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Meine Großmutter Bertha

Heute sagt man polnisch Miedzyzdroje, einst sagte man Misdroy und meinte das kleine Ostseebad auf Wollin. Der unbedeutende Ort spielte eine Rolle im Lebenstheater einer pommerschen Familie. Meine Mutter Erika wuchs darin auf und erzählte ihr Leben lang von der See und dem Sand und den Menschen, denen sie da begegnete. Und von ihrer Mutter Bertha Berg, geb. Engelbrecht.

Ebenso wie ich meinen Vater nach seiner Kinderzeit in Putzig fragte, bestürmte ich meine Mutter. Sie erzählte dann von dem adeligen Gut Neuendorf auf Rügen, das ihr Vater verwaltet habe. Er soll ein ernster und ruhiger Mann gewesen sein, dieser Engelbrecht, von großer Körperkraft, aber liebevoll zu Frau und den drei Töchtern: Alwine, Luise und Bertha. Dann erzählte meine Mutter von ihrer Großmutter, der Ahne. Die hatte das Zweite Gesicht, eine Gabe, die auf Rügen nicht selten ist. Die Ahne sah Todesfälle voraus, konnte besprechen und heilen. Dabei war sie eine heitere Frau mit Humor, die 90 Jahre alt wurde. Als die Engelbrechts nach Greifswald zogen, ging die Ahne mit. Sie sah dort den ersten Radfahrer ihres Lebens und schrie entsetzt auf: De Düwel kümmt!. Hochdeutsch hat sie nie gesprochen. Meine Mutter hat auch in späteren Jahren mit ihren Verwandten in Loitz /Pommern nur Platt gesprochen. Die Ahne war abergläubisch, und auch meine Mutter war nicht frei von Aberglauben, nie hätte sie eine Reise am Freitag angetreten, nie 13 Personen zu Tisch gehabt.

Mutters Schwester Alwine hatte das Unglück, in Berlin einen Mann zu heiraten, der eine Art Quartals-Irrer war. Alle Vierteljahr begann er grundlos zu toben, seine Frau zu schlagen und sich zu benehmen wie ein Verrückter. Sobald er sich ausgetobt hatte, war er der beste Mensch und bat seine Frau um Verzeihung. Die arme Alwine, die ja drei Kinder hatte, konnte sich nicht anders helfen, als ihren Vater von Rügen zu rufen. Dieser kam nach Berlin und hat seinen Schwiegersohn so verdroschen, dass dieser lange das Bett hüten musste. Nach dem Tod des Vaters hat Alwine sich selbst verteidigt, indem sie eine brennende Küchenlampe schwang. Er hat sie nicht wieder angerührt, aber die Ehe wurde bald geschieden. Alwine hat ihre Kinder allein durchgebracht, als sie alle aus dem Haus waren, ist eines Tages der geschiedene Mann gekommen, um sich in Alwines bester Stube zu erhängen.

1902 zogen meine Eltern mit mir von Wandsbek, wo ich geboren wurde, mit meiner älteren Schwester Margarete in das kleine Ostseebad Misdroy. Mein Vater war dort Bürgermeister und Badedirektor. Sein Amtsgebäude, die Kurverwaltung, lag neben dem Kurpark, in dem im Mai unendlich viele Maiglöckchen blühten. Es ist ein Foto vorhanden, das meinen Vater bei der Enthüllung des Kaiserdenkmals im Kurpark zeigt, wo er eine Rede hielt. Hier fanden die sogenannten Reunions statt, die meine Eltern eröffneten. Hier habe ich als Sechsjährige den ersten Film meines Lebens gesehen, ich erinnere mich nur an ein lautlos umfallendes Klavier und großes Staunen im Publikum. Mein Vater hatte ein Haus in der Eichenstraße bauen lassen, nicht weit vom Strand, es war nicht rechtzeitig fertig, so musste die Familie noch einen Sommer in einem kleinen Haus zubringen, dem schräg gegenüber die Dienstwohnung des Forstkassenrendanten Blümke lag. Seine Tochter Lenchen war das letzte von sechs Kindern, die in wenigen Tagen an der Diphtherie starben, einer damals nicht heilbaren Kinderkrankheit. Onkel Blümke sprach noch oft von seinen kleinen Söhnen, die so früh sterben mussten. Es gab in der Küche eine Wasserbank, auf der zwei Eimer mit Pumpenwasser standen, fließendes Wasser hatten nur wenige. Eine Toilette gab es im Hause nicht. Man ging einen gewundenen Pfad hinunter, wenn man das Häuschen mit dem Herzen an der Tür besuchen wollte. An der Hecke zu der Schwedenstraße war mein Spielplatz. Onkel Blümke baute mir eine Bank und einen Holztisch. Kleine Tannen umgaben die lauschige Ecke. Hier wurde auch der Jagdhund Lord begraben, der mir ein lieber Spielkamerad war, auf dem ich reiten durfte.
Großmutter notiert in ihrem blauen Buch:

Zu Weihnachten 1903 bekam ich eine lange Uhrkette. Papachen bekam das Bild vom Großpapa, Gretchen Kleider und Wäsche. Gretchen hatte für Erika alle Spieltische und Stühle hellgrün angestrichen, und dazu bekam sie ein Nickelkaffeeservice. Tante Lieschen schickte Pelzkäppchen und Muff.

Bei uns wurde um 1905 häufig der Name Böttcher erwähnt. Es handelte sich um einen Berliner Maurermeister, der in den Gründerjahren sehr reich geworden war. In Misdroy baute er sich eine großartige Villa, umgeben von Rasenflächen. Er glaubte, sein Geld gut anzulegen, wenn er in Misdroy eine Seebrücke erbauen würde. Mein Vater riet dringend ab, doch er baute seine Brücke, und verdiente ein paar Jahre gut daran. Als aber die Brücke von einer Sturmflut zerstört wurde, verlor er sein Geld und musste sein Haus verkaufen. Er war mit seiner Frau, die er maßlos verwöhnte, in einer Berliner Vorstellung der Fledermaus gewesen, darin hatte die Hauptdarstellerin einen braunen Mantel getragen, und so kaufte Böttcher seiner Frau eben einen solchen vornehmen Mantel, so ging man mit der Mode.

Gleichzeitig war die Rede von der Witwe eines Berliner Apothekers namens Täschner. Dieser hatte mit der Erfindung des Hustenmittels Pertussin viel Geld verdient und baute seiner Frau in Misdroy unterhalb der Kirchenpromenade ein elegantes Haus mit einem riesigen Park. Darin spielte ich mit einer kleinen Nichte der Täschners, die als Böhmin kein Deutsch konnte. Täschners Tochter Mieze heiratete 1912 einen Gardeoffizier, der Schulden hatte, aber katholisch war, das war Bedingung für die Hand der millionenschweren Erbin. Meine Eltern nahmen an der Hochzeit im Fürstenhof teil. Mutter schilderte den Prunk, die herrlichen Speisen und die Eleganz der Gäste, vor allem der eingeladenen Gardeoffiziere. Mein Vater meinte dagegen, er hätte die Kleider der jungen Mädchen schamlos gefunden und er glaube, die Ehe würde kein Jahr halten. Er behielt recht. Frau Täschner fuhr nach Rom, machte große Stiftungen und erlangte nach einem Fußfall vor dem Papst die Scheidung der Ehe. Mieze Täschner hat dann einen Oberlehrer geheiratet, und die Mutter kaufte dem Paar eine Burg am Rhein.

Durch Täschners lernten meine Eltern die Scherings kennen, auch sie Berliner Apotheker. Frau Schering berlinerte furchtbar und brachte meinen Vater mit ihrer falschen Aussprache französischer Worte auf die Palme. Er wollte der Einladung in das Scheringsche Haus in Heringsdorf nicht gern folgen, er hasste den Prunk und die Festgelage dort. Auch wollte er mit dem hauseigenen Vierspänner, den man ihm schickte, durchaus nicht fahren. Einmal ist der Vater dann doch mitgefahren, weil wir ihn baten. Am Rande des hochgelegenen Gartens gab es dort ein Fernrohr, durch das ich mit Vergnügen weit über die See blickte. Die Schering Tochter Ilse war verwöhnt und hochmütig. Sie erzählte mir von den Ritten der Eltern im Tiergarten und sie hätte selbst auch schon Reitunterricht. Ihre freundliche bescheidene Erzieherin erhielt von der Hausfrau in gräulichem Französisch Befehle, obwohl sie deutsch sprach wie wir.

Ich bin noch klein gewesen, als ich meine erste Sedanfeier erlebte. Schon morgens beim Aufstehen fielen mir die zahlreichen schwarz-weiß-roten Fahnen auf. Schnell lief ich zu Blümkes. Er stand schon im Bratenrock und Zylinder, denn es war seine Aufgabe, im Zuge der Sedanteilnehmer zu marschieren. Ich sah, wie sich der Festzug formierte. Bärtige Männer vereinigten sich zu einer soldatisch marschierenden Einheit. Die Kirchenglocken läuteten, die Fahnen wehten im Septemberwind und über allem spannte sich ein seidenblauer Himmel.

Ich darf einen Freund nicht vergessen, der in unserem Haus aus- und einging. Das war Konsul Kurtzhals, Onkel Konsul genannt, der mich unendlich verwöhnte. Er machte mir Geschenke an Schmuck und Kleiderstoffen. Für all das war ich zu klein, aber ich hing an ihm und verdanke ihm viel. Er war lange Jahre Konsul in einer indischen Provinz gewesen, verheiratet mit einer eiskalten Engländerin, von der er damals schon geschieden war. Als Kurgast nach Misdroy gekommen, verliebte er sich in den hübschen kleinen Ort, den Wald, den herrlichen Strand und blieb hier wohnen. Im Herbst pflegte er nach Italien zu fahren, von wo er mir fast täglich schrieb. Als mein Vater beschloss, für meine ältere Schwester und deren Zukünftigen eine Apotheke zu kaufen, gab Onkel Konsul ohne weiteres eine große Summe dazu, die er dem jungen Paar testamentarisch vermachte.

Ich kam fünfjährig in die sogenannte Frolleinschule, eine kleine Privatschule. Da ich nur zwei Stunden Unterricht am Vormittag hatte, blieb mir Zeit zum Spielen und zu Spaziergängen mit meiner Schwester Margarete. Sie erzählte mir Märchen und Sagen, sprach Gedichte, die sie auswendig konnte und gab mir Lebensregeln. Nimm dich selbst nicht so wichtig, sagte sie oder man muss nicht so besorgt sein um sich. Sie lehrte mich, wie man Briefe schreibt, dass man links geht von älteren Personen, sie brachte mir das Knicksen bei, auch ein paar französische Redensarten, da viele Ausländer in unser Haus kamen. Sie spielte Tennis mit dem Prinzen Solms-Wittgenstein, sie übte Theaterstücke mit anderen jungen Mädchen ein. Sie sprach ein vaterländisches Gedicht, bevor mein Vater seine Rede hielt im Kriegerverein. Als sie 1908 einen Apotheker heiratete und nach Thüringen zog, habe ich sie und ihre Liebe sehr entbehrt.

Der 27. Januar, der Geburtstag Wilhelms II., wurde festlich begangen. Alle Schülerinnen versammelten sich nicht im Klassenzimmer, sondern im Wohnzimmer von Fräulein Müller, der Lehrerin, die mit Energie ca. 30 Mädchen verschiedener Altersstufen gleichzeitig unterrichtete. Die Kinder trugen schwarz-weiß-rote Schleifen. Das Zimmer der Lehrerin war feierlich mit Tannenzweigen und Fähnchen geschmückt. Fräulein Müller setzte sich ans Klavier. Die patriotischen Melodien, die sie spielte, hörte ich zum ersten Mal. Alle Kinder sangen eifrig Lieder, deren Text sie gewiß nicht verstanden. Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall… Besser gefiel mir das Lied Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben? Wir Kinder umstanden das Klavier, mir schien das ganze sehr feierlich und ernst. Fräulein Müller erzählte uns von dem Leben des Kaisers und seiner Familie. Da seit 1871 Friede herrschte, konnte sie auf Kriegsereignisse nicht zurückgreifen, aber die Ehrfurcht vor dem Herrscher, dem Hohenzollern, klang aus jedem ihrer Worte. Dann war die Feier beendet, die Kinder machten einen Knicks, zogen die warmen Mäntel wieder an und begaben sich auf den Heimweg.

Swinemünde

1909 zog die Familie nach Swinemünde, brachte Erika in die Höhere Mädchenschule in der Kleinen Marktstraße. Beängstigend fand sie das große Klassenzimmer mit dem lila Kachelofen und altmodischen Bänken. Und Lehrer mit dicken Bärten. Das schwarz gekleidete Fräulein Löwe leitete den Schönschreibunterricht. Erika erinnert sich an die scharfe Stimme des hageren Fräuleins, das einen Sammetpompadour am Arm trug und im Takt: Auf und auf ab auf, Häkchen drauf rief.
Die freien Nachmittage verbrachte man am Strand, machte Schulausflüge nach dem Langen Berg und dem Bismarckturm oder dem Golm. Das Dorf Kaseburg lag nicht weit von der Kaiserfahrt, dort beobachtete man das Einlaufen der Kaiserlichen Yacht Hohenzollern und des Segelschiffs Iduna, das der Kaiserin gehörte. Alle bestaunten Fräulein Kollatz, die Putzmacherin, die an der Marktecke vor ihrem Geschäft dem vorüber fahrenden Kaiser einen Nelkenstrauß ins Auto warf. Auf dem Markt kauften die Hausfrauen die goldbraunen Räucherflundern, am Bollwerk legten die Stettiner Dampfer an, die Mengen von Badegästen brachten. Im Kurpark fand an jedem Sonntagmorgen ein Platzkonzert statt. Doch diese friedliche Epoche hatte ein Ende. Es kam Sarajewo, es kam der Weltkrieg.
Erika: Als der Krieg ausbrach, waren wir in der 3. Klasse. In der Aula saßen wir und lernten das Stricken von Soldatenstrümpfen. Dabei wurde gesungen. Fräulein Moser schrieb die Texte an die Wandtafel, vor allem Frisch auf Kameraden, aufs Pferd aufs Pferd.

Vater Paul stand dem Standesamt vor. Mutter Bertha regierte ihren Vierpersonen-Haushalt (mit Hund) mit strenger Hand. Dabei half ihr Hertha, das fleißige Hausmädchen, das sehr geliebt wurde. Hin und wieder griff Bertha zu ihrem blauen Insertionskalender Rudolf Mosse aus dem Jahre 1889 und spitzte die Feder für ihre feine steile Schrift.

Eines ihrer beliebten Rezepte für eine Kartoffeltorte:
Ein halbes Pfund Zucker wird mit vier Eigelb schaumig gerührt, die Schale einer Zitrone wird gerieben, kommt dazu. Dann ein Pfund geriebene kalte Kartoffeln. Wenn alles gut verrührt ist, wird der Schnee von den vier Eiern hindurchgezogen. Der Teig in die gebutterte, gebröselte Form getan und bei Mittelhitze eine Stunde gebacken. (12.3.1915)

Empfehlenswert auch das Altbackene Brot:
375 Gramm feingeriebenes Brot, 100 Gramm Butter, in der das Brot braun geröstet wird, ¾ Liter Apfelwein, Zitronenschale, etwas Vanille, lässt die Masse darin aufkochen. Dann reibt man sie durch ein Sieb, fügt noch Wein hinzu und drückt sie in eine ausgespülte Form, stürzt sie aus, garniert sie mit gerösteten Brotrinden, Zitronenstreifen und streut geriebene Mandeln oder Nüsse darüber.

Kleine Brotkuchen. Brotreste werden eingeweicht, ausgedrückt, mit Zucker und Korinthen, Zitronenschale, 1 Ei, 2 Löffel Mehl vermischt. Alles geknetet. Man formt walnußgroße Kugeln, backt sie in Butter. Erkaltet werden die Kuchen mit Zucker bestreut, zu Kaffee oder Thee gereicht.

Gelbe Rüben Torte. Man braucht dazu 5 Eier, 225 Gramm feinen Zucker, ½ Pfund geschälte, geriebene Mandeln, ½ Pfund geriebene gelbe Rüben, eine Messerspitze Zimt und einen kl.Eßlöffel Arrak. Eidotter und Zucker werden schaumig gerührt, bis die Masse steif ist, dann gibt man alles übrige dazu, zuletzt den steifen Schnee, füllt den Teig in eine Form und backt ihn ½ Stunde. Nach dem Erkalten kommt eine Punschglasur darüber, 29.3.1916 gut geworden

Griesnapfkuchen. Man braucht dazu 450 Gramm Gries, 20 Gramm bittere Mandeln, den Saft und die Schale von einer Zitrone, 8 Eier, 8 Eigelb, Zucker, Saft, Schalen und Mandeln gut verrühren, dann den Gries 30 Minuten Rühren, zuletzt den Schnee, backt alles im heißen Ofen, Kriegsjahr 1915.

Reisspeise. ¼ Pfund Reis, 1 Liter Wasser, von 8 Apfelsinen der Saft, 1 Zitrone, ½ Pfund Zucker, 10 Tafeln rohe Gelatine. Ist gut geraten, März 1915

Braune Pfeffernüsse. 1 ½ Pfund Syrup lässt man einige Male aufkochen, thut 250 Gramm Butter dazu, lässt die Flüssigkeit auskühlen und gießt darauf nach und nach zu einem KG bestem Weizenmehl, das man mit 250 Gr.Zucker, 250 Gr.gewiegten Mandeln und 125 Gramm Succade vermischt. Zuletzt fügt man 10 Gr. In Wasser oder Milch aufgelöste Pottasche hinzu, knetet den Teig gehörig, lässt ihn eine Nacht ruhen. Am anderen Tag knetet man ihn abermals gut durch, formt Plätzchen und backt in gut geheiztem Ofen, 20. April 1906

Berthas Tagebuch:

Weihnachten 1910 bekam ich ein dunkellila Tuchkleid, eine Sammetbluse, einen Pelzhut, keinen Pelzkragen erneuert, einen Spitzenschal von Onkel Konsul. Von den Damen bekam ich eine Blumenkrippe. Vatting bekam einen neuen Winterüberzieher, er sagt, dieses wäre nun sein letzter, aber ich hoffe, er verträgt noch drei solche in bester Gesundheit. Gretchen bekam ein Plätteisen, eine Trittleiter, Kaffeewärmer, sehr viel Kuchen und Braten, eine Spickgans.
Weihnachten 1911 bekam Erika Stiefel, Schreibzeug, Bücher. Gretchen eine von mir gearbeitete Kelim Stoladecke, Vatting einen Rasierapparat, ich einen Regenschirm von Onkel Konsul, ein Tischgedeck von den Damen.

Tagebuch 1917. Am 4.August war das dritte Kriegsjahr vorüber. Unser Vatting ist schon 3 ½ Jahre herzkrank, durch den Krieg und von der fettarmen Ernährung ist er sehr nervös. Am 1. Oktober will uns Hertha verlassen, sie war 7 Jahre bei uns.
Erika hatte seit dem 8. September schwer krank an Typhus gelegen. Nachdem am 10. November die Revolution ausgebrochen war, kamen unsere Helden sehr gedrückt und traurig aus den Schützengräben.

Weihnachten 1919. Da unser Vatting wegen Atemnot schon einige Tage zu Bett gelegen hatte, konnte er am Heiligen Abend auf sein und freute sich mit Eachen und mir. Die Lebensmittel und überhaupt alles ist so teuer, dass wir an Reisen zur Grete nicht denken können. Wegen Vatting sind wir in großer Sorge. Erika ist auf der Post beschäftigt, mir geht es gesundheitlich gar nicht gut.

Am 5. April 1920 am 2. Ostertag früh um ½ 9 Uhr starb mein lieber guter Mann, unser lieber Vater. Unser Vater hat sich in den letzten 4 Tagen sehr gequält mit Atemnot. Das Herz war so krank und wir konnten keine Hilfe mehr herbeischaffen. Mein lieber Vatting hat bis zuletzt gearbeitet und gesorgt, so hat er noch mit letzter Kraft erreicht, dass er 10 Jahre das hiesige Standesamt vorstehen konnte, damit ich noch eine Pension nach seinem Tod habe. Der Krieg hat so entsetzliche Folgen hinterlassen, die Teuerung ist so groß, man weiß gar nicht mehr, was man noch kaufen kann. Kleiderstoffe, Wäsche und Stiefel sind auch ins unendliche gestiegen, ich schreibe dies, damit meine Enkelkinder einmal erfahren, was wir für schreckliche Zeiten durchgemacht haben. Ich wohne noch mit meiner jüngsten Tochter Erika zusammen, leider bin ich viel krank und fürchte sie wird bald allein sein. Kurparkstraße 31, den 20.8.1921

12. Februar 1923. Die Franzosen sind ins Ruhrgebiet eingedrungen und haben große Not über Deutschland gebracht. Der Dollar steht heute 27.000 Mark, war aber schon über 50.000 M. Die Preise steigen täglich, ein Markenbrot kostet 615 Mark, ohne Marken 1800 M. Tafelbutter 6400 M, Margarine 4800 M Zucker 380 M. Stiefelsohlen kosten 11.000 M.
Am 7. Dezember 1923 steht der Dollar auf vier Billionen 200 Milliarden Mark. Und da blieb er stehen.

Buß- und Bettag, den 18. November 1924. Lange Zeit ist vergangen, seitdem ich nichts mehr eingetragen habe. Meine Erika verlobte sich am 18. Juli mit dem Marine-Zahlmeister Kurt Voigt. Er war einige Male hier auf Besuch und ich mag sein Wesen sehr gern, gebe der liebe Gott, dass sie beide glücklich werden. Seit September ist Gretchen in Crossen, ich gönne ihr die Abwechslung von Herzen. Da ich aber recht krank bin, möchte ich sie gern bei mir haben. Der Husten mit starkem Auswurf plagt mich sehr und obgleich ich schon so häufig unter starkem Husten gelitten habe, fürchte ich doch, es wird dieses Mal nicht vorüber gehen. Ich habe auch solch Herzklopfen, genau wie unser Vatting, er sagte oft scherzweise, du kriegst alle Krankheiten die ich habe, aber Husten hatte Vatting nie.

Am 15. Juni 1925 starb Bertha Engelbrecht an der Tuberkulose, sie liegt mit Vatting auf dem Swinemünder Friedhof.