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Ömchen und die frommen Mönche

Die Hafenstadt Kiel war kurz nach dem Krieg ein hässlicher Haufen Trümmer. Zögerlich fuhren die ersten Straßenbahnen über wackelige Schienen. Ich musste weit wandern bis in den Stadtteil, wo meine Freundin wohnte. Die brauchte immer besondere Bücher, und ich brachte sie ihr, denn ich war Buchhändler. Mir öffnete ein weibliches Wesen, zart, die leuchtenden Augen fragend, mich hineinbittend in die kühle Wohnung. Ein hohes Glas mit fruchtigem Inhalt wurde vor mich hingestellt, die Bücher ausgepackt, einzeln betrachtet. Der Raum duftete nach fremden Räucherstäbchen. Stunden später hatte mich das Fräulein in den Bann ihrer starken Persönlichkeit gezogen. Eva Fischer hatte die sechzig eben überschritten. Sie war keine im landläufigen Sinne schöne Frau. Ihre feinen grauen Haare umrahmten ein Gesicht, das Leben ausstrahlte, Erfahrung vieler Jahrzehnte, die grauen Augen, groß, fragend, und voller Güte. Die warme Stimme erlaubte mir teilzuhaben an den geistigen Abenteuern eines Menschen, der stets mit Büchern umgeben war. Eva Fischer war als Regierungsrätin von Amts wegen damit beschäftigt, die Bibliothek eines großen Ministeriums zu leiten. Darüber hinaus aber – so verriet sie mir viel später – hatte eine unglückliche Liebesaffäre sie im jugendlichen Alter dazu bewogen, sich einer Lehre zu widmen, die den Verzicht übt, weil nur der Verzicht das Leiden beendet. Eva war zur praktizierenden Buddhistin geworden. Es reichte ihrem wachen Geist nicht, die Texte Buddhas in deutscher Übersetzung zu lesen. Sie lernte Sanskrit und Pali, las im Urtext und lud Mönche zu sich ein, die dann würdig und still in ihren gelben Gewändern auf dem Boden saßen und mit leisen Stimmen allfällige Fragen der uralten Lehre besprachen, über das Dharma, über Ananda, der zu Füßen des Buddha im Hirschwald gesessen hatte, über den achtfachen Pfad, der zur Vernichtung der Begierde und damit zur Beendigung des Leidens führt: Vermeidung von Lügen; Vermeidung von Tätigkeiten, in der man Lebewesen schädigen muss, Freundlichkeit zu allen Lebewesen, Handeln entsprechend den Sittenregeln, Achtung auf den Körper, die Gefühle, das Denken.

Immer wenn sie mir die Tür zu ihrer Wohnung öffnete, gab es etwas zu lachen, herumzualbern, ernsthaft philosophisch-religiöse Fragen zu erörtern, Kartoffeln zu kochen, später musste ich das ungesalzene Kochwasser trinken wie die köstlichste Delikatesse – es sei so gesund. Wenn ich hungrig ein Steak erbat, sagte Eva vorwurfsvoll, ich wolle doch nicht etwa Leichen verzehren? Dann musste ich zur Läuterung eine Viertelstunden auf dem Kopf stehen oder zur Abwechselung die Große Löwenstellung einnehmen, in der man das linke Bein lässig um den Hals schlingt.

Gern erzählte sie von Siddharta Gautama, dem Fürstenspross, der um 400 v.Chr. Heim und Familie verließ, in die Einsamkeit wanderte, zum Asketen wurde, in einer denkwürdigen Nacht die vollkommene Erleuchtung erreichte und von da an seine Erkenntnisse predigte in Sarnath, in einem Gazellenpark nicht weit von Benares. Seine Schüler bildeten die erste Gemeinschaft, sangha, die Mönchsgemeinde. Mit achtzig Jahren trat Buddha, der vollkommen Erwachte, Erleuchtete, ins endgültige Nirwana ein. Sein Leichnam wurde verbrannt und die Überreste an verschiedenen, als stupa bekannten Gedenkstätten in Form von Reliquien aufbewahrt. Eva versuchte, mir die Grundbegriffe der Meditation, dhyana, beizubringen, die einen Wesenszug des Buddhismus darstellt. Sie zeigte mir, wie ich einatme, und im Geiste verfolge, dass der Atem eindringt durch die Nase, ins Innere des Körpers dringt bis in die Lunge und langsam wieder ausgeatmet wird. Wenn man das intensiv und ausschließlich tut, wird die Umwelt still und der Geist beschäftigt sich nur noch mit sich selbst: Man meditiert. Das sei wichtig zur Überwindung der Gier, (ich solle doch endlich mit dem Rauchen aufhören) aber auch nicht ungefährlich, wie Eva warnte, man könnte auch vergessen zu atmen. Diese Frau zeigte mir eine neue, faszinierende Welt des Denkens. Buddhismus, so sagte sie, ist keine Religion, sondern eine anspruchsvolle Lehre! Vimukti-jnana-darsana – Erkenntnis durch Wissen von der Befreiung. Dharma ist die Lehre, das erhabene Wissen, das Gesetz des Lebens. Oft vergaß ich Zeit und Raum und lauschte der warmen Stimme. Gern las sie aus den Lehrgedichtsammlungen des Pali-Kanon.

Ich bin dabei, sagte sie grinsend, dem Amtsarzt vorzuspielen, ich hätte den Verstand verloren, er müsse mich in Pension schicken. Und sie sagte, nicht der Mensch sei für den Beruf da, sondern der Beruf für den Menschen, und wenn der Mensch diesen Beruf nicht mehr wolle, müsse er eben aufhören. Und wirklich hat sie dem armen Arzt gekonnt vorgespielt, sie hätte nicht mehr alle bei sich und eine gefährliche Macke und könne die Bibliothek nicht mehr leiten. Ein Jahr später hatte sie ihren Pensionsbescheid. Und lächelte verhalten. Und wir zwei gingen mitsammen auf Reisen. Wir sahen den Kölner Dom und Worms, den Bodensee, wo ich ein begeistertes Ömchen umher ruderte und wir die Pfahlbausiedlungen bewunderten und das Schlösschen der Droste, wir fuhren mit dem Dampfer zur Insel Mainau und bewunderten tropische Pflanzen. Wozu reisen wir? Ist doch klar – ich suche ein Refugium für die Zeit, wenn ich Pensionärin bin. Sie hat es gefunden im Schwarzwald, mit so viel Platz, dass auch die gelbgewandeten Mönche wieder kommen konnten zu ernsthaften Gesprächen über samadhi, die geistige Sammlung.
Diese Frau hat mich verwandelt, denn sie zeigte mir ein Leben, das ich nie gekannt hatte – dieses Nach-innen-leben und nichts von der Welt wollen.