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Wanderungen in Karelien

Erste Reise

Am 17. Juli 1995 sitze ich im Flieger nach Moskau. Ankunft Ortszeit 14:00 Uhr. Herumgucken, niemand da? Doch, da kommt er herangerauscht, der Waldspezialist Alexei Philiptschuk. Eile, eile, er ruft den Lada und fährt mit mir zum Einkaufen. Von Moskau sehe ich nur den Roten Platz. Herrlich bunt und laut der Markt, wir kaufen pfundweise Kaviar, Wurst, Gurken, Brote, dicke Kisten voll. Weiter zum großen Bahnhof, die anderen warten schon mit ihrem Gepäck. Vor jeder Wagentür eine streng blickende, in weiße Bluse uniformierte Grazie, die alle Pässe und Fahrkarten einsammelt. Was wäre Russland ohne seine Eisenbahnen. Wir verteilen uns auf zwei Abteile und bauen die Betten, während die Damen Stullen schmieren mit viel Butter und Wurst und Gurken. Und natürlich ein Gläschen Wodka, der passt zu den traurigen Melodien der alten Lieder, die durch die Gänge wehen. Ich knülle mir das Laken unter den Kopf, ziehe den Vorhang beiseite und betrachte die vorbeiziehenden Tannen, Lärchen und Fichten der Taiga, sie wirken auf mich wie Wächter in einem skurrilen Stück. Im oberen Bett machen zwei in Liebe, leise und scheu. Ich gerate ins Träumen. Das einschläfernde ta-damm ta-damm der Schienen will mich in den Schlaf wiegen. Aber sie sind zu wach, die Gedanken, Erinnerungen an Gelesenes. Wir fahren doch über ein Land, das Schauplatz war der blutigsten Kämpfe vor wenigen Jahrzehnten. Das Land heißt Karelien und war einst finnische Provinz. Dann fielen Stalins Soldaten ein, vier russische Armeen über das kleine Finnland, im November 1939. Der berüchtigte Winterkrieg wurde zur blutigen Schlacht zwischen ungleichen Gegnern mit unzähligen Opfern. Mit dem Schnee kamen die Finnen besser zurecht, aber im Friedensvertrag vom Mai 1940 musste Finnland einen Teil Kareliens an Stalin abtreten. Fast eine halbe Million Kleinbauern flohen nach Westen, das verlorene Ost-Karelien blieb den Finnen schmerzhaft im Gedächtnis – bis heute. Stalin übte den Genozid, verbot das Karelische als Sprache, vertrieb 100.000 Karelier und siedelte Russen an. Deshalb also fahre ich heute mit dem russischen Zug über russische Erde. Und träume weiter im leichten Schlaf.

Ein nadelspitzer Turm, ein imposantes Sowjetemblem darauf, Gleise ohne Dach, wir sind in Kareliens Hauptstadt Petrosawodsk angekommen, und es ist 6 Uhr morgens. In den Wagen drängelt sich alles zum einzigen Klo, gewaltige Gepäckstücke werden gemannt,  draußen stehen Freunde, Verwandte und jubeln. Auch Philiptschuk wird empfangen als Boss der Gruppe, und der unentbehrliche Lada bringt uns durch die wenig lebhafte Stadt zum hölzernen Öko-Hotel, wo auch die Verwaltung des Nationalparks haust. Auf dem bunten Markt warten Waren aus Korea und Japan auf Käufer – nichts kommt aus Russland, nur die Pilze und Beeren, feilgeboten von armen Bäuerlein. Am Rande das Denkmal für die Helden der Sowjetunion aus dem Großen Vaterländischen Krieg. Ein paar Jünglinge beim Rauchen. Das breitbauchige Ausflugsschiff Kometa 7 bringt uns über den rau gewellten Onega-See in das alte Hafendorf Schala, der VW-Bus fährt uns über Stock und Stein und tiefen Sand und mitten durch die lichte Taiga auf unbeschilderten Wegen 100 km ans Ufer des Wodloserski Sees und zu seinem Dorf namens Kuganavolok mit 500 ärmlichen Einwohnern, doch auf allen Bretterhäusern steht wackelig die TV Antenne. Am Seeufer wäscht eine Frau Kartoffeln. Über dem Bürgermeisterhaus weht stolz die Flagge der Russischen Föderation. Fröhlich schwatzend stürmen unsere  Kinder das Boot am Steg, der grün uniformierte Ranger schmunzelt, wirft den stotternden Motor an. Los geht’s über das freundliche Wasser ans jenseitige Ufer ins Lager Ochtoma. Vier hübsche, zum Waldbild passende Holzhäuser, schmale Pfade im Moos, ein Ufersteg, wo man die Zähne putzen wird und das Teewasser holen, die unentbehrliche Sauna, ein paar Steine für das abendliche Feuer. Tief im Wald der Gemeinschaftsraum, in dem unsere  Frauen den Brei, Kascha, aus Getreide mit Fett und Rosinen auftischen. Und dann kommen sie, Heerscharen, was sage ich, Wolken beißwütiger, ausgehungerter Moskitos. Des Umsichschlagens ist kein Ende, nichts hilft, keine Salbe kein Spray. Am schlimmsten ist das Pieseln im dichten Wald , weil sich saugende Mücken auf die edelsten Teile setzen und Schmerzen verursachten, man kann gar nicht so rasch wedeln. Spät nachts erscheint Parkdirektor Tscherwjakov, eigentlich hat er Physik studiert, dann aber seine Liebe zur Taiga entdeckt und ist nun hier der Boss. Im schnellen Motorboot rauscht er mit mir über den stillen See, spricht von den Pflichten der Ranger im künftigen Park. Sie werden nicht schlecht bezahlt.

Schwatzend und Blumen pflückend wandert unsere Gesellschaft am Ufer des Sees entlang, im Bötchen zu den kleinen Inseln, auf denen scheue Bäuerinnen das Heu zu Haufen gabeln. Winzige Kapellchen mit Heiligenbildern  irgendwo am Waldrand und manches große Bauernhaus leer und tot. Verlassen von den Bewohnern, weil der Boden keine Frucht mehr trägt. Auf dem Fensterbrett finde ich vergilbte Fotos, die Söhne zeigen in brauner Uniform. Das Leben hier, es ist verweht.
Noch heute trifft man auf überwucherte Friedhöfe, wie den von Kolgostrow, aber das Dorf gibt es längst nicht mehr, die Holzhäuser stehen leer im Wind, die Öfen zertrümmert.
Wir machen große Lagerfeuer am Seeufer und braten Fische, die Alexei listig  geangelt hat. Ganz und gar aus altersdunklem Holz prunkt das grandiose, uralte Ilinski Kloster mit den eckigen Türmen, die den Blick weit über die Taiga erlauben. Kinder aus einem nahen Ökolager sind dabei, ein wenig zu lernen über den Wert ihrer großen Wälder, die sie kaum kennen und die man eben abholzt der Devisen wegen. Eine prächtige Frau namens Olga erlebe ich auf dem Friedhof –welch eine Stimmung. Wir beobachten Fischer beim Fang und einen lieben, alten Bootsbauer, der seine eleganten Holzboote von Hand macht mit der erloschenen Kippe im Mund. Wenn er stirbt, ist das Handwerk vergessen, niemand will es lernen. Manches erinnert an 70 Jahre Bauernleben in der Kolchose, heute weint mancher diesen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplätzen nach. Mit Demokratie im westlichen Sinne kann in Karelien kaum jemand etwas anfangen. Alexei meint, wir müssten einen Ranger im Dienst erleben. Das Bötchen trägt uns in den Unterlauf des still strömenden Ilexa. Er ist der Charakterfluss dieser Landschaft. Kein Fremder wird sich ins verfilzte Unterholz der Ufer wagen, er würde sich heillos verirren. In stiller Pracht stehen die Fichten und Kiefern im modrigen Boden. Selten begegnen wir dem Adler, der seine Jungen im hohen Horst mit Fischen aus dem Fluss und kleinen Nagern füttert. Die tiefroten, bläulichen Tinten am weiten Himmel sind Werke eines imaginären Malers. Eine Biegung und wir landen an der Drei-Häuser-Siedlung Nowguda. Außenposten der Ranger. Nikolai Borissowitsch Pimenow ist der jagdkundliche Inspektor. Wilderer gebe es hier kaum, sagt er und hackt einen Kloben Holz für das Mittagsfeuer. Gern sähe er ein paar mehr Touristen, die Geld ins Land brächten. Geschickt spreizt er den salzbestreuten Fisch vom letzten Fang mit kleinen Hölzern und trägt sie in die selbstgebastelte Räuchertonne, zwei Stunden später lecken die Kinder ihre Finger. Unsere Frauen sind – dicht verhüllt mit Hüten und Schals, in den tiefgrünen Wald gegangen und haben erstaunlich große Steinpilze gefunden, die sie lächelnd zubereiten. Pilze sind für die Bäuerinnen der Umgebung eine wichtige Nahrungsquelle für den Winter, sie werden geputzt und sorglich zum Trocknen auf Schnüre gefädelt. Die Kinder sind ganz still, als das Bötchen uns zurückbringt nach Ochtoma, manche schlafen schon tief bei den Müttern und träumen von Waldkobolden (denke ich mir und habe schon wieder Hunger auf einen Teller Kascha) .
Ich schaue auf das vorüber ziehende dunkle Wasser des Ilexa und kann nicht loskommen von den Sinnlosigkeiten territorialer Kriege, wie dies schöne, arme Land ihn so heftig erlebte.

 

Zweite Reise

Karelien lässt mich nicht los. Ich muss wieder hin.  Und dann bricht Philiptschuk sich das Bein, vermutlich im Suff, und kann nicht mehr mitwirken, er fehlt mir. Ich fliege nach St.Petersburg und werde abgeholt von der strahlenden Dr. Irina Safronowa, einer klugen Biologin an der Universität. Sie nimmt mich mit nach Hause in einen düsteren Vorort. Im Flur ein wackeliges weil überfülltes Bücherregal, in der Küche eine eigenwillige, dicke Katze, es gibt Brote mit Wurst und russischen Tee, den ich sehr mag. Ich darf im Wohnzimmer schlafen. Morgens bringt sie mich zum Zug nach Petrosawodsk. Da wartet mein russisches Team: Kameramann Victor Jarozki, Assi Alexander Kolobov und Dolmetscher Mark Kirsanow.
Wieder im VW-Bus nach Kuganavolok.
Ein paar Pferde grasen, Leute gehen auf der Hauptstraße, Büros gibt es nicht, keine Fabrik, die auf Arbeitnehmer warten könnte, wie noch zu Zeiten der Kolchosen. Ja damals, da war das Leben einfach, kam der Lohn immer pünktlich, aber heute? Die alten Leute blicken resigniert. Den Frauen tut der Rücken weh vom ewigen Bücken beim Kartoffelbuddeln im September. Manche besitzen ein handtuchgroßes Stück brauner Erde, das ein paar Knollen hergibt. Fließendes Wasser und Strom in den Häusern gibt es nicht, Trink- und Waschwasser für das Gemüse kommt aus dem sauberen See.

Sascha wickelt das Kabel um die Hand, packt das Mikro und macht sich auf den Weg zu den kleinen Höfen. Lächelt, fragt, ermuntert, er macht das gut. Eine Bäuerin: Wir hatten eine Straße, die in den Park führte, hatten alle Arbeit, jetzt haben wir keine. Wir müssen jetzt Lizenzen kaufen, ohne Lizenzen dürfen wir im See nicht fischen, werden bestraft, es ist aussichtslos. Was verstehen die wohl unter Naturschutz? Für Brennholz müssen wir Billette kaufen, die können wir nicht bezahlen, und der Winter ist lang.
Ein Bauer: Wir hatten 95 Kühe, mit angeschlossenem Betrieb, Kühe gibt’s nicht mehr, die wurden aufgegessen, wir haben nichts davon bekommen. Sascha betrachtet wohlwollend die Rundungen der hübschen Bürgermeisterin. Na ja, der Nationalpark ist hier der einzige Arbeitgeber, fast alle stehen auf seiner Gehaltsliste. Ich hoffe auf den Tourismus – ach, die Zukunft muss einfach besser sein als die Vergangenheit.  Sascha nickt friedfertig, und Alexander Kolobov schiebt die Kamera ins Leinenfutteral.

Majestätisch ruht das uralte Bauernhaus mit den altersschwarzen, dicken Bohlen, den kleinen winterfesten Fenstern vor dem flachen Sandstrand des großen Sees – gebaut für eine Ewigkeit, und doch lange schon verlassen, weil hier niemand mehr den Boden bearbeitet seit Stalin. Natalja Tscherwjakowa, die dunkle Schöne, hat Kunst und Ethnologie studiert, bevor sie Oleg heiratete und mit dem Park befasst wurde. Dies schöne Haus hat sie ausgespäht, hier sammelt und bewahrt sie, was bäuerliche Kultur in Jahrhunderten geschaffen hat. Hat das Haus liebevoll restauriert und wartet auf Besucher. Auf mancher Expedition ins weite Umland, oft zusammen mit Schulkindern, hat Natalja Gegenstände des Alltags zusammengetragen, wie sie typisch sind für die Wodlosero-Kultur der 40 Dörfer, die einst um den See herum bestanden. Die Werkstoffe der Milch- und Getreidegefäße, der Hacken und Schaufeln, der Butterfässer sind Eisen, einheimische Hölzer und Rinde.  Die junge Frau geht zum schlichten Holzkreuz auf der Anhöhe – eine weithin sichtbare Mahnung. Die Tradition, sagt sie, Gedenkkreuze zu errichten, ist sehr alt bei uns. Die örtliche Bevölkerung besucht diese Gedenkstätten, die anstelle ehemaliger Dörfer des Wodlosero-Gebiets aufgestellt wurden. Die Menschen möchten sich an die Mitbürger erinnern, die hier in weiter Vergangenheit gelebt haben. Es sind heilige Stätten geworden.

Seit einem halben Jahrhundert treffen sich neun alte Frauen des Dorfes –  wurden einst von ihren Höfen vertrieben,  in einem alten Haus, um zu essen und gemeinsam zu singen. Freundlich sind wir eingeladen. Die Lieder ihrer karelischen Heimat kann niemand ihnen nehmen. Immer geht es darin um ein Mädchen, das den Liebsten sucht, das Lied der eigenen Jugend. Nur Mühe und Arbeit ist ihr Schicksal gewesen, die Hände verraten es. Mit den neumodischen Ideen eines Parks können sie nichts anfangen. Ganz still hat Victor seine Kamera aufgebaut im Turnsaal der alten Schule. Der Kinderchor von Kuganavolok will uns einstimmen in die eigentümlich schwermütige Welt dieser Taiga. Ein süßer Blondschopf, 5 vielleicht, singt hingebungsvoll mit strahlender Stimme den Refrain. Das jubelnde Lied handelt von einem Kind, das so gern fliegen möchte, aber doch keine Flügel hat. Weit hallt der melodiöse Chor, während Sascha ins Boot steigt. Über den See fährt er in den nördlichen Teil des riesigen Parks. Überall hört er Hochzeits- und Liebeslieder, an denen Karelien reich ist. Am 16.7. waren wir nach langer Autofahrt um die Nordspitze des Onegasees wieder in Petrosawodsk, diskutierten den weiteren Dreh im Ökozentrum, drehten am Hafen, bei den Holzspeichern, bei freundlichen Studenten in der Universität, in der Volksschule, wo achtjährige Kindern wieder die finnisch-ugrische Heimatsprache lernen dürfen, die unter Stalin verboten war. Die Kinder tun sich nicht leicht mit den Ausdrücken und verziehen die Gesichter. Aber die Lehrerin ist geduldig. Swetlana Kondratjewa zeigt den artigen Kindern Tierbilder und nennt die Namen, so prägen die fremden Worte sich bildlich ein. Wenn diese Kinder erwachsen sind, wissen sie nichts mehr von Kolchosen und Dorfsowjets. Aber vielleicht wissen sie dann, dass die 500.000 Hektar borealer Wald ihres Nationalparks zum Welt-Naturerbe der UNESCO erklärt wurden.

Sascha spielt den Reporter am Hafen bei hartem Sturm, der ihm fast das Mikro wegweht, wir drehen die heilige Flamme für die Gefallenen des Großen Vaterländischen Kriegs, wandern durch die Stadt, interviewen Studenten und Studentinnen vor dem Portal der Universität von Petrosawodsk – Kameramann und Sascha melden sich ab, sie werden dringend im Kriegsgebiet Tschetschenien erwartet, und ich fahre nach Moskau. Dort werde ich verhaftet, weil ich ein Visum habe, das vor zwei Tagen ablief. Ich darf aber zu dem kritischen Dirk Sager ins ZDF Studio fahren mit einem alten Lada, und dort hilft man mir fachgerecht, so dass ich nach heftiger Zuzahlung von einem Geheimagenten am Flughafen meinen Pass zurück bekomme und abgeschoben werde nach Deutschland. Vorher war ich noch bei dem beinleidenden Philiptschuk in einem verkommenen Hochhaus, wo man alle Balkone mit Holzbohlen zugemacht hatte, um ein weiteres Zimmer zu gewinnen oder Kartoffeln zu stapeln.

Dritte Reise, 21. Juli 1997

Diesmal geht es um das Weiße Meer und die Dörfer an seinen Ufern. Mit langen Anläufen  hebt sich der riesige, doppelrotorgetriebene Armeehubschrauber mit 20 Mann Ladung plus Fracht. Dröhnend und schüttelnd fliegt er über die Dwina zur Halbinsel Onega mit ihren grünen Taigaflächen und braunen Mooren. Alles drängt sich um die winzigen Bullaugen. Eine holprige Landung auf der Wiese vor dem Dorf Purnema am Wald. Fürbass wandert man durch den Sand der Heide zum Ufer des Weißen Meeres, schlägt das Lager auf, Feuer lodern romantisch in der hellen Dämmerung. Der Koch kocht Brei in Blecheimern und braunen Tee. Die blauen Nylonzelte stammen aus Korea und sind sehr dünn. Frierend flieht mich der Schlaf, während die rauen Wodkagesänge weithin über die stillen Tannen hallen. Eine fahle Morgensonne wirft einen goldenen Pfad auf das ruhige Wasser des Meeres, kein anderes Schiff weit und breit, nur Möwen schaukeln in der Luft und schreien wie Babies. Manche Paare haben am Waldrand genächtigt, eingelullt vom Gesumm der Myriaden stechwütiger Moskitos. Sie machten die Morgentoilette zum gefährlichen Abenteuer. Manch ein Schrei aus weiblicher Kehle hallte im Geäst. Die uralte Fischerhütte am Strand sah sie hüpfend auf einem Bein und fluchend, die dünnhäutigen Europäer. Dann brechen sie auf, weil einer Bärenkot gesehen hat und Abenteuer erwartete.

Schiff und Wanderer treffen sich im Delta des Latnyaje Fluses, tief eingeschnitten in eine hügelige Buschlandschaft mit braun-blauen Holzhäusern Die verlassene Seehund-Station zeigt verrostetes Geschirr und müde Schiffswracks aus einer anderen Zeit. Im Dorf das altersschwache Haus, die gute Stube mit der bunten Decke und dem großen Ofen, davor eine alte Frau. Ja, früher habe ihr Mann, erzählt die 84-Jährige, die Fische auf dem Rücken seines Pferdes nach Archangelsk gebracht zum Verkauf, ein langer Weg. Elf Kinder habe sie dem Staat geschenkt und aufgezogen zu gutem Menschen, und nun? 60 Rubel im Monat, und die seit drei Monaten nicht bekommen. Nur noch getrocknete Waldpilze sind im Haus und zwei Dosen Eingemachtes.
Nicht weit von uns hört man Motorgeräusche. Waldarbeiter sind dabei, ein großes Waldstück kahl zu schlagen mit ihren automatischen Maschinen, die die Bäume fällen, entasten und in handliche Stück zersägen. Diese Waldarbeiter sind keine Russen, sondern Finnen, denn man weiß hier, dass die Finnen die Meister sind im Bäume fällen und Bretter schneiden.

Und unser Schiff macht sich auf den Weg nach Norden. Die kleine Felseninsel Anzer ist bedeckt von einem bunten Teppich geheimnisvoller Tundrablumen. Wir wandern in die kargen Höhen, sehen ein altes Holzhaus und den weiten, menschenleeren Strand. Das kristallklare Wasser zieht mich an, darin schwebend riesige Braunalgen wie Geister der Verstorbenen. Unser Koch Vladimir hat  dicht am Ufer das Feuer entzündet, Holz liegt genug herum, und den braunen Tee bereitet, der so erfrischt. Ich betrachte sinnend die dicken Bärenabdrücke im Sand und stelle mir den Besitzer lebendig vor. Die Landschaft um mich her sieht alt aus, nach früher Vergangenheit. Im Buschwerk verborgen entdecke ich  eine aus runden Steinen gelegte geheimnisvolle Figur, drumherum bearbeitete Flintwerkzeuge. Wer mag hier gelagert haben vor tausend Jahren? Nur ungern habe ich dies wundersame Eiland in der Tundra verlassen und bin wieder zur See gegangen auf dem Weg nach Süden. Dort liegt, hinter wuchtigen Mauern verborgen, grüßend die runden Türme erhoben, das berühmte Solovetzki-Kloster aus dem Jahre 1430. Im Nordischen Krieg spielte es eine strategische Rolle. Stalin hat hier eines seiner gefürchteten Gulags für Intellektuelle errichtet. In den Arbeitslagern und Kellergelassen sind Abertausende verreckt, ohne Zeugen, ohne Trauer. Heute wird etwas restauriert, werden Touristen empfangen von den wenigen Mönchen, die hier ihren Dienst tun, einen beobachte ich, wie er kenntnisreich und stark den dicken Holzkloben zerhackt.

Im Juni  sind die Nächte hell zur Sommersonnenwende. Hier mündete der Kanal, den Stalin von Abertausend Zwangsarbeitern hat bauen lassen, um eine Verbindung zu haben vom Weißen Meer zum Onega-See und weiter nach Moskau, die heute niemand mehr nutzt. Unsere russischen Freunde haben von den Steinzeichnungen berichtet, die auf runden, seewasser-überwaschenen Felsen am Ufer vor dem Städtchen Beromorsk zu finden seien. Solche Bilder suchen wir. Und wandern über wilde Pfade, finden die Stelle. Weiß heben sich die halbmetergroßen Bilder der Tiere und Menschen ab vom Grau der eiszeitlichen Steine. Viertausend Jahre sollen sie alt sein, ein Bildbericht aus dem Neolithikum. Vielleicht beschwörende Bilder, die den guten Fang herbeizaubern sollten? Ich wandere auf den nassen Felsen auf der Suche nach weiteren Bildern. Rutsche aus, stürze auf den rauen Stein, komme ächzend hoch, das Knie verletzt, die Brille im Wasser. Ich humpele zum Land. Der Assi bringt einen kristallklaren Wodka, die Welt zeigt wieder ihr freundliches Gesicht. Die alte Ärztin in bäuerlicher Praxis betastet sanft das geschwollene Gelenk und verschreibt eine Salbe, es kostet nichts, Medizin ist frei in Russland.

Wir besteigen das graue Schifflein. Einst hat es auf dem Weißen Meer als Minensucher gedient, heute bringt es Pilger zum Solovetzki-Kloster und Filmcrews zu den Inseln mit den rätselhaften Steinkreisen aus der Vorzeit. Wir richten uns ein in winzigen Kammern, besteigen hängende Kojen, essen Knoblauch mit der Dolmetscherin und rote Würste in der Messe mit der winzigen Pentry. Bestaunen die bunten Vorhänge des stillen Nordlichts, die über uns wehen wie eine Wagneroper. Schlafen, träumen. Springen jäh auf die Füße, suchen die Kleider zusammen, stürzten an Deck. Das Schiffchen liegt gekrängt auf der Seite. Der Bootsmann hat es im Flachwasser krachend auf Grund gesetzt. Weit weg vom Ufer. Der russische Assi macht sich auf den Weg, mit Wünschen und Wegzehrung versehen, denn Telefon gibt es nicht, und die Handys reichen nicht bis zur nächsten Stadt. Am nächsten Morgen erscheint das rettende Zwillingsschiff, nimmt uns auf den Haken, verholt an Land. Freunde feiern uns wie die Helden des Odysseus.

Der Hubschrauber bringt uns nach Archangelsk. Auf dem Friedhof entdecke ich wandernd viele Gräber mit deutschen Namen. Zur Zeit der Hanse gab es enge Verbindungen zwischen Archangelsk und Lübeck, wo das russische Juchtenleder beliebt und teuer war. Wieder ein Hubschrauber, Russland hat erstaunlich viele alte Armeebestände. Unsere letzte Reise führt zum Kuloi-Plateau, es ist unter Geologen bekannt, weil das Gestein dieses Gebirges porös ist und viele Höhlen birgt. Wir landen im Örtchen Kepina, wo ein verrosteter Kriegspanzer den Kindern zum Turnen dient. Kepina war zu Kriegszeiten eine militärische Wetterstation, die Holzhäuschen für die Instrumente stehen noch. Ein junges Ehepaar erfreut uns mit frischem, tiefroten Lachs aus dem nahen Fluss, den man roh vertilgt . Wir bleiben zur Nacht in Kuchema und ich bewundere die himmelhohen, bolzengeraden Lärchen, die sich im stillen, braunen Wasser spiegeln. Unsere Dolmetscherin sammelt Vogeleier. Nach Tagen melden sich zwei junge Soldaten, die große Motor-Schlauchboote führen. Mann und Maus in die Boote, dicke Militärdecken über den Kopf, und wir rauschen den Kuloi abwärts, schneller und schneller, den selben Weg, den einst die Flößer nahmen. Die gewaltigen Taigabäume an den Ufern stehen unberührt. Irgendwo wird gehalten und Feuer gemacht am Ufer für den Tee, dessen Hitze eisige Hände auftaut. Gegenüber tummeln sich ein paar Wilderer. Ein Parkranger setzt sich mit uns ins Boot, mit ihm fahren wir die letzte Strecke bis zum Küstenort Sojana. In der Mitte des Dorfes das obligatorische Denkmal für die Gefallenen des Krieges mit Sowjetstern. Hier mündet der Kuloi in einem Meerbusen am Weißen Meer. Der freundliche Ranger führt uns in sein Haus, zeigt das Boot, an dem er eben werkelt, während seine Frau sich um die Erdbeeren im Garten kümmert. Wir fallen in tiefen Schlaf. Und am Morgen ist wieder der Hubschrauber zur Stelle. Die Kinder des Dorfes erzählen begeistert, dass sie nun sogar englisch lernen. Singen zum Abschied eines der traurigen Lieder ihres Landes. Unter uns verschwinden die braun-grünen Matten der Taiga.

Im Zug von Petrosawodsk nach Moskau knülle ich wieder mein Laken unter den Kopf und schiebe die Vorhänge beiseite, schaue hinaus in die dunkle Taiga und denke an Karelien. Mit dem Vertrag der Russen von 1940 waren die Finnen nicht zufrieden, das mutige, kleine Volk zog wieder in die Schlacht, eroberte verlorene Gebiete in den Jahren 1940-44 zurück. Konnte sich gegen die Übermacht aber nicht behaupten. Im Sommer 44 starteten die Russen einen Großangriff und eroberten alles wieder zurück. Und dabei wird es wohl bleiben. Karelien ist russisch, diese Geschichte lässt sich nicht umkehren. 
Ein Gedanke, mit dem ich einschlief über dem ta-damm ta-damm der Schienen.