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Blinder Dichter Zwi Aviel

Im 19. Jahrhundert kamen einige hundert Bauern aus Schwaben nach Palästina, um hier Landwirtschaft zu treiben und den inneren Tempel ihres Glaubens aufzubauen. Die bedeutendste  Kolonie der Templer  mit dem Namen Sarona heißt heute Akirya (Stadt). Hier traf ich den sympathischen alten Poeten, Literaten und Landeskenner Zwi Aviel. Er lebt in einem stilechten Tel-Aviver Mietshaus, gebaut von einem Architekten aus der Schule des Dessauer Bauhauses, und er erzählte mir eine bewegende, zeittypische Geschichte über einen deutschen Bauernhof im alten Sarona. Sie begann 1938. Ich lauschte ihm gebannt.

Eine kleine Geschichte. Viele Jahre zurück. Ich war ein kleiner Bengel, neun Jahre alt. Es war ein sonniger Sonntag, und ich stand hier, guckte in den Hof rein und konnte nicht glauben, was ich sah. Es war ein typisch deutscher Bauernhof mit kleine Hühner, braune, ein kleiner Esel, zwei friesische große Kühe, genau dasselbe Dörfchen, wie ich es in Deutschland gesehen hatte als Kind. Ich war zwei Wochen im Land. Zwei Wochen zurück kam ich von Köln, und jetzt stand ich hier und hörte, ich riechte ein deutsches Dorf. Dann fühlte ich, dass jemand mich so an der Schulter anfasst und anknurrt, es war ein großer deutscher Schäferhund. Ich habe Hunde sehr gern, und ich legte meine Hand auf seinen Kopf, kratzte ihn zwischen den Ohren, er stupste mich noch mal, knurrte aber nicht mehr. Dann sah ich eine Frau stehen auf der kleinen Veranda. Guten Tag, sagte ich, und sie sagte, guten Tag, wie heißt du? Und ich sagte, Herbert, aber dann erinnerte ich mich, nein, Herbert war ich dort, hier bin ich doch Zwi, ein bisschen kompliziert, die zwei Welten. Mich nennt man Anna, sagte sie und lächelte. Dann hörte ich ihren Mann von dem Zimmer fragen, mit wem sprichst du da, und dann sagte sie, mit dem neuen Freund von dem Rolf, Rolf war der Hund. Und wir wurden sehr gute Freunde. Drei, viermal in der Woche kam ich nachmittags. Es war da ein kleiner Sessel und ein Tisch, aus Holz, weiß lackiert, und ein Glas Saft und Obst. Aber das Beste waren die Bücher, viele deutsche Bücher, die mir sehr fehlten. Rolf saß hier auf dem Gras neben meine Füße schlafend. Manchmal im Schlaf weinte er ein bisschen in hohen Tönen, und ich legte meine Hand auf seinen Kopf und kratzte ihn zwischen den Ohren, er wurde wieder still. Es war herrlich still. Ich war ja ein paar Wochen nach Palästina gekommen, ich war sehr glücklich darüber, aber das Land war fremd, ich verstand die Sprache nicht, ich wusste nicht, wie mit den Kindern zu spielen. Hier in Sarona bei der Frau Anna mit dem Hund und dem Saft und die Bücher hab ich was, das mir Mut gab, weiterzulaufen in der Schule mit die Kinder, mit die Lehrer.

Ich kam von Köln. Eine schöne Stadt. Ich hatte sie sehr lieb.  Wir wohnten im Hohenstaufenring 27, ganz nahe unser Haus war eine kleine katholische Kirche, und der Priester war ein ernster Mann. Nicht weit von der Kirche war mein kleines Paradies, die Leihbibliothek von dem Onkel Johann, der war mein bester Freund. Herrliche Bücher. Am Anfang glaubte er nicht, dass ich wirklich die Bücher lese, und er machte mir Prüfungen, aber dann gab er den Karl May und den Erich Kästner. Und so stundenlang saß ich bei ihm. Ich konnte die Sachen nicht verstehen, aber ich fühlte sie. Einmal ging ich mit meinem Vater spazieren und rannte zu meiner Bank, und dann hörte ich die Stimme von meinem Vater, hart und streng: Komm sofort zurück, man darf hier nicht mehr sitzen! Und dann, es war ein sehr schwerer Tag, kam ich zu dem Onkel Johann und ein paar Leute waren in der Bibliothek und ich fragte ihn, ob er das neue von Kästner bekommen hat. Und er wurde blass und sagte nichts. Wo dann die Leute rausgangen, sagte er mir, nein, niemals mehr Kästner. Ich fühle mich nicht gut, geh nach Hause. Dann sagte er was Schreckliches: Und komm nie mehr zurück!

Ich konnte nur fühlen, nicht mehr. Frau Anna, die Sprache, die Bücher, das war eine Welt, die ich genosse, das war eine Welt, die ich kannte. Das war eine Welt, wo ich wusste, wo ich bin. Langsam wurde ich mehr und mehr ein Teil von meiner Heimat Palästina. Es ist unmöglich zu erklären, aber ich möchte Ihnen was sagen. Es ist unmöglich, uns Menschen zu erklären. War mal ein alter Römer, Terenz, 120 A.D., und der sagte auf römisch Homo sum..... ich bin ein Mensch und alles was menschlich ist, ist mir nicht fremd. Alles ist menschlich, auch meine kleine Erzählung. Aber, es war ein herrlicher Tag, und dann kamen die großen Ferien vom Juli 1939, und dann fangte der Krieg an. Frau Anna bekam ein sehr ernstes Gesicht, hier und dort kamen Tränen von ihre Augen aus, und dann erzählte sie mir, dass sie nach Australien ausfahren und dass sie den Rolf nicht mitnehmen können. Ich sagte, Frau Anna, ich nehme ihn nach Hause, ich werde der beste Freund von ihm sein, bitte geben Sie mir Rolf! Und da sagte sie, sie glaube kaum, sie kann nicht glauben, dass ihr Mann das tun wird. Und dann kam der letzte Tag, wo ich nach Sarona kam. Und Frau Anna saß draußen und wartete auf mich, ohne Saftwasser, ohne Bücher. Und ich kam und fragte sie, wo ist Rolf, ich möchte ihn nach Hause nehmen. Und sie sagte mir, Rolf ist tot.
Jetzt sitze ich hier und spreche eine Sprache, die ich schon 60 Jahre nicht gesprochen habe. Und was habe ich gelernt in meinem Leben, mein lieber Herr: Wir müssen weiterleben, weil ohnedem gehen wir alle unter.

Dann ging dieser wunderbare Mann, gestützt vom Arm seiner Frau, über die Kaplanstraße, wo einst der Hof der Frau Anna stand. Er sah die Häuser nicht, aber, wie hatte er gesagt, er fühlte sie.