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Sturmfahrt mit Erzfrachter Frigga

Abends Ankunft in Rotterdam-Schiedam. Wie kommt man zum richtigen Hafen? Ein überlanger, weil in der Mitte verlängerter Mercedes nimmt mich auf. Endlos über dunkle leere Autobahnen, an der Schranke muss der Fahrer 2,50 bezahlen. Immer einsamer wird die Gegend, man denkt an Krimis und Tote. Hier und da eine Lampe, eine Straßenkreuzung ohne Verkehr, Kolonnen dunkler Tanks mit der Aufschrift Shell. Kein Mensch, nur Gestank aus der Industrieküche zwischen Rotterdam und Amsterdam. Endlich ein Schild Botlek, schmaler wird die Straße, Frachter liegen an Piers, kümmerlich beleuchtet, gefährliche Fahrt dicht am Kai entlang unter Kränen. Riesenwände schwarzer Schiffe. Ein Zollhäuschen, aber von mir will man nichts wissen. Dann große Buchstaben am Heck Frigga. Bezahlen, der Fahrer rechnet lange hin und her, schließlich: 31 Gulden. Ich habe keine Gulden, wie viel ist das in DM? 50 Gulden sollen 45 Mark sein, er gibt mir 14 Gulden auf 50 Mark raus, der Betrüger. Dann stehe ich vor der Wand und muss mit meinen Koffern eine schmale Hühnerleiter auf das himmelhohe Deck klettern. Niemand da. Koffer stehen lassen, das Deck ist übersät mit kleinen, eisernen Kügelchen. Ich wandere durch die Gänge, blicke in Fenster, klopfe hier und da. Alles bleibt still, gespenstisch. Auch draußen am Kai niemand. Man könnte den ganzen Kasten stehlen. Da, endlich ein Matrose. Der klopft beim 2.Offizier, der wirr und verschlafen erscheint. Der Passagier! Wo ist der Chefsteward? Nicht da. Natürlich. Gehen Sie man in die Kajüte des Lotsen, bis der Steward kommt. Aber da ist er schon. Mürrisch und unzufrieden von Land. Nein, der Passagier soll in die Kajüte vom Zahlmeister. Schleppt Koffer, Kajüte geräumig, sauber, nett. Aber glühend heiß, die Heizung auf AK. Zu trinken gibt’s nichts. Fenster mühsam auf, lüften! Hinlegen – herumwandern. Fenster zeigen auf kleines Vordeck am Achterschiff. Fenster bleiben auf, drei Stunden unruhiger Schlaf, dann Stimmen, Bewegung – das Schiff hat abgelegt.

9.März. Bordtagebuch.

Anfang der Reise: 6:42 Uhr, ablegen 6:55, Hafenlotse an Bord: 7:42. Passieren Hoek van Holland: 8:35. Passieren Texel: 13:30. An der Terschellingbank: 15:30. Ganz schnell duschen, Schokolade essen und auf Deck. Endlose Piers mit Kränen. Es scheint alles kein Ende zu nehmen in diesem Riesenhafen. Fast widerwillig erhebt sich eine trübe Sonne über dem dichten Dunst, der über allem liegt. Tanker – Shell – Europort. Frühstück pünktlich 8:30. Wo? In der oberen Offiziersmesse. Endlich ist es soweit, aber statt Kaffee gibt es Milch, dazu Spiegeleier und Brötchen. Gegenüber sitzt Herr Helmut, der Chief, ein alter, ruhiger Friese. Einsilbige Fragen nach dem Woher und Wohin. Lutschen an den schwarzen Zahnstümpfen. Wässerige Augen, die irgendwohin sehen. Dann dick anziehen und auf Deck. Thermometer zeigt 5 Grad. Später kommt Nebel auf. Tief gebeugt stehen Offiziere über dem Radar. Rhythmisch tutet das Nebelhorn. Alles sieht aus wie in Watte gepackt. Wir fahren sehr langsam. Kapitän Horst kommt aus dem Kartenhaus und drückt freundlich die Hand. Er sieht aus, wie man sich einen Kapitän vorstellt, mit der Uniform, den vier Ärmelstreifen und goldenen Knöpfen. Der Mund etwas verkniffen, die Augen blinzeln. Sparsam mit Worten. Ich darf auf die Brücke, das ist etwas besonderes, sonst gilt die Brücke als Heiligtum. Um 12:30 Mittagessen am nett gedeckten Tisch unter der Obhut des Stewards. Es gibt 2 Stücke Fleisch, Kartoffeln, Salat, Suppe und Nachtisch. Wieder leistet mir der Chief Gesellschaft, später lerne ich den älteren Funker kennen, der lange Gerichtsvollzieher war, bevor er wieder zur See ging. Er zeigt mir stolz seine vielen Geräte, aus denen es piept und krächzt. Norddeich Radio! Dann im Steuerhaus beim 1.Offizer, Herrn Mews. Mit bitterer Stimme berichtet er von der Taktik der Reedereien, die mit immer weniger Leuten die Schiffe besetzen. So geht das nicht weiter. Aufenthalte in Häfen sind zu kurz, um sich die Haare schneiden zu lassen. Viele Fremdarbeiter an Bord, Portugiesen, Spanier. Alles muss schnell gehen, größere Schiffe, mehr Fracht, die immer billiger wird. Seefahrt ist das nicht. Aber er ist zu alt um zu kündigen. Und unter Billigflagge könne er nicht fahren.
Um 15:30 zwangloser Kaffee mit Kuchen. Dann wieder auf Deck. Um 18 Uhr Abendessen mit dem Kapitän, dem I.O. und dem Chief. Wieder dreht sich das Gespräch um Heuer, Frachtraten, Gefahren und Rederei. Später im Steuerhaus eine fantastische Lichtstimmung des hereinbrechenden Abends. Dann bei drei Flaschen Bier in der Kammer Putz- und Flickstunde.

10.März.

15.30 Otsira, 6 sm, sehr grobe See. Die Nacht wurde ungemütlich. Windstärke 7-8, alles was nicht festgezurrt ist, fliegt durch die Kajüte. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ich bin froh, dass es endlich 7 Uhr und Zeit ist zum Aufstehen. Die Brecher spritzen über das Deck, man kann sich kaum festhalten. Aber das Frühstück schmeckt. Der listige Steward hat die weiße Tischdecke nass gemacht, damit die Teller nicht rutschen. Tief hängen die Wolken, es ist sehr dunkel. Das Schiff stampft und rollt, die Dünung kommt von Steuerbord, aus dem Skagerrak, wo sie immer herkommt. Gegen Mittag bricht die Sonne strahlend durch, es wird im Windschatten so warm, dass ich mich in den Liegestuhl legen kann. Dann wieder auf der Brücke ein Gespräch mit dem Wachoffizier, auch der Kapitän gesellt sich hinzu und betrachtet abwechselnd die See und das Radar. Mittags Suppe, Scholle mit Petersilienkartoffeln und Soße, Obst. Aber zu wenig. Um 15:30 Kaffee ohne Kuchen. Lange Spaziergänge über das endlose Deck, ein tiefblauer Himmel. Die Möwen stürzen sich gierig auf die Abfälle, die der Koch über das Heck kippt. Zum Abendessen Rührei, Kartoffeln und Milch.

11. März.

Fröien Isl. 3:30. Storholmen 5 Uhr. Starke grobe See. Eine ruhige Nacht bis 7 Uhr, aber nach dem Frühstück ging es los. Sturm bis Stärke 11, wirklich ziemlich schauderhaft. Nein, so ist Seefahrt gar nicht schön. Aber doch ein gutes Gespräch über alle Probleme der Seefahrt mit Herrn Buschan, dem 32 Jahre alten 2.Offizer, der selbst Sohn eines Kapitäns ist. Wir haben achterliche See, die himmelhoch anzurollen scheint und das Schiff zu tiefen Verneigungen zwingt. Ein Brecher knallt so stark gegen die Aufbauten, dass das Schiff dröhnt wie eine Glocke. Der Funker meldet Wassereinbruch in seiner Kajüte. Das Steuern ist schwierig jetzt, Rudergänger und Ausguck sind zusätzlich auf der Brücke. Auch der Kapitän ist jetzt immer da. Auf meine besorgte Frage sagt er, dieser Sturm sei recht harmlos, erst wenn er von Bord geht, sei die Sache ernst. Das hat mich doch sehr getröstet. Die hohe Fahrt wird beibehalten, wir laufen 13 – 14 Knoten.. Das stündliche Besteck mit Hilfe des Deccagerätes gibt Auskunft darüber. Besonders auf Fischer wird ständig geachtet, sie sind im Radar wegen der hohen Wellen oft nicht zu sehen. Sie erfreuen sich keiner großen Beliebtheit, da sie stur ihren Kurs festhalten und sich nicht um die großen Liner kümmern. Das hat immer wieder zu großen Schwierigkeiten geführt. Wir warten auf das Einlaufen in den Westfjord, an dessen Ende Narvik liegt. Dann soll das Land etwas Schutz geben vor dem Sturm. Mit ein paar Flaschen Underberg unterdrücke ich das Magendrücken, aber die Mahlzeiten werden pünktlich serviert.

12. März.

Dünung, hohe See. 12:00 Lotse an Bord, 12:50 Baroy Isl, 14:50 Heckschlepper, 14:53 Hafenlotse an Bord, 15:06 Fallen Anker, 15:50 Schiff fest an Ladeplatz, 15:30 Ladebeginn. Man sieht jetzt sehr schön die Felsenküste rechts und links. Der Lotse kommt mit einem kleinen Kutter aus einer Bucht hinter einem Leuchtturm hervor und entpuppt sich als ein netter, alter Norweger, der mit einem herrlichen Sprachgemisch aus Englisch, Deutsch und Norwegisch erzählt. Fährt diese Strecke seit 25 Jahren. Sehr langsame Einfahrt nach Narvik. Zwei alte Schlepper bugsieren uns in den engen Hafen und an die Verladepier. Alle sind sauer an Bord, weil wieder keine Zeit bleibt für einen ausgedehnten Landgang.

Bei dichtem Schneetreiben gehe ich in die Stadt. Verlaufe mich. Die Stadt ist sehr klein, man findet sie kaum. Ein winziger Jahrmarkt – wegen Festtag Holmenkollen. Geschäfte, die kaum etwas bieten. Viele kleine junge Mädchen. Spuren aus dem 2.Weltkrieg. Ich gehe etwa eine Stunde umher, dann wieder zum Schiff. Für die Seilbahn reicht die Zeit leider nicht. Am Marinepier liegt ein kleiner Zerstörer. Neben unserm Liegeplatz arbeiten die Kräne und schütten rund 41 000 Tonnen Eisenerz in unsere fünf Luken. Beim Abendbrot (aufgeklappte norwegische Bücklinge) sitzen der 2 Zentner schwere Dr. Wengler und Frau am Tisch. Er arbeitet als Chemiker in der Erzgrube. Später holt uns der Kapitän in seine Kajüte zum Sekt. Wenglers laden uns ein zu sich, der Kapitän sagt nach einigem Zögern zu. Aufbruch zu viert im Taxi, dazu zwei Polarhunde. Jeder nimmt etwas Schnaps mit, weil der in Norwegen sehr teuer ist. Wenglers bewohnen ein hübsches Holzhaus, innen riecht es nach Birke. Für eine Flasche Bommi bekomme ich eine Lappenschale aus Birkenholz und muss versprechen, möglichst viele deutsche Briefmarken zu schicken. Es gibt Bier und chinesischen Schnaps, dazu Musik. Noch eine Frau kommt hinzu. Wir tanzen. Spät mit dem Kapitän im Taxi an Bord. Wir sitzen noch eine Weile zusammen und reden über Kindererziehung, Politik und die Welt. Halbtot ins Bett und viel zu früh wieder raus.

13. März.

Bewegte See. 8:15 Schiff beladen. 8:30 Lotse an Bord, 10:02 Anker auf. 12:45 Baroy Isl. 13:52 Lotse von Bord. 14:00 Anfang der Seereise. Mit einem Ölkopf zum Frühstück. Es geht an einem Zerstörer vorbei in den stürmischen Westfjord. Die Nachrichten, die der Funker durchgibt, sprechen von schlimmen Schneefällen in Deutschland. Alles ist so weit weg. Die Hochs und Tiefs hören nicht auf. Laut Wetterbericht sitzen sie wie festgemauert. Und so ist auch der Sturm wie auf der Herfahrt. Um 21 Uhr hat der WO den Kurs geändert, wir haben die See von Steuerbord. Die Gischt bedeckt das lange Vorschiff. Das Schiff schlingert heftig, obgleich es jetzt durch die schwere Ladung tiefer liegt. Zwei Aschbecher sind schon zertrümmert, dazu die Seifenschale. An Duschen ist nicht zu denken. Vom 2.Ing lerne ich eine Technik des Schlingerschlafs: Decke einrollen und längs an die Körperseite legen. Geht trotzdem nicht. Der Magen ist nicht in Ordnung, auch das Abendbrot schmeckt nicht, es gab Goulasch und Nudeln mit Gurken. Der österreichische Bäcker hat Geburtstag und spendiert 2 Flaschen Bier. Nachmittags zeigt Herr Buschan seine Super-acht Filme auf einem Eumigprojektor, die er selbst vertont hat. Ein Gespräch über Filmtechnik schließt sich an, dazu ein Glas Genever, den Herr Pronk, der holländische 2. Offizier, spendierte. Draußen ist es duster, Schneestürme und Regen lösen sich ab. Die Stimmung an Bord ist schlecht, keine Freizeit, von einem Hafen zum nächsten. Wird als nächstes Monrovia drankommen oder wieder Narvik? Wird man in Emden wenigstens ein Wochenende haben?
Später eine Stunde in der engen Kajüte des Bäckers. Pinups und Posters an den Wänden. Teures Stereogerät produziert Bandmusik. Sechs Leute debattieren bei Bier und Schnaps über Bildungsmöglichkeiten des Seemanns, die als nicht günstig beurteilt werden, Wir kommen uns manchmal doof vor.

14. März.

Grobe See, Dünung. Wieder eine stürmische Nacht, wenig Schlaf durch das ewige Hin- und herwälzen. Allmählich lerne ich, alles gut zu verstauen. Die Sonne scheint, kaum Wind. Aber die lange Dünung lässt das Schiff schwer rollen. Der Magen nimmt das übel. Viel Durst von der bullernden Heizung. Der freundliche 2.Ing. führt mich durch sein Reich – die riesige Maschinenanlage, erklärt hundert rätselhafte Pumpen und Relais. Von oben nach unten sind es 90 Stufen, ein Raum von der Größe eines dreistöckigen Hauses, und ein entsetzlicher Krach. Ich muss sehr vorsichtig die Stufen rückwärts gehen, um nicht abzustürzen. Bin froh, als ich wieder auf Deck stehe. Dann auf die Brücke und ein Gespräch mit Pronk über Belichtungsprobleme. Er möchte weiterkommen, ist ehrgeizig, viele Holländer fahren jetzt auf deutschen Schiffen, wenn ihr Patent nicht reicht, bekommen sie eine Sondergenehmigung. Allmählich beruhigen sich die See und das Schiff, ich kann die ganze Nacht durchschlafen, was auch sehr nötig ist.

15. März.

5:00 Kraakenes, 13 sm, 6:00 Fröien Isl, 11 sm, mäßig bewegte See. Wir machen schnelle Fahrt. Mittags kann ich etwas in der Sonne sitzen. Lange Gespräche auf der Brücke mit Pronk und Buschan folgen. Alles spricht nur noch von der Frage, wann wir einlaufen können, wie die Gezeitentiefen sind. Buschan soll auf Urlaub gehen, für ihn kommt ein Holländer an Bord. Mit dem Kapitän noch lange in seiner Kajüte bei tiefsinnigen Gesprächen.

16. März.

Strahlende Sonne, leichter Nebel, immer wieder müssen wir Fischern ausweichen, die unseren Kurs kreuzen. Etwas in der Sonne gelegen. Spazieren, lesen, nichts Besonderes. Rechnungen bezahlen: Kantine 42,-- Steward 21.--, Funker 15,--, 3 Flaschen Schnaps für den Schlepper und Zoll. Um 21 Uhr Anker werfen am Borkum Riff. UKW kaputt. Die Gespräche drehen sich nur noch um die Frage: Wie lange in Emden, reicht es für einen Trip nach Hause, wann geht es wieder los, wohl wieder nach Narvik. Nachts war der Leichter da, um uns von 4000 Tonnen zu befreien, da wir sonst in Emden nicht einlaufen können. Aber der Kran geht kaputt, warten auf den nächsten. Lotse ist an Bord. Immerzu werden die Tiefgangwerte für Borkum und Emden eingeholt. Es reicht nicht, ein Fuß fehlt. Wir liegen 37 Fuß tief.

17. März.

Dasselbe Spiel, warten auf den Leichter. Schließlich kommt er und beginnt abzuladen. Es knirscht und kracht. Nach langen Diskussionen lässt man den 2.Ing und mich trotz fehlender Deklarierung mit dem Schlepper nach Emden fahren. Abschied von allen, die uns an Deck begleiten. Gepäck und Menschen über Hühnerleiter vom hohen Bord auf den winzigen Schlepper. Bei strahlendem, Wetter geht es vor einem Riesenprahm emsaufwärts. Wir sitzen in winziger Kabine, umgeben von lauter Friesen und kloppen Skat. Kurz vor der Schleuse übernimmt uns ein Zollschiff, weil die Zeit knapp wird. Wieder eine Flasche Schnaps als Zehrgeld. Auf dem hinterwäldlerischen Bahnhof Emden und von vielen Dampflokomotiven stellen wir fest: Der letzte Zug nach Hamburg ist weg. Schließlich sind wir ja in Friesland.
Ende der Reise.