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Mein Freund der Austernfischer
Aus dem Leben des Nobelpreisträgers Niko Tinbergen
* 15.April 1907 in Den Haag – † 21.Dezember 1988 in Oxford

Ich krieg dich doch! flüsterte Niko, fünf war er eben geworden, und hielt den Kescher ungeduldig in das dunkle Wasser des Koogs – der hübsche silberne Stichling sollte hinein schlüpfen, ihn brauchte der Bub für sein kleines Aquarium im Garten zuhause. Bald würde er wieder herumstromern im weiten Land, Molche und Wasserwanzen sammeln, verölte Vögel nach Hause bringen zur Mutter und bitten, die Tiere zu reinigen. Stunden wanderte der Bub durch Bäche und Sände der flachen Heimat, erlebte seine Abenteuer, erblickte die Natur im Rhythmus des Jahres mit wachen Augen.

Holland, erzählt Tinbergen, war wunderschön damals vor dem Ersten Weltkrieg, diese reiche Natur, die unendlichen Sandufer, die Dünen, das Wildleben in den einmaligen Süßwasserflächen im Inland, alles kaum weiter als eine Stunde Fußmarsch von unserem Stadthaus in Den Haag entfernt. Da bin ich am 15.April 1907 geboren worden, als drittes von fünf Kindern. Mein Vater Dirk lehrte Sprache und Geschichte Hollands an der Volksschule, ein harter Arbeiter, für mich ein geistiger Anreger, voller Humor und Lebensfreude und zutiefst seiner Familie verhaftet. Meine Mutter Jeanette van Eek war warmherzig und impulsiv, sie schuf uns eine glückliche, harmonische Familie. Durch die Schule bin ich geschliddert, ohne große Lust, mal so eben. Das ließ mir alle Freiheit für meine Liebhabereien, Vögel beobachten, Hockey spielen, Schlittschuh laufen, ich war so voller Energie. Und das Glück war mir hold. Ich las die fabelhaften Bücher von Hollands Naturforschern, und ich hatte hinter dem Haus zwei kleine Aquarien, in denen ich Stichlinge hielt und jedes Frühjahr ihren Nestbau und ihre Kämpfe beobachtete. Mein Naturkundelehrer erlaubte uns Jungs, die drei Seewasser Aquarien in der Klasse zu betreuen, ich war sehr stolz darauf und stand auch gern früh auf dafür.

Ein Freund der Familie beredete meinen Vater, mich zu Professor J. Thienemann nach Deutschland zu schicken. Das war 1925. Thienemann hatte 1901 die berühmte Vogelwarte Rossitten gegründet und erstmals das Beringen gefangener Zugvögel eingeführt.  Freunde nahmen mich mit zu den einmaligen Stränden und riesigen Wanderdünen der Kurischen Nehrung. Da sah ich die gewaltigen Herbstzüge der Zugvögel und war tief beeindruckt.  Ich wollte nun in Leiden studieren. Und hatte das Glück, dem berühmten Naturforscher Dr. Jan Verwey zu begegnen. Wir wurden Freunde, und er hat mich – durch sein Beispiel – zur Verhaltensforschung gebracht. Im übrigen schlug er mich bei einem Wettlauf auf der einsamen Küste von Noordwijk, fantastisch, wir zwei nackten Affen!. Mein lebhaftes Interesse an Möwen überfiel mich in einer kleinen geschützten Silbermöwenkolonie nicht weit von Den Hag.

Meine letzten Examina brachte ich ohne große Ruhmestaten hinter mich und verliebte mich heftig in Fräulein Elisabeth Rutten. Deren Familie hatte ich oft getroffen bei unseren Schlittschuhläufen auf der Zuiderzee. Und mir wurde klar, eines Tages würde ich arbeiten und Geld verdienen müssen. Ich wollte den Ideen zweier großartiger Menschen folgen: Dem Bienenforscher Karl Ritter von Frisch (Der Bienenfrisch) und dem Insektenbeobachter J.-H. Fabre. Ihren Ideen nachspürend, wollte ich als erste eigene wissenschaftlich-experimentelle Arbeit das Heimfindverhalten des Bienenwolfs (Philanthus, eine Grabwespe) studieren.

 

Das Geheimnis des Bienenwolfs

Ein wackeliger Stuhl, das alte Fernglas, der Farbkasten, Notizbücher, Nahrung und Wasser für den Tag, mehr brauchte der junge braungebrannte Forscher nicht. Er war allein unter der heißen Sonne der weiten, kargen Abenteuerlandschaft aus Krüppelkiefern, Heidekräutern und trockenen eiszeitlichen Dünensänden im Inneren Hollands. Hulshorst hieß das Stück Land nicht allzu weit vom Ufer der Zuiderzee. Der ideale Lebensraum für die emsige Grabwespe mit dem lateinischen Namen Philanthus. Es war ein Sommertag 1929, erinnert Niko sich, ich wanderte ziellos über den Sand, tief in Gedanken. Ich hatte eben meine Examina gemacht, arbeitete in einem Halbtagsjob und suchte nach einem Forschungsobjekt für meine Doktorarbeit. Es sollte unbedingt etwas über Tierverhalten sein, so viel war klar. Dann entdeckte er die große Grabwespe, wie sie emsig einen Tunnel in den Sand grub, ihn wieder zu schaufelte, startete, ein paar Runden über der Stelle drehte und abflog. Er schaute herum und sah, er saß inmitten einer ganzen Stadt von Grabwespen, die alle an ihren Sandlöchern arbeiteten. Und er sah sie heimkommen, sah sie etwas tragen, sah wie sie den Eingang der Sandhöhle öffneten, hineinschlüpften. Er nahm ihnen die Beute weg und sah: es war eine Honigbiene. Der junge Forscher war atemlos, gebannt von diesem rätselhaften Geschehen. Und fragte sich: wie schaffen es diese Bienenwölfe, mit ihrer Beute den Weg zurück zu ihren Höhlen im Sand zu finden, die ja von ihnen selbst so gut getarnt waren? Eine rätselhafte Fähigkeit schien in diesen Killern zu schlummern. Es war der große Augenblick meines Lebens, ich habe die kommenden Sommer mit diesen Wespen verbracht, zunächst allein, dann mit einer wachsenden Gruppe von Mitstreitern, schließlich entstand in Huldhorst das erste Biologische Sommercamp. Nähere Forschung erbrachte, es handelte sich um eine bienentötende Grabwespe mit dem volkstümlichen Namen Bienenwolf. Tinbergen hockte den ganzen Wespentag – von 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends, bei den Höhlen und markierte die heimkommenden Tiere mit einer oder zwei Farben. Komisch, die Farbenkombinationen machten aus der simplen Grabwespe nun Wesen, deren Leben mich bewegte und betraf. Er bastelte sich eine Lupenbrille und war fasziniert von der Schönheit ihrer Augen und der riesigen Kiefer. Niko Tinbergen ersann einige listige Experimente mit Figuren, die er um die Löcher platzierte, einigen eingepflanzten Bäumchen, und er konnte zeigen, dass der Bienenwolf seine Höhle rein visuell und mit Hilfe von Landmarkierungen findet. Die herbeigebrachte und vergrabene Biene dient als Futter für die heranwachsende Brut der Wespe. So einfach meine Beobachtungen und Versuche auch waren, sie führten mich zu realen Erkenntnissen. Ich spürte diesen Triumph, diese Belohnung für echte Entdeckung.

 

Hochzeitsreise in die Arktis

In aller Eile produzierte der junge Mann seine Doktorarbeit, bestehend aus mageren 32 Seiten. Über die Orientierung des Bienenwolfes (Philanthus triangulum Fabr.) Z. vgl. Physiol. 16/1932.
 Am nächsten Tag gab er seiner Elisabeth das Ja-Wort, (oder war es umgekehrt?) verschob kurzerhand die Flitterwochen und ging mit ihr an Bord. Der Freund Sidney Van den Bergh gab dem jungen Paar die Chance, als Mitglieder der Holländischen Abordnung teilzunehmen am Internationalen Nordpol-Jahr 1932-33. Die jungen Idealisten übten Kanufahren, holten die Polausrüstung zusammen, lernten dänisch und schifften sich ein im Juli auf dem 800-Tonnen-Viermaster Gertrud Rusk. Elisabeth wurde schrecklich seekrank, dann aber genossen beide den arktischen Sommer in Angmagssalik, dem Jagdgebiet eines kleinen isolierten Eskimo Stammes. Zwei Sommer und einen Winter blieben die Tinbergens bei diesen freundlichen Menschen. Sie sammelten arktische Pflanzen und Kleintiere, fuhren im Kanu auf Grönlands Gewässern, lebten im winzigen Zelt, beobachteten das reiche Leben der Seevögel, vor allem der Schnee-Ammer, deren Brutverhaltern sie eingehend zu studieren hofften.  Sie lernten sich mit den Eskimos zu verständigen. Dies gab ihnen die schöne Gelegenheit, sich mit dem Verhalten der Huskies zu beschäftigen, deren Ursprünge man noch kaum kannte. Tinbergen bemerkte starke Ähnlichkeiten mit dem Wolfsverhalten, auch in ihrem langgezogenen Geheul. Die Hunde verteidigten wütend ihre Gruppenterritorien und vertrieben fremde Hunde daraus.

Das ideale Objekt  erschien den Tinbergens die graziöse Schnee-Ammer Plectrophenax nivalis. Dafür mussten sie zwei Stunden vor dem Sonnenaufgang aufstehen, um die Beobachtungen beim ersten Licht zu beginnen. Einträchtig und liebevoll einander zugewandt saßen die Jungvermählten in der harschen Umwelt Grönlands, beobachteten, protokollierten, photographierten, diskutierten, zogen Schlüsse, Vermutungen zu den Geheimnissen des Verhaltens dieser eleganten Vögel .... nicht bequem zuhause in der Voliere sondern draußen in der rauen Heimat der Tiere. Hier wurden Tiere zu Hauptpersonen, um die das menschliche Denken und Trachten kreiste, immer auch um die Frage nach dem Anpassungs- und Überlebenswert ihres Verhaltens. Tinbergen hat später seine Grönlandjahre genau und bildhaft beschrieben, seine nun schon klassischen Schilderungen sind anheimelnder Lesestoff und allerbestes Beispiel für eine Ethologie, wie Niko Tinbergen sie verstand.

Ethologe sein heißt  Opfer bringen. Monatelang existierten Niko und Elisabeth von Reis mit Trockengemüse. Im Netz fingen sie dazu frische delikate Forellen aus ihrem Fjord. Das neue Studienobjekt, das Odins-Hühnchen mit dem roten Hals wurde wegen seines ungewöhnlichen Verhaltens auch Amazone der Vogelwelt genannt. Die Weibchen sind größer und bunter geschmückt als die Männchen. Wie bunte Korken hüpfen sie auf dem Wasser in Pirouetten und schnappen nach den Puppen und Larven der Moskitos. Wenn sie auffliegen, rufen sie im Stakkato wit-wit-wit, später dann in einer Art Zeremonie widu-widu-widu, das zieht die Männchen an, die nicht singen. Nur die Weibchen kämpfen – wie die Amazonen – untereinander um den Nistplatz. Erst dann tun sie sich mit einem Männchen zusammen, balzen und kopulieren. Das Weibchen legt seine Eier, damit ist seine Rolle beendet, das Männchen brütet sie aus und sorgt für den Nachwuchs. Tinbergen war sich nach diesen Beobachtungen bewusst, dass er erst einen Zipfel der Wahrheit über die Ammer und das Odinshühnchen gefunden hatte, aber es war ein vielversprechender Anfang. Grönland würde er nie vergessen.

 

Niko erfindet neue Experimente

Nikos  Professoren  ermöglichten dem Arktisheimkehrer, mit einer Gruppe begeisterter junger Studenten zwei Sommermonate im Jahr in den sandigen Gefilden von Hulshorst zu kampieren und zu forschen. Das war schon etwas anderes, als allein auf einem alten Stuhl zu sitzen. Tinbergen brachte seinen Schülern bei, wie sie sinnvolle Experimente erfinden und sie so gestalten könnten, dass sie dem Tier die geforderten Antworten abverlangen.  Bald fanden die Forscher zu ihrer Verblüffung heraus, dass Philanthus rasch lernte, die Bruthöhle auch dann wieder zu finden, wenn die Menschen die Markierungen willkürlich verändert hatten. Weitere Experimente  bewiesen, dass die Wespe ihre Beute mit Hilfe ihrer Antennen am arteigenen Duft erkennt. Man verfolgte atemlos, wie der Räuber seine Beute fing, herumwarf, seinen Nektar schlürfte und die Biene dann durch den Stich lähmte. Fünf Sommer brauchten die Ethologen, dann hatten sie ein stimmiges Bild vom Leben und der Orientierung des Bienentöters. Erkenntnisse, die niemals im Labor hätten gewonnen werden können.

 

Die Klippenkünstler von Farne-Islands

Er liebte Seevögel. Schon in den 30er und 40er Jahren hatte er die gesellschaftliche Organisation der Silbermöwen beobachtet und war nun gespannt darauf, wie das bei anderen Möwenarten aussah. Sogleich suchte er nach guten Gelegenheiten für die Feldarbeiten seiner Doktoranden – und dachte natürlich an Möwen.

An einem schönen Junitag 1952 setzte die Gruppe mit einem Hummerfischer über zu den kleinen Farne-Islands. Begrüßt wurde sie von einer Horde Seehunde, die in der Sonne ruhten und nun, aufgestört, ins Wasser planschten und neugierig die Menschen beäugten. Ruhig, wie die Dosen im Regal des Kaufmanns,  saßen die Dreizehenmöwen Flügel an Flügel aufgereiht auf ihren Nestern, balancierend auf den angsterregend schmalen Simsen, die sich stufenförmig über die hohe Klippe ziehen. Die Forscher traten dicht an die Vögel heran, die aber ließen sich nicht stören und machten ruhig weiter beim Füttern ihrer süßen silbergrauen Küken. Dazwischen bewegten sich ein paar Krähenscharben und dunkle Kormorane mit dem fantastischen grünen Schimmer am Hals und bronzefarbenen Federn am Rücken. Sie bedrohten die Menschen mit Kopfschütteln und weit offenen gelben Schnäbeln. Im Hintergrund gab es lautstarke Diskussionen unter den Trottellummen. Über allem ertönte eine Lautsinfonie, wie man sie nur in solch gigantischen Vogelkolonien zu hören bekommt. Im Inneren der Insel wurde die Oxfordgruppe begrüßt vom Geschrei der Küstenseeschwalben, die an der Sandküste der St. Couthbert’s Bucht ihren Tätigkeiten nachgingen. Überall führten Eiderenten ihre Küken, stets bedroht von den räuberischen Silber- und Schwarzkopfmöwen. Staunend besichtigten die Doktoranden die mittelalterlichen Ruinen des Turms, der ehrwürdigen Kapelle und die Reste der Gebäude, die einst Heilige Mönche des berühmten St. Cuthbert beherbergten. Von einer hohen Klippe aus beobachteten sie Hunderte von Papageitauchern, die zu fliehen trachteten. In diesem Vogelparadies wollte das Farne-Islands-Commitee ein Zentrum für Feldstudien etablieren. Studenten sollten im restaurierten Turm wohnen, Tür an Tür mit den Vögeln.  Es dauerte nur Minuten, und Esther Cullen verliebte sich in die Dreizehenmöwen.  Mike Cullen fand eine gute Gelegenheit, einige der über tausend Paare der hiesigen Küstenseeschwalbe zu studieren. Tinbergen erinnert sich So fanden wir Anschluss an diese seltsame kleine Gilde Britischer Insel-Naturforscher , die alle die besten Jahre ihres Lebens an ähnlichen einsamen Orten verbracht haben, und immer, wenn wir uns treffen irgendwo – wir sehnen uns zurück auf unsere kleine Insel.

Die Cullens verbrachten drei Sommer auf Farne, vom frühen März bis Ende August. Niko begleitete das Forscherehepaar immer wieder für ein paar Wochen, half bei den Tests und machte seine Fotos und Filmaufnahmen von ihren Beobachtungen. Tinbergen fotografierte ohne Pause. In Leiden hatte er einem Kameramann assistiert bei etwas primitiven Filmen über die Stichlinge. In Oxford bekam er eine Bell & Howell Filmkamera mit Teleobjektiven, und Niko war begeistert. Filme, meinte er, könnten eine wichtige Rolle spielen in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Laien. Auf diese Weise konnte er nicht nur seinem Jagdinstinkt leben sondern auch seinem Bedürfnis, anderen zu zeigen, was er in der freien Natur gefunden hatte.

Vögel auf den Klippen zu beobachten war ein kaltes Stück Arbeit. Meist waren die Temperaturen recht niedrig, und in der Nässe, im starken Wind unter schweren Wolken brauchte man Zähigkeit und Geduld, vor allem für die Stunden geduldigen Harrens und Beobachtens, Notierens. Da nützten auch die dichtesten Klamotten und die dicken Handschuhe wenig. Und der Aufenthalt im Turm war alles andere als komfortabel, die Mauern hatten handbreite Risse, und es zog erbärmlich. Durch die Ritzen hörte man die Stare draußen singen, als säßen sie nebenan. Wie oft standen die Menschen kältezitternd mit dem Rücken am offenen Feuer. Der Holländer Tinbergen lernte, man musste früh beginnen, ein richtiger Brite zu werden!

 

Esther und ihre Kittiwakes

Die Dreizehenmöwe Rissa tridactyla trägt ihren englischen Namen nach dem ohrenbetäubenden Geschrei der Brutkolonien kiti-week. Sie brütet auf Simsen und in Nischen an senkrechten Felswänden. Die Flügelspitzen sind schwarz, ähnlich wie bei der Sturmmöwe. Esther Cullen bemerkte darin aber individuelle Muster und fertigte Kennkarten über jeden Vogel an und konnte bald 30 Paare gut unterscheiden. Geduldig saß Esther tagaus tagein, und die Möwen übersahen sie bald als uninteressant. Ihr wichtigstes Augenmerk waren die Unterschiede zu anderen Möwenarten. Sie fand heraus: Diese lebten monogam, die Paare blieben fest zusammen über mehr als ein Jahr. Die Partner kannten sich persönlich, bauten gemeinsam das Nest. Das Männchen fütterte das Weibchen und beide gemeinsam die Küken. Auch Nachbarn erkannten sich. Esther staunte, wie zahm die Vögel waren, kaum kümmerten sie sich um Menschen oder um Silbermöwen, die sonst als Eiräuber gefürchtet sind. Silbermöwen stahlen ständig Eier von Eiderenten, nie aber von Kittiwakes. Esther schloss, die Zahmheit wäre entstanden mit dem Nisten auf extrem schmalen Simsen, schon dies schützte vor Räubern. Welcher Säuger würde es wagen, diese Klippen zu besteigen – nicht einmal der kühne arktische Fuchs. Und die Möwen brauchten deshalb auch keine Alarmrufe. Niko verglich sie mit dem Mann im feuersicheren Haus, der sich um keine Versicherung kümmert und das Geld für anderes ausgibt. Dafür aber sind die Dreizehenmöwen ständig damit beschäftigt, einander zu bedrohen, sich zu bekämpfen. Grund: sie haben Wohnungsprobleme. Andere Möwenarten brüten auf dem Boden und haben Platz, Kittiwakes aber kennen nur Klippen und jedes Paar will nahe bei den anderen und möglichst mitten in der Kolonie hausen. Andere Möwenküken verlassen das Nest und laufen umher. Nicht so die Kittiwakes. Die Kleinen bleiben dicht am Nest und gehen keinen Schritt weg, das ist lebenswichtig, wenn man keinen Platz hat. Aus Mangel an Räubern tragen sie auch kein Tarnkleid wie andere Möwenküken, sondern ihr hübsches Silberkleid. Esther mühte sich um das Verständnis der Funktion dieses unterschiedlichen Verhaltens – und fand es sei entstanden durch die Evolution des Klippenbrütens. Und sie bemerkte: Anpassung prägt immer das ganze Lebewesen. Niko war hoch zufrieden mit den Ergebnissen, die seine Schülerin ihm vorlegte. Und bedauerte sehr, dass sie diese Art der Feldforschung aufgab.

 

Eider Invasion

Unterhalb des Kittiwake Felsens konnte man die Tauchkünste der schweren Eiderenten (Somateria mollissima) bewundern bis weit in die Tiefe des kristallklaren Wassers. Die dunklen Weibchen waren bald verschwunden, die weißen Erpel sahen man noch lange fliegen auf der Suche nach ihrer Lieblingsspeise, den Napfschnecken und langen Razor Shells. Schon im Februar kamen die Ersten und waren offenbar schon verpaart. Die Forscher erkannten bald auch Individuen und fanden, dass die Vögel ihre Partner als Individuen erkannten. Nun begann auf der Insel das Posieren, das Kämpfen und Balzen dieser schweren und irgendwie schwerfälligen Meeresenten. Es wurde Mai. Die Tinbergen Gruppe hatte Logenplätze in ihrem alten Wohnturm und verfolgte atemlos die Invasion der Eiders aufs Land. Im Morgengrauen ließen sich die Vögel mit den Wellen an Land spülen und bald war jeder Meter um den Turm herum besetzt von den ruhenden Paaren. Die Menschen hatten das Empfinden, sie müssten sich entschuldigen, wenn sie einmal zwischen den Enten hindurch mussten. In der Balz waren die Eiderenten hin und hergerissen zwischen dem Sextrieb, der Aggressivität und der Furcht. Hier sahen die jungen Forscher ein nahezu einmaliges Verhalten. Die Weibchen zeigten an, wenn ihr Partner bitte den fremden Mann angreifen möge. Viele Psychologen halten dies Verhalten für unmöglich, doch die Tinbergen Crew hat es in Film und Foto festgehalten. Wenn ein fremder Erpel sich dem Paare nähert, wird das Weibchen unruhig. Sie weist mit dem Schnabel auf den Fremden, reckt den Hals in dessen Richtung und macht Aufwärtsbewegungen mit dem Kopf. Das macht sie mehrere Male. Und lässt ein hartes kokokokoko verlauten. Ihr Partner kann dieser Aufforderung nicht widerstehen. Wenn das Weibchen mit dem inciting movement nicht aufhört, erhebt er sich und greift den Fremden an. Wenn mehrere Fremde sich nähern, greift er jenen an, auf den seine Partnerin zeigt. Ethologen sehen in dieser Haltung des Weibchens das Signal für eine Mischung von Aggression, Furcht und das Beieinanderbleibenwollen. Tinbergen: Ich glaube, dass ein zeigendes Weibchen sich vor dem fremden Männchen fürchtet, es aber angreifen möchte und zugleich beim eigenen Partner bleiben. Ich sehe in diesen Verhalten eine Mischung von Angriff und Beschwichtigung.

Immer in grauer Morgenfrühe schwang sich Niko aus der Koje, brühte den Instantkaffee auf, drehte die Zigarette und stellte sich ans Fenster – und sah immer neue faszinierende Bilder. Wie die Enten sich allmählich daran machten, ihre runden Mulden zu bauen und sich die Daunen auszuzupfen, das Nest wohnlich zu polstern. Wie die bedauernswerten Mütter dann einen Monat hungern mussten, in der Zeit, da sie auf den großen Eiern saßen und nur alle zwei Tage einmal zum Trinken gingen. Und dann war es so weit. Die Erpel verschwanden auf dem Ozean. An Land schlüpften die Küken. Das dauerte seine Zeit, und immer noch saß die Ente auf dem Gelege, es zu wärmen. Dann krabbelten die Kleinen aus dem Nest. Mutter stand auf, ging ein paar Schritte, setzte sich hin, die Kleinen folgten. Wieder ein paar Schritte und so – in gemächlichen Schritten, bewegte die Familie sich in Richtung Wasser, die führenden Enten dünn von der langen Fastenzeit. Von allen Seiten kamen nun die Tanten, Enten, die ihre Brut verloren hatten. Sie folgten der Familie, zerrissen von einer Mischung aus Elternfürsorge, Furcht und Aggressivität. Unaufhörlich rufend, wanderte die Ente mit dem Nachwuchs so rasch es ging zu den Klippen. Mutter sprang ins Wasser, die Küken mutig hinterher. 4, 5 Meter fielen die kleinen, sich in der Luft drehend, herab auf den Felsen. Und standen auf, als sei nichts dabei. In Sekunden sammelten die Küken sich um die Mutter. Manches Küken fiel in eine Felsspalte – Mutter konnte nicht helfen. Meist fiel das Kleine damit der lauernden Silbermöwe zur begehrten Beute. Einmal sahen Esther und Mike eine Eidermutter mit fünf Küken sich vorbereiten für den Sprung. Es kamen aber nur vier unten an. Mutter sah zurück auf die Klippe. Esther und Mike sprangen, fanden das Küken in der Spalte, konnten es nicht gleich befreien. Die Mutter mit den Vieren schwamm fort. Die Silbermöwe hatte das Küken mit den Menschen zugleich entdeckt und kreiste über der Szene. Keine andere Eiderfamilie in Sicht – Mike nahm das Küken und warf es in hohem Bogen in die See. Mit einem Platsch fiel das Kleine auf die Wasserfläche. Sofort war die Möwe über ihm. Esther war traurig, versuchte zu helfen, das Küken schien vom Sturz betäubt, Esther hüpfte herum, rief laut, wedelte mit den Armen, die Möwe zu vertreiben, aber die Möwe ließ nicht ab. Da erholte sich das Küken, schwamm weiter vom Land weg, rief nach der Mutter – die Mutter hörte den Ruf, kam zurück – mit den vieren dicht bei sich, erreichte das fünfte – sie waren wieder vereint – die Möwe zog ab. Die dramatische Schlacht war gewonnen. Die Eiderinvasion war vorbei, und die Forscher konnten sich wieder um den Turm herum bewegen, ohne die vorwurfsvollen Blicke der gestörten Eiders zu ertragen. 

Ich finde, sagte Niko seinen Studenten oft, das Studium des Verhaltens der Tiere in ihrer naturgegebenen Umwelt ist en faszinierendes Hobby. Es erlaubt Ihnen, draußen zu leben in einer wunderschönen Welt. Sie können Ihrem Entdeckertrieb nachgehen und sich zu neuen Entdeckungen führen lassen. Dann aber gab der Lehrer zu, dass ihn ab und zu der Teufel ritt und er sich fragte, wozu mache ich das eigentlich.  Niemand, sagte er, muss sich schämen für seine Neugier auf die Geheimnisse der Natur. Der Natur gegenüber gleichgültig zu sein, ist eine Beleidigung. Ich denke an die junge Silbermöwe, wie sie immer wieder versuchte, Eiderenten-Eier aus den Nestern zu stehlen. Sie lief überall herum, wo Gelege unbewacht lagen, nur bedeckt von den Enten mit Zweigen und Gräsern. Die Möwe hatte wohl gelernt, solche Nester freizulegen, die Pflanzen zu entfernen – aber sie hatte nicht die leiseste Vorstellung davon, wie ein Nest aussieht, sie wanderte umher, bewegte überall Pflanzen hin und her, fand darunter Gelege aber nur durch Zufall. Für mich war es wichtig, systematisch herauszufinden, was ein Tier lernen kann, vor allem aber, was es nicht lernen kann! Ich meine, wissenschaftliche Forschung kann den Ausblick auf das Leben unendlich bereichern. Lesen über etwas ist kümmerlicher Ersatz. Direkte, aktive Beobachtung ist das einzige, was zählt.

 

Niko schreibt und lehrt

Der Einfluß, den soziale Tiere aufeinander ausüben, ist nicht nur Anziehung. Haben sie sich erst versammelt, so beginnen sie meistens auch enger zusammenzuarbeiten, etwas miteinander zu tun. Die Stare fliegen im Schwarm, wenden zugleich im gleichen Sinne, und einer gibt Alarm, worauf die anderen reagieren; oder sie wehren gemeinsam den Sperber ab oder den Wanderfalken, indem sie ihn in dichter Wolke überfliegen. Beim Sozialverhalten gilt es also zu untersuchen, in welcher Weise die Individuen zusammenarbeiten, mögen es nur zwei sein oder viele. Im Starenschwarm sind es Tausende, die aufeinander achten.

Das Verhalten der Silbermöwe lehrt, wie nötig es ist, zwischen der Zeit- und der Ortsmeldung des Warnens zu unterscheiden. Der Alarmruf der Eltern besagt: Jetzt! Und stimmt die Jungen, augenblicklich Deckung zu suchen. Aber der Elter kann ihnen weder sagen, wo der Feind ist, noch auch wo sie die beste Deckung finden. Das machten mir die Silbermöwen klar, die ich in der Kolonie aus dem Versteck photographieren wollte. Mein Zelt hatte schon so lange am gleichen Platz gestanden, dass alt und jung es als Teil der Landschaft angenommen hatten. Die Erwachsenen benutzten sein Dach als Ausguckwarte, die Kinder flüchteten bei Gefahr hinein. Als ich mich einmal im Zelt unvorsichtig bewegte, sah das der Altvogel. Er rief sofort Alarm und entfernte sich. Die Jungen hörten den Ruf und liefen in Deckung; aber ihr Versteck war mein Zelt, und so kamen sie allesamt in die Höhle des Löwen und drückten sich zu meinen Füßen.

Der Fischreiher lebt wintersüber allein. Im Frühjahr treffen zuerst die Männchen in der Brutkolonie ein; jeder besetzt sein vorjähriges Nest oder einen neuen Nistplatz. Hier auf seinem Standort singt er seinen rauen, einsilbigen Ruf, der unser Ohr beleidigt, ihm jedoch ein Weibchen gewinnt. Wenn eines ankommt, setzt es sich nahe bei dem Männchen seiner Wahl auf einen Ast. Dieses beginnt zu balzen; aber wenn sich das Weibchen ihm daraufhin nähert, weist er sie ab, und es kann zu einem Geplänkel, ja zu wütendem Kampf kommen. Sowie sie davonfliegt, ruft er gleich wieder sehr eifrig; dann kommt sie manchmal zu ihm zurück. Das löst zuweilen erneute Abwehr bei ihm aus, aber allmählich schwindet die Angriffslust; die Vögel beginnen einander zu dulden, und unter Umständen verpaaren sie sich. Allmählich siegt der Geschlechtstrieb über die Angriffslust. Dieser Wechsel im Kräfteverhältnis der beiden beteiligten Triebe könnte zu einem Teil darauf beruhen, dass die Vögel sich persönlich kennen lernen und aneinander gewöhnen, zum anderen darauf, dass durch die wiederholte und immer länger anhaltende Reizwirkung, die vom Partner ausgeht, der Geschlechtstrieb übermächtig wird. Bei Männchen, die schon zwei Wochen auf ein Weibchen gewartet haben, ist der Geschlechtstrieb so gestaut, dass sie das erste Weibchen, das sich zu ihnen setzt, so gut wie auf der Stelle annehmen.

 

Die Pfadfinder von Ravenglass

Die weiten Sände von Ravenglass boten alles, was Niko brauchte um glücklich zu sein. Hier folgte er den Spuren des Fuchses, wenn er schnürte auf der Jagd nach den jungen Kaninchen und am alten Stiefel seine Urinmarkierung versprühte. Er verfolgte die Trittsiegel des Dachses am frühen Morgen, ihm erzählten die klaren Spuren der Natter im Sand lange spannende Geschichten, er sah die Möwe, wenn sie pickte am kleinen Sandhügel, unter dem vielleicht der Krebs verborgen war. Tausende Fotos schoss er von diesen Zeichen im Sand beim flachen Morgenlicht und machte – zusammen mit dem Künstler Eric Ennion, ein lebendiges Spuren-Buch daraus, und einige Jahre später einen Fernsehfilm. . Darin hieß es:

Hugh, komm, was ist hier passiert? Er hob den winzigen Kadaver hoch und lächelte. Das dürfte der Fuchs gewesen sein, hat sie ausgekaut und liegengelassen, typisch für Füchse, lass sehen. Suchend ging er im Kreise, bückte sich und rief Da, da hat er auf den Hinterläufen gehockt. Er zeichnete den schwachen Abdruck im Sand nach. Und da hat die Lunte gelegen. Jagdfieber kam auf. Nur den Anfang des Fadens musste man in der Hand haben, dann fand sich auch das Ende. Nach einer Minute: I’ve got it!. Diesmal ein Kaninchen, wie sie hier massenweise umherliefen. Der Fuchs hatte es gefangen und getötet. Von der Beute fraß er nur die Hälfte, Kopf und Nacken mit den Eingeweiden ließ er zurück. Das sei typisches Fuchs-Jagdverhalten, meinte Hugh. Das abgebrannte Streichholz fiel auf etwas, das aussah wie ein Gipsabdruck, so klar war die Spur in den feuchten Sand geprägt worden. Hugh blickte kurz hin: Eine Kreuzotter, hat sich mühselig über die rutschige Oberfläche gequält. Die steilen Dünenabhänge machen ihr zu schaffen. Aber hier, so bald sie an einen Grashalm gerät, findet sie etwas Halt und ihre Bewegungen gehen in ein geschmeidiges Schlängeln über

Ein Student wurde jeweils zum Sklaven erklärt und musste über die Bucht waten zum fernen Dorf und Essen einkaufen, manchmal war es der Deutsch-Argentinier Juan Delius, den Colin dazu ermunterte, sich mit den Feldlerchen zu beschäftigen, die in großen Schwärmen über den Dünen ihre Lieder sangen. Juan überzeugte Niko, dass er unbedingt daraus eine Doktorarbeit machen müsse. Der kleine drahtige Niko, immer mit dem Feldglas, der Kamera, holte seine Schüler früh aus den Zelten, diskutierte mit ihnen Wetter und Vögel und ein paar Querelen im Lager. Man trank Unmengen Nescafé, Niko drehte seine Zigaretten, man stritt sich, warf Argumente hin und her. Niko vermisste seit Jahren ein eigenes Feldforschungsprojekt, hier konnte er es angehen. Es handelte sich um Möwen und ihre Eierschalen. Und um die Frage, warum entfernten die Möwen diese Eierschalen aus dem Nest nach dem Schlupf, was hatten sie davon, welches war der Überlebenswert für sie. Niko interessierte vor allem die Funktion des Verhaltens, hier eines, das den Vogel nur Sekunden beschäftigte in jedem Jahr. So fing Niko 1959 an und brauchte drei Jahre. Um ihn herum wuselten Studenten aus Polen, Südafrika, der Schweiz, aus Frankreich, Holland. Und fragten, könnten die weißen Eierschalen nicht Räuber anlocken und die Brut gefährden, also versuchten sie es mit den Eiern der Schwarzkopfmöwe., arbeiteten mit Modellen, halben Pingpongbällen, runden und eckigen Gegenständen, mit diversen Farben und zählten die Ergebnisse. Mit ungeheurem Enthusiasmus. Natürlich auch mit Fehlern. Feldarbeit eben, wie Niko sie gelehrt hatte. Es entstand ein interessantes paper es zeigte den Überlebenswert dieses Verhaltens, weil Räuber aus der Luft so weniger sicher die Brut finden, allerdings entfernen die Möwen die Eierschalen nicht sofort, sondern erst, wenn die Küken trocken sind ... insgesamt wurde diese Arbeit eine der Niko-classics .

Niko mit seinem spartanischen Lebensstil fand die Bemühungen seiner Studenten um mehr Bequemlichkeit in der Natur ganz überflüssig. Sie sollten gefälligst laufen, nicht Jeep fahren. Und auf dem Zeltboden schlafen, nicht auf Matratzen. Die Studenten lebten allein in ihrem einsamen Camp und oft heulte der Sturm, platschte der Regen herab auf den Sand, scheuchte die Forscher in die Zelte. Und mit dem Gang in die Kneipe des Dorfes war es auch nichts, wenn der strenge Niko im Lager weilte.

Immer zu den Sommerferien brachte Niko seine Familie nach Ravenglass. Zeigte den Kindern, wie man ein Birdwatcher wird, wie man die Spuren im Sand der Küste verfolgt. Sie liebten diese Ferien .Für Tinbergen waren die späten 50er und frühen 60er tief befriedigend. Hier konnte er aufatmen, hier gewann er die Sicherheit in der richtigen Feldarbeit, wusste nun, wie er die  wissenschaftlichen Beobachtungen und Experimente zu machen hatte über den Überlebenswert des Verhaltens und den Druck der Selektion. Das Dünenlabor von Ravenglass war ein Meilenstein auf dem Wege der modernen Ethologie, wie Tinbergen sie verstand. Es ist erstaunlich, mit welcher ungebremsten Begeisterung sich junge Menschen in die Probleme gestürzt haben, die überall dort auftauchten, wo Tiere nach dem Sinn ihres Verhaltens befragt wurden. Zu dieser Forscherjugend gehörte auch Rita Weidmann, die mit ihrem Mann schier endlose Experimente mit den brütenden Lachmöwen anstellte.

 

Walney Island

Etwa um diese Zeit musste Tinbergen wieder einmal umziehen.  In Ravenglass hatten örtliche Behörden des Naturschutzes mit besonderen Auflagen und angestellten Wächtern dafür gesorgt, dass an ein freies wissenschaftliches Arbeiten nicht mehr zu denken war. Also fuhren Tinbergens Schüler mit Sack und Pack 50 Kilometer nach Süden. Von der kleinen Industriestadt Barrow-in-Furness aus über eine Brücke zu erreichen lag die Insel Walney. Sie beherbergte 80 000 Paare von Silber- und Lachmöwen, wohl auch angelockt von einer riesigen Müllkippe. Ansonsten gab es eine Burgruine, verwahrloste Arbeiterhäuser, alles nicht so schön wie Ravenglass, aber ein Ort, wo Niko seine Studienobjekte besser filmen konnte. Dabei half ihm der alte Major Jimmy Rose, der während der Brutsaison inmitten der Dünen in seinem Caravan hauste und als leidenschaftlicher Naturbeobachter Nikos Freundschaft gewann. Dieser zog in ein verlassenes Leuchtturmwärterhaus und machte Pläne mit seinen Studenten.
Vor der zauberhaften Kulisse der Insel Walney entstand ein Dokumentarfilm, der Geschichte machte. Signals for Survival schildert in unvergesslichen Bildern das Leben, die Revierstreitereien, die Balz, die mannigfachen Laute und Haltungen, alle mit wichtigen Bedeutungen .... in der Kolonie der Silbermöwen. Vor allem natürlich auch der rote Fleck am Schnabel des Altvogels, der dem Küken das lebenswichtige Signal gibt: Hier picken, dann gibt’s zu fressen! 1969 verlieh man diesem Film den begehrten Prix Italia, ein Preis, auf den Niko zeit seines Lebens stolz war. Um diese Zeit hatten wir uns kennengelernt und gemeinsam eine 12-teilige Fernsehserie entwickelt über das Verhalten der Tiere, sie lief mit hoher Zustimmung in Deutschland, England und den USA. In ihr kam auch der folgende Film an die Öffentlichkeit.

 

Mein Freund der Austernfischer

Das bin ich, der Ihnen diese Geschichte erzählt: Professor Tinbergen in Oxford.  Immer wenn ich bei Ebbe über die riesigen Muschelbänke an Englands Ostküste wandere, staune ich über die Massen von Muschelfleisch, die da herumliegen. Aber gut verpackt zwischen harten Schalen, Schalen, die fest verschlossen sind, so fest, dass ich sie nicht auseinander brechen kann. Ein starker Muskel hält die Schalen zusammen. Ich schneide ihn mit dem Taschenmesser durch. Die Muschel ist offen, aber ihr Fleisch sitzt ziemlich fest, ich muss es heraustrennen. Ein nahrhafter Happen für den, der weiß, wie man ihn herausholt. Und das ist es, was unser Austernfischer so gut kann, weil er es gelernt hat.

Tief Bohrt der empfindliche Schnabel im Schlick, findet eine Muschel, macht sie auf, schneidet das Fleisch heraus, frisst. Es muss schnell gehen, denn bald wird das Meer die Muschelbänke wieder überspülen. Der Vogel hat zwei verschiedene Techniken entwickelt, um Muscheln zu knacken. Ich zeige es Ihnen. Zunächst einmal dreht er die Muschel um, die Unterseite liegt jetzt oben, es ist die schwächste Stelle des Tieres. Und hier hämmert der Schnabel ein Loch in die Schale, wie ich mit der Schere. Dann fährt er hindurch und zerschneidet den starken Muskel. Die Schalen haben keine Befestigung mehr, die Muschel ist wehrlos. Die großen Löcher in den Schalen verraten: Hier waren Hämmerer am Werk. Dort aber sind Stecher an der Arbeit gewesen. Ihre Kunst ist, blitzschnell zwischen die Schalen zu stechen, wenn sie ein bisschen geöffnet sind.

Unter Wasser öffnen die Tiere ihre Schalen einen Spalt breit, damit sie atmen und Plankton einsaugen können, das haben die Stecher herausgefunden. Sie stoßen in die Lücke und zerschneiden den Muskel. Dann packt der Schnabel die Muschel und trägt sie weg. Die richtigen Experten machen die ganze Arbeit gleich unter Wasser – aber wie wird man ein Stecher oder Hämmerer? Wie erlernen die Jungvögel diese schwierige Kunst?

Austernfischer paaren sich zum ersten Mal, wenn sie vier Jahre alt sind. Und sie kehren dann jedes Jahr zum selben Nistplatz zurück, dort legen sie die Eier in eine Mulde. Die Eltern wechseln sich beim Brüten ab, nach 24 Tagen schlüpfen die Küken. Zwei Tage später verlassen sie das Nest. Und untersuchen ihre Welt, picken überall herum, an Steinen, Strohhalmen. Interessiert beobachtet das Küken das Tun der Altvögel, wie sie im Sand nach Insektenlarven stochern und die Beute dem Kleinen anbieten. Bei Stelzvögeln, und zu ihnen gehört der Austernfischer, ist es sonst nicht üblich, dass Eltern ihre Jungen füttern, aber junge Austernfischer können ja unmöglich die harten Muschelschalen selbst bearbeiten, sie müssen mehr lernen als andere Vögel. Gespannt beobachten sie, wie der Altvogel die Muschel aufmacht und zubereitet. Noch versuchen sie nicht einmal, sich selbst eine solche Beute vorzunehmen, immer wieder lassen sie sich diese Kunst von den geduldigen Eltern vormachen. Austernfischer müssen für die Aufzucht ihrer Jungen wirklich hart arbeiten. Nur allmählich verbessern die Küken ihre angeborenen primitiven Fressbewegungen, durch langsames Lernen. Um zu zeigen, dass dies wirklich so ist, haben wir mit den Vögeln experimentiert. Meine Frau sucht zwischen den Steinen nach Eiern des Austernfischers, das ist nicht leicht, denn die Gelege sind gut getarnt. Um die brütenden Vögel nicht zu beunruhigen, lässt meine Frau immer ein Ei im Nest zurück. An einem Bauernhof haben wir unseren Wohnwagen aufgestellt. Das ist unser Feldlabor. Die gesammelten Eier kommen in den Brutkasten, schon am nächsten Morgen schlüpfen die Küken. Im Pappkarton hält meine Frau die Kleinen warm, die Tischplatte ist der Trainingsplatz. Die erste Kükengruppe soll Muschelfleisch lose in einer Muschelschale dargeboten bekommen. Die zweite Gruppe erhält geöffnete Muscheln, in denen das Fleisch aber noch festsitzt. Welche Gruppe wird später lernen, Muscheln zu knacken?

Wir haben diese Art der Schulung auf mehrere Wochen ausgedehnt. Zum Schluss boten wir beiden Gruppen leere Muschelschalen. Das Ergebnis: Nur die Vögel hatten sich Muschelschalen als Nahrungsbehälter eingeprägt, die sich das Fleisch zuvor selbst aus der Schale hatten holen müssen, die Gruppe 2. Nur die Arbeit, das selbständige Herausmeißeln des Fleisches führt junge Austernfischer im Lauf der Zeit dazu, Muschelschalen mit Muschelfleisch zu identifizieren. Bald folgen die Jungen ihren Eltern zu den Muschelbänken, und sobald ein Brocken zum Vorschein kommt, stürzen sie hin und schlingen ihn hinunter. Der Austernfischer ist wirklich ein einmaliger Vogel. Einmalig die Geduld der Eltern und einmalig die Hilflosigkeit, mit der fast erwachsene Jungtiere hinter ihren Alten her rennen und um Futter betteln. Selbst wenn die Jungvögel endlich gelernt haben, eine Muschel zu öffnen, dauert es noch drei Jahre, bis sie schnell genug arbeiten, um eine ganze Familie satt zu machen. Merkwürdig und sehr selten bei Vögeln: Die Kinder von Hämmerern werden später selbst wieder Hämmerer, und die Kinder von Stechern werden Stecher. Das Handwerk bleibt in der Familie. Wir finden die Hämmerer immer nur mit Hämmerern verpaart und Stecher mit anderen Stechern. Immer wenn die Flut kommt, finden Tausende von Austernfischer sich wieder an der Küste zusammen. Sie sind zahlreich, diese Künstler. Das mühselige, langjährige Erlernen eines schwierigen Handwerks lohnt sich also. Denn diese Tierart hat sich eine Speisekammer geöffnet, die anderen Vogelarten verschlossen ist. Dies war also die erstaunliche Geschichte vom Austernfischer, von einem ganz gewöhnlichen Vogel.

1973: Das Jahr der Fülle

In Oxford begann Donnerstag, der 12. Oktober wie jeder Tag. Niko wanderte durch die sterilen, kaum die Phantasie anregenden Gänge des Zoologie-Departments zurück in sein Arbeitszimmer, da rief Pat, die Sekretärin an, die hatte einen Anruf aus Stockholm empfangen und wusste gleich, was los war, er nicht. Und als das Telefon noch einmal klingelte, glaubte er nicht, was er hörte: Nobelpreis! Und als die Medien verrückt spielten, begriff er diesen Meteor-Einschlag nicht, verstand auch nicht, was man von ihm wollte, all diese Publizität – es war so verwirrend. Und er las noch mal, warum die drei Wissenschaftler den Preis aus Stockholm erhalten hatten for their discoveries concerning organization and elicitation of individual and social behaviour, so hieß es in der Urkunde. Nikos Biograph Hans Kruuk erinnert sich: Wir waren erschlagen, keiner hatte so etwas erwartet, keiner hatte geglaubt, dass Ethologie sich so in den Wissenschaften behaupten könnte. Ein Nobelpreis für solch ein weites Feld war ungewöhnlich, meist bekommen Wissenschaftler den Preis für eine einzelne Tat, wie Dorothy Hodgkin für ihre Aufklärung der Struktur des Insulin 1964. In unserem Trio hatte nur Karl von Frisch eine große Einzelentdeckung gemacht, seinen wissenschaftlichen Betrag zum Verständnis der faszinierenden Kommunikation unter Honigbienen. .

Anfang Dezember 1973 machte das Ehepaar Tinbergen sich auf den Weg nach Stockholm.  Das Nobelfest am 12. Dezember war ein grandiose wirbelnde Angelegenheit – so sehr anders als Nikos bescheidenes Leben sonst verlief, er war überwältigt.
Niko gestand: Wir haben es genossen! Da war der junge König – sehr scheu, wie Niko registriert. Er saß neben der 80 Jahre alten Mrs. Rudebeck und diskutierte mit ihr die besondere Methode, einen Spritzer Brandy in den Kaffee zu tun. Wegen eines Protokollfehlers habe Lies bei der Dinner Party im Palast rechts neben dem König gesessen und habe fröhlich mit Prinz Bertil geflirtet. Nikos Nobel-Vorlesung mit dem ungewohnten Titel , der so wenig mit der gepriesenen Ethologie, desto mehr aber mit dem Autismus zu tun hatte. Der Vortrag lief gut, er war auf 40 Minuten berechnet und musste gekürzt werden. Konrad Lorenz’ Rede, meinte Tinbergen, sei sicher gut zu lesen, da Lorenz aber frei sprach und viel Gelächter hervorrief, habe es ein Durcheinander gegeben, das sei bedauerlich gewesen

Die Tinbergens kehrten müde und voller Erinnerungen in die Heimat zurück. Und suchten Ruhe in ihrem kleinen Landhaus in Cumbria, schrieben Dankesbriefe und verteilten das Preisgeld von 17 000 Pfund. Niko behielt nur 2000 Pfund für Bücher und Ausrüstung, alles andere wurde verteilt an Freunde, Projekte und Büchereien.

Kein Mann, so schrieb er , muss sich dafür schämen, neugierig zu sein auf die Natur. Man könnte auch sagen, dies sei es, wofür er seinen Verstand hat, und dass es keine größere Beleidigung der Natur sein könnte, als ihr indifferent gegenüber zu treten. Ich habe erzählt, wie wir einmal beobachteten, wie eine junge Silbermöwe gezielt versuchte, Eiderenten die Eier aus dem Gelege zu stehlen. Sie lief über ein Feld, auf dem viele Gelege unbewacht lagen, nur verborgen unter Pflanzenteilen, welche die Enten darauf platzieren, wenn die das Gelege verlassen. Diese Silbermöwe hatte gelernt, Eier freizulegen durch einfaches Entfernen der Zweige. Wir aber wunderten uns, als wir sahen, dass sie nur eine sehr vage Vorstellung davon besaß, wie ein Nest aussieht. Überall auf dem Feld wanderte sie umher, bewegte lockere Pflanzenteile, entdeckte ein Gelege jedoch nur durch reinen Zufall. Solche Beobachtungen zeigten, dass es wichtig ist, nicht nur systematisch herauszufinden, was ein Tier lernen kann, sondern auch, was es nicht lernen kann, oder eben nicht lernt. Ein zehnjähriges Mädchen schrieb mir, nachdem ich in einer TV Show berichtet hatte, wie Möwenküken an alles picken was rot ist, wenn sie hungrig sind. Nun, das Mädchen schrieb, dass sie und ihre Schwester beim Wandern über den Strand einer ausgewachsenen jungen Silbermöwe begegneten. Sie sei sehr zahm gewesen und sei ihnen entgegen gelaufen. Plötzlich habe die Möwe ganz scharf an eine brandrote Schorfstelle am Knie der jüngeren Schwester gepickt. Die Schreiberin meinte, dies sei doch eine Art von Experiment gewesen. Ich meine, die Nützlichkeit von Studien in der Natur ist bei weitem nicht beendet, wird es vielleicht nie sein. Wir Biologen brauchen den Kontakt mit der Realität, ständige Beobachtungen werden uns immer wieder zu Dingen führen, die der Erklärung bedürfen. Immer in seinen Forschungen muss der Biologe sich darüber klar sein, dass er hochadaptive Systeme studiert und nicht irgendwelche Kleinigkeiten. Wissenschaftliche Forschung kann unsere Sicht des Lebens wirklich bereichern. Darüber lesen – bringt nichts. Direkte, aktive Beobachtung ist das was zählt, die einzige Wirklichkeit. Und sie ist ein faszinierendes Hobby!

Im Rückblick auf alle diese Jahre, die doch so rasch vergangen sind, frage ich mich oft, habe ich das Rechte getan, tat ich genug? Da ist so vieles, was man bedauert, verlorene Gelegenheiten, falsches Behandeln mancher Probleme, vergessene Pflichten und so manches andere. Aber ich wäre sehr undankbar, dächte ich nicht daran, wie glücklich ich war, geboren als gesunder und ziemlich wacher Knabe, der viele gute Chancen bekam – zunächst von meinen wunderbaren Eltern, dann von dem Paradies, in dem ich aufwuchs und nicht zuletzt dank des Einflusses solcher Männer wie Jac.P.Thijsse, Jan Venvey, Julian Huxley, Erwin Stresemann, Ernst Mayr, Karl von Frisch und Konrad Lorenz, um nur einige zu nennen, die meine Interessen, meine Arbeiten gefördert haben. Verglichen mit ihnen war ich wohl eher ein Schmetterling, der von Blüte zu Blüte flog statt einer blütenkonstanten Arbeitsbiene. Nun so habe ich verloren und zugleich viel gewonnen. Meine wesentlich schöpferische Arbeit war getan, bevor ich vierzig wurde. Meine Beiträge zur Kommunikation, mein Schreiben, die Reden, die Fotografie und die Filmerei kamen später. Mit vielen meiner Kollegen teile ich das Bewusstsein, dass zu viele Aufgaben unerledigt liegen blieben und nie bewältigt werden. Aber wir waren doch privilegiert, in einer hochinteressanten Zeit zu leben, wir haben beigetragen in der Wiedergeburt und dem Älterwerden eines faszinierenden neuen Zweiges der Biologie. Wenn ich mein wissenschaftliches Dasein kennzeichnen soll, würde ich den Leuchtturmwärter aus Goethes Faust II zitieren

Ihr glücklichen Augen!
Was je ihr gesehn,
Es sey wie es wolle,
Es war doch so sch ön!

Diese letzten Jahre im Leben des Niko Tinbergen. Mager, sitzend im Rollstuhl, aber da war ein kleines Lächeln, das man selten gesehen hatte zuvor. Die Gesundheit war ein wenig besser geworden, die Depressionen verschwunden. Da war seine große Familie, Niko war glücklich mit seinem Leben, mit dem, was er erreicht hatte. I’ve had a good run for my money. Dann erschien die Todesanzeige in der Oxford Times:

Tinbergen, Nikolaas (Niko), on 21 December 1988, peacefully at his home in Oxford, aged 81. He requested that his body be given to medical research.
Please do not send flowers; donations in his memories would be gratefully received by Childline, etc. Oxford.

 

Das Bleibende

Ich habe keine große Entdeckung gemacht. Ich wurde bekannt für eine Angehensweise – ich habe an das Phänomen Verhalten alle jene Fragen gerichtet, die man in der Biologie auch den anderen Prozessen des Lebens stellt oder stellen sollte. Ich habe versucht, die Mechanismen zu begreifen, die für das Verhalten verantwortlich sind, genau so, wie Biologen die Funktion eines Organs zu verstehen suchen. Ich arbeitete auf meine Art, angetrieben von einer nicht-rationalen kraft, die ich verstehe als die des geborenen Jägers, der seine Beute versteht und überwindet. Kaum etwas in meiner Arbeit wurde von beginn an rational erdacht. Meine Entdeckungen und die möglichen Lösungen geschahen intuitiv.

Ein Schüler schrieb:

Ob er Naturforscher war oder Lehrer, da war dies warme Lächeln, dieser Enthusiasmus, dieser wundervolle Sinn für Humor zusammen mit einem wahren Fundus an Geschichten und Späßen. Da war das Humane in dieser Verletzlichkeit, die tiefschwarzen Depressionen, sein Holländersein mit dem netten Akzent und seine Calvinistischen Werte. Wenn ich an ihn denke, dann sehe ich diesen kleinen, khakigekleideten, bebrillten, grauhaarigen Mann mit der Kamera, wie er den Spuren des Fuchses folgt über manche Düne, ein neugieriger Naturwissenschaftler, der sich ein Lied pfeift.

Quellen: Tinbergen, Niko: Curious Naturalists, London 1958