des blauen Sees – aber das durfte der Adept nicht sagen, es brachte Zornesfalten hervor auf dem Gesicht der Forscherin – da verstand sie keinen Spaß – seit langem schon arbeitete sie an einer endgültigen Enzyklopädie ihrer geliebten Algenwelt. Um das Lebewesen gültig zu dokumentieren, löste sie den Fotoapparat aus, der auf dem Mikroskop thronte und scharfe Makrofarbphotos lieferte. Aber sie machte sich Sorgen, weil immer wieder ihre eingeglasten Dias von Pilzen befallen und unbrauchbar wurden. Ob Tetrachlorkohlenstoff hülfe?

Wenn es um die Feinstrukturen der Algen gehen sollte, lieferte das voluminöse Rasterelektronenmikroskop fotographische Kunstwerke von hohem ästhetischen Reiz, die sich gut machten, wie abstrakte Gemälde, hinter dem Schreibtisch des Chefs. Am liebsten wollte Barbara sich mit der Mikrofilmerei beschäftigen – sie hatte den Yale-Professor Rudi Strickler getroffen, Fachmann auf dem Mikrofilmereigebiet, der habe Material zur Verhaltensbiologie der Kleinkrebse auf einem Innsbrucker Kongress gezeigt. Barbara war angetan und schilderte lebhaft die Ideen, die sie aufnahm – der Kontakt mit den Limnologie-Kollegen im Ausland war lebensnotwendig in den frühen Jahren ökologischer Grundlagenforschung, für die es noch wenige Vorbilder gab.

Und dann lockte wieder der See. Barbara zog den Zweierkajak aus dem Schuppen, schleppte einen Kasten kühles Bier heran, verstaute sich und mich auf schwankendem Untersatz, ergriff die Paddel und trieb uns hinaus ins Geschaukel der Wellen, hinein in die weiten Meere des Schilfes, wir ruhten auf schmalen Sandstreifen, lauschten den Rufen der Blässhühner und redeten über – nicht Gott und die Welt – von dem, was sein könnte in der Konkurrenzwelt akademischer Forschung, mit Kollegen, die dem kleinen Forscher den Ruhm nicht gönnten, wenn er denn einmal kam durch den guten Vortrag. Ökologie – ein schönes Thema, lebenswichtig, gewiss schon heute, wenn man Herrn von Uexküll folgte in seine Um-und Innenwelt der Tiere –oder dem August Thienemann, der die Biologische Anstalt gründete, aus der viel später das Max Planck Institut für Limnologie wurde – aber es war eben auch eine kalte Welt ewiger Auseinandersetzungen, um das Rechthaben, um die karrierefördernde Publikation. Barbara Hickel blieb nicht beim heißen Thema – sie zog sich zurück in die behütete, private Gesellschaft ihrer Algen mit den zauberhaften Formen und die unbeantworteten Fragen ihres Werdens und Vergehens. Ich hatte einen Blick getan in die Fülle fach- und sachlicher Probleme, mit denen ein wohlfinanziertes, selbstbewusstes Institut in jenen Jahren zu kämpfen hatte, ein Film war gedreht, wurde mit kundiger Beratung kommentiert, das volkstümlich vereinfachte Portrait nur eines der ungezählten Lebensräume – oder Ökosysteme – dieses Planeten, zu denen ja auch die Süßwasserseen gehören. Ökosysteme, hatte Heinz Ellenberg in Göttingen verkündet, sind Wirkungsgefüge von Lebewesen und Umwelt. Sie halten sich in einem dynamischen Gleichgewicht, weil sie sich weitgehend selbst regulieren. Wie sagte ein Großer? Still ruht der See … weit entfernt, alle seine Geheimnisse zu lüften.