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Stippvisite auf den Philippinen

Der Flug von Hamburg auf die Philippinen war lang und mühsam, und dann standen wir auf irgendwie rum auf dem Flugplatz, nur noch müde. Die Hauptstadt Manila stöhnte unter dem täglichen Brownout, einer Umschreibung für Blackout, der Stromabschaltung, weil die Stromversorgung auf schwachen Füßen stand. Im Hotel Aurelio am Roxas Boulevard stank es nach der Armut der Straße. Auf den dürren Rohrmöbeln lag der Staub. Einen Stock tiefer warteten 12 Mädchen gelangweilt auf die Order, einen Gast philippinisch-asiatisch zu massieren. Später hüpfte die kleine Maschine mit uns über blaue Lagunen und grüne Berge und ließ sich nieder auf dem Dorfflugplatz von Dumaguete auf der Insel Negros Oriental. Wir und das Gepäck wurden von dienstbaren Geistern zum weitläufigen, baumbestandenen Campus der Siliman Universität gebracht, die einen guten Ruf hatte als Stätte ernster Forschung und Lehre. Gerahmt wurde das bunte Bild der Blumenrabatten und weißen Häuser im Kolonialstil von imposanten Bergkulissen. Die reinsten Postkartenmotive. Am Straßenrand warben farbige Plakate mit glücklichen Gesichtern für Familienplanung in diesem hoffnungslos übervölkerten Land, in dem Kondome und Verhütungspraktiken von der katholischen Kirche verboten wurden. Am frühen Morgen stand der Ethnologe Dr.Cadelina mit dem Landrover vor dem Hotel und wollte uns sein Lieblingsprojekt zeigen, die Hilfsaktionen für die Uplandfarmer, die nicht genügend Boden zum Bewirtschaften haben, weil die Gebirge entwaldet und erodiert sind. Der Wagen war eng für uns alle, die Straße voller Löcher und Konkurrenten. Bis zum Horizont dehnten sich die Felder mit erntereifem Zuckerrohr. Über Stock und Stein ging es stundenlang in engen Serpentinen bergauf. Vor 40 Jahren, sagte Cadelina, standen hier dichte Wälder, er habe die Waldhüter noch gekannt. Heute langweilten endlose Reihen gepflanzter Kokospalmen als Rohstofflieferanten: Cashcrop =Anbau zum Verlauf, wie das Zuckerrohr. Tief in der Ebene rauchten hohe Schornsteine der staatlichen Zuckerfabrik. Ökonomisch wie ökologisch ganz unsinnig, sagte Cadelina, denn die Monokultur bringt nichts auf den gesättigten Zuckermarkt.

Aber Präsidentin Aqino würde die dringend nötige Landreform nicht zustande bringen, sei selbst Großgrundbesitzerin. Der Wagen hielt in Calambu, hoch im Gebirge. Der Schweiß klebte am Rücken, die Füße suchten Halt am rutschigen Hang bis hinauf ins dichte Buschwerk. Dort standen wie fremde Sinnzeichen die Stelzhütten der Negritos. Diese Ureinwohner sind wohl dem Untergang geweiht und auch deshalb Forschungsobjekte ehrgeiziger Anthropologen. Seit Urzeiten fristen sie ihr Dasein als Sammler und Jäger. Heute bewirtschafteten sie winzige Parzellen und litten Not. Scheu lächelnd lud die Frau mit dem altersfaltigen Gesicht uns in ihre dunkle, saubere Stube mir den nasetriefenden Kindern, die unseren blonden Kameramann bestaunten, der ein paar Bilder drehte aus dem Fenster ins Gebirge. Unter der Hütte angebunden stand der Ochse, kratzten Hühner. Das Bild einer Zukunft ohne Hoffnung für die kleinwüchsigen Menschen. Sie nannten sich Semang, Aeta, Andamaner. Sie wussten viel von ihren Lebensräumen, von Pflanzen und Tieren. Man sollte ihr tradiertes Wissen archivieren, sonst geht es uns so wie mit den Heilpflanzen tropischer Urwälder, die man vernichtet, ohne ihre Namen zu kennen. Freundlich ließ der Negritobauer sich befragen über die letzte Ernte, derweil Frau und Kinder lächelnd vor der Hütte warteten. Ganz unaggressive Menschen, die niemandem etwas zuleide tun. Kann man da etwas machen? Fragte ich. Cadelina sprach von Projekten, von Hilfe zur Selbsthilfe, von Dingen also, die wir schon im Senegal hörten. Sehr überzeugend war das nicht. Weiter schaukelten wir ins Projektgebiet. In Calambu stand das Office, ein hübsches Haus im einheimischen Stil aus Holz gebaut. Scheue Philippinas bereiteten den Kaffee und den Imbiss. Mit sparsamen Mitteln, fast im Eigenbau, hatte Cadelina eine große Maismühle errichten lassen, in der die Bauern der Umgebung gegen kleinen Lohn ihren Mais verarbeiten ließen. Die Mühle mit ihren altertümlichen, aber wirksamen Transmissionsriemen lief schön rund und warf Gewinn ab. Geduldig versuchte Helmar tausend Kindergesichter beiseite zu schieben, weil er die Landschaft einmal ohne sie filmen wollte, ziemlich vergeblich. Sie ahnten nicht, wie ihre Welt aussehen würde, wenn sie selbst Kinder hätten, was bald sein könnte. Kinder führten uns stolz zu kleinen Pflanzgärten, sie waren eingefasst von selbst errichteten Steinwällen, die die Erosion, das Übel dieser Landschaft, verhindern sollten. Nach dem frugalen Mahl mit Reis und Früchten rüttelte der Wagen uns die Serpentinen abwärts, und Cadelina sprach von seinen positiven Projekten, in denen er die Zukunft sah. Helmer drehte den Blick auf die traurig entwaldeten Höhenzüge, die mangels Verdunstung keine Wolken über sich bildeten.

Nach der Vorlesung am folgenden Tag kam die schöne Professorin Abregana mit ihren 30 Studenten. Lagerte sich unter den Schattenbäumen auf Holzbänken des Atriums vor der altertümlich-gelben Kapelle. Halb in der Heimatsprache, dem Tagalog, halb in Englisch gaben die Studenten Antworten auf unsere Fragen nach Ökologie und Meeresforschung und ihrem Blick in die Zukunft. Die Jünglinge schwiegen scheu, überließen den Philippina das Wort. Ich erinnerte mich an die Aussage von Zeitzeugen, die schaudernd von SS-Methoden der japanischen Besatzer im 2.Weltkrieg berichteten, welche Siliman als Hauptquartier und Folterkammer benutzten. Noch immer waren Japaner auf den Philippinen als Touristen unerwünscht. Wir Philippinos, sagte Frau Abregana, resigniert, wir sind auf der Suche nach einer Identität, aber wo sollen wir die finden? Jeder arbeitet für sich allein, niemand für alle, und jeder sucht das Glück woanders. Junge Leute, die bei uns graduieren, suchen sich einen Job in Deutschland oder in den USA, weil man da besser zahlt. Uns fehlen die Wissenschaftler, es ist ein großes brain-draining. Übrigens, hören Sie eine Vogelstimme? Alles was Vogel ist, wird hier von den Kindern mit dem Gummikatapult abgeschossen, wie sie es von den Vätern lernen. Was Sie hören, sind die Kampfhähne an jeder Ecke. Die große Leidenschaft der Philippinos ist wetten auf den Sieg des eigenen Hahns, da wird Haus und Hof verwettet. Das Schlimme aber ist, dass wir keine Leute mehr haben für viele gute Projekte, die wir liegenlassen müssen, auch in der Meeresforschung, die für uns so wichtig ist.
Im Interview merkte ich der medienunerfahrenen Wissenschaftlerin an, wie sie unter der Flucht der jungen Intelligenz litt, dass sie wenig Hoffnung auf Änderung der wirtschaftlichen und politischen Lage ihres Landes sah.

Auf der Suche nach Folklore machten wir uns auf zum Markt Malatapaw unter Palmen am Strand gegenüber der Koralleninsel Apo. Bauern und Händler boten bunte Stoffe an, Gemüse, ein irres Gewühl fröhlicher Asiaten, die staunend zum großen Helmer aufblickten wie zu einem Hollywood Filmstar. Am Strand beluden Frauen ihre Pumpboats mit Waren und schipperten damit zu den entfernten Inseln. Ein Bus verschwand unter der Last ungezählter Passagiere auf dem Dach. Verzweifelt quietschte das Schwein, festgebunden auf dem Heck eines überladenen Tricycles. Welcher Requisiteur baute wohl ein solches Bühnenbild? Wo in Dumaguete die Drähte verliefen, blieb Geheimnis. Telefonieren über einen Kilometer hinweg war komplizierter als Trommeln. Im Bretterhüttencafé genossen wir das Nationalgetränk Cola eiskalt und flogen weiter nach Cebu. In der Halle des Plaza Hotels hatte sich der akademische Nachwuchs versammelt. Junge Damen flanierten hübsch und stolz im schwarz-roten Talar mit frischem Doktorhut einher. Angehörige fotografierten ihre Sprösslinge. Tony Yap, unser chinesisch-philippinischer Dolmetscher, hatte Meereskunde studiert und kannte auch das Meereskunde-Institut in Kiel. Nun diente er der Großfirma Shemberg und machte kommerziell in Algenzucht, Seine Kontakte zum ZDF nutzte er schamlos aus, um seinen Laden ins Fernsehen zu bringen. Wir klebten uns Sonnenschutz Faktor 36 ins Gesicht, nur der Tonmann hoffte auf ergänzende Bräune seiner behaarten Beine.
So begann das Abenteuer des Korallenmeeres.

 

Korallentaucher

Der Traum von der Südsee. Weiße Strände, wiegende Palmen, brennende Sonne, fröhliche Menschen. Die Idylle auf Postkarten und Reiseprospekten. Ich stand mit Tony Yap, am Strand von Mactan. Wir waren von Manila auf die Insel Cebu geflogen und dann hierher gefahren. Jetzt blickten wir auf die glitzernde Fläche des Korallenmeers. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus, sagte Toni, Du wirst es noch sehen. Er führte mich nach Maribago ins alte Holzhaus mit den Labors, den Bassins mit den Meerestieren, den Booten mit den Auslegern. Das war einst die Forschungsstation der Deutschen gewesen. Tony stellte mir Ulrich Horstmann vor, den Meeresforscher aus Kiel, der sein Lehrer gewesen war und jetzt zu Besuch. Und sichtlich stolz darauf, dass er in den 80ern im Rahmen eines deutschen Entwicklungsprojektes das Korallenmeer erforscht hatte, noch unter dem Diktator Marcos. Viele Studentinnen und Studenten der Universität von San Carlos hatten hier gelernt, was moderne Meeresforschung heißt und was man mit diesem Wissen anfangen kann. Das warme Korallenmeer um die 700 Inseln der Philippinen ist leergefischt, sagte Horstmann, und wir ließen uns etwas einfallen, damit die Fischer noch ein geringes Einkommen hätten.
Die Idee war, hunderte von Fischern umzuschulen, sie zu Farmern zu machen. Sie sollten lernen, die Rotalge Eucheuma cottonii anzubauen und zu ernten. Diese rasch wachsende Meeresalge enthält das Carrageenin. Ähnlich wie die Alginate wird der hochbezahlte Stoff zum Stabilisieren von Emulsionen und Suspensionen verwendet in der Nahrungsmittel-, Arzneimittel- und Brauereiindustrie. Eine Goldgrube für die Industrie, für das Kapital der Inseln, für die Fischerfamilien.

Am Strand lag unser weißes Pumpboat, das ideale Fortbewegungsmittel auf den flachen Korallenmeeren. Die Philippinos nennen es Bangka, es hat einen sehr schmalen langen Rumpf, wie ein Einbaum, wird seetüchtig durch weite Ausleger aus Bambus. Ein Sonnendach schützt die Passagiere vor der senkrecht stehenden, harten Mittagssonne. Tony erklärte uns alles, vor allem den Sonnenschutz. Mit Horstmann und Studentinnen setzten wir uns auf die Balken an den Seiten des Bootes. Andere Pumpboats schlossen sich an. Die Flotte rauschte ab in hoher Fahrt, schäumend über die azurblaue See. Mit unserem starken Motor hielten wir die Geschwindigkeit, vorbei an der Insel Santa Rosa, Kaubyan passierend in Richtung Bohol. Die Leute von Shemberg hielten Picknick auf der hölzernen Plattform, die auf ihren hohen Stelzen im flachen Wasser stand und dem Anbau der Algen diente. Helmar versuchte mit seinem Assistenten, die Arri-Kamera im Plastikbeutel zu Wasser zu lassen, weil ich unbedingt Unterwasseraufnahmen wollte, das ZDF aber keine Tauchausrüstung bewilligt hatte. So wurde denn die Kamera ziemlich nass, weil das Lassoband nicht hielt und musste erst mühsam getrocknet werden.

Und Tony Yap stand bis zum Bauch im brühwarmen Wasser, rupfte eine große Alge vom Sandboden und machte ein Statement in die Kamera, als ob er nie was anderes getan hätte. Dies, so sagte er, sei die benthische Rotalge Eucheuma cottonii aus der Familie der Solieriaceen. Wir hörten ja schon, dass sie das Carrageenin enthalte, und Traumpreise auf den internationalen Märkten erziele. Heute seien die Koralleninseln um die 700 kleinen und großen Inseln der Philippinen buchstäblich leergefischt worden. Der systematische Anbau der Rotalge auf großen Flächen könne für die Familien eine Frage des Überlebens sein. Helmer drehte eine glückliche, weil mit Anbau-Lizenz versehene Familie auf der heißen, hölzernen Plattform, wo die Kinder eifrig kleine braune Eucheumapflänzchen an bunte Fäden knüpften. Die Eltern legten die Fäden im warmen Flachwasser in langen, geraden Linien aus, wo sie rasch wuchsen und bald geerntet und getrocknet wurden für den Transport zu Shemberg. Eine Familie erntete auf einem Hektar Meeresboden Algen im Nettowert von 70.000 Pisa im Jahr und verdiente mehr, als jeder Fischer. Auf dem Pumpboat zeigte uns eine Studentin lächelnd, wie man die großen, roten Krebse knackt und die süßen Tintenfische auslutscht. Dann jaulten wieder die Motoren und bei sinkender Sonne erreichten wir das rettende Ufer. Ich trug einen Sonnenbrand davon und verstand die Philippinos draußen in ihren Booten, wenn sie ihre Gesichter mit Lappen verhüllten bis auf Seeschlitze gegen die harte Strahlung und aussahen wie die allgegenwärtigern Piraten in der nahen südchinesischen See, vor denen alle Angst hatten.

Die grausame Kehrseite der Südsee-Idylle erlebten wir auf der nächsten Pumpboat-Reise, die uns nach Kaubyan führte. Ein sichelförmiges Eiland mitten im Meer. Schon aus der Luft hält man den Anblick nicht für wahr. Die Holzhütten stehen so dicht, als müssten sie jede Minute ins Wasser fallen. Wir schoben unser Pumpboat auf den Sand und: Au! Die Hitze drang sofort durch die Sohlen, man konnte kaum stehen. Schwarzgebrannte Kinder tummelten sich im glühheißen Sand und in der kaum weniger warmen Brühe des Flachwassers. Wir trieben mühevoll durchs Gedränge in den meterschmalen Gässchen. Die stickige Luft war erfüllt von Radiomusik und Bratfischdunst. Kabyan gab Anschauungsunterricht in Übervölkerung. Ein paar Gärten sahen wir, so groß wie Blumenkübel. Kaum eine Palme und fragten uns, bitte, wovon leben diese Menschenmassen? Ursprünglich vom Fischfang. Tony trieb einen Fischer auf, den er im Dialekt befragen konnte. Der Mann saß inmitten seiner Familie von zehn Personen unter dem schattenspendenden Palmdach. Er bestätigte Tonys Frage, ja, wenn es nichts zu essen gäbe, verwende er Dynamit zum Fischen, wohl wissend, dass er damit der einzig verfügbaren Ressourcen den Rest gibt, diesem einst so fruchtbaren Korallenmeer.

Dann wurden wir geladen auf die prunkvolle Yacht des Vizepräsidenten von Shemberg, Benson Dakay, der samt Gattin und Hofkamarilla Geburtstag feierte. Lebhaft bedauerte er, dass sein wertvolles Algenpulver bei den Deutschen nicht verkauft werden dürfe, er habe aber die Zeichen der Zeit erkannt und schon 18 Millionen gemacht. An Bord des weiß bestrahlten Schiffes, auf dem arme Leute nicht zugelassen waren, stand man am Kuchenbuffet mit Gebirgen aus blauem Schaum, nur mein blonder Kameramann zog sich zu den heißgewürzten Shrimps zurück, und hübsche Frauen flirteten mit einem düster blickenden General, der uns Tage später einen Armeehubschrauber schickte, um die kleinen Algenhäuschen in der weiten Korallensee aus der Luft zu erforschen. Damen wehten duftend und kichernd vorüber, Musik dröhnte, das Geburtstagskind, ganz Kapitalist, hoch sollte er leben. Jemand polkte die Reste vom braungesottenen Schwein, der blaue Kuchenschaum schrumpfte zu süßlichem Brei, der Abschied fiel leicht.

Es gab auch eine Alge, über die augenzwinkernd gelacht wurde, und wieder wusste Tony den Weg. Er brachte uns zu dem Algenfarmer Herrn Viviami, der in Kalawisan nahe dem Seehafen von Cebu lebte. Schon aus der Luft hatten wir das reizvolle Mosaik stiller, dunkler Teiche identifiziert, hier hatte eine ruhige Revolution stattgefunden. Sie begann mit der Zucht von Algen in den Teichen, die zuvor den hier äußerst beliebten Milkfish lieferten. Und diese Alge heißt Caulerpa racemosa var.occidentalis. Eine Grünalge. Im Dialekt Cebuano heißt sie Lato, und die traubenförmigen Ästchen werden in vielen Teilen Asiens frisch als Salat gegessen. Sie schmecken delikat und enthalten das Caulerpin, einen Stoff, der zum Träumen anregt und müde Männer munter macht. Naturgemäß gedeiht Caulerpa in den Mangroven, dort hat das Meerwasser eine Temperatur von 27 Grad und ist extrem salzhaltig. Früher wurden die Algen dort gesammelt, doch der Bedarf stieg, die Mangroven wurden abgeholzt. So besann man sich auf die Fischzucht-Becken, die nicht mehr benötigt wurden. Herr Viviani erntete und verdiente acht- bis zehnmal mehr von seinen Algen als ein Fischteich-Farmer. Die Frauen von Kalawisan sortierten die Ernte des Tages. Sie gehörten zur großen Familie des Herrn Viviami. Seine Frau war so freundlich, mich zusehen und mitschmecken zu lassen, als sie das Mahl anrichtete: Reis mit Lato. Der Reis lag bereit in abgepackten Portionen. Aus Tomaten, Salz, Pfeffer und Zwiebeln bereitete sie eine scharfe Soße, in die wir die grünen, taufrischen Lato-Zweige tauchten. Eine gesunde, erfrischende und vitaminreiche Delikatesse. Toni erfuhr vom Farmer, dass der eine Fläche von zwei Hektar bewirtschaftete und seine Ernte nach Manila und Japan lieferte. Damit konnte er die elf Personen seiner Familie ernähren, die Kinder gingen alle in gute Schulen. Mir schmeckte Lato mit Cola, auch wenn ich zu munterem Tun keine Zeit fand. Ökologisch, meinte Horstmann, sei dieser Anbau sinnvoll. Algen stehen an der Basis der Nahrungskette, ihre Pflege und der Verkauf bringen mehr als die traditionelle Zucht des Milkfish. Horstmann und Toni nahmen Abschied von den Algen und von uns. Sie durften recht zufrieden sein mit dem, was angewandte Meeresforschung in diesem übervölkerten Land schon geschafft hatte, mit einer Rot- und einer Grünalge.

 

Mindanao

Mich zog es mit Macht in den tropischen Regenwald. Über der geheimnisumwitterten Insel Mindanao lagerten dichte graue Wolken, der Wald dampfte. Landung auf dem niedlichen Feldflughafen Tandag. Der Nachbar erzählte aufgeregt von moslemischen Banden, die hier das Leben unsicher machten. Auch versteckte Ureinwohner gebe es noch im Dickicht. Forstmann Dr. Hans-Jürgen Kirchhoff und Kollege Dr. Jürgen Schade warteten mit dem Jeep. Es ging einige Stunden durch den tiefen Wald und saubere Dörfer in Kurven. Endlich der weite Rasenhof der Holzfirma Sudecor in Puyat Carmen, Surigao del Sur. Milde, –feuchtegesättigte Luft roch nach faulen Blättern. Man ahnte den Wald hoch droben und wollte hin und sehen. Doch immer ging es erst um das Palaver. In der weiten hölzernen Halle mit lyrischen Wandgemälden (Wald, Hirsch, Waldgedicht) empfing uns der pensionierte Brigadegeneral Reynaldo Dilan mit seinem Stab und machte die Honeurs. Bier, Cola, Kekse wurden von befehlsgewohnten Boys gebracht. Das Team murrte nicht über die spartanisch kleinen Zimmer zu zweit mit gemeinsamer Dusche. Würzig drang die Luft durchs Fliegengitter, zusammen mit dem Geschrei der Kampfhähne und dem Gebrüll der Holzfäller, die ihren Motherday feierten, denn heute durften sie zu ihren Frauen.

Am Sonntag wurde die Landstraße umfunktioniert zur Piste. Schwindelerregend hockte Helmar in der offenen Tür (Versicherung Fragezeichen???) Unten der Regenwald, welch ein Bild. Allmählich gingen Reisfelder und Palmenhaine über in das milde Grün der Dipterocarpaceen, hier standen sie noch, die Riesen, wie lange? Unter Binsendächern servierte man Fisch, Bier und Spanferkel. Es wurde ein fröhlich unbesorgtes Vormittagsgesaufe. Das Meer rauschte dazu. Im Pumpboat trieben wir über azurblaue See zur fernen Insel Oaki, ein Traum mit Webfehlern, denn das Tropenparadies wimmelte von Kindern und Erwachsenen, die nur alle paar Monate eine Langnase zu Gesicht bekamen. Einsam lief das Kind regiemäßig über den Sand, dann ein Pfiff und alle tausend liefen kreischend ans Wasser. Ungezählte Hände grabschten nach den gespendeten Bonbons, Kinder turnten Palmen hinauf und schlugen Nüsse auf für die kühle Milch. Tage sollte man bleiben, doch die Ebbe zwang zur Rückfahrt.

Die Forstmänner zeigten ihren Wald. Die Sonne machte alles bunt. Fern die Rauchfahnen der Kaingin (Brandroder, wie wir sie auch in Venezuela trafen), nahe herangekommen sind wir nicht. Der Wald, ein Labsal für empfindsame Gemüter. Doch Menschen und Maschinen schlugen schmerzhafte Breschen in die Bäume, für eine Straße, auf der man Holz transportierte. Helmer rutschte ab auf dem glitschigen Lehmboden, die Kamera wurde gerettet. Schade in roter Weste erzählte von den Brettwurzeln der Dipterocarpa, riesenhoch, die Krone verschwand im Himmel. Abends wurden Heftpflaster verteilt für die schwärenden Wunden. Im Bürohaus Cantillan massierte die kleine Philippina mit harten Fingern mitleidlos meine schmerzenden Muskeln unter dem Sonnenbrand.

Am Dienstag regnete es, wieso nicht im Regenwald? Alles grüngrau, verhangen, in Watte gepackt. Malerisch tropfte es von den langen Blättern. Mit dem Forstmann Jürgen Schade lief ich im dichten Gehölz umher und wir trafen Senor Sinues, der gern und ausführlich von Pflanzenmedizin redete. Als er merkte, wie sehr mich das interessierte, verschwand er im Dickicht und kam nach einer Weile wie ein Troll wieder hervor, beladen mit Blättern und Lianen: Urwaldpflanzen, Medizin für Kenner.
Sinuae zeigte und erklärte:

Diese Liane ergibt ein wirksames Abführmittel.
Sambong, botanisch Blumea balsamifera, dient gekocht als erfrischendes Getränk, das Bauchschmerzen lindert.
Timbabasi, bot. Callicarpa formisana, ist der Liebesperlenstrrauch. Der Rauch seiner brennenden Blätter riecht nach Baldrian und bekämpft die Atemnot.
Tekka, bot. Tectona grandis, der Teakbaum, dessen Blätter gegen Menstruationsbeschwerden helfen. Die Paste vom Holz nimmt man gegen Schwellungen des Augenlids und Dermatitis, das Öl der Nuss ist ein gutes Haarwuchsmittel.
Pandan, bot. Pandanus oderatissima, der Schraubenbaum mit duftenden Blättern. Ein Aufguss der frischen Wurzeln treibt den Urin. Gemischt mit Menthol dient er als Magenmittel.
Lantana, bot. Lantana camara, das Wandelröschen. Ein Aufguss der Wurzeln hilft gut gegen Grippe und Mumps. Der Blattaufguss dient der Wundreinigung und ist gut gegen Schlangenbisse.
Kumbamba, Piter umbellata, der Pfeffer, enthält das Piperin. Frische Blätter helfen gegen Abszesse. Der Saft der Blätter hilft den Augen. Es ist auch ein Mittel gegen Skorbut.
Kalingan, Ciunnamomum mercadoi, der Zimtbaum. Gekaut wirkt die dicke aromatische Rinde gegen Bauchschmerzen.
Abuhab-Baging, Strophentus cumingii, ist eine Liane, die in Dickichten wächst, sie enthält das Herzmittel Strophantin.
Bahu-bahu, Ageratum conyzoides, der Lederbalsam. Sein Wurzelsaft hilft gegen Nierensteine, der frische Saft der Blätter gegen Gebärmutterleiden. Extrakte gegen die Schlafkrankheit und den Tetanus.
Bayabas, Psidium guajava, europäisch Guajava, seine gekauten Blätter gegen Zahnschmerzen, der Aufguss gegen Schwellungen und Frauenleiden.
Unser Herr Sinues wusste noch hundert Pflanzen mehr, hier im Wald der Dispterocarpaceen, aber der Bulldozer trieb mich aus dem heilsamen Paradies.
Artig unter dem Helm, scheu nach der Tradition, redete Försterin Rosenda nur, wenn sie gefragt wurde. Sie lernte Bäume unterscheiden, wollte weiterkommen im Leben hier, und würde doch wohl enden bei Mann und Kindern. Das Bretterdorf der Company hatte eine Kneipe, wo man beim Softdrink in totaler Finsternis saß. Dort krähten die Kampfhähne vor jeder Tür, die Stimmen so vieler Konkurrenten muss sie krank machen, denn manchmal vergaß einer, wie das Krähen weiterging, brach mittendrin ab, verlegen???
In der großen Halle träumte der General vom großen Arcos. Die fette Freundin kreischte dem Pingpongball hinterher. Die Ode an den Baum an der Stirnwand der Halle glich dem Menetekel für den König, Unheil verkündend. Im Spiegelflackern der Glühbirnen gerann der Anblick zum Faktum einer Dritten Welt, die keine Welt mehr ist, nur noch das Echo des Kapitals.

 

Bittere Armut

Zurück nach Manila. Während ich mit Deutschland telefonierte und meine Scripts ergänzte, drehte mein Team tapfer und aufopfernd eine riesige Müllkippe. In dieser Gifthölle suchten kleine, grausam verschmutzte, hungermagere Kinder nach letzten Resten, es entstanden Szenen, schlimmer als bei Mutter Courage. Den ätzenden Gestank des brennenden Mülls trugen meine Männer mit ihrer Kleidung ins Hotel und verschwanden in den Badewannen.
Dann führte Tony uns ins Armenviertel von Manila, um den Carbonmarket herum, unter den Brücken, die stinkende Kanäle überspannten. Kinder spielten an kleinen Feuern, Müll, wo es wenig Brauchbares gab, das zu Müll werden könnte. Silberne Sardinen trockneten auf Holzbrettern. Mütter wuschen Kinder in Pfützen, doch sie lächelten uns an. Das hier öfter auch ein Mord geschieht, war kaum anzuzweifeln. Wie unendlich leidensfähig sind Menschen, dachte ich mehr als einmal. Menschen, denen niemand eine bessere Zukunft gibt. Würde in diesen Armenvierteln je der Funke einer Revolution aufglimmen, einer Revolte gegen die schreiende Ungerechtigkeit, gegen schamlose Korruption und raffgierige Bereicherung Weniger, oder gegen die Latifundienbesitzer? Kaum. Jahrhunderte kolonialer Unterdrückung durch die Spanier haben ihnen die Kraft genommen. So werden ihrer immer mehr, und immer mehr Arme. Wir hielten es im Bilde fest, mehr war nicht drin. Wem hilft die vielzitierte Betroffenheit? Im Angesicht schwer bewachter Villen der Reichen mit Schmiedeeisen und Rasensprenger verwunderte es nicht, dass Präsident Marcos und seine gierige Frau Milliarden aus dem Lande pressten. Manche wünschten sie gar zurück, den Mann der Tat und des Diktats.

Abends brach das Team auf zu den Vierteln der roten Laternen. Statt der Laternen brannten offene Feuer in düsterer Bruchlandschaft. Hier war das Leben nichts wert. Junge Mädchen von fernen Inseln bekam man für Pfennige, Ihre Luden trugen Waffen und verstanden nicht den geringsten Spaß. Für uns gab es keine Bilder. Eddy, Gründer des Lokals Eddy’s hatte als Seemann die Welt gesehen und hockte in der Kneipe beim Bier und erzählte. Der bemühten Sängerin rief er zu, das berühmte Lied Matudnila zu singen und sie tat es laut. Father Murnane, der feinsinnige Rektor der San Carlos University von Manila, saß am Stammtisch und berichtete mit sangesgeschulter Tiefstimme von den Querelen an der Uni. Der deutsche Botaniker Seidenschwarz wollte sich unserer Reise nach Matutinao anschließen, doch der Raum im Fahrzeug war zu knapp.

Im Dörfchen Matudinao hatte die GTZ den Wohlstand ausbrechen lassen, und Herr Höfling zeigte stolz das Vollbrachte – chinesische Turbinen verwandelten das herabstürzende Wasser des romantischen Wasserfalls in Strom. Unter den Fällen tummelte sich die Jugend. Ein freundlicher Schwabe im Häuschen brachte den Philippinas das Schnitzen von verkaufbaren Andenken aus Flussholz bei. Winzige Kinder, landesüblich hübsch gekleidet, feierten im Schulhof artig singend den Abschluss. Jedes Dorf hatte seine Schule, ein Erbe der erobernden Katholiken nach Magellan.
Wir mussten zurück in die Hauptstadt.
Draußen im Schlick der Ebbe suchten Frauen mit ihren Kindern nach essbaren Würmern und Schnecken. Am Straßenrand warteten Stapel von Brennholz auf Käufer.