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Spinning Jenny in Manchester

Die Industrielle Revolution 1780-1840.

Wer Industrielle Revolution sagt, meint Baumwolle. Wenn wir an sie denken, sehen wir, wie die zeitgenössischen ausländischen Besucher Englands, die neue Stadt Manchester vor uns, die sich zwischen 1760 und 1830 um das Zehnfache vergrößerte, in der wir Hunderte fünf- bis sechsgeschossiger Fabriken bemerken, jede mit einem turmhohen Schornstein daneben, der schwarzen Kohlenrauch ausstößt, eine Stadt, die ihren Namen der liberalen Wirtschaftsschule gab, welche die Welt beherrschte.

Kein schwarzer Kohlenrauch quillt mehr, die turmhohen Schornsteine aus Backstein stehen wie Denkmäler einer großen Zeit in der sauberen grünen Landschaft, irgendwie übriggeblieben. Wer sich einstimmt auf die ferne Vergangenheit, kann es hören, das leise Rumpeln und Rauschen und Poltern der alten Maschinen, der quietschenden Wasserräder. Jahrhundertelang hatten die Handwerker sich begnügt mit einfachen Spinnrädern, die immer nur einen Garnfaden und wenige Spulen pro Tag liefern konnten. Plötzlich tauchten Leute auf, denen etwas Ungeahntes einfiel. Da war James Hargreaves mit seiner Spinning Jenny von 1764. Sie ließ schon 16 Spindeln auf einmal rotieren durch ein Band, das verbunden war mit dem Schwungrad, das Männer mit der Hand bewegten. Jenny lieferte die frühere Tagesproduktion nun in einer Stunde. Notleidende Heimspinner bangten natürlich um ihre Arbeitsplätze und zerstörten Jennys, wo sie konnten. Hargreaves starb arm, doch seine Jenny breitete sich aus bis nach Deutschland und Amerika.

Nicht weit von Hargreaves Bastelstube steht das Landhaus Hall-i-th-Wood. In ihm wurde das nächste Kapitel des Baumwolldramas geschrieben vom Sohn einer bescheidenen Farmerfamilie, die sich ihr Zubrot durch Spinnen und Weben verdiente. Der Sohn war unzufrieden mit den Garnen und experimentierte Jahre, ganz geheim, weil er wusste, wie man mit Hargreaves umgegangen war. Der Mann hieß Samuel Crompton, war Musiker, Bastler, Ingenieur, ein Allroundgenie. Lange bastelte er an einer Maschine herum, die feine Garne in Mengen spinnen sollte, aber, anders als die Jenny, mit Wasserkraft angetrieben wurde. Die Idee war genial. Crompton befestigte 48 Spindeln auf einem Wagen, der auf Schienen hin- und herfährt. Dabei zieht er und streckt den Faden. Mit diesem Musselin-Rad lieferte Crompton feinste Garne billiger als die Konkurrenz. Man stahl ihm die Idee, baute sie nach, verdiente viel Geld — nicht so Crompton. Obwohl seine Maschine die Basis bildete für den Wohlstand der Textilfabrikation. Arm, unbeachtet starb er 1827- ein für diese Epoche typisches Erfinderschicksal.

Anders der erste Industriekapitän Richard Arkwright. Er gab der hektischen Baumwollszene den Schub mit seiner Water-Frame, der wasserkraftgetriebenen Spinnmaschine. Den Derwent-Fluss ließ Arkwright aufstauen, um Kraft zu gewinnen für seine Spinnmühle, baute eine nach der anderen. In Matlock-Bath sahen wir seine Fabrik, die erste der Welt, die ganz aus Ziegelsteinen errichtet wurde. Bald darauf baute Arkwright Belper-Mills und versorgte die schweren Mauern mit Schießscharten aus Angst vor den Überfällen der Heimwerker, die sich um ihren Verdienst betrogen sahen. Den Urahnen aller Textilfabriken aber sahen wir in Derbyshire: Sie heißt Cromford-Mill, wurde 1771 errichtet von Arkwright und steht heute als ein Denkmal des Industriellen Zeitalters.

In Styal kann man einiges sehen vom folgenschwersten Kapitel europäischer Geschichte, geschrieben in England zu einer Zeit, da das übrige Europa noch den Traditionen des Handwerks verhaftet war. Vor über 200 Jahren gründete hier Samuel Gregg sein Baumwoll-Imperium. Doch dann hielt man nicht Schritt mit der technischen Entwicklung. 1950 ging der letzte Weber. Wo einst Transmissionen kreisten und Webstühle lärmten, blieb ein gespenstisches Museum — ein stiller Platz zum Nachdenken unter staubigem Gebälk. Und um sich traurig daran zu erinnern: Getragen wurde diese Industrielle Revolution in ihrer entscheidenden Anfangsphase von Kindern, von Mädchen und Jungen zwischen sechs und zwölf Jahren. Zu Tausenden holte man sie in die Fabriken. Man ließ sie 12-14 Stunden täglich, sieben Tage in der Woche, an den Maschinen stehen. Man prügelte sie für geringste Vergehen. Man gab ihnen Pfennige zum Lohn. Und manche Fabrikherren gaben ihnen so wenig zu essen, dass sie sich um das Futter für die Schweine prügelten. Kaum ein Kind erhielt je eine Ausbildung. Ein schandbares Kapitel der Industriearchäologie, das von vielen gern totgeschwiegen wird.

Baumwolle diktierte weltweit die Mode. Im ländlich gelegenen alten Knusperhäuschen Platt Hall überredete ich Jane, sich eines der graugeblümten Kattunkleider anzuziehen, von denen ihr Kostümmuseum so viele hat. Sie nahm das Morgenkleid einer Landfrau, den bedruckten Musselin von 1770, daneben hing das Baumwollgewand für den Herrn von 1825, die schimmernde Oberfläche des block-bedruckten Chintz. Hinter Glas bewahrte Jane die Garderobe von Fanny Jarvis, einer unbekannten Lady aus den 30er Jahren des 19.Jahrhunderts. Auf der Fahrt durch Lancashire kamen mir Gedanken, wie reich das Land einst war mit seinen Kanälen für den Transport, mit dem guten Wasser für die Kattunfärber, mit Kohle und Eisen in jeder Menge. Mit Technik und Know-how konnte man einst Tausende von Tonnen Baumwollgarne und -stoffe exportieren, trotz steigender Löhne. Bis dann, 1913, Englands Textilmonopol zusammenbrach, weil Hauptabnehmer Indien drastisch die Einfuhrzölle erhöhte, um die eigene Manufaktur zu schützen. Aus den Kanälen wurden romantisch stille Gewässer für Liebende, schweigende Straßen mit vermauerten Häusern legen klägliches Zeugnis ab für den Glanz von gestern — wie das alte Macclesfield, einst das Zentrum florierender Seidenmanufaktur. Hier baute Charles Roe 1743 die erste Weberei mit Antrieb durch Wasserkraft. 150 Jahre später tauchten die Chemiefasern auf und brachten das Aus.