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Ein 8. Mai 1945

Überschwemmte Wiesen irgendwo zwischen Holland und Deutschland. Zeit: Mai 1945. Hier verläuft die imaginäre Front. Hüben deutsche Marineinfanteristen, ein magerer Haufen, hektisch aufgeboten zum letzten Gefecht, alte Volkssturmmänner  und blutjunge Schüler. Sie haben ein paar Panzerfäuste, den Karabiner 98K, ein Maschinengewehr 42, Handgranaten und nichts zu essen. Aber an die Thermophylen denken nur Abiturienten. Drüben. 200 Meter weg,  wohlversorgte, hochgerüstete kanadische Eliteeinheiten, harte, effektive Gegner, für die der Krieg ist wie jeder andere Job.

Aufgereiht wie die krumme Naht der Nähmaschine hocken die Deutschen übermüdet in ihren 80 cm tiefen Einmannlöchern zwischen den Knicks, bis zum Bauch im Grundwasser, die Uniformen verfault, die Haut weiß, abgeweicht von den Knochen. Nichts haben sie zu bestellen, angstvoll warten sie auf die Erdwerferpanzer des Gegners, deren Greifer einen Kubikmeter Modder fassen und zielgerecht Mann für Mann zuschütten, ersticken, begraben. Auch  ein Weg in den Heldentod.

Hinter der deutschen Linie ein zersiebter Bauernhof, verlassen. Kein Hahn kräht danach, aber immer noch ein ordentlicher, typisch deutscher Lagerraum für Vorräte. Eine Holzkiepe schräg auf dem Misthaufen, in ihr thront ein Volksempfänger aus Bakelit. Sein Kabel in irgendeiner Steckdose, woher kommt hier noch Strom? Aus dem braunen Tuch des Lautsprechers dröhnt jaulend der Hohenfriedberger Marsch, dann eine Siegestrompete – wie jeden Tag zuvor – eine Pause ….
Etwas bricht ab, eine Störung in der morschen Leitung? Knistern im Mikrophon. Eine Sprecherstimme trocken, verloren, unwirklich ….und ist der Führer gefallen …. Und hat die deutsche Wehrmacht kapituliert ….. weiter Musik, kein Marsch, nur trauriger Beethoven, Ende, aus, Abschied...
 
Sie gucken sich an in ihren Wasserlöchern …. Glaubst du das? Ist doch Feindpropaganda, nich?? Wo ist der Leutnant? Weg. Ist wohl echt, Mensch. Da ist  Erich, Nachbarloch, Russlandkämpfer, um die 40, goldene Nahkampfspange an der verdreckten Uniform, Verwundetenabzeichen, schiebt den Helm ins Genick, den Priem in die linke Backentasche, legt den Karabiner sorgsam auf den Rand seines Lochs, spuckt aus  – Organisieren, Jungs, los, es ist Zeit,  nicht rumstehen. Zieht die quatschenden Stiefel aus dem zähen Schlamm, stemmt sich hoch, stapft, Schlammspur nachziehend, zur Scheune rüber. Da steht stramm und stumm noch immer der Posten unter Gewehr, bewacht die Vorräte der Heeresverwaltung vor Plünderern, auf Plündern steht der Tod. Freundlich schiebt Erich mit seinen Orden den Jungen zur Seite, geht rein, kommt raus, lacht übers dreckige Gesicht: Organisieren, Leute, kapiert, das Gebot der Stunde! Auf der Schulter kippelt die  geräucherte Schweinerippe, sicher Offiziersfraß, seit Monaten hat kein Muschik so was aus der Ferne gesehen. In der großen Hand herrlicher echter Hennessy aus Frankreich, wisst ihr noch, da haben wir mal einen Krieg gewonnen. Und Erich lacht und lacht und der Stoff aus der Flasche läuft ihm aus dem Mund in den Hals und über die goldene Spange und mischt sich mit dem Priemsaft und der  braunen Brühe aus dem Einmannloch und dem nieselnden Regen.

Kapitulation! ruft Erich, eigentlich ein verbotenes Wort, und überall kriechen sie aus den Einmannlöchern, und die Kanadier drüben haben das mitgekriegt und schießen nicht mehr, schicken auch keine Erdwerferpanzer. Und bei uns:  Mann! Aus, aus, aus vorbei, keinen mehr verplättet kriegen, und im Übrigen genieße den Krieg, der Friede wird fürchterlich! Paule grinst, Heini und Walter heulen. Sie stellen die Karabiner an den Knick und sie machen sich auf nach der alten Scheune, wo die Schätze lagern, die sie in ihren ängstlichen Träumen gesehen hatten, wenn der Bauch am Rückgrat klebte. Und nehmen sich Brot, und kriegen das bange Gefühl nicht weg, dafür steht Kriegsgericht.

Nur Erich, der ist glücklich, um 5 Uhr nachmittags, am 8.Mai 1945