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Otto Huber im Rancho Grande

Öl hat Venezuela reich gemacht, und doch erinnern sich die Menschen noch lebhaft an einen deutschen Reisenden, der vor langer Zeit ihr Land dem Vergessen entriss durch bildhafte Schilderungen seiner Natur. Wir wanderten auf seinen Spuren. Stunden eilten wir durch das herrliche Tal von Aragua, wo einst Alexander von Humboldt ritt und schrieb. Zu seiner Zeit gab es die gigantischen Zuckerrohrfelder noch nicht, die heute den Stoff für den trunkenmachenden Cacique liefern, den Traumstoff für die Armen. Hinter Maracay windet die Straße sich hinauf in den denkmalgezierten Henry Pitier-Park. Ehrfürchtig betraten wir den tropischen Bergnebelwald, das Ökosystem einmaliger Art. Nach sanften Windungen taucht eine baumüberwucherte, gespenstische Ruine auf. Gähnend leere Fensterhöhlen, dahinter Büsche, Blumen und Schlangen. Der venezolanische Diktator Gomez ließ diese sinnreiche Anlage bauen im Jahre 1936, als Hotel und Fluchtburg – im Falle eines politischen Falles. Er starb, und die Ruine verfiel. Zoologen bauten sich ein paar Räume aus für ihre Sammlungen. Das kalifornische Ehepaar Gottschalk zeigte uns seine bunten Giftschlangen, die sich in Plastikbottichen ringeln. Weiter kämpften wir uns durch den nebligen Zauberwald bis auf über 2000 m Höhe und steil hinab an den Strand der Karibik bei Okumare am heißen blauen Meer.

Mit Otto Huber, dem bescheidenen deutschen Botaniker, fuhren wir nach Baruta zu dem berühmten und eitlen Urwaldforscher Professor Vareschi. Huber las unser in Hamburg entstandenes Regenwaldscript vor und Vareschi fand einen Fehler nach dem anderen und meckerte über die Unfähigkeit des Autors, der lernen sollte, Regen- vom Nebelwald zu trennen. Eine Vorlesung des großen Ökologen:
Wenn dieser Regenwald weltweit kaputtgeht, wird die Menschheit ersticken, sagte er. Die Nebelwälder seien kaum erforscht. Wir wissen nicht, was wir kaputt machen. Die Menschheit wird in 50 Jahren mit Nägeln und Zähnen etwas herauskratzen, was wir heute als überflüssig verbrennen, weil wir nichts wissen. Vielleicht wird der Mensch die eingezäunten Wälder einst wie Parks betreten, um zu sehen, wie es einmal war. Im Jahre 2000 haben wir hier 40 Millionen Menschen, wo gehen die Leute hin? Es gibt hier 20 000 Indianer, die in natürlichen Ökosystemen leben, ohne sie zu verändern seit 7000 Jahren. Sie existieren, ohne den Raum aus dem Gleichgewicht zu bringen. Der Weiße macht, wohin er kommt, alles kaputt, soweit Vareschi.

Huber führte uns in den Park hinauf. Er zeigte hierhin, dorthin, träumte, das war seine Welt, sein Zuhause, ich spürte es. Wie war das denn damals mit der shifting cultivation, woher kam der Zuckerrohr ins Land, es gab so viel zu forschen, zu lernen An der trostlosen Hotelruine ließ ich ihn allein und meine Sinne umherschweifen.

Im dichten, stacheligen Bromelienwald hatte Otto Huber an der Botanik für seine Dissertation gearbeitet und es sich nicht leicht gemacht. Ich stand ratlos vor dem majestätischen, Millionen Jahre alten, dichten Wald und träumte mir eine grüne, feierliche Kathedrale. Schwer war die feuchtwarme Luft von den Düften der Orchideen. Lianen schwangen sich in unsichtbare Höhen. Im stacheligen Gefilze hockten die Gottschalks aus Kalifornien auf dem braunen Boden und registrierten das Gewicht einer dünnen, kleinen Schlange, die im Beutel an der Briefwaage hing. Vierzig Schlangenarten existieren im Nebelwald, wie verteilen sie den Raum unter sich auf, was jagen sie, wo suchen sie Schutz, wie vermeiden sie Konkurrenz? Man weiß so wenig von ihren Nahrungsgewohnheiten. Alle Schlangen hier sind carnivorAls Fleischfresser (auch Karnivoren oder Carnivoren; von lat. carnis ‚Fleisch‘ und vorare ‚verschlingen‘, ‚gierig fressen‘ oder Zoophagen, von altgriechisch ζῷον zoon Lebewesen und altgriechisch φαγεῖν phagein fressen) bezeichnet man Tiere, Pflanzen und Pilze, die sich hauptsächlich oder ausschließlich von tierischem Gewebe ernähren.Quelle: Wikipedia, manche leben von Schnecken, andere von kleinen Nagern, manche sind nachtaktiv, andere klettern meterhoch in die Bäume. Die mit den schönen, großen Augen heißt Dendrophila cardinatus, die schwarzgelbe Natter ist Laimadophis vively und frisst Amphibien. Von denen leben hier 26 Spezies.

Der Kameramann filmte den schreilustigen Antillenfrosch, der flink mit seinen Haftscheiben an den Fingern kletterte. Mit dem Kopf nach unten wartet am Stamm das drohende Agamen-Männchen. Man sollte hier nicht barfuß gehen, meinte Gottschalk weise.

Hinter dem runden Parabolspiegel lugte Paul Schwarz hervor. Der ehemalige Ölprospektor war seit 20 Jahren auf der Suche nach Tropenvögeln. Ihre Stimmen hielt er glasklar auf Tonbändern der NagraDie Nagra Kudelski Group, ein Schweizer Unternehmen, entwickelte und vertrieb verschiedene von Kudelski entwickelte Tonbandgeräte. fest, die zu Schallplatten wurden und sich gut verkauften. Auf den Schwarz-Platten fanden sich diese Sänger:

Der Zaunkönig, Troglodyted aedon, überall im Wald
Die Drossel, Turdus nudigensis, bis 18oo m Höhe, nicht typisch
Der Laubwürger, Cyclarhis gujanensis, bis 24oo m Höhe (auch Graukopfpapageienwürger)
Grünhäher, Cyanocorax yucas, typisch für temperierte Wälder
Die Taube, Leptotila verreauxi, unterer Nebelwald, subtropisch
Der Fink, Zonotrichia capensis
Der Turpial, Venezuelas Nationalvogel, Icterus, Trop.Flachland
Der Stärling, Psarocolius augustifrons
Der Stirnvogel, Oropendolas

Im Henry Pitier Nationalpark, der bis 2435 m hoch hinauf reicht, soll es noch Jaguare geben und Füchse, die Krebse fressen.

Huber interessierte sich für Struktur und Funktion des Ökosystems Nebelwald, dazu hatte er Parzellen angelegt von 50 x 50 m Größe, die er regelmäßig abging .
Das Einmalige dieses Lebensraums ist die Überfülle an EpiphytenPflanzen, die auf anderen Pflanzen wachsen – z.B. Orchideen. Diese Aufsitzer sind keine Schmarotzer. Sie benutzen die Bäume als Standorte, manche senden ihre Luftwurzeln viele Meter zum Boden hinab, um Wasser und Nährstoffe empor zu saugen. Manche dieser schönen Orchideen und Ananasgewächse bilden aus verfaultem Laub und Humus Minilebensräume, in denen allerlei Kleingetier sich aufhält, manchmal Vögel ihre Nester bauen.

Mehr als 90% der Nährstoffe sind in der Vegetation gespeichert, nur 10% im Boden und in der Tierwelt. Im Urwald ist der Nährstoffkreislauf so gut wie geschlossen, und der Umsatz der Nährstoffe verläuft sehr rasch. Was auf den Boden fällt, wird von Pilzen und Bakterien im Handumdrehen zersetzt und den feinen Wurzeln der Vegetation wieder zur Verfügung gestellt, es bleibt keine Zeit zum Aufbau einer tiefen, nährstoffreichen Humusschicht. Auch deshalb reagieren die uralten Regenwälder so empfindlich, so verletzbar, auf jeden Eingriff des Menschen.

Überall in Venezuela traf man auf die offiziell verbotene Conuquero-Wirtschaft, wie man hier die Brandrodung nennt. Conuqueros schlugen ein Stück Wald kahl, zündeten das Holz an, pflanzten etwas Zuckerrohr, Mais, Maniok und Kaffee, Bananen, und wanderten weiter, wenn der Boden ausgelaugt war – in wenigen Jahren. Zurück blieben die Kahlschlagflächen mit ihrer verkrüppelten Sekundärvegetation. Häufige Folge: Bodenerosion.

Schlimmer noch. Mit jedem Regen- jedem Nebelwald, der verschwindet, gehen auch die genetischen Informationen der Pflanzenarten verloren – wird das wichtigste genetische Reservoir der Pflanzenwelt wieder ein Stück kleiner.

Nachmittags pünktlich um fünf kommen die Nebel. Ich fühlte mich wie im Zuschauerraum eines großen Theaters. Feuchtwarme Luft von der Karibischen See strömt am nördlichen Rand der Kordilleren empor, kühlt sich ab und bildet weiße Wolken, die nun die Waldwelt einhüllen und in Watte packen. Das ist ein gespenstischer Märchenwald, meinte ein Forscher vor 100 Jahren. Müssen diese kostbaren Kathedralen der Pflanzenwelt wirklich dem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt der Menschheit zum Opfer fallen? Diese Urwälder hätten noch viel zu sagen, wenn man ihnen zuhörte. Otto Huber ist einer, der lauscht.