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Hitlers Machtergreifung in der Provinz

Das Jahr 1933 kam und mit ihr die Machtergreifung. Vater befestigte die neue Hakenkreuz-Fahne an einer Stange und diese außen unter dem Wohnzimmerfenster. Bald ertrank Mürwik in einem Meer roter und brauner Farben. Hat sich unser Leben entscheidend geändert? Noch nicht gleich, das Einschneidende kam später. Denn Hitler und seine Regierung waren sehr weit weg in Berlin, und wir besaßen noch kein Radio.

Am 2. Mai 1933 brachte Mutter mich mit Stulle und Schultüte in die flaggengeschmückte Volksschule, hoch am Berg. Ein Foto zeigt mich am Zaun der Siedlung, den Ranzen auf dem Rücken, mit kurzen Hosen und unkleidsamen Stiefeln. Der Schüler Jürgen, der körperlich längste seiner Klasse und rothaarig, bot Anlass zu Spott und Hohn. Wie ist die Luft da oben? Feuermelder, Feuermelder. Immer um 10 stürzte die Horde sich auf den Hof mit dem hallenden Schrei Pißpuuuus, Pißpuuuus! Die Welt des Siebenjährigen lebte weniger von der Schule als von den Spiegelungen und Kringeln im Wasser der Förde, vom Kindergeschrei der Möwen, dem strengen Duft nach Fisch und Tran. Der Sommer 33 war sonnig und warm. Da schwammen die Haufenwolken hoch oben und die weißen Segel der Jollen auf dem blauen Wasser, und die Horde der Freunde, deren jeder den rechten Hosenträger lässig herunter rutschen ließ zum Beweis seiner Männlichkeit. Gedrehte blonde Taue rochen nach fremdem Hanf.

Ich liebte die Einsamkeit, denn Geschwister hatte ich nicht. Ich mochte es, allein auf den heißen Bohlen am Bootssteg zu sitzen und ins Wasser zu träumen, bis die Augen schielten. Der Dückdalben gegenüber knarrte im Auf und Ab der Wellen. Das Wasser war grün und klar, ich schaute in die Tiefe wie durchs Brennglas und lächelte glücklich, wenn ein Dwarsläufer eilig rudernd den muschelbedecktem Stamm des Balkens herauf rannte zu unbekanntem Ziel. Und wie die runde Qualle mit dem gestrickten roten Rand mühelos die Tiefe überwand in sanftem Fächeln. Ich hatte einen Bindfaden, und den hielt ich ins Wasser, vielleicht gelänge es mir ja, einen der silbrigen Kleinfische zu fangen, die da um den Dückdalben kreisten, als wüssten sie nicht wohin. Geduldig hielt ich den Faden, ich hatte alle Zeit der Welt. Eine Stimme aus dem Hintergrund schreckte mich auf. Tief war sie, verräuchert.
Junge — du musst aber Würmer nehmen und einen Haken zum Angeln, und die Würmer musst du in den Mund stecken, damit sie es warm haben, dann beißen die Fische. Ich drehte mich um, sah den alten Bootsmann, der lässig den Priem im weiten Bogen ins Wasser klatschen ließ. Würmer? In den Mund? Wenn der alte Mann das sagt, wird es stimmen. Und ich ging ans Ufer, wo Brennnesseln wuchsen und wo es Erde gab. Da grub ich — und fand einen schönen ringelnden roten Wurm. Schmeckte nach nichts — aber kitzelte so komisch an der Backe beim Ringeln. Der Bootsmann war gegangen, hat gegrinst über den blöden Kleinen, und ich hielt den Bindfaden in das Wasser und den Wurm dazu und hoffte inständig, ich finge einen Fisch. Den würde ich der Mutter mitbringen. Dann wäre ich glücklich.

Hinter dem schwarzgrauen Anleger ging den Hügel hinauf die bucklige Kopfsteinstraße unter hohen Buchen. Am oberen Ende der Parkstraße standen die bescheidenen (Marine)Häuser. Die Göhren kreischten, dass es hallte, und vom Kasernenhof hinter dem Zaun wehte das Gebell unbegreiflicher Kommandos .... Preeeentier ...gw ... aun.... graaaaade .... aus .... gleichschritt .... arsch .... ein lied .... Frühmorgens hielten wohlgestriegelte Bierpferde mit dicken Hufen vor unserem Haus und weideten in den Tulpen der Vorgärten. Hausfrauen zeterten darob und die Gäule prusteten, stampften und strahlten Wasser ab. Unterm Schwanz rollten dicke gelbe Äpfel hervor und darauf hockten die fetten Spatzen und schilpten. Mich ließen die Riesen unter ihren Bäuchen sitzen und kitzeln. Nie haben sie getreten. Sie knabberten an meinen Hosenknöpfen, bis sie ab waren und Mimi sie wieder annähen musste. Manchmal klopfte sie Matratzen und ich spielte Trampolin darauf. Mimi war pummelig mit schwarzen Haaren und lieb. Gegenüber spielte die Horde der Straßenkinder, wie Mutter mit leisem Hochmut sagte, und eigentlich wollte sie nicht, dass ich mit denen spielte. Ich aber fand das gut. Mädchen waren dabei, die man an den Zöpfen ärgerte. Wer kann weiter, Jungs oder Mädchen? Zeig mal! alle machten, aber ein Mädchen konnte weiter, ärgerlich. Manchmal durfte ich mit meiner Matrosenmütze auf dem Kopf in eine Wohnung. Da war es dunkel, wie zu Hause, von den tiefroten Tapeten. In der guten Stube stand das Sofa, die Kissen darauf mit dem Knick in der Mitte wie Hasenohren. Eines aus schwarzem Samt, bunt bestickt mit dem tapferen Seemann, der die Kriegsflagge festhält auf der sinkenden Planke in tobender See. Alle hatten so was Tragisches auf dem Sofa.

Auf der Förde manövrierten schmale Torpedoboote, schwarz qualmend aus schrägen Schornsteinen. Und jaulten wie die Seelen der Verdammten. Ihre Matrosen an Land mussten immer was tun, Vorgesetzte grüßen mit der Hand stramm an der Mütze, oder marschieren die Straße lang, ein frohes Lied auf den Lippen, manchmal sah man sie von Türmen mit roten Flaggen winken. Sonntags trugen sie weiße Affenjäckchen, weite blaue Hosen mit der Klappe vorn (die sogenannte Schnell-F-Hose, wie ich später erfuhr) und blank gewichste Kommis-Stiefel (mit einer genau bemessenen Zahl von Nägeln). Die wehenden Mützenbänder mit den goldenen Aufschriften der Schiffsnamen wurden von uns gesammelt. Auch deshalb trug ich stets die Marinemütze.

Vati war der Größte, Stärkste für mich. Wenn er was sagte, wurde das gemacht, sofort. Eine Widerrede würde steile Falten zwischen den Augen hervorrufen und vielleicht eine Backpfeife erzeugen. Seine großen, blondbehaarten Hände führten mir die Hand beim Laubsägen zu Weihnachten, wo immer das dünne Sägeblatt abbrach. Manchmal schliffen seine Hände geduldig alte Farbe vom hölzernen Uhrgehäuse, oder schnitzten große Dübel für den Spiegel an der Wand. Was Vati machte, machte er sorgfältig, wie ein Handwerker. Er redete wenig, und selten hörte ich ihn lachen. Wenn er nach Hause kam, holte ich ihm vom kleinen Eckladen eine Schachtel Alpha, dann hatte ich wieder ein Zigarettenbild für meine Fotosammlung Deutsche Kolonien. Dann verschwanden die Eltern im Wohnzimmer und Mimi und ich saßen am Herd in der Küche und tranken Kakao. Ich fühlte mich warm und geborgen.

Auf langen Spaziergängen am Fördeufer pflegte Mutter vom eigenen Vater zu erzählen, der gut und klug war, und von der Mutter, die Rügener Platt sprach. Und vom Ersten Weltkrieg, wo man Steckrüben zu essen bekam im Hungerjahr 1917. Es war die heile Welt ihrer Jugend, damals vor und im 1. Weltkrieg in Misdroy und Swinemünde. Ich verstand nicht immer, was die Mutter erzählte, weil sie aber eine warme, schöne Singstimme hatte, hörte ich ihr gern zu. Es war diese junge Frau, die in mir das Fundament legte für Geschichten, für traurige Lieder und lange Balladen. Ich wurde zum Muttersohn, denn den Vater bekamen beide kaum zu sehen, monatelang nicht.

1934, das erste Jahr im neuen Staat, kam mit bitterer Kälte und eisigen Stürmen, aber die Familie hatte sich an das raue Klima im Norden gewöhnt. Bilder zeigen mich im Matrosenanzug hoch zu Ross, ich genoss im Frühjahr den Reitunterricht beim Rittmeister Teegen und kam mir vor wie im Wilden Westen bei Karl May.

Früh am Morgen des 30. Juni schoben graue Kolonnen sich schwer über das Kopfsteinpflaster unserer Parkstraße. Ich hockte stumm am Rinnstein. Die Truppen trugen Stahlhelme, den Riemen unterm Kinn, die Soldaten machten finstere Gesichter, ernste Offiziere voran mit gezogenem Degen. Kein Lied hatten die Männer auf den frohen Lippen. Nur das rhythmische Dröhnen genagelter Stiefel auf den Steinen drang mir ins Gehirn. Ich hockte da, aufgeregt, fast taub, trank den Geruch von Schweiß und Öl und Leder, den die Kolonnen hinter sich her zogen. Später wurde mir erklärt, dass Deutschland damals am Rande eines Bürgerkrieges gestanden habe. Wegen angeblich geplanter SA-Revolte wurden Stabschef Ernst Röhm und andere hohe SA-Führer auf Befehl Hitlers erschossen, außerdem General Schleicher mit seiner Frau, Georg Strasser, Dr. Klausener, Edgar Jung. Die SA wurde entmachtet, Hitler stützte sich auf SS und Reichswehr. In der Geschichtsschreibung wird der Röhm-Putsch auch die Nacht der langen MesserDie Mordserie 1934 im Auftrag Hitlers, in welcher alle potentiellen Konkurrenten Hitlers (von Schleicher, Röhm, Gregor Strasser) ermordet oder kaltgestellt (von Papen) wurden, wurde von Goebbels propagandistisch als Röhm-Putsch dargestellt. Insbesondere wurde auf Befehl Adolf Hitlers die gesamte Führung der SA ermordet. In Deutschland ist mit Nacht der langen Messer meist dieses Ereignis gemeint. genannt. Staatsrechtler haben Hitler später das Recht des Staatsoberhaupts zugebilligt, so zu handeln. In der Provinz wurde das ferne Drama, von dem Einzelheiten kaum durchsickerten, nicht recht ernst genommen. Wenige Stunden nach dem Tod des Reichspräsidenten Hindenburg ließ die Heeresleitung die Truppen auf Adolf Hitler vereidigen. Hitler hatte sich inzwischen zum Führer und Reichskanzler gemacht, er war nun unser Diktator. Es dauerte, bis die Menschen in der Provinz das mitkriegten.